Foto: Flüchtlinge auf der Balkanroute, über dts Nachrichtenagentur

Coming-Out einer Bewegung

von Roger Letsch
Als ich im Juni eine Kurz­ge­schichte über eine dys­to­pische Welt ver­öf­fent­lichte, in der die Kli­ma­hys­te­riker den Kampf gegen die Rea­lität gewonnen haben und in einer fins­teren, gleichwohl immer noch von Jah­res­zeiten und Wettern aller Art geprägten Welt eine Schre­ckens­herr­schaft der Koh­len­stoff-Moral errichtet haben, zog ich als Blau­pause eine andere bekannte tota­litär gesteuerte Jugend­be­wegung heran: Maos Kul­tur­re­vo­lution in China und die Roten Garden, die sie jauchzend und hüpfend exe­ku­tierten. Auch dort zog, genau wie in meinen Alb­träumen, eine zur Masse gebün­delte Jugend im Gleich­schritt durch die Welt. Randvoll mit einer Ideo­logie der abso­luten Wahrheit, beseelt von der Not­wen­digkeit, das „Alte“ zu zer­schmettern und auf diesen Trümmern eine höchst vage neue Welt zu errichten. Die Geschichte ist außer auf meinem Blog nir­gends erschienen und das ist kein Wunder. Mit dieser Mischung aus Fiktion, Vor­ahnung, his­to­ri­schen Spie­ge­lungen und Prosa kann niemand wirklich etwas anfangen.
Es sind keine Nach­richten, auch wenn die Geschichte ein nach­richt­liches Fun­dament hat. Die Geschichte wie­derholt sich auch nicht, heißt es außerdem. Aber Men­schen waren zu allen Zeiten ver­führbar und machen immer wieder die­selben Fehler, wenn sie ver­suchen, ihre Ideen und Träume zum all­ge­meinen Prinzip zu erheben – besonders dann, wenn die Men­schen in großen, gleich­ge­schal­teten Gruppen handeln. Außerdem, und das war der größte Malus, sei mein Ver­gleich mit der Kul­tur­re­vo­lution einfach eine Nummer zu irre. Soweit würde es nie nie nie kommen! Doch dann sah ich eine Szene in einer Monitor-Sendung, in der aus­ge­rechnet der Hal­tungs­no­ten­ver­geber und Gesin­nungs­jour­nalist Georg Restle dem hüb­schen Front-Gesicht der deut­schen Frei­tags­kli­ma­pre­diger, Luisa Neu­bauer, ein Mikrofon vor die Nase hält. (Das Interview beginnt etwa bei Minute 17:35).
Restle, der nach eigener Aussage in den 80ern poli­ti­siert wurde, behauptet, dass das „Problem“– vulgo die Kli­ma­ka­ta­strophe – schon vor 30 Jahren bekannt war und lange einfach niemand gehandelt habe. Er ver­gisst, dass die Paniken noch in den 80ern eher von einer bevor­ste­henden Eiszeit han­delten, in die wir hin­ein­schlittern würden. Wie hätte „sofor­tiges Handeln“ denn zu diesem Zeit­punkt aus­ge­sehen, wenn man den geis­tigen Horizont und die zu Kurz- und Schnell­schlüssen nei­genden Hirne der Akti­visten von heute ein­rechnet sowie die auf der­selben Fre­quenz mit­schwin­genden Medien (alte wie neue) ins Kalkül zieht? Hätte man damals nicht giga­ton­nen­weise CO2 zusätzlich in die Atmo­sphäre blasen müssen, um für eine zügige Gegen­erwärmung zu sorgen? Wie froh sind wir eigentlich, dass damals niemand „ent­schlossen handelte”?
Ab welchem Zeit­punkt waren sich die Wis­sen­schaftler, auf die wir ja alle hören sollen, eigentlich „einig“ darüber, dass nun das Gegenteil dessen richtig ist, was jah­relang als Mene­tekel her­halten musste und die Verlage Titel­bilder mit Eis-Apo­ka­lypse nur so raus­hauen ließ? Die Kli­maklug­scheißer und 100-Jahre-Pro­gnos­tiker von heute sind – dem chao­ti­schen System Klima sei Dank – stets die Deppen und Taschen­rech­ner­ver­gesser von über­morgen, es sei denn, man for­mu­liert seine Orakel so wenig präzise wie die Phythia zu Delphi ihre Weis­sa­gungen oder das IPCC seine aus­führ­lichen Sach­stands­be­richte. In beiden Fällen hängt das Ergebnis davon ab, wer den inter­pre­tie­renden Priester bezahlt hat. Die Panik und die Über­in­ter­pre­tation über­lässt man den Gretas und Luisas.
Ist die Demo­kratie zu langsam für eine radikale [Klima]-Politik?“ möchte Restle von Neu­bauer wissen. Und Luisa ant­wortet ehrlich „Ich glaube, viele demo­kra­tische Wege, die wir gehen, sind zu langsam.“ Da schlägt sie eine Glocke, deren Ton ich noch aus einem Interview von Robert Habeck bei Precht im Ohr habe. Dann jedoch bremst sie kurz, schiebt nach, man könne für die „größere Sache“ (J.K. Rowling ließ Grin­delwald von „höherem Wohl“ sprechen) keine unde­mo­kra­ti­schen Wege wählen. Nur wenig später nimmt sie jedoch wieder Fahrt auf und sagt den Satz, der mir das Blut gefrieren lässt:
(Hier, ab Minute 22:55)

