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Schwedens gelassener Umgang mit Covid-19 zahlt sich aus

5. Mai 2020

Erst hagelte es Kritik und nun lobt die WHO plötzlich Schwedens besonnene und gelassene Haltung gegenüber Covid-19. Es wurden sehr wohl Maßnahmen ergriffen, um die Risikogruppen zu schützen. Die wurden auch sehr genau eingehalten. Dennoch ließ Schweden seine Schulen und Sportstätten, Geschäfte, Restaurants und Cafés geöffnet.

Während fast alle anderen europäischen Länder in einem Lockdown das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben zum Erliegen brachten, was nun beginnt seine katastrophalen Folgen zu zeigen, setzte Schweden auf Verantwortungsbewusstsein – und fuhr offensichtlich gut damit. Die Regierung hat die Bürger einfach aufgeklärt und aufgefordert, eine Reihe von begründeten Richtlinien zu befolgen. Beispielsweise sollte jeder, der sich krank fühlt, daheim bleiben.

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Doch anders, als in anderen Ländern wurde nicht gleich die Gesetzes- und Bußgeldkeule ausgepackt. Die Appelle verhalten dennoch nicht ungehört. Die Schweden hielten sich dran und schränkten sich freiwillig dort ein, wo Infektionen übertragen werden könnten, hielten freundlich Abstand und bewältigten ihren Alltag. Die psychischen Probleme der Isolation und der Zusammenbruch des Arbeitsmarktes wurden vermieden.

Schwedens Strategie erspart dem Land im Norden Europas sehr wahrscheinlich die harte Rezession, die den „Lockdownländern“ noch bevorsteht. In Schweden werde das deutlich glimpflicher ablaufen, als im Rest Europas, zitiert Bloomberg den Ökonomen James Pomeroy von HSBC Global Research. Diese Einschätzung ist relativ neu.

Denn bis Ende April versuchten die anderen Europäischen Länder – bzw. deren Regierungen – noch aufgeregt, für Schweden eine sich wegen Leichtfertigkeit und Schlamperei der Regierung anbahnende Katastrophe herbeizureden. Der schwedische Sonderweg führe geradewegs vor die Wand und nun müsse eben doch ein besonders strenger Lockdown noch retten, was zu retten ist. Angeblich starben die Schweden wie die Fliegen, und die Pandemie würde außer Kontrolle geraten.

Doch am 19. April hatte die schwedische Regierungsspitze genug davon und stellte sich den Kameras und Fragen der internationalen Journalisten. Man hatte ganz besonders ausländische Journalisten gebeten, zu der Pressekonferenz zu kommen, denn die Regierung unter Premier Stefan Löfven wollte einiges zurechtrücken. Es gebe, anders als im Ausland dargestellt, sehr wohl Eindämmungsmaßnahmen und Institutionen, die wegen Covid-19 schließen. Aber es gebe keinen Zwang für die Bürger, zu Hause zu bleiben und keine Strafkataloge. Versammlungen bis zu 50 Personen blieben erlaubt, Friseurbesuche waren die ganze Zeit über möglich, Geschäfte blieben geöffnet und man durfte nach Herzenslust shoppen gehen. Das Vertrauen auf die freiwillige Kooperation habe sich aber gelohnt, so gut wie überall haben die Schweden den Abstand freiwillig gewahrt.

Gesundheitsminister Johan Carlson sagte: „Während andere Länder den so genannten Lockdown gewählt haben und nun einen Weg finden müssen, wie die Gesellschaft wieder geöffnet wird, hat Schweden ein Modell, das über eine lange Zeit funktionieren kann. Wir können so bis 2022 leben, wenn wir müssen.“

Bisher wurde das Ganze mit einem „Jaaa, ABER…“ quittiert und dem düsteren Verweis auf Schwedens angeblich immens hohe Todeszahlen.

Seit dem ersten Maiwochende zeigt sich aber, dass Schweden offenbar den Höhepunkt der Coronakrise hinter sich gebracht hat, und die Reproduktionszahl nun auch dort schon seit dem 10. April stabil bei 1 lag und seit den letzten Tagen sogar darunter, will sagen, jeder Infizierte steckt nun weniger als einen Gesunden an. Das bedeutet, dass die Infektion abebbt und verschwinden wird. Die Neuinfektionen gehen nun täglich weiter zurück.

In der Tat liegt die Rate an Coronatoten deutlich höher als in Deutschland, das allerdings eine extrem niedrige Todesrate aufweist, andererseits aber erheblich niedriger, als in Spanien und Italien, in denen es Ausgangssperren und jede Menge Verbote gab.

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten schreiben:

„Zwar sind die Todeszahlen verschiedener Länder aufgrund abweichender Standards bei der Zählung nicht wirklich vergleichbar. Doch Stand Sonntag hat Schweden 1.540 Todesfälle in Verbindung mit Covid-19 gemeldet. Hochgerechnet auf die Bevölkerungszahlen ist das deutlich mehr als in Deutschland und als im übrigen Skandinavien. Es ist aber viel weniger als etwa in Italien, Spanien und Großbritannien.“ 

Und noch einen Umstand gibt man in Schweden zu bedenken. Anders Tegnell, der „schwedische Christian Drosten“, der der Architekt der relativ entspannten Reaktion Schwedens auf Covid-19 ist, sagte:

„‘Norwegen und Dänemark sind jetzt sehr besorgt, wie man diesen vollständigen Lock-Down beenden kann, ohne dass diese Welle sofort einsetzt, wenn die Lockerung beginnt‘. Die Behörden wüssten, dass die Maßnahmen in Schweden funktionieren, da man als Nebeneffekt auch ein plötzliches Ende der Grippesaison verzeichnet hat.“ 

Was hier durchschimmert ist, dass diese „Zweite Welle“, vor der unsere Politiker bereits eindringlich warnen, nicht trotz, sondern wegen des harten Lockdowns kommen könnte. Dennoch behält sich Bundeskanzlerin Merkel vor, einen neuen, noch brutaleren Lockdown zu verordnen. Noch mehr vom falschen Gegenmittel? Da kann man nur der neuen Einschätzung der WHO beistimmen: Von den Schweden zu lernen.

Erstaunlicherweise gibt es nämlich jetzt ausgerechnet von der WHO, die sich während der Pandemie eher als Panikschürer betätigte, Lob für Schweden. Der Exekutivdirektor der WHO, Mike Ryan – genau der Mike Ryan, der verkündete, man müsse erkrankte Familienmitglieder auch zur Not mit Staatsgewalt  aus den Familien und Häusern holen(!), spricht plötzlich davon, dass man von den Kollegen in Schweden lernen könne, wie es möglich sei, zu einer Gesellschaft ohne Lockdown zurückzukehren.