Wirtschaft & Finanzen

Immer mehr Geld ist keine Lösung

20. März 2020

André de Godoy, ein brasilianischer Journalist von der Mackenzie-Universität in São Paulo, interviewte den Ökonom Professor Dr. Antony Mueller zu den Ursachen und Folgen der Kreditausweitung sowie den Zusammenhang zwischen Kredit, Geld und Preisinflation.

Herr Mueller, bitte erläutern Sie den Zusammenhang zwischen Geldmenge, Preisniveau und wirtschaftlicher Aktivität …

Die Geldmenge bestimmt langfristig das Preisniveau. Ob die Preise steigen oder fallen, hängt von der relativen Veränderung des Geldumlaufs im Vergleich zur Veränderungsrate des Warenangebots ab. Man muss jedoch berücksichtigen, dass der Prozess der Geldschöpfung durch die Zentralbank, von der sogenannten „Geldbasis“ bis zu den Auswirkungen auf die Wirtschaft in Bezug auf die Nachfrage lang ist und eine Reihe von Variablen enthält. Diese Schaltstellen des Geldimpulses können zusammenarbeiten und den ursprünglichen Impuls verstärken oder sie können gegeneinander wirken. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: In den letzten zwölf Jahren haben die wichtigsten Zentralbanken die Politik der „quantitativen Lockerung“ praktiziert, die ihre Bilanz um den Faktor fünf erweitert hat. In den USA stieg die Geldbasis von 830 Milliarden US-Dollar im Januar 2008 auf über vier Billionen US-Dollar im September 2014 und liegt derzeit im Januar 2020 bei 3,4 Billionen US-Dollar. Dieser drastische Anstieg hat jedoch nicht zu einer Preisinflation bei den Konsumgütern geführt und die Wirtschaftstätigkeit nur mäßig stimuliert. Der Grund dafür ist, dass der Geschäftsbankensektor nur einen Teil dieses Basisgeldes in Umlauf gebracht hat und die Wirtschaftsakteure die Transaktionsgeschwindigkeit verringert haben. Für das Geldaggregat M1 halbierte sich die Geschwindigkeit von 10,6 Anfang 2008 auf 5,5 im vierten Quartal 2019.

Autoren wie Ludwig von Mises und Milton Friedman halten Inflation für ein monetäres Phänomen. Ich habe jedoch gehört, dass es möglich ist, den Geldumlauf zu erhöhen, ohne negative Auswirkungen auf die Wirtschaft zu haben, da Inflationseffekte durch die Anpassung des Zinssatzes gesteuert werden könnten. Ist das wahr oder nur ein Heilmittel?

Dies ist eine sehr konfuse Ansicht. Welchen Sinn macht es, die Geldmenge zu erweitern und dann zu versuchen, sie durch Erhöhung des Zinssatzes wieder zu reduzieren? Das Ergebnis einer solchen Politik sind Marktturbulenzen und Verwirrung. Es ist Interventionismus der schlimmsten Art. Warum sollte die Geldmenge überhaupt steigen? Wenn das Geldangebot konstant bleibt und die Produktivität in der Wirtschaft steigt, fallen die Preise. Das ist eine vorteilhafte Deflation. Warum sollte man sich beschweren, wenn die Waren für die Verbraucher billiger werden? Der entscheidende Punkt ist, ob eine Preisdeflation entweder aufgrund von Produktivitätssteigerungen in der Wirtschaft langsam erfolgt oder abrupt als starker Liquiditätsrückgang aufgrund einer Finanzmarktkrise stattfindet.

Warum versuchen die Zentralbanken, die Geldmenge zu manipulieren?

