Kees van der Pijl: Die bela­gerte Welt

Corona: Die Mobi­li­sierung der Angst – und wie wir uns daraus befreien können

Kees van der Pijl hat sein neu­estes Buch beim gemein­nüt­zigen Verlag der Poli­tik­chronist e.V. i.Gr. (www.politikchronist.org) ver­legen lassen. Er ver­steht es als Warnung und widmet es der Jugend. Kees van der Pijl, 1947 in Dor­drecht (Nie­der­lande) geboren, war bis 2019 Pro­fessor für Inter­na­tionale Bezie­hungen an der Uni­versity of Sussex. Umfas­sende Studien über trans­na­tionale Klassen und globale poli­tische Öko­nomie waren sein For­schungs­schwer­punkt. Er hat zahl­reiche Bücher ver­öf­fent­licht, die in viele Sprachen über­setzt wurden, und erklärt nun die poli­ti­schen Zusam­men­hänge und Hin­ter­gründe der Corona-Krise.

Kees van der Pijl ist ein Wis­sen­schaftler, der aus seiner Seele nie eine Mör­der­grube gemacht hat, und immer aus­sprach, was er dachte. Das hat ihm im wis­sen­schaft­lichen Estab­lishment viele Feinde ein­ge­bracht, aber auch viele Ver­ehrer. Auch mit diesem Buch, wird er sich wieder Ver­leum­dungen anhören müssen. Zum Bei­spiel die, ein “Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker” zu sein. Denn einige seiner Thesen sind nicht belegt und nicht beweisbar. Nun kann man sich fragen, warum zur poli­ti­schen Chronik ein solches Buch gehört.

Die Antwort darauf ist ziemlich einfach. In der Ver­gan­genheit hat es unzählige Male “Ver­schwö­rungs­theorien” gegeben, die sich später als Tat­sachen her­aus­stellten, und niemand mehr wollte dann etwas davon hören, dass es einmal Ver­schwö­rungs­theorien waren. Wenn man aber aus der Geschichte lernen will, sollte man das wissen und zur Kenntnis nehmen, um die Gegenwart beur­teilen zu können.

Deshalb ist es berechtigt und ange­messen, die Thesen, Mei­nungen eines ange­se­henen und erfah­renen Wis­sen­schaftlers auch dann zu ver­öf­fent­lichen, wenn sie zum Zeit­punkt der Erscheinung des Buches noch Spe­ku­lation sind, aber auf erst­ran­gigen Quellen basieren. Denn nur so können spätere Genera­tionen lernen, wie sie zeit­ge­nös­sische wis­sen­schaft­liche und poli­tische Aus­sagen zu werten haben. Aus der Ver­gan­genheit und dem Erkennen von Ver­hal­tens­mustern und Fak­ten­mu­ta­tionen ist es möglich, aktuelle “Wahr­heiten”, angeb­liche “FakeNews” oder “Ver­schwö­rungs­theorien” und wis­sen­schaft­liche Aus­sagen zu gewichten.

Hier zwei Unter-Kapitel aus seinem Buch:

Zyl­berman: Die meisten Bürger fordern den Lockdown

Aus­gehend von den Erfah­rungen mit der SARS-1-Epi­demie in China und Kanada und ins­be­sondere den dort auf Anraten der WHO (aber noch nicht ver­bindlich) ver­hängten Aus­gangs­sperren erstellte Patrick Zyl­berman eine umfas­sende Studie über deren sozi­al­psy­cho­lo­gische Folgen. Damit lie­ferte er auch das Material für die euro­päi­schen und anderen Regie­rungen, um die Mög­lich­keiten eines medi­zi­ni­schen Not­falls zur Wie­der­her­stellung der Dis­ziplin in der Bevöl­kerung abzu­wägen. Zyl­bermans Arbeit erinnert in vie­lerlei Hin­sicht an die Theorie der Risi­ko­ge­sell­schaft von Ulrich Beck, ist intel­ligent und kri­tisch, liest sich aber letztlich wie eine Recht­fer­tigung des Zeit­geistes und – in Zyl­bermans Fall – der „Maß­nahmen“, also des Lock­downs.[1]

Zyl­berman ver­brachte sechs Monate als Gast­for­scher am Munk Center for Inter­na­tional Studies und an der Munk School of Global Affairs, die beide an der Uni­ver­sität von Toronto ange­siedelt sind, wo SARS die größten Aus­wir­kungen außerhalb Chinas hatte. Der in Ungarn geborene Geschäftsmann Peter Munk, Eigen­tümer von Barrick Gold (dem größten Gold­berg­bau­un­ter­nehmen der Welt), hat diese Zentren finan­ziert. Wie sehr Barrick in die trans­na­tionale herr­schende Klasse ein­ge­bettet ist, zeigt z. B. die Direk­torin Dambisa Moyo aus dem mine­ra­li­en­reichen Sambia, die auch in den Vor­ständen von Chevron und Bar­clays sitzt, Mit­glied der Bil­derberg-Gruppe, des WEF usw. ist.[2] Dies sind die Kanäle (die in diesem Fall bis nach Afrika reichen), über die der Konsens zustande kommt, dass Abrie­gelung eine wirksame Antwort auf globale Unruhen sein kann, ein Konsens, der wie­derum global wird.

