Crystal Meth, die Kristalle des Methamphetamins. Wikimedia Commons, Radspunk, Bildlizenz: GNU Free Documentation License, CC BY-SA 4.0
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Mexikanische Kartelle in Europa: Jetzt rollt auch noch die „Crystal-Meth“-Welle über Deutschland

21. Mai 2021

Der Corona-Dauerlockdown führt zu immer neuen Katastrophen in der Gesellschaft. Nachdem die Grenzen zugemacht wurden und der Flugverkehr fast zum Erliegen kam, ging der Drogenhandel auch zuerst in die Knie. Doch das Geschäft stellte sich schnell auf die neuen Bedingungen ein, das zeigt ein Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA). Kriminelle Organisationen seien leider sehr flexibel, sagt der Direktor von Europol, Frau Catherine De Boll, und würden neue Wege gehen, um ihr Netzwerk weiter zu entwickeln.

Einer davon ist das Auftauchen mexikanischer Kartelle in Europa. Da es mit den Transporten und der Einfuhr etwas kompliziert wurde seit der Coronazeit, stellt man jetzt das Methamphetamin direkt vor Ort her. Und die deprimierten, vereinsamten Europäer scheinen immer öfter zu Drogen zu greifen, um den ganzen depressiven Frust und die bleierne Langeweile wegzuhauen.

Die Universität Amsterdam befragte 120 Cannabiskonsumenten und 63 Nicht-Cannabis-Anwender bevor und nachdem der Lockdown eingeführt wurde. „Das Forschungsteam um Janna Cousijn stellte fest, dass Gefühle von Einsamkeit stark zugenommen haben. Sowohl Cannabiskonsumierende als auch abstinente Personen fühlten sich im ersten Lockdown im Frühjahr einsamer als vorher. (…) Während des Lockdowns haben die Personen der Cannabisgruppe ihren Cannabiskonsum bedeutsam gesteigert. Dies betraf nicht so sehr die Anzahl an Konsumtagen. Die lag mit durchschnittlich 20 Tagen im Monat ohnehin schon vergleichsweise hoch. Vielmehr haben Konsumierende die Menge gesteigert, also mehr Joints oder Bongs am Tag geraucht und mehr Cannabis dabei verbraucht als sonst. Die Zunahme des Cannabiskonsums scheint vor allem von dem Wunsch angetrieben zu sein, sich besser zu fühlen. (…) Eine kanadische Studie, die ebenfalls vor und während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 durchgeführt wurde, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach haben Cannabiskonsumierende, die sich im Lockdown in soziale Isolation begeben haben, im Schnitt 20 Prozent mehr gekifft als befragte Personen, die sich nicht isoliert haben.“

Das Kiffen ist die harmloseste Droge, um die Langeweile, die innere Leere, die Einsamkeit und die Sorgen um die Existenz zu betäuben. Wesentlich alarmierender ist die rapide Zunahme der Menge an Methamphetamin auf dem Markt. Diese Entwicklung hatte schon vor Corona begonnen, wurde aber offenbar durch die Pandemie und besonders durch die Lockdowns noch befeuert.

Die eine Seite sind die Drogen und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen und der Gesellschaft als ganzer. Die andere Seite sind die Männer der mexikanischen Drogenkartelle. Sie sind äußerst brutal, rücksichtslos und grausam. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden allein in Mexiko selbst 119 Journalisten und Journalistinnen ermordet, die in dieser Sache recherchierten. Ein globales Netzwerk investigativer Journalisten startete eine Zusammenarbeit unter dem Namen „The Cartel Project“ nahm die Arbeit auf, recherchierte die Todesumstände ihrer Kolleginnen und Kollegen, die ihr Leben bei der Ausübung ihrer Berufung verloren haben und die weitreichenden, politischen Verbindungen der Kartelle.

Seit etwa zwei Jahren tauchen immer mehr mexikanische Tatverdächtige in Europa auf, und immer öfter werden – vor allem in den Niederlanden –  solche Drogenküchen ausgehoben, manchmal auf Schiffen in den Grachten, manchmal sind es richtig professionelle, große Fertigungsstätten. Das ist neu, stellen die Behörden fest. Bislang wurde in Osteuropa, beispielsweise Tschechien, in kleinen Küchenlaboren das Methamphetamin zusammengekocht. Heute wird in Westeuropa richtig im Unternehmensmaßstab produziert.

Partydrogen wir Amphetamin und Ecstasy sind praktisch out. Große Partys, auf denen man beseelt und glücklich, nur halt mit etwas Drogenunterstützung die ganze Nacht Spaß haben konnte, gibt es nicht mehr. Alles ist deutlich härter und brutaler und versteckter geworden, auch die Drogen. Der NDR Reporter Benedikt Strunz dazu: „Diese Produktion wird gerade umgestellt auf das wesentlich gefährlichere Methamphetamin.“ Dazu werden die erfahrenen, mexikanischen Fachleute nach Belgien und in die Niederlande eingeflogen.