Zentralbanker haben eine tiefsitzende Angst vor Preisdeflation. Sie gehen davon aus, dass eine Preisdeflation zu einem wirtschaftlichen Rückgang führen wird. Wenn die Zentralbanken das System jedoch in Ruhe gelassen hätten, würde eine solche Deflation nur sehr allmählich verlaufen und als solche nicht nur nicht schädlich, sondern vorteilhaft für die Wirtschaft sein, in erster Linie für die Verbraucher. Wenn die Zentralbanken eingreifen und die Geldmenge erweitern und, wie es heute der Fall ist, eine „Nullzinspolitik“ (ZIRP) oder sogar eine „Negativzinspolitik“ (NIRP) betreiben, entsteht eine Spannung zwischen der natürlichen Tendenz der Preise zu fallen aufgrund von Produktivitätssteigerungen und der inflationären Geldmenge. Es entsteht eine tiefe Diskrepanz zwischen der menschlichen Zeitpräferenz und dem monetären Zinssatz, das heißt zu dem Zinssatz, der auf einem freien Markt ohne Interventionen der Zentralbanken sich einstellen würde. Diese Diskrepanz ist nicht viel anders als jene, die auftritt, wenn der Staat in die Preisbildung von Gütern eingreift. Die relativen Preise reflektieren dann nicht mehr die Präferenzen der Konsumenten und es kommt zu wirtschaftlichen Störungen bei der Güterversorgung.

Wäre eine stabile Geldmenge für die Wirtschaft nicht zu starr?

Man muss bedenken, dass ein fallendes oder steigendes Preisniveau das Ergebnis der Differenz zwischen der Änderungsrate des Warenangebots, des Geldbestands und der Umlaufsgeschwindigkeit, das heißt der Schnelligkeit der wirtschaftlichen Transaktionen, ist. Das Währungssystem hat eine natürliche Elastizität. Selbst wenn die Geldmenge an eine feste Versorgung mit Zentralbankgeld gebunden wäre, würden Ausdehnungen und Kontraktionen bei den gesamtwirtschaftlichen Ausgaben und dem nominalen Volkseinkommen stattfinden. Geld hat lose Gelenke, aber wenn die Geldbasis stabil ist, hat das System einen bestimmten Anker. Unter einem Goldstandard zum Beispiel besteht eine Elastizität des Geldes, selbst wenn der Goldbestand konstant ist. Anders als wir heute jedoch beobachten, sind unter einem Goldstandard keine langfristigen und extremen Abweichungen möglich. Wir müssen unser gegenwärtiges Währungssystem ändern, das sehr dysfunktional ist.

Einige prominente Ökonomen erwähnen die keynesianische und post-keynesianische Theorie als Kontrapunkt zur klassischen Quantitätstheorie des Geldes und behaupten, dass die sogenannte „moderne Geldtheorie“ ein besseres Modell für die Gegenwart darstellen würde.

Wie ich oben erklärt habe, ist die Verwendung von Geld selbst dann volatil, wenn die Geldmenge fixiert ist, und daher weist selbst ein Goldstandard eine monetäre Elastizität auf. Es ist falsch, zu behaupten, dass nur das künstlich geschaffene, das sogenannte „Fiat-Geld“ finanzielle Flexibilität bieten würde. Der Punkt ist vielmehr, dass bei einem verankerten Geldsystem der Grad der Abweichung begrenzt ist, während unter dem gegenwärtigen Fiat-Geldregime keine Einschränkung besteht. Das ist auch das Hauptproblem mit der sogenannten „modernen Geldtheorie“. Ihre Anhänger loben ein System ohne Anker, weil es eine unbegrenzte Finanzierung der Staatsausgaben ermöglichen würde. Selbst diese Theoretiker erkennen jedoch das Problem der Preisinflation, wenn die Geldmenge zu hoch ist. Sie behaupten, dass in diesem Fall die Regierung die Preisinflation durch höhere Steuern eindämmen und so das überschüssige Geld abziehen könne. Während die Anhänger dieser Geldtheorie das ankerlose Geld als Segen loben, weil sie unter der Illusion leben, dass die Wirtschaft permanent ein makroökonomisches Management benötigt, ist die Wahrheit, dass nicht der freie Markt Boom und Crash produzieren, sondern die Interventionen von Regierungen und Notenbanken.