Von 2007 bis 2009, bevor 2013 das Buch Tem­pêtes micro­bi­ennes (Mikro­ben­stürme) erschien, zir­ku­lierte Zyl­bermans Arbeit in Form von Papieren für die in Toronto ansässige Lupina Foun­dation (die Gesund­heits­for­schung unter­stützt). Janice Stein war damals Direk­torin sowohl der Munk School (bis 2014) als auch (bis heute) der Lupina Foun­dation; sie ist eine ein­fluss­reiche Per­sön­lichkeit in nord­ame­ri­ka­ni­schen aka­de­mi­schen Kreisen. In den Jahren 2011/12 konnte sich der Autor bei Treffen an den Uni­ver­si­täten von Toronto und Princeton in Anwe­senheit von Pro­fessor Stein ein Bild von der Funk­ti­ons­weise dieser Kreis­läufe machen. In Princeton waren auch Ver­treter des Council on Foreign Rela­tions und des US-Außen­mi­nis­te­riums anwesend, während die Ford Foun­dation, das Car­negie Endowment, der German Mar­shall Fund und andere Agen­turen die jeweilige Ver­an­staltung spon­serten.[3] Die bei solchen Treffen gewon­nenen Erkennt­nisse werden somit Teil der Wis­sens­basis dieser und anderer Insti­tu­tionen, und das Gleiche gilt für Zyl­bermans Arbeit. Dass „Gesundheit“ im neuen Jahr­tausend in die inter­na­tionale Stra­tegie der herr­schenden Klasse inte­griert wurde, geht auch aus der Tat­sache hervor, dass 2004 der erste Lehr­stuhl für Gesundheit und Glo­ba­li­sierung am Council on Foreign Rela­tions ein­ge­richtet wurde, der von der Bill & Melinda Gates Foun­dation finan­ziert wird.

Zyl­bermans Unter­su­chungen zu den Abrie­ge­lungen während der SARS-Krise 2003 sind in der Öffent­lichkeit kaum bekannt, haben sich aber für die Bewäl­tigung der Covid-Krise als sehr wichtig erwiesen. Die in China und Toronto ergrif­fenen Maß­nahmen, wie die Qua­rantäne für Men­schen ohne Sym­ptome und die Rück­ver­folgung der Kon­takt­his­torie, waren nach Ansicht eines WHO-Experten „mit­tel­al­terlich“, aber wie sich her­aus­stellte, hat die große Mehrheit sie alle akzep­tiert. Mit anderen Worten: SARS‑1 hat deutlich gemacht, dass eine Bevöl­kerung im Falle einer Epi­demie gut kon­trol­liert werden kann. Das Vorbild für ein solch dras­ti­sches Regime war die Spa­nische Grippe von 1918, nicht die Grip­pe­epi­demien von 1958 und 1968. Denn obwohl in den beiden letzt­ge­nannten Fällen jeweils anderthalb Mil­lionen Opfer zu beklagen waren, ließen diese Grip­pe­epi­demien das Leben der anderen unbe­rührt. Damit eine Epi­demie als Recht­fer­tigung für einen Aus­nah­me­zu­stand „funk­tio­niert“, muss sie das gesell­schaft­liche Leben voll­ständig zer­stören, den Staat an den Rand des Zusam­men­bruchs bringen und die Moral der Bevöl­kerung erschüttern. Kurz gesagt, es muss eine Infek­ti­ons­krankheit geben, die alles zer­stört, die gesell­schaft­liche Struktur, die Insti­tu­tionen und die Sitten.[4] Eine solche Krise erleben wir heute, im Namen des „Virus“,in Wirk­lichkeit aber als Ergebnis der Lock­downs, nachdem sich das eigent­liche Virus als nicht schlimmer als eine Grip­pe­epi­demie her­aus­ge­stellt hat.

