Blick auf die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang. Bild: WIkimedia Commons, Laika ac, Bildlizenz: CC-BY-SA-2.0
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Wenn ein Film pures Dynamit ist: Der Maulwurf – Undercover in Nordkoreas illegalen Atomwaffengeschäften

16. April 2021

Vergesst Günter Wallraff, das Ibiza-Video ist ein Kindergarten-Filmprojekt und James Bond ein Softie gegen das hier. Hier geht es um ein paar wirklich knallharte Jungs, die mit dem Tod Tango tanzen … und irgendwie sogar Spaß daran haben. Der unerschrockenste aller Undercover-Filmemacher heißt Mads Brügger, und er ist Däne. Einem anderen Dänen, dem frühverrenteten Koch namens Ulrich Larsen, war es offensichtlich im Ruhestand zu langweilig. Er kontaktierte Mads Brügger und unterbreitete ihm ein tollkühnes Projekt á la: „Hallo Mads, hättest Du Lust Dein Leben auf‘s Spiel zu setzen und mit mir Undercover die illegalen Waffengeschäfte Nordkoreas auszuspionieren und eine Doku drüber zu machen?“ Nun, wer würde da schon nein sagen?

So ziemlich 99,9999% der Menschheit. Etwas Wahnsinnigeres kann man kaum tun. Zehn Jahre lief das ganze Projekt. Das ZDF strahlte den Film in mehreren Teilen aus, und er ist in der Mediathek zu finden. Der Plot geht so:

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Ulrich Larsen, der Koch, wanzt sich jahrelang geschickt an die dänische Dependance der internationalen „Korean Friendship Association“ (KFA) an. Ein Haufen von Hardcore-Maoisten, meist gescheiterte Existenzen, sie sich gegenseitig für ihren kompromisslosen und daher unverstandenen Sozialismus-Kommunismus preisen, erscheinen in der Doku als ein „eher kläglicher Haufen“. Sechs Jahre lang baut Larsen diese Verbindung aus und fügt sich in den weltweit verteilten Nordkorea-Fanclub ein. Er macht das gut. Er wird zum Vertrauten des in diesen Kreisen prominenten spanischen Adeligen Alejandro Cao de Benós, der Chef der KFA außerhalb Nordkoreas. Unter seiner Ägide steigt Larsen zum Skandinavien-Repräsentanten der KFA auf.

Larsen macht nun PR für Nordkorea. Sowas macht man heutzutage mit Videos auf Youtube. Eine schlaue Idee, denn so kann er ganz ungeniert filmen. Sogar in Nordkorea selbst, was sonst noch kaum einem gelungen ist. Nach einiger Zeit erhält Larsen den vertraulichen Auftrag, „Investoren“ zu finden, die Nordkoreas Exporte kaufen. Das Land braucht Devisen. Es geht um Drogen und Waffengeschäfte.

Brügger und Larsen erfinden dafür die Figur eines norwegischen Ölmilliardärs, der wie in einem billigen Krimi, einfach nur Mr. James heißt. In Wahrheit heißt der Mann, den sie dafür anheuern, Jim Latrache-Qvortrup und ist ein Ex-Fremdenlegionär, Abenteurer und recht prominenter Kokain-Dealer in der Haute Volé Kopenhagens – mit acht Jahren Knast-Erfahrung. Letztendlich aber ist er genau der richtige Mann. Gefahr ist seine Droge, und Angst kennt er nicht. Er wird auch in brenzligsten Situationen nicht nervös. So einen Abgebrühten braucht man für diesen Job.

Also macht Koch Larsen den „Mr. James“ mit dem Spanier de Benós bekannt. Der genießt das Vertrauen Kim Jong-Uns und soll dabei helfen, Nordkorea Devisen zu beschaffen, ohne die das unzugängliche Land komplett auf den großen Bruder China angewiesen ist, wenn es irgendwelche Geschäfte auf dem Weltmarkt tätigen will.

Benós will Eindruck machen. Er brüstet sich mit Insiderwissen darüber, wie Nordkorea um mehrere Ecken und mithilfe asiatischer Mittelsmänner und Unternehmen die internationalen Sanktionen unterläuft, mit Drogen und Kriegsgerät weltweit handelt und hohe Dollarsummen einfährt. Tatsächlich kann de Benós den Kontakt zu hochstehenden, koreanischen Offiziellen herstellen. In Korea werden sie mit großem Tamtam empfangen. Der dänische Koch Larsen droht zwischenzeitlich sogar aufzufliegen, doch irgendwie schaffen es die Männer, die Nerven zu behalten und es durchzuziehen.

Bei diesem Besuch wird auch gleich ein Vertrag zwischen dem vorgeblichen Öl-Milliardär Mr. James und der Korea Narae Trading Corporation geschlossen. Mr. James soll im Ausland eine Fabrik für Waffensysteme und Metamphetamine finanzieren. Obendrüber soll als Tarnung ein Luxus-Ferienresort mit eigener Landebahn errichtet werden. Das „Ausland“ heißt Uganda und die Fabrik soll auf bzw. unter einer Insel im Victoriasee versteckt arbeiten. So kann Nordkorea dann unbemerkt außerhalb seiner Grenzen im großen Stil Devisen erwirtschaften. Die Behörden in Uganda bekommen einfach einen Haufen Geld auf den Tisch gelegt und stellen keine weiteren Fragen. So war das geplant.