Können Sie einige Beispiele anführen, wie die Inflation in unseren Tagen aufgrund der Geldpolitik, die die Regierungen kürzlich betrieben haben, zustande kommt?

Venezuela ist derzeit ein trauriges Beispiel zusammen mit dem sehr tragischen Fall Simbabwe. Konzentrieren wir uns auf Venezuela. Massive Staatsausgaben, dummer Interventionismus und die Ausweitung der Geldmenge stehen hinter der gigantischen Preisinflation in Venezuela. Diese Politik ist Teil des umfassenderen Plans zur Umsetzung eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Aber was entstand, war nicht Wohlstand und Gleichheit, sondern noch schärfere soziale Spaltung, eine brutale Hyperinflation und Massenelend. Venezuela ist die empirische Überprüfung dessen, was wir besprochen haben: Der Prozess beginnt mit den falschen Versprechungen von sozialer Gerechtigkeit und mehr Wohlfahrtsstaat. Privateigentum ist nicht mehr sicher, staatliche Eingriffe nehmen zu und die Unternehmensinvestitionen sinken. Doch anstatt dass die sich verschlechternde Wirtschaft die politische Führung dazu veranlassen würde, ihren Kurs zu ändern, und die Staatsausgaben, die auf der Kreditausweitung beruhen, zu kürzen, erhöhen sie diese nun noch mehr und damit steigt auch die Geldmenge. Während mehr Regulierung und Interventionismus die güterwirtschaftliche Angebotsseite abwürgen, steigt die inflationär angetriebene Nachfrage. Das Land gerät in eine tödliche Spirale wirtschaftlicher, politischer und sozialer Krisen, die sich gegenseitig verstärken. Ganz am Anfang dieses Prozesses treten einige illusionäre Vorteile auf. Nach kurzer Zeit sind es jedoch hauptsächlich die Ärmsten, die zuerst am meisten leiden, bis auch der Rest der Gesellschaft in einen katastrophalen Zusammenbruch gerät.

Soweit ich weiß, ist die Geldmengenausweitung selbst nicht das Problem, das zu einem Anstieg des Preisniveaus führt. Die Probleme sind die Erwartungen der Menschen und die Geschwindigkeit, mit der Transaktionen stattfinden. Ist das richtig?

Nun, lassen Sie es uns so sagen: Der Grund für Fettleibigkeit ist nicht das Nahrungsmittelangebot, sondern wie viel man davon isst. Die Ausweitung der Geldmenge ist das Essen. Ob die Wirtschaftsakteure das Angebot annehmen, ist eine andere Frage. Bei dieser Entscheidung spielen Erwartungen eine große Rolle. Hier müssen wir jedoch berücksichtigen, dass Erwartungen nicht aus dem Nichts kommen. Sie haben einen Bezugspunkt in der wirtschaftlichen Realität und im öffentlichen Diskurs, einschließlich der Medien. Eine freie Geldordnung bedeutet nicht das Fehlen von Kontrolle. Es ist eher so, dass das gegenwärtige Währungssystem mit ständiger Intervention der Zentralbanken und dem ungebremsten Hang der Regierungen nach Defizitausgaben außer Kontrolle ist. Im Gegensatz zu einem Fiat-Geldsystem würde ein Goldstandard oder ein ähnliches System mit einem starken Anker kurzfristige Flexibilität mit langfristiger Stabilität verbinden.

Ist der Mechanismus, der die Inflation mithilfe von Zinssätzen kontrolliert, tatsächlich eine Möglichkeit, Preiserhöhungen in einem Fiat-Geldsystem einzudämmen?