Was wir hier erleben, ist viel­leicht sowas wie eine Klima-Kulturrevolution.“

Da war es also gefallen, das Wort, an dem ich wie an einem Nagel meine Geschichte auf­ge­hängt hatte – „Kul­tur­re­vo­lution“! Auch die beiden Aspekte, zwi­schen denen sich meine Dys­topie abspielt, for­mu­liert Neu­bauer ganz klar, wenn ich auch bezweifle, dass sie die Absicht hatte, mich zu bestä­tigen: Es geht um Gehorsam und Verzicht!
Die Leute fragen sich, wie wollen wir leben, was ist eigentlich Ver­zicht […] wie sieht denn eigentlich eine Null-Emission-Gesell­schaft aus“.
Eine schöne Welt ist das nicht, wie ich annehme. Davon glaube ich zumindest eine Ahnung zu haben, weil ich die ersten 22 Jahre meines Lebens in einer hyperideo­lo­gi­sierten Ver­zichts­ge­sell­schaft gelebt habe, mit deren Prin­zipien die „Fridays For Future“ Akti­visten von heute lieb­äugeln. Lange demo­kra­tische Wege? Uncool! Lass den Staat das regeln, aber lasse es noch wie Demo­kratie aus­sehen. Nenne es Freiheit, auch wenn es für den Ein­zelnen Zwang dar­stellt. Die Mehrheit bestimmt, also lasst uns einfach die Mehrheit gewinnen, um die Min­derheit Ver­stockter und Leugner ins Unrecht zu setzen und sie nicht länger ertragen zu müssen, sondern abschaffen zu können. Dafür „Abkür­zungen“ zu nehmen und repressive Gesetze zu erlassen, erscheint den Grün­gar­disten als pro­bates Mittel. Das ist ja nicht die Dik­tatur des Pro­le­ta­riats, das ist die Dik­tatur all­wis­sender und unfehl­barer Tech­no­kraten – das geht dann schon in Ordnung!
Der Faden von der Kul­tur­re­vo­lution zu FFF ist also gezogen und ich bin froh, dass es die Grünen Garden selbst waren, die den Begriff ins Spiel brachten. Dass es ein Jour­nalist mit Hal­tungs­schaden wie Restle ver­säumte, hier wenn schon nicht erschrocken so doch wenigstens kri­tisch nach­zu­fragen, lässt ver­muten, dass er sich vor den finalen Kon­se­quenzen dieser zer­stö­re­ri­schen Bewegung nicht betroffen fühlt. Wenn er sich da mal nicht irrt.


Quelle: unbesorgt.de