Crystal Meth, die Kristalle des Methamphetamins. Wikimedia Commons, Radspunk, Bildlizenz: GNU Free Documentation License, CC BY-SA 4.0

Mexi­ka­nische Kar­telle in Europa: Jetzt rollt auch noch die „Crystal-Meth“-Welle über Deutschland

Der Corona-Dau­er­lockdown führt zu immer neuen Kata­strophen in der Gesell­schaft. Nachdem die Grenzen zuge­macht wurden und der Flug­verkehr fast zum Erliegen kam, ging der Dro­gen­handel auch zuerst in die Knie. Doch das Geschäft stellte sich schnell auf die neuen Bedin­gungen ein, das zeigt ein Bericht der Euro­päi­schen Beob­ach­tungs­stelle für Drogen und Dro­gen­sucht (EMCDDA). Kri­mi­nelle Orga­ni­sa­tionen seien leider sehr fle­xibel, sagt der Direktor von Europol, Frau Catherine De Boll, und würden neue Wege gehen, um ihr Netzwerk weiter zu entwickeln.

Einer davon ist das Auf­tauchen mexi­ka­ni­scher Kar­telle in Europa. Da es mit den Trans­porten und der Einfuhr etwas kom­pli­ziert wurde seit der Coro­nazeit, stellt man jetzt das Metham­phetamin direkt vor Ort her. Und die depri­mierten, ver­ein­samten Europäer scheinen immer öfter zu Drogen zu greifen, um den ganzen depres­siven Frust und die bleierne Lan­ge­weile wegzuhauen.

Die Uni­ver­sität Ams­terdam befragte 120 Can­na­bis­kon­su­menten und 63 Nicht-Can­nabis-Anwender bevor und nachdem der Lockdown ein­ge­führt wurde. „Das For­schungsteam um Janna Cousijn stellte fest, dass Gefühle von Ein­samkeit stark zuge­nommen haben. Sowohl Can­na­bis­kon­su­mie­rende als auch absti­nente Per­sonen fühlten sich im ersten Lockdown im Frühjahr ein­samer als vorher. (…) Während des Lock­downs haben die Per­sonen der Can­na­bis­gruppe ihren Can­na­bis­konsum bedeutsam gesteigert. Dies betraf nicht so sehr die Anzahl an Kon­sum­tagen. Die lag mit durch­schnittlich 20 Tagen im Monat ohnehin schon ver­gleichs­weise hoch. Vielmehr haben Kon­su­mie­rende die Menge gesteigert, also mehr Joints oder Bongs am Tag geraucht und mehr Can­nabis dabei ver­braucht als sonst. Die Zunahme des Can­na­bis­konsums scheint vor allem von dem Wunsch ange­trieben zu sein, sich besser zu fühlen. (…) Eine kana­dische Studie, die eben­falls vor und während des ersten Lock­downs im Frühjahr 2020 durch­ge­führt wurde, kommt zu ähn­lichen Ergeb­nissen. Demnach haben Can­na­bis­kon­su­mie­rende, die sich im Lockdown in soziale Iso­lation begeben haben, im Schnitt 20 Prozent mehr gekifft als befragte Per­sonen, die sich nicht iso­liert haben.“

Das Kiffen ist die harm­lo­seste Droge, um die Lan­ge­weile, die innere Leere, die Ein­samkeit und die Sorgen um die Existenz zu betäuben. Wesentlich alar­mie­render ist die rapide Zunahme der Menge an Metham­phetamin auf dem Markt. Diese Ent­wicklung hatte schon vor Corona begonnen, wurde aber offenbar durch die Pan­demie und besonders durch die Lock­downs noch befeuert.