Für die politischen Entscheidungsträger sind die Zinssätze ein Interventionsinstrument, während sie für die Österreichische Wirtschaftsschule die Zeitpräferenz widerspiegeln sollten und als solche der natürliche Zinssatz wären. Politische Entscheidungsträger können nur den monetären Zinssatz manipulieren. Was zählt, sind die Geldmenge und die Erwartungen. Ein höherer Zinssatz verteuert die Kreditaufnahme und kann somit die Ausweitung des Geldumlaufs in der Wirtschaft stoppen. Darüber hinaus können höhere Zinssätze die Erwartungen über die künftige Preisinflation verändern und somit die Umlaufgeschwindigkeit verringern. Der Hauptpunkt bei der Erhöhung des Zinssatzes ist jedoch, dass die Zentralbank die Geldbasis reduzieren muss, um höhere Zinssätze zu erhalten. Die Zentralbanken können nicht einfach den Zinssatz erhöhen und die Geldbasis unverändert lassen. Wenn die Zentralbanken ein bestimmtes Niveau ihres Leitzinses anstreben, müssen sie die Geldbasis entsprechend kontrollieren.

Ludwig von Mises erwähnt in seinen Büchern, dass die Kreditausweitung eine der Ursachen für die Inflation ist, wenn die Kreditschöpfung über die bloße monetäre Ausweitung hinausgeht. Was sind die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Phänomenen?

Geld kommt über den Kreditkanal in Umlauf. Geschäftsbanken erhalten einen Kredit von der Zentralbank und gewähren Kredite an Verbraucher, Unternehmen und den staatlichen Einrichtungen, einschließlich der Bundesregierung. Somit gibt es zwei Quellen für die Schaffung von Krediten und zwei grundlegende Geldarten: Zentralbankgeld und Depotgeld. Das moderne Währungssystem ist ein reines Kreditsystem, das auf Fiat-Geld ohne physische Absicherung wie beispielsweise Gold basiert. Die Regierungen verließen den Goldstandard zu Beginn des Ersten Weltkriegs und kehrten nie wieder dorthin zurück. Heutzutage kann der Staat über die Zentralbank so viel Geld schaffen, wie man will.

Wie genau ist das Verhältnis zwischen Kredit und Geld?

Während Fiat-Geld auf Krediten basiert, wirkt sich nicht alles Geld auf die Wirtschaft aus. Zum Beispiel können sich die Geschäftsbanken Geld von der Zentralbank leihen, es aber nicht für Kredite verwenden, sondern es auf ihre Konten bei der Zentralbank einzahlen. Dann bedeutet mehr Geld der Zentralbank nicht mehr Geschäftskredite für die Investoren und Verbraucher in der Wirtschaft. Außerdem bedeutet mehr Geld, das in die Wirtschaft gelangt, nicht unbedingt mehr Nachfrage, da die Geldinhaber die Häufigkeit von Transaktionen verlangsamen können. Wenn die Wirtschaftsakteure weniger ausgeben und ihr Geldvermögen für einen längeren Zeitraum halten, verlangsamt sich die Geschwindigkeit des Geldumlaufs. Daher ist es falsch, zu postulieren, dass mehr Geld notwendigerweise mehr Kredit bedeutet und dass mehr Geld immer zu mehr Ausgaben führt. Das war die falsche Annahme der Monetaristen. Auch muss man bedenken, dass nicht alles neu geschaffenes Geld in die Realwirtschaft fließen muss, sondern im Finanzmarkt, also dann hauptsächlich auf den Anleihen- und Aktienmärkten zirkuliert.

Wie können die Wechselkursschwankungen in Bezug auf die Wechselkurspolitik zur Inflation führen?