Dieser Vertrag wird in einem luxuriösen, unterirdischen Bunker in einer grauen Betonblock-Vorstadt Pjöngjangs von hochstehenden Offiziellen unterzeichnet. Gegen diese Plattenbauten wirkte selbst die damalige „DDR-Platte“ noch hübsch und heimelig. Niemand würde darauf kommen, dass unter den trostlosen Betontürmen pompöse Säle liegen, in denen nun Mr. James finstere Waffengeschäfte unterschreibt. Wie in einem plüschigen Luxusrestaurant dem Gast die Speisekarte gereicht wird, erhält Mr. James einen dicken Bestellkatalog, der statt Vorspeisen, Hauptgängen und Desserts nordkoreanische Pistolen, Panzerfahrzeuge und Mittelstreckenraketen anbietet.

Erst, als später Mr. James dann in Stockholm die Pläne für das „Tourismus Resort“ auf der Insel erhält und das Geld für den Inselkauf fließen sollte, wurde den drei Draufgängern die Sache zu heiß, und sie zogen sich aus der Sache zurück, weil sie das sonst sicher nicht überlebt hätten.

Natürlich behauptete Nordkorea im Oktober 2020, nach der ersten Ausstrahlung der Doku, dass das Ganze eine reine Erfindung sei. Das alles sei nur eine Produktion „feindlicher Kräfte“, um die Feiern zum 75järigen Jahrestag der regierenden Arbeiterpartei Nordkoreas am 10 Oktober 2020 zu unterminieren.

Schwedens und Dänemarks Außenminister baten kurz darauf in einer gemeinsamen Erklärung die UN, die im Film dokumentierten Verletzungen der Sanktionen zu untersuchen, schreibt die Nordkorea News am 12. Oktober 2020.

Dabei wird nicht viel herauskommen. Es ist sowieso schon lange bekannt und publiziert, dass Nordkorea einen umfangreichen, internationalen Waffenhandel betreibt. In befreundeten Ländern, wie Syrien, Jemen, Libyen, Ägypten, Burma, Kuba, dem Kongo, Pakistan, Simbabwe und Iran, die allesamt mit den „westlichen Werten“ nicht die besten Erfahrungen gemacht haben, werden die Nordkoreaner mit offenen Armen empfangen, wenn man es auch nicht an die große Glocke hängt. Länder, die vom „Westen“ destabilisiert worden sind, finden bei den Nordkoreanern nicht nur Verständnis und ein offenes Ohr, sondern auch qualitativ gute Waffensysteme zu erschwinglichen Preisen, heißt es. Der „Westen“ macht es durch seine Destabilisierungspolitik in diesen Ländern den Nordkoreanern leicht, ihre Geschäfte dort zu tätigen. Die „Underdogs“ tun sich dann eben zusammen. Das ist ein menschheitsaltes Verhalten und war schon vorher absehbar.

So berichtet die Welt schon 2009, dass eine Waffenlieferung an den Iran gestoppt wurde. Die Vereinigten Arabischen Emirate brachten ein Schiff auf, das mit Bestimmung Iran eine Waffenlieferung an Bord hatte, darunter auch Granatwerfer. Die Waffen waren als „Maschinenteile“ deklariert.

Bereits 2014 waren nordkoreanische Waffen ein Exportschlager für das Land. Sowohl konventionelle als auch atomare Waffen ist das Land in der Lage zu bauen, und laut einem hohen Beamten des französischen Außenministeriums betragen die Exporte konventioneller Waffen und von Atommaterial inzwischen ein Drittel der Deviseneinkünfte Nordkoreas.

Zwei nordkoreanische Einheiten, Chalma-1 und Chalma-7 sollen in Syrien an der Seite der syrischen Armee gekämpft haben, schrieb die BILD im März 2016. Im August 2013 wurde ein libyscher Frachter aufgegriffen, der nordkoreanische Gasmasken, 3.000 Ladungen Munition und 1.400 kleinkalibrige Waffen nach Syrien liefern sollte.

Der Spiegel schreibt:
„Seoul – Der Fall sorgte im vergangenen Jahr für Schlagzeilen: Panama stoppte das nordkoreanische Frachtschiff „Chong Chon Gang“ im Panamakanal, weil an Bord unter Tausenden Tonnen Zucker Rüstungsgüter versteckt waren – unter anderem Raketenteile, zwei Flugzeuge vom Typ MiG-21, mehrere Jet-Motoren und Munition aus Kuba. Die Waffen waren nicht deklariert. Havanna erklärte damals, sie sollten lediglich in Nordkorea repariert und anschließend zurück auf die Karibikinsel gebracht werden. Die Behörden vermuteten jedoch Waffenhandel.“

Das Uno-Sanktionskomitee ist mittlerweile aktiv geworden. Koch Ulrich Larsen, einer der «Maulwürfe», wurde zu einem Informationsaustausch eingeladen. Er hat die Einladung angenommen. Der Filmregisseur Brügger wird der Uno das umfangreiche Film-Rohmaterial zur Verfügung stellen.

Im Nachgang zu der Dokumentation gibt Annie Machon, eine ehemalige Agentin des Britischen Geheimdienstes MI5, ihre Einschätzung zu dieser Undercoveraktion ab. Ich hatte vor mehr als zwölf Jahren die überaus spannende Gelegenheit, Annie Machon kennenzulernen, als wir ein langes Interview mit ihr über die Aktionen des MI5 gegen den Libyschen Staatschef Muammar al Ghaddafi gedreht haben. Annie Machon war mitsamt ihrem Partner damals in eine sehr prekäre Lage geraten, und nur mit Glück ist sie heute frei und lebendig. Was sie so außerhalb des offiziellen Interviews erzählte, war mehr als erhellend zu den damaligen Vorgängen in Libyen.