Pro­pa­ganda-Instrument Video-Spiel: “Call of Duty” stimmt Jugend­liche gegen Russland ein

Pro­pa­ganda ist erst dann besonders wir­kungsvoll, wenn sie nicht bloß in den Nach­richten, sondern überall statt­findet. Hol­lywood und Video­spiele sind ein Para­de­bei­spiel für pro-US-Pro­pa­ganda und Pro­pa­ganda gegen alle „Feinde“ der USA. Im neuen „Call of Duty“ scheint man es über­trieben zu haben.
Inter­essant sind bei Filmen und Spielen die Kri­tiken. In der Regel sind sich die Kri­tiker weit­gehend einig, wenn es um einen Film oder auch ein neues Com­pu­ter­spiel geht. Die neue Ausgabe von Call of Duty jedoch ist da eine Aus­nahme. Das Spiel ist ein reines Pro­pa­ganda-Machwerk, dass die Feind­bilder der USA in Stein meißeln soll. Und so unter­scheiden sich die Kri­tiken massiv. Bemer­kenswert ist, dass die Spieler weitaus kri­ti­scher sind, als die Main­stream-Medien, die an der offen­sicht­lichen Pro­pa­ganda nichts aus­zu­setzen haben. Daher schauen wir uns zunächst die Kri­tiken der Spieler-Szene an, bevor wir sie mit der Lob­hu­delei ver­gleichen, die der Spiegel dazu ver­öf­fent­licht hat.
Jeder bemerkt es sofort: In US-Filmen sind die Ame­ri­kaner immer die Guten. Die Feinde waren zuerst die Nazis, dann die Kom­mu­nisten und Russen, nach dem Kalten Krieg kamen die Araber hinzu und heute erleben wir wieder das rus­sische Feindbild im Kino. Das sind Dinge an die wir uns gewöhnt haben, die aber trotzdem das Unter­be­wusstsein beein­flussen. Wenn wir in den Nach­richten und auch in Kino und Fern­sehen erleben, wer der Feind ist, bleibt etwas im Unter­be­wusstsein hängen. Dagegen kann man sich nur schwer wehren.
Auch Video­spiele, die Hol­lywood heute beim Umsatz den Rang streitig machen wollen, ist es das gleiche Spiel. Vor allem in Ego-Shootern (im Volksmund „Bal­ler­spiele“ genannt) werden die Feind­bilder bemüht, denn Sinn der Spiele ist es ja, mög­lichst viele Feinde zu töten. Und wer – und sei es vir­tuell – stun­denlang ange­strengt Russen oder Araber tötet, der wird nach dem Spiel selbst­ver­ständlich ein bestimmtes Bild seiner „Feinde“ im Kopf haben und sein rich­tiges Leben mit­nehmen, zumal er sich dabei stun­denlang mit Adre­nalin voll­ge­pumpt hat.
Vor kurzem ist der neue Markt­führer der Ego-Shooter mit einer neuen Version her­aus­ge­kommen, Call of Duty. Das Spiel ist so pro­pa­gan­dis­tisch auf­ge­laden, dass es sogar in poli­ti­schen Foren und Sen­dungen Wellen schlägt. Natürlich nicht im Westen, aber in Russland und anderen Ländern.
Die Rollen sind im Spiel klar ver­teilt: Die USA sind die Guten und der gute US-Soldat kämpft zum Bei­spiel in Syrien Seite an Seite mit den guten Weiß­helmen gegen die bösen Sol­daten des „Regimes“, die von den bösen Russen unter­stützt werden.
Was derzeit sogar in Deutschland in einigen Foren dis­ku­tiert wird, war schon Anfang Juni ein Thema im rus­si­schen Fern­sehen: Das Spiel bedient aus­schließlich anti-rus­sische Kli­schees und stimmt den Spieler auf einen Kampf gegen die bösen Russen ein. Eine Episode aus dem Spiel wurde nach hef­tigem Protest der rus­si­schen Gamer-Szene sogar für die rus­sische Version aus dem Spiel genommen. Dort musste sich ein CIA-Agent in eine rus­sische Ter­ror­zelle ein­schleusen und als Test seiner Treue musste er einige häss­liche Dinge tun. Unter anderem wurden auf einem rus­si­schen Flug­platz von Ter­ro­risten wahllos Zivi­listen erschossen.