Auf lange Sicht spiegelt der Wechselkurs die Kaufkraftparität wider. Kurzfristig kommt es jedoch zu erheblichen Abweichungen aufgrund politischer Interventionen und weil die Zentralbanken den Zinssatz manipulieren. Ein Eingriff führt zum nächsten und schließlich wird alles durcheinandergebracht. Wenn die Regierungen beispielsweise versuchen, ihre Volkswirtschaften durch zusätzliche Defizitausgaben anzukurbeln, sollte der Zinssatz aufgrund der Inflationserwartungen steigen, doch die Zentralbank kann dem zeitweise entgegenwirken und die Geldzinsen künstlich unter ihrem natürlichen Satz halten. In diesem Fall verlässt intelligentes Geld das Land und die Währung wertet ab. Wenn, wie es häufig in Entwicklungs- und Schwellenländern der Fall ist, die Importelastizität gering ist, wird die Menge der Importe nicht sehr stark sinken, selbst wenn der Preis der Einfuhren – in Landeswährung gerechnet – infolge der Wechselkursabwertung steigt. Dies kann dann die Preisinflation im Inland auslösen und wiederum dazu führen, dass noch mehr Geld das Land verlässt. In ihrer Verzweiflung fühlt sich die Regierung dann normalerweise gezwungen, den Wechselkurs noch massiver zu manipulieren oder Kapitalkontrollen einzuführen. Am Ende ist das Chaos so groß, dass das Stimulus-Experiment nach hinten losgeht und anstelle der beabsichtigten wirtschaftlichen Expansion sich das Land unter einer Devisenkrise sowie einer wirtschaftlichen Kontraktion oder sogar einem finanziellen Zusammenbruch ausgesetzt sieht.

Inflation ist ein Thema, das häufig in den Nachrichten auftaucht, aber die Ursachen der Inflation erhalten nicht so viel Aufmerksamkeit wie ihre Folgen. Was sind die Ursachen der Inflation und wie interagieren die Faktoren?

Lassen Sie mich zunächst klarstellen, dass der Begriff „Inflation“ falsch verwendet wird. Die genaue Bedeutung der Inflation ist die Ausweitung der Geldmenge. Zu sagen, dass die Inflation steigt, ergibt keinen Sinn, weil sich der Begriff Inflation auf ein Volumen bezieht, das Geldvolumen, das sich ausdehnen (aufblasen) oder zusammenziehen (schrumpfen) kann. Wenn ich über das Preisniveau spreche, bevorzuge ich den Begriff „Preisinflation“, um den Rückgang und Anstieg des Preisniveaus von der Inflation zu unterscheiden, die mit der Expansion und Kontraktion der Geldmenge einhergeht. Darüber hinaus betont die Österreichische Schule der Nationalökonomie, dass das Verhältnis zwischen monetärer Expansion und Preisniveau nicht mechanisch und gleichmäßig abläuft, sondern auch strukturelle Effekte hat.

Können Sie den Vorgang erklären?

Um das Problem so einfach wie möglich zu kennzeichnen, kann man sagen, dass eine Preisinflation auftritt, wenn die Ausgaben schneller wachsen als die Produktion. Ein Überschuss der Ausgaben gegenüber der Produktion entsteht, wenn die Geldmenge wächst und wenn Unternehmen, Verbraucher und Regierung Kredite aufnehmen, um mehr auszugeben. Die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen führt zu steigenden Preisen. Die Preisinflation kann auch ohne die Ausweitung der Geldmenge bei einem sogenannten Angebotsschock und der Kürzung der Produktion, zum Beispiel aufgrund von Embargos, Krieg und Naturkatastrophen erfolgen. Dann steigen die Preise, weil das Warenvolumen geschrumpft ist, während sich die Geldmenge nicht geändert hat. Um die Inflation zu verstehen, müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden: Der Prozess, wie Geld in die Wirtschaft gelangt, beginnend mit den Zentralbanken und der Kreditpolitik der Geschäftsbanken, die Änderungsraten des Umlaufs der Geldmenge, das Kreditvolumen und das Verhältnis zwischen der Transaktionsgeschwindigkeit sowie den nominalen Gesamtausgaben im Vergleich zum tatsächlichen Angebot an Waren und Dienstleistungen. Die Ökonomie von Inflation und Deflation ist kein einfaches Thema.

