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In Deutschland wuchert der Spaltpilz: Zwischen links vs. rechts und arm vs. reich

10. März 2020

Das Wort „Ungleichheit“ ist eines der Triggerworte im politischen Diskurs geworden. „Soziale Ungleichheit“ ist der Begriff, der so ziemlich alles umfasst, was es an Zündstoff innerhalb der „Gesellschaft“ gibt. Gedacht sind diese Begriffe eigentlich als abstrakte, theoretische Fachtermini im Disput der gebildeten Eliten der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften.

Solange die „Sozialen Ungleichheiten“ noch zu klein sind, um „gesellschaftliche Verwerfungen“ zu „triggern“, bleibt das alles Soziologen-Theorie. Die Praxis wird schlagend, wenn es um den Gegensatz zwischen Not, Hunger, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Schulden und chronischen Geldmangel bei den wütenden Armen einerseits und dem gutsituierten, PC-veganen Etepetismus der  realitätsfernen, linksgrünen Bildungs- und Herrschaftsschicht andererseits geht. Der mit seiner eigenen Vorbildhaftigkeit zufriedene Gutverdiener, der in seinem teuren E-Auto sitzend, seinen veganen Latte Macchiato mit Mandelmilch nippend, an der Ampel verächtlich und angewidert auf den abgeranzten Diesel mit roter ASU-Plakette schaut, der seinen Umweltsau-Fahrer von der Maloche heim in seine kleine, kaum beheizte Unterklassen-Mietwohnung befördert.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass der wohlbestallte e-autofahrende Gutmensch Links-Grün-Wähler ist, liegt bei fast 100 Prozent, während die dieselfahrende Umweltsau sehr wahrscheinlich ihr Kreuz bei der AfD machen wird. Irgendwie seltsam, dass die gutverdienenden Edelmenschen heute das Klientel der Linken sind, während die Arbeiter und „Verlierer“ des Gesellschaftsumbaus heute eher auf der „rechten“ Seite zu finden sind.

Was aber nicht bedeutet, dass die saturierte Linke nicht doch am lautesten „Ungerecht!“ schreit und FDP, Union und AfD weniger Ungerechtigkeit am Werk sehen. Am allermeisten findet die SPD die Ungleichheit ungerecht, hat aber im Widerspruch dazu ihr angestammtes Arbeitermilieu komplett verraten.

Die Bundeszentrale für politische Bildung schwurbelt : „In vielen hochentwickelten Gesellschaften wachsen die sozialen Ungleichheiten: Gering Qualifizierte haben es immer schwerer, eine Erwerbstätigkeit zu finden. Die Integration vieler Zuwanderer wird schwieriger. Arbeitslosen fehlt es an Geld, Selbstachtung und Anerkennung. Immer mehr Menschen gelten als arm. Die einst tonangebenden und politisch stabilisierenden Mittelschichten schrumpfen. Die Zahl der hoch Qualifizierten und der gut Verdienenden wächst.“

Um das mal zu übersetzen: Wer ein ganz normaler Arbeiter ist und einen ganz normalen Haupt- oder Realschulabschluss hat, wird nur ein bescheidenes Einkommen erzielen (wenn er überhaupt einen Job findet). Und dann muss er sich noch mit einer großen Zahl Zuwanderer messen, die bei den einfachen Jobs oft bevorzugt eingestellt werden müssen, staatlich oft Unterstützung bekommen und die wenigen, billigen Wohnungen leichter bezahlen können, als er. Die deutsche Mittelschicht, das breite, starke Rückgrat der Wirtschaft und der zuverlässigste Konsument, bodenständig, Häuslebauer, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, selten verschuldet, zwei bis drei Kinder, stabile Verhältnisse, bescheidener bis erfreulicher Wohlstand, ist eine vom Aussterben bedrohte Art geworden. Nur wenige sind aus der gesellschaftlichen Mitte in die Gefilde der Reichen emporgestiegen. Die meisten sind auf dem Weg zum Uralt-Diesel-Umweltsau-Fahrer oder schon dort angekommen. Manche auch auf der Straße.

Nach einer Civey-Umfrage spiegelt sich das Empfinden der Ungleichheit auch genauso wieder. Überraschung: Fast 30 Prozent der leitenden Angestellten empfinden die Verteilung als gerecht, die Arbeiterschicht findet das aber nur zu 11 Prozent.

Das Meinungsinstitut Civey hat etwa 5.000 Menschen in Deutschland befragt. Drei von vier halten die Ungleichheit in Deutschland für ungerecht. Nur 17 Prozent empfinden sie als eher gerecht oder gerecht. Beim Einkommen, so Civey, sei die Schere zwischen Armen und Reichen eigentlich nicht ganz so groß, aber beim Vermögen sieht es schon sehr krass aus: In Deutschland besitzen die 45 reichsten Haushalte so viel, wie die gesamte unter Hälfte der deutschen Bevölkerung.