Die eine Seite sind die Drogen und ihre Aus­wir­kungen auf die Gesundheit der Men­schen und der Gesell­schaft als ganzer. Die andere Seite sind die Männer der mexi­ka­ni­schen Dro­gen­kar­telle. Sie sind äußerst brutal, rück­sichtslos und grausam. In den letzten zwei Jahr­zehnten wurden allein in Mexiko selbst 119 Jour­na­listen und Jour­na­lis­tinnen ermordet, die in dieser Sache recher­chierten. Ein glo­bales Netzwerk inves­ti­ga­tiver Jour­na­listen startete eine Zusam­men­arbeit unter dem Namen „The Cartel Project“ nahm die Arbeit auf, recher­chierte die Todes­um­stände ihrer Kol­le­ginnen und Kol­legen, die ihr Leben bei der Aus­übung ihrer Berufung ver­loren haben und die weit­rei­chenden, poli­ti­schen Ver­bin­dungen der Kartelle.

Seit etwa zwei Jahren tauchen immer mehr mexi­ka­nische Tat­ver­dächtige in Europa auf, und immer öfter werden – vor allem in den Nie­der­landen —  solche Dro­gen­küchen aus­ge­hoben, manchmal auf Schiffen in den Grachten, manchmal sind es richtig pro­fes­sio­nelle, große Fer­ti­gungs­stätten. Das ist neu, stellen die Behörden fest. Bislang wurde in Ost­europa, bei­spiels­weise Tsche­chien, in kleinen Küchen­la­boren das Metham­phetamin zusam­men­ge­kocht. Heute wird in West­europa richtig im Unter­neh­mens­maßstab produziert.

Par­ty­drogen wir Amphetamin und Ecstasy sind prak­tisch out. Große Partys, auf denen man beseelt und glücklich, nur halt mit etwas Dro­gen­un­ter­stützung die ganze Nacht Spaß haben konnte, gibt es nicht mehr. Alles ist deutlich härter und bru­taler und ver­steckter geworden, auch die Drogen. Der NDR Reporter Benedikt Strunz dazu: „Diese Pro­duktion wird gerade umge­stellt auf das wesentlich gefähr­li­chere Metham­phetamin.“ Dazu werden die erfah­renen, mexi­ka­ni­schen Fach­leute nach Belgien und in die Nie­der­lande eingeflogen.

Die Par­ty­droge Aphetamin, auch „Speed“ genannt, ist mit dem wesentlich wirk­sa­meren und schäd­li­cheren Metham­phetamin oder „Crystal Meth“ eng ver­wandt. Das gibt es nicht erst seit kurzem. Es wurde 1919 zum ersten Mal in Japan von dem Che­miker Nagayoshi Nagai erzeugt.

In Deutschland wurde ab 1934 in den Ber­liner Temmler-Werken an einem wei­teren Ver­fahren zur Her­stellung von Metham­phetamin geforscht, das im Oktober 1937 paten­tiert wurde. Anschließend wurde Metham­phetamin 1938 unter der Marke Per­vitin von den Temmler-Werken in den Handel gebracht, die auch bis 2015 noch die Mar­ken­rechte hielten. Auch mit Per­vitin ver­setzte Pra­linen (soge­nannte „Haus­frau­en­scho­kolade“) waren erhältlich.

1938 gab es in Deutschland einen hohen Bedarf an den „Hallowach“-Pillen, denn man ver­ab­reichte es mit Absicht den deut­schen Sol­daten, um sie wach und alert zu halten, besonders an die Flieger mit ihren Dau­er­ein­sätzen und die Pan­zer­fahrer. Unter den deut­schen Sol­daten erhielt das Mittel dem­entspre­chende Namen: „Pan­zer­scho­kolade“ oder „Göring-Pillen“ und wurde natürlich gern genommen. Es stei­gerte das Durch­hal­te­ver­mögen und betäubte das Käl­te­gefühl, Hunger und Erschöpfung. Von Adolf Hitler ist auch bekannt, dass er ein Kon­sument dieser Droge war.

Es war anfangs ein frei­ver­käuf­liches Medi­kament namens Per­vitin mit einem Wirk­stoff­gehalt von 3 Mil­li­gramm Metham­phetamin. Doch schnell zeigte sich, dass es abhängig machte. 1941 wurde es als Betäu­bungs­mittel klassifiziert.