Wenn die Regierung die Geldbasis erweitert, die Geschäftsbanken jedoch nicht den Überschuss an Geld in Umlauf bringen, steigt das Geld in den Händen der Wirtschaftssubjekte nicht an. Bedeutet dies, dass es in diesem Fall nicht zu einer Erhöhung der Preise und einer Verringerung der Kaufkraft kommt?

Ja, so funktioniert das. Am Ende hängt das Ergebnis vom menschlichen Handeln ab. Menschliches Handeln findet von Augenblick zu Augenblick statt und daher sind Erwartungen wichtig. Inflationserwartungen nähren sich von sich selbst und ebenso deflationäre Erwartungen. Deshalb sind beide Prozesse, sobald sie an Dynamik gewonnen haben, so schwer umkehrbar. Wenn wir ein solides Währungssystem hätten, wären die Erwartungen relativ stabil. Wir haben jedoch ein staatliches Fiat-Währungssystem mit einer nur teilweisen Deckung durch die Bankreserven. Das heißt, die Geschäftsbanken bringen mehr Geld als Giralgeld in Umlauf als sie an Bargeld haben. Ein solches Währungssystem ist nicht nur sehr volatil, sondern auch anfällig für langanhaltende und extreme Phasen der Kreditausweitung und -kontraktion. Diese großen Zyklen können Jahrzehnte umfassen. Seit dem Ende der Verbindung des US-Dollars zu Gold in den 1970er Jahren erleben wir in den Industrieländern einen solchen Expansionszyklus.

Kann dieser Zyklus enden?

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Dieser aktuelle Zyklus ist längst überfällig, um sich in eine Kontraktion zu verwandeln. Allerdings haben alle großen Zentralbanken wie verrückt gegen den Trend gekämpft. In Japan begann das Gefecht gegen die Kreditschrumpfung bereits in den 1990er Jahren, in den USA zu Beginn des neuen Jahrtausends. Seit der europäischen Schuldenkrise vor etwa zehn Jahren hat sich auch die Europäische Zentralbank angeschlossen. Wir beobachten heute einen verzweifelten Kampf gegen die Deflation. Das Paradoxe daran ist, dass dieser Krieg der Notenbanken gegen die natürliche Deflationstendenz, als Korrektur zur langanhaltenden Kreditausweitung, so viel an Liquidität im System geschaffen hat, dass die deflationäre Tendenz sich schlagartig in eine Preisinflation umkehren kann.

Wie kommt es unter einem Fiat-System zu einer Abnahme des Geldwerts?

Auch unter dem Goldstandard oder einem ähnlichen System mit einem starken Anker, der die Geldmenge festmacht, wird es kurzfristig zu Schwankungen der Geldmenge kommen. Langfristig werden die Preise tendenziell sinken, wenn die Produktivität steigt. Die Erwartungen geraten nicht aus dem Ruder, weil Inflation und Deflation nicht überproportional abweichen können. Unter einem Fiat-Währungssystem können Inflation und Deflation jedoch übermäßige Ausmaße annehmen. Ich befürchte, dass das Ketchup-Gleichnis von Inflation Bestand hat. Sie schütteln und schlagen auf den Boden der Ketchupflasche, aber es kommt nichts heraus. Plötzlich spritzt die Sauce in einem Mal auf Teller, Tisch, Hemd und Krawatte. Ähnlich verhält es sich mit der Geldinflation. Die Zentralbanken drängen und zittern und schöpfen immer mehr Geld, um gegen die Deflation anzukämpfen und trotzdem kommt es zu keinem Preisauftrieb bis es ganz plötzlich zu einem massiven Anstieg kommt und sogar eine Hyperinflation droht. Die Analogie gilt auch für das, was danach kommt. Während die Ketchup-Sauce sich in einem Spritzer in einer Sekunde aus der Flasche ergießt, ist jede Mühe umsonst, um die überschüssige Sauce wieder in die Flasche zu bringen. In der Tat ist es unmöglich, den Vorgang rückgängig zu machen. In einem Fiat-Währungssystem kommt nicht nur die Inflation plötzlich als Schock, sondern auch die Deflation. Unter einem Fiat-System ist eine Geldkontraktion schädlich, da sie normalerweise aus heiterem Himmel auftaucht und die zeitlich ausgedehnten Geschäftstätigkeiten (Zins- und Ratengeschäfte, langlaufende Kontrakte) in Mitleidenschaft zieht.

