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Wirtschaft

IWF führt soziale Unterschiede auf Exporte zurück – nicht auf Geldpolitik

8. August 2019

Schon lange kritisiere ich die deutschen Exportüberschüsse, weil sie zu einem Export unserer Ersparnisse ins Ausland führen, wo wir sie schlecht anlegen. Besser wäre es, hierzulande mehr zu investieren.

Nun kommt die SZ mit einem neuen Bericht des IWF, der einen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Exportüberschüssen herstellt und dann erneut fordert, etwas gegen die Überschüsse zu tun. Dabei übersehen die Experten des IWF, dass wir gerade drauf und dran sind unsere industrielle Basis deutlich zu schwächen (Auto, Klimakrise Bekämpfung im Alleingang). Sobald das wirkt, dürfte die Ungleichheit wieder abnehmen und auch dazu führen, dass wir alle noch ärmer sind. Auf tieferem Niveau werden wir dann alle „gleicher“ sein. Schöne Aussichten? Ich bezweifle das.

Doch nun zur Studie:

  • „Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht (…) eine negative Entwicklung in Deutschland selbst: Mit den Überschüssen vergrößern sich die sozialen Unterschiede, (…) Millionen Deutsche haben wenig vom Boom.“ – Stelter: Das wirft aber die Fragen auf: Liegt das an den Exportüberschüssen? Haben wir nicht mehr Menschen in Arbeit dank der Exporterfolge? Ist es nicht auch eine Wirkung des Niedriglohnsektors, dass wir statt Arbeitslosigkeit Beschäftigung haben? Ist es nicht auch eine Folge zu hoher Abgabenlast, dass uns wenig vom Boom bleibt?
  • „Zur Jahrtausendwende dümpelte die Leistungsbilanz bei plus minus null. Seitdem ging es steil nach oben: Der Überschuss kletterte auf acht Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. (…) ‘Die anschwellenden deutschen Überschüsse in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden von einer starken Zunahme der Ungleichheit der Top-Einkommen begleitet’, schreibt der IWF.“ – Stelter: Der Anstieg der Überschüsse hat mehrere Gründe: Lohnzurückhaltung wegen Hartz IV zur Reduktion der Arbeitslosigkeit (gut!), schwacher Euro (schlecht), tiefe Zinsen, die unseren schon hoch verschuldeten Kunden weitere Schulden ermöglichen (sehr schlecht), ein Boom der Weltwirtschaft (gut), der allerdings auch auf einer zunehmenden Verschuldung basiert (sehr schlecht).
  • „In der Tat wirken die Parallelen verblüffend: Während die Überschüsse um neun Prozentpunkte anschwollen, schnellte der Anteil jener Einkommen hoch, der auf das obere Zehntel der Topverdiener entfällt: von unter 25 auf über 30Prozent.“ – Stelter: Eine Korrelation ist noch keine Kausalität, lernt man schon im Grundstudium!

Quelle: SZ

  • „Seit sich die Wirtschaft durchgreifend internationalisierte, stiegen Gewinne und Spitzengehälter stark. Währenddessen registrieren viele Gering- und Normalverdiener stagnierende oder gar schrumpfende reale Einkommen.“ – Stelter: Umgekehrt kamen in den Schwellenländern Hunderte Millionen Menschen aus der Armut heraus. Das wird gern vergessen bei der Kritik. Was wäre denn zu tun gewesen? Nun, schon seit Jahrzehnten hätte die Politik auf Bildung, Investitionen und Innovation setzen müssen. Stattdessen wurde umverteilt und auf Pump gelebt. Folge: Die Mittelschicht wurde nicht nur nicht befähigt, die Umstellung zu meistern, sondern zusätzlich mit erheblichen Abgaben belastet. Richtig wäre, sie zu entlasten. Die Migrationspolitik hat das Problem noch verschärft.
  • „Was sind die Mechanismen? ‘Steigende Gewinne, verstärkt in Firmen angespart, die den Reichsten gehören, unterstützten den Anstieg der Ungleichheit’, schreibt der lange als marktliberal geltende IWF. Der Firmenbesitz sei in der Bundesrepublik sehr stark in den wohlhabendsten Haushalten konzentriert. ‘Den zehn Prozent Reichsten gehört 60 Prozent des Nettovermögens in Deutschland – das ist der höchste Wert in der Euro-Zone’. So vergrößerten die sprudelnden Firmengewinne und ihr Einbehalten die Einkommen und Vermögen der Reichen überproportional. Damit lasse sich die Hälfte des Anstiegs der Einkommensungleichheit seit der Jahrtausendwende erklären.“ – Stelter: Die andere Hälfte dürfte auf den Wertzuwachs von Immobilien entfallen. Doch was ist daraus zu schließen? Wir müssen anders sparen: mehr Immobilien, mehr Aktien, mehr Firmenbeteiligungen. Wir müssen auch, wie vorgestern gesehen, unser Geld im Ausland besser anlegen.
  • „‘Die deutschen Firmen sind sehr profitabel. Auch die Konzentration des Firmenbesitzes bei den Reichen ist ein typisch deutsches Phänomen’, bestätigt Moritz Schularick von der Uni Bonn, der sich seit Langem mit der Globalisierung beschäftigt. Er sorgte kürzlich mit einer Studie für Aufsehen, wonach der deutsche Immobilienboom der vergangenen Jahre das private Vermögen um drei Billionen Euro erhöhte – wovon mehr als die Hälfte in den Taschen der reichsten zehn Prozent landete.“ – Stelter: Und diesen Boom haben wir vor allem deshalb, weil die EZB zur „Rettung“ des Euro die Zinsen nach unten prügelt. Das sagt wiederum keiner.
  • „Der IWF diskutiert seit Längerem intern, wie sich die Früchte des Booms in Deutschland stärker verteilen ließen, (…) Eine Überlegung: ein höheres Wachstum der Löhne. Und niedrigere Steuern für Gering- und Normalverdiener, damit die mehr von ihrem Lohn übrig behalten. Um die fehlenden Einnahmen für den Staat auszugleichen, ließen sich die Steuern auf Immobilien und Erbschaften erhöhen.“ – Stelter: Auch ich schlage in meinem Buch einen Umbau in diese Richtung vor. Allerdings wäre es doch konsequenter, alle Steuern zu senken und bei der Erbschaftssteuer die Ausnahmen wegzulassen und dafür die Sätze zu senken. Außerdem sollte der Staat endlich Schulden machen und dafür die verdeckten Verbindlichkeiten reduzieren.
  • „Moritz Schularick (…): ‘Und tendenziell ist die Besteuerung von Immobilienvermögen, das nicht weglaufen kann, eine gute Idee’.“ – Stelter: Die Folge ist ja klar, der Wert der Immobilien wird sinken, wie in den 1920er-Jahren. Geholfen wird niemandem, aber man ist schön populär …
  • „Um Ungleichgewichte zwischen den Euro-Mitgliedsländern zu vermeiden, sollten deutsche Unternehmen und Bürger mehr im Inland investieren. Dazu solle der Staat mehr Investitionsanreize für Unternehmen schaffen – und auch selbst mehr investieren. Ob in Verkehrswege, Wohnungen oder ein schnelles Internet.“ – Stelter: Höhere Steuern auf Unternehmen und Immobilien und die Überlegungen zur Enteignung machen das auch wirklich sehr attraktiv …

Dr. Daniel Stelter – www.think-beyondtheobvious.com


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