Die Partydroge Aphetamin, auch „Speed“ genannt, ist mit dem wesentlich wirksameren und schädlicheren Methamphetamin oder „Crystal Meth“ eng verwandt. Das gibt es nicht erst seit kurzem. Es wurde 1919 zum ersten Mal in Japan von dem Chemiker Nagayoshi Nagai erzeugt.

In Deutschland wurde ab 1934 in den Berliner Temmler-Werken an einem weiteren Verfahren zur Herstellung von Methamphetamin geforscht, das im Oktober 1937 patentiert wurde. Anschließend wurde Methamphetamin 1938 unter der Marke Pervitin von den Temmler-Werken in den Handel gebracht, die auch bis 2015 noch die Markenrechte hielten. Auch mit Pervitin versetzte Pralinen (sogenannte „Hausfrauenschokolade“) waren erhältlich.

1938 gab es in Deutschland einen hohen Bedarf an den „Hallowach“-Pillen, denn man verabreichte es mit Absicht den deutschen Soldaten, um sie wach und alert zu halten, besonders an die Flieger mit ihren Dauereinsätzen und die Panzerfahrer. Unter den deutschen Soldaten erhielt das Mittel dementsprechende Namen: „Panzerschokolade“ oder „Göring-Pillen“ und wurde natürlich gern genommen. Es steigerte das Durchhaltevermögen und betäubte das Kältegefühl, Hunger und Erschöpfung. Von Adolf Hitler ist auch bekannt, dass er ein Konsument dieser Droge war.

Es war anfangs ein freiverkäufliches Medikament namens Pervitin mit einem Wirkstoffgehalt von 3 Milligramm Methamphetamin. Doch schnell zeigte sich, dass es abhängig machte. 1941 wurde es als Betäubungsmittel klassifiziert.

Doch auch nach dem Krieg benutzten Sportler das Pervitin als Dopingmittel. Es unterdrückt Müdigkeit, Hunger und Schmerzen, verleiht ein kurz anhaltendes, immenses Selbstvertrauen, das Gefühl, stark zu sein und gibt subjektiv dem Leben eine begeisternde Schnelligkeit. Aber es verursacht auch Persönlichkeitsveränderungen, Psychosen und paranoide Zustände wegen des langandauernden Schlafentzuges. Außerdem können (bei höheren Dosierungen) Halluzinationen auftreten. Da der Stoff sehr schnell die Blut-Hirn-Schranke überwindet, setzt die Wirkung äußerst heftig und unmittelbar ein und hält etwa 10 Stunden an. Doch anschließend ist man vollkommen erschöpft. Nach dem Hochgefühl im Rausch setzen meist Lethargie und Depressionen ein, die dann „Comedown“ (Herunterkommen) genannt wird.

„Auch in der deutschen Politik waren Amphetamine weiterhin populär. Von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy ist bekannt, dass sie zu bestimmten Zeiten Amphetamine einnahmen.“ 

Der Stoff ist in der „Szene“ unter verschiedenen Namen bekannt: Crystal Meth, Meth, Crystal, Yaba, Crank oder Ice. Crystal gehört zu den Drogen, die am schnellsten den Menschen körperlich und geistig zerstören. Dadurch, dass es sehr schnell zur Abhängigkeit führt, insbesondere psychisch. Die Liste der Nebenwirkungen ist beachtlich: Das Immunsystem wird geschwächt, die Haut entzündet sich, Zähne werden kariös und fallen aus, Magengeschwüre und Herzrhythmusstörungen treten auf. Ein geregelter Schlaf ist kaum noch möglich. Akustische Halluzinationen und paranoide Wahnvorstellungen, Angststörungen sowie chronische Aggressivität sind auch nicht gerade schlaffördernd. Über dies ist Crystal auch noch neurotoxisch, also nervenschädigend. Was zu Konzentrations- und Gedächtnisstörungen führt.

Die schnelle Verbreitung der Droge und das Auftauchen der mexikanischen Drogenkartelle stellen die Polizei und Ermittler vor ernste Probleme. Max Daniel von der niederländischen Polizei weiß sehr gut, was das Auftauchen der mexikanischen „Narcos“ und ihrer Drogenküchen bedeutet: „Wenn Mexikaner hier in Niederlande auftauchen, dann sind das keine Cowboys, die auf eigene Rechnung arbeiten. So etwas ist immer organisiert.“

„Es wirke auf ihn so, als ‚suchten sie nach Möglichkeiten, ihre Aktivitäten auf Europa auszuweiten, über Verbindungen mit lokalen Banden‘, sagt Jari Liukku, der bei Europol die Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität leitet. Noch gehe von Mexikanern in Europa keine Gewalt aus. ‚Aber natürlich stellen Kartelle eine Bedrohung dar, sie gehören zu den Hochrisiko-Gruppen der Organisierten Kriminalität‘.“

Das bedeutet aber auch über kurz oder lang, dass die Niederlande und ganz Europa zum Schauplatz von in aller Härte durch gezogenen Revierkämpfen zwischen den Kartellen werden wird.