Vor allem ein Artikel kur­siert in Deutschland derzeit, der die Pro­bleme beim Namen nennt. Der Tester, der das neue Call of Duty getestet hat, ist gebür­tiger Russe und er schreibt, nachdem er die tech­ni­schen Aspekte des Spiels gelobt hat, folgendes:
„Ich muss gestehen, dass ich mich als gebür­tiger Russe zum ersten Mal von einem Spiel ange­griffen fühle. (…) Konkret geht es mir um die dämo­ni­sie­rende Dar­stellung von Russland, die in meinen Augen fast schon den Cha­rakter einer poli­ti­schen Schmutz­kam­pagne erreicht, die mit der Rea­lität nur wenig gemein hat. (…) Dabei bedient sich die Story so gut wie aller plumpen Kli­schees und Vor­ur­teile gegenüber Russen, die man sich nur vor­stellen kann. So habe ich das bisher noch in keinem anderen Video­spiel erlebt – nicht einmal in den ursprüng­lichen 3 Modern-Warfare-Teilen, wo Russland eben­falls als Gegen­spieler auftrat. (…) Dabei werden die Russen durchweg als mor­dende, plün­dernde, sau­fende und fast schon hirnlose Bestien dar­ge­stellt, die die Zivil­be­völ­kerung in einem fik­tiven Land im Nahen Osten grausam miss­handeln – aus Spaß und wo immer es nur geht:
Russen ver­schaffen den Ter­ro­risten im Prinzip Giftgas
Frauen werden vergewaltigt
Kinder werden erschossen
das Land teils sinnlos bombardiert
der rus­sische General ver­sucht, das Volk durch eine Gebur­ten­kon­trolle auszumerzen
einige Bürger werden einfach öffentlich erhängt
andere lässt man wie Sklaven schuften
wie­derum andere werden einfach aus Spaß erschossen“
Erinnert doch auf­fällig an all die Falsch­mel­dungen der deut­schen Main­stream-Medien und das Russ­landbild, dass sie uns prä­sen­tieren, oder geht das nur mir so?
Aber der Tester steht offen­sichtlich mit seiner Meinung nicht alleine da. Das Spiel geht so plump vor, dass sich sogar in der eigentlich unpo­li­ti­schen Gamer-Szene Wider­stand regt. Auf der US-Seite Met­acritic, auf der Zuschauer Filme, Video­spiele und so weiter bewerten, sind mehr als doppelt so viele Wer­tungen des Spiels negativ, wie positiv. Die Gesamt­wertung liegt bei dem bla­mablen Wert von 3,1. Und auch die Kom­mentare sind sehr negativ und reden von Pro­pa­ganda der übelsten Sorte.
Der deutsche Artikel über das Spiel geht noch weiter:
„Alles was mit Russland zu tun hat, wird durchweg als negativ, böse und bar­ba­risch dar­ge­stellt. Im Prinzip wird Russland fast schon zu einem grö­ßeren Feind auf­ge­bauscht, als der eigent­liche Wider­sacher „Der Wolf“ und seine Terror-Orga­ni­sation, die man im Visier hat. Wo immer es nur geht, wird auf die Russen ein­ge­prügelt. Dabei artet das Russland-Bashing teils soweit aus, dass es selbst richtig schlechte 90er-Jahre Action-Filme oder alte James-Bond-Streifen blass aus­sehen lässt. (…) Selbst meine Frau musste mich lachend fragen „welcher hän­gen­ge­bliebene US-Falke das Drehbuch dafür geschrieben hat“, als sie mir eine Weile beim Spielen zuschaute. (…) Das größte Problem dabei: Das Spiel hat eine große Reich­weite und wird von vielen Jugend­lichen gespielt. Und genau dieser Ein­druck könnte bei vielen hängen bleiben, was wirklich schade wäre.“

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Genau das scheint der gewollte Effekt zu sein: Man will den jungen Spielern in aller Welt ein nega­tives Russland-Bild in den Kopf hämmern, es werden Feind­bilder aufgebaut.