Alle Parteien, Institute und Umfragen stellen unisono fest, dass die soziale Ungleichheit bei den Einkommen stark zugenommen hat. Sie hat heute den höchsten gemessenen Wert seit der Wiedervereinigung erreicht. Ganz besonders die unteren 20% der Bevölkerung rutschen regelrecht in die Armut ab. Aber warum verfügen die einen heute über deutlich weniger Geld für die gleiche Arbeit wie vor 20 Jahren und die anderen mehr?

Ein sehr wichtiger Faktor ist der starke Preisanstieg bei Wohneigentum und Mieten. Schon seit Langem hat sich die Lage am Wohnungsmarkt und die Wohnkostenbelastung in den unteren Einkommensschichten drastisch verschlechtert. Die Zahlen und Miet-Indizes zeigen eine dramatische Entwicklung. Solange die Wirtschaft noch gut lief, konnten die wachsenden Löhne die Teuerung noch halbwegs auffangen. Seit 2015 aber kamen Millionen Konkurrenten gerade für billige Mietwohnungen nach Deutschland, was das Angebot stark verknappt und gleichzeitig die Preise nach oben trieb und treibt. Zur selben Zeit wie die Wohnkosten nach oben strebten, drehte sich die Kurve des Wirtschaftswachstums und der Lohnentwicklung nach unten. Das ist eine ganz eigene Sorte von Schere, in die insbesondere die unteren vierzig Prozent geraten sind.

Im Niedriglohnsektor sind überdies die meisten Jobs in den Ballungszentren zu finden und genau da ist die Konkurrenz um billigen Wohnraum besonders hart und sind die Mieten besonders steil nach oben abgeflogen.

Die Zeit schreibt:

„Die aktuellsten Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe aus dem Jahr 2013 zeigen, dass für Haushalte, die zu den 20 Prozent mit den geringsten Einkommen zählen – dem sogenannten ersten Quintil –, die Wohnkosten zwischen 1993 und 2013 um mehr als ein Drittel gestiegen sind. Für Menschen im zweiten Quintil haben die Wohnkosten um ein Viertel zugelegt.“

Das sind beachtliche Steigerungen, die gerade bei kleinen Einkommen schmerzhafte Auswirkungen haben. In den oberen 20 Prozent der Bevölkerung ist das Wohnen dagegen sogar preiswerter geworden: Um fast zehn Prozent fielen die Preise in diesem Segment. Der Grund: Durch die Niedrigzinspolitik sind Kredite weniger teuer, man hat die Schulden schneller abbezahlt. Es ist kaum teurer als die Miete, ein Haus zu kaufen oder bauen und man hat im Alter eine eigene Immobilie. In den oberen 20 Prozent der Wohlhabenden ist Wohneigentum keine Seltenheit.

Sehr hohe Einkommen sind aber in den Zahlen kaum wirklich erfasst. Die wirklich Superreichen sind „auf Diskretion bedacht“, schreibt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI). Deshalb ist davon auszugehen, dass das Ausmaß der Ungleichheit insgesamt unterschätzt wird.

Die Zahlen machen es fassbar: „Dies bedeutet, dass, während im Jahr 1993 die ärmsten 20 Prozent der Deutschen 27 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgaben, es zwanzig Jahre später schon 39 Prozent waren. Auch für das zweite Quintil stiegen die Wohnkosten deutlich, von 20 auf 25 Prozent des Einkommens in diesem Zeitraum. Für die einkommensstärksten 20 Prozent ist dieser Anteil von 16 auf 14 Prozent gefallen. Da die Arbeitseinkommen und Löhne der unteren 40 Prozent seit den Neunzigerjahren nicht mit dem Anstieg der Wohnkosten mithalten konnten, sank der Anteil der sonstigen Konsumausgaben (ohne Wohnkosten) der einkommensschwächsten 20 Prozent der Deutschen von 72 Prozent im Jahr 1993 auf 63 Prozent im Jahr 2013. “

Das bedeutet, dass das sogenannte „verfügbare Einkommen“, was unter‘m Strich zum Leben übrigbleibt, weit bis in die Mittelschicht hinein stetig schrumpft. Das fräst Jahr für Jahr am unteren Rand dieses Mittelschicht-Blocks viele Familien weg, die in die Unterschicht fallen. Die Deutschen haben heute merklich weniger Geld zum Leben als vor 25 Jahren.

Dazu kommt, dass nichts mehr für Anschaffungen oder den Ruhestand zurückgelegt werden kann. Bis 2013 schrumpften die Ersparnisse immer weiter. Das Jahr 2013 war der Punkt, an denen die Ersparnisse dann „negativ“ wurden. Will sagen: Man begann Schulden zu machen, um seinen Lebensstandard aufrecht zu halten oder nicht allzusehr einzuschränken – und diese Schulden wachsen stetig. Das verschärft die Ungleichheit noch einmal deutlich. Denn während die Oberschicht Rücklagen für ein auskömmliches Alter bilden konnte und kann, wird die bessere Mittelschicht mit Null privaten Rücklagen, aber wenigstens schuldenfrei in die Rente gehen, die unteren vierzig Prozent werden am Ende ihrer langen Lebensarbeitszeit verschuldet sein und nur kleine Renten haben, von denen sie kaum leben und in keinem Fall Schulden abzahlen können.