Als letzte Frage möchte ich Sie nach Ihren Aussichten für die US-amerikanische Wirtschaft im Vergleich zu Brasilien fragen.

Die beiden Volkswirtschaften befinden sich in sehr unterschiedlichen Phasen des Konjunkturzyklus. Brasilien hat immer noch mit dem Konjunktureinbruch zu kämpfen, der vor fünf Jahren begann und eine Arbeitslosenquote von über zehn Prozent mit sich brachte. Diese Quote liegt immer noch über dieser Marke, während die Vereinigten Staaten offiziell Vollbeschäftigung haben. Die Frage ist, wann sich Brasilien erholen könnte und ob und wann die Wirtschaft der Vereinigten Staaten schrumpfen wird. Zuerst nach Brasilien: Seit dem 1. Januar 2019 hat Brasilien eine neue Regierung, die sich von seinen Vorgängern unterscheidet, da sie ein stark marktfreundliches Profil hat. Das Vertrauen steigt und in dieser Hinsicht ist es nur eine Frage der Zeit, wann sich die brasilianische Wirtschaft erholen wird. Es gibt jedoch zwei Risiken: Erstens, dass die Inflation Brasilien heimsucht, wenn sich die Erholung verstärkt, und zweitens, was passiert, wenn sich das internationale Wirtschaftsumfeld weiter abschwächt und Brasiliens wichtigster Handelspartner, einschließlich China, in eine Wirtschaftskrise gerät.

Wie steht es um die Vereinigten Staaten?

Die politischen Entscheidungsträger haben einen riesigen Ballon produziert, der die reale Wirtschaft auf die Spitze einer Geldpyramide gehoben hat. Die reale Wirtschaft sitzt sozusagen auf Luft. Wir wissen, dass diese Situation nicht nachhaltig ist, aber wir wissen nicht, auf welche Seite der Pyramide der Schaden auftritt, wenn die Blase platzt. Die amerikanische Zentralbank hat mehrmals versucht, den Ballon zu entleeren, schreckte jedoch zurück, sobald der Aktienmarkt zu wackeln begann. Wie die Fiskalpolitik hat sich auch die Geldpolitik in eine Sackgasse manövriert: Fiskalpolitik mit zu viel Staatsverschuldung und die Geldpolitik mit zu viel Liquidität. Die Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie haben immer gewarnt, dass eine solche Politik der übermäßigen Geldschöpfung in einer Katastrophe enden wird. Ich vermute, dass wir über den kritischen Bereich, wo noch eine Umkehr möglich gewesen wäre, schon hinausgegangen sind und uns einer Katastrophe nähern, die hoffentlich als Weckruf dient und die Öffentlichkeit und die politischen Entscheidungsträger auf die Notwendigkeit einer Reform des Währungssystems aufmerksam machen wird.

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Antony P. Mueller hat jüngst bei Amazon die Taschenbücher „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“ und „Feinde des Wohlstands“ veröffentlicht. Im Juli dieses Jahres ist eine erweiterte Ausgabe seines Traktats „Principles of Anarcho-Capitalism and Demarchy“ erschienen.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).


Quelle: misesde.org