Ich selbst habe das Spiel nicht gespielt, ich finde Ego-Shooter nicht inter­essant. Aber die Kri­tiken sind sich einig, dass es von der tech­ni­schen Umsetzung her Maß­stäbe setzt. Aber die plumpe Pro­pa­ganda, die ein­seitig die US-Sol­daten und ihre Ver­bün­deten als Helden aufbaut, auch wenn es sich um Isla­misten handelt, und gleich­zeitig das rus­sische Feindbild in einer Weise prä­sen­tiert, die jeder Beschreibung spottet, fällt vielen Gamern offen­sichtlich sehr negativ auf.
Außer natürlich dem Spiegel. Dort findet sich eine durchweg positive Kritik. Zwar gibt es die pflicht­schuldige Kritik, dass Ego-Shooter „die Geschichte an einem Gewehrlauf entlang erzählen„, aber das gilt für alle Ego-Shooter. An dem neuen Call of Duty hat der Spiegel, abge­sehen davon, nichts aus­zu­setzen. Im Spiegel kann man lesen:
„“Call of Duty: Modern Warfare“ ist ein Egoshooter mit einer Geschichte in der Jetztzeit. (…) diesmal geht es um die Gegenwart und ihre vielen Kon­flikte: USA gegen Russland, gegen Ter­ro­risten, gegen Milizen. Die USA im Syri­en­kon­flikt – als gerechte Partei. Es zeigt Szenen des Terrors in Groß­städten, zeigt, wie Men­schen von Ter­ror­or­ga­ni­sa­tionen erhängt, Frauen gequält und Kinder ver­trieben werden. Ein Zuge­ständnis an das eigent­liche Ziel der Ent­wickler: „Call of Duty: Modern Warfare“ ist ein tech­nisch gut gemachtes Spiel. Es wartet mit einer bra­chialen Grafik auf, unter­streicht diese mit einem wum­mernden, trei­benden Sound­track. Es lässt sich tadellos steuern und bietet eine große Auswahl an Waffen, inklusive der dazu­ge­hö­rigen, ohren­be­täu­benden Sound­ef­fekte. Besonders mit Kopf­hörern auf den Ohren kreiert das Spiel eine durchaus bedroh­liche und bedrü­ckende Atmosphäre.“
Der Spiegel-Redakteur lässt sich sogar zu fol­gendem Satz hinreißen:
„Das Spiel mag sich selbst als Anti­kriegs-Spiel verstehen.“
Es macht durchaus ein wenig Hoffnung, wenn die Gamer-Szene die plumpe Pro­pa­ganda in dem Spiel abschreckt. Es macht nach­denklich, wenn das ehe­malige Nach­rich­ten­ma­gazin Spiegel diese nicht einmal erwähnt, sondern statt­dessen eine „Kritik“ schreibt, die man als Kauf­emp­fehlung werten muss.
Und es zeigt, wo der Spiegel tat­sächlich steht.


Thomas Röper — www.anti-spiegel.ru
Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Ost­europa in ver­schie­denen Ver­si­che­rungs- und Finanz­dienst­leis­tungs­un­ter­nehmen in Ost­europa und Russland Vor­stands- und Auf­sichts­rats­po­si­tionen bekleidet, bevor er sich ent­schloss, sich als unab­hän­giger Unter­neh­mens­be­rater in seiner Wahl­heimat St. Petersburg nie­der­zu­lassen. Er lebt ins­gesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwer­punkte seiner medi­en­kri­ti­schen Arbeit sind das (mediale) Russ­landbild in Deutschland, Kritik an der Bericht­erstattung west­licher Medien im All­ge­meinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Thomas Röper ist Autor des Buches „Vla­dimir Putin: Seht Ihr, was Ihr ange­richtet habt?“