Doch auch nach dem Krieg benutzten Sportler das Per­vitin als Doping­mittel. Es unter­drückt Müdigkeit, Hunger und Schmerzen, ver­leiht ein kurz anhal­tendes, immenses Selbst­ver­trauen, das Gefühl, stark zu sein und gibt sub­jektiv dem Leben eine begeis­ternde Schnel­ligkeit. Aber es ver­ur­sacht auch Per­sön­lich­keits­ver­än­de­rungen, Psy­chosen und para­noide Zustände wegen des lang­an­dau­ernden Schlaf­ent­zuges. Außerdem können (bei höheren Dosie­rungen) Hal­lu­zi­na­tionen auf­treten. Da der Stoff sehr schnell die Blut-Hirn-Schranke über­windet, setzt die Wirkung äußerst heftig und unmit­telbar ein und hält etwa 10 Stunden an. Doch anschließend ist man voll­kommen erschöpft. Nach dem Hoch­gefühl im Rausch setzen meist Lethargie und Depres­sionen ein, die dann „Comedown“ (Her­un­ter­kommen) genannt wird.

„Auch in der deut­schen Politik waren Amphet­amine wei­terhin populär. Von Bun­des­kanzler Konrad Ade­nauer und dem US-ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­denten John F. Kennedy ist bekannt, dass sie zu bestimmten Zeiten Amphet­amine ein­nahmen.“ 

Der Stoff ist in der „Szene“ unter ver­schie­denen Namen bekannt: Crystal Meth, Meth, Crystal, Yaba, Crank oder Ice. Crystal gehört zu den Drogen, die am schnellsten den Men­schen kör­perlich und geistig zer­stören. Dadurch, dass es sehr schnell zur Abhän­gigkeit führt, ins­be­sondere psy­chisch. Die Liste der Neben­wir­kungen ist beachtlich: Das Immun­system wird geschwächt, die Haut ent­zündet sich, Zähne werden kariös und fallen aus, Magen­ge­schwüre und Herz­rhyth­mus­stö­rungen treten auf. Ein gere­gelter Schlaf ist kaum noch möglich. Akus­tische Hal­lu­zi­na­tionen und para­noide Wahn­vor­stel­lungen, Angst­stö­rungen sowie chro­nische Aggres­si­vität sind auch nicht gerade schlaf­för­dernd. Über dies ist Crystal auch noch neu­ro­to­xisch, also ner­ven­schä­digend. Was zu Kon­zen­tra­tions- und Gedächt­nis­stö­rungen führt.

Die schnelle Ver­breitung der Droge und das Auf­tauchen der mexi­ka­ni­schen Dro­gen­kar­telle stellen die Polizei und Ermittler vor ernste Pro­bleme. Max Daniel von der nie­der­län­di­schen Polizei weiß sehr gut, was das Auf­tauchen der mexi­ka­ni­schen „Narcos“ und ihrer Dro­gen­küchen bedeutet: „Wenn Mexi­kaner hier in Nie­der­lande auf­tauchen, dann sind das keine Cowboys, die auf eigene Rechnung arbeiten. So etwas ist immer organisiert.“

„Es wirke auf ihn so, als ‚suchten sie nach Mög­lich­keiten, ihre Akti­vi­täten auf Europa aus­zu­weiten, über Ver­bin­dungen mit lokalen Banden‘, sagt Jari Liukku, der bei Europol die Abteilung Schwere und Orga­ni­sierte Kri­mi­na­lität leitet. Noch gehe von Mexi­kanern in Europa keine Gewalt aus. ‚Aber natürlich stellen Kar­telle eine Bedrohung dar, sie gehören zu den Hoch­risiko-Gruppen der Orga­ni­sierten Kriminalität‘.“

Das bedeutet aber auch über kurz oder lang, dass die Nie­der­lande und ganz Europa zum Schau­platz von in aller Härte durch gezo­genen Revier­kämpfen zwi­schen den Kar­tellen werden wird.