Die zuvor erwähnten Übungen und Simu­la­tionen auf der Grundlage von Sze­narien befassten sich mit Ver­hal­tens­fak­toren, die nicht im Voraus berechnet werden können, und zwar mit Hilfe von Modellen. Die Studien von Zyl­berman zielten statt­dessen darauf ab, her­aus­zu­finden, wie die kol­lektive Psy­cho­logie und die Dynamik der sozialen Bezie­hungen in einer schweren Gesund­heits­krise funk­tio­nieren, und dies erfor­derte einen anderen Ansatz. Die Kom­ple­xität der mensch­lichen Reak­tionen und ihrer spon­tanen Reflexe in einer Bevöl­kerung, die starken Ein­schrän­kungen unter­liegt, muss im Prozess selbst oder in ver­gleich­baren Situa­tionen unter­sucht werden. Sogar ein Video­spiel aus dem Jahr 2005 – World of War­craft, in dem es um eine Epi­demie ging, von der 4 Mil­lionen Men­schen betroffen waren – wurde in Betracht gezogen, um Erkennt­nisse über die emo­tio­nalen Reak­tionen der Spieler zu gewinnen. Es stellte sich heraus, dass der Staat viel mehr Macht ausüben kann, als man in der Ära der Pri­va­ti­sierung und Libe­ra­li­sierung ange­nommen hatte. In der SARS-Krise erwies sich eine erfolg­reiche Dis­zi­pli­nierung der Bevöl­kerung als möglich und vergleichs­weise einfach. Denn obwohl Qua­rantäne und Schul­schlie­ßungen nicht nötig waren (Men­schen ohne Sym­ptome konnten das Virus nicht über­tragen, Kinder auch nicht), wurde die frei­willige Ein­schließung dennoch akzep­tiert. Zyl­berman zufolge war eine neue Kraft am Werk, eine neue Fiktion sogar: ein extremer Bür­gersinn, ja sogar Patrio­tismus. Gewiss, die Men­schen in der Qua­rantäne leiden unter Ein­samkeit, unter dem Abge­schnit­tensein von der Welt, unter Lan­ge­weile und Angst. Je länger die Qua­rantäne dauerte, desto mehr Depres­sionen und Stress gab es, dazu kam die Angst, Arbeit und Ein­kommen zu ver­lieren. Trotz alledem wurde akzep­tiert, dass die Gesichts­masken auch zu Hause getragen werden mussten. Die oft wider­sprüch­lichen Anwei­sungen der Behörden ver­schärften Frus­tration und Unruhe, und dennoch befolgten die Men­schen sie weit­gehend.[5] Könnte dies den­je­nigen ent­gangen sein, die über mög­liche Reak­tionen auf die welt­weiten Volks­un­ruhen nach­denken und/oder für den der­zei­tigen Aus­nah­me­zu­stand ver­ant­wortlich sind?

Während der SARS-Epi­demie wurde das Gesund­heits­per­sonal sehr bewundert, ähnlich wie Polizei und Feu­er­wehr­leute am 11. Sep­tember. Man ver­traute diesen Streitern an vor­derster Front viel mehr als Regie­rungen, die sich selbst wider­sprechen, und dieses Ver­trauen machte die Men­schen bereit zu gehorchen, wie­derum aus einer all­ge­gen­wär­tigen „Bür­ger­pflicht“ heraus. Zyl­berman rechnet vor, dass 50 bis 68 Prozent gehorchten, nur etwa 15 Prozent waren Dis­si­denten. Diese Pro­zent­sätze galten auf beiden Seiten des Atlantiks in ver­gleich­baren Situa­tionen, etwa in Frank­reich während der Vogel­grippe und wahr­scheinlich auch im aktu­ellen Ausnahmezustand.

Maß­nahmen zur Bewäl­tigung von Epi­demien gab es schon lange vorher. Die bri­tische Gesetz­gebung sah bereits Ende des 19. Jahr­hun­derts die Inhaf­tierung in Kran­ken­häusern vor, und 1936 war dafür nicht einmal mehr ein Gerichts­be­schluss erfor­derlich. Ab 1984 war es nicht mehr not­wendig, zu beweisen, dass jemand infi­ziert war. Das ver­stieß selbst­ver­ständlich gegen die Euro­päische Men­schen­rechts­kon­vention. Nach 9/11 wurden auch in den USA neue Bestim­mungen ein­ge­führt. Ein Gou­verneur eines Bun­des­staates konnte fortan aus gesund­heit­lichen Gründen den Not­stand aus­rufen, und die Gesund­heits­be­hörden erhielten weitaus größere Befug­nisse. Wider­spruch war von nun an strafbar. Die Idee dahinter ist: Der Schutz der öffent­lichen Gesundheit schafft alle Rechte der Pri­vat­sphäre und der Bür­ger­rechte ab. Immer wieder wurde das Gespenst eines bio­ter­ro­ris­ti­schen Angriffs her­auf­be­schworen, und die Maß­nahmen, auf die die Behörden zurück­greifen konnten, beschränkten sich nicht auf Qua­rantäne, Zwangs­be­handlung und Iso­lierung, hinzu kamen der Einsatz der Armee und die Zensur der Medien. Alle diese Maß­nahmen wurden 2001 in einem US-Bun­des­gesetz ver­ankert, auch Polizei und Natio­nal­garde erhielten ent­spre­chende Befug­nisse. Aber auf diese Weise, argu­men­tiert Zyl­berman, wird die „öffent­liche Gesundheit“ zwangs­läufig zur reinen Tyrannei.[6] Man kann es auch umdrehen und zu dem Schluss kommen, dass, wenn das Ziel darin besteht, Tyrannei zu erzwingen, sich die öffent­liche Gesundheit als eine äußerst wirksame Recht­fer­tigung erwiesen hat, um dies zu erreichen, ohne dass man es Tyrannei nennen muss.

Doch es besteht immer die Gefahr von Unruhen. Bür­ger­pflicht ist ein zwei­schnei­diges Schwert: Ich gehorche, weil es in meinem eigenen Interesse ist, aber eigentlich will ich es nicht. Deshalb müssen Ein­schrän­kungen wirksam gefördert werden. Abwei­chende Mei­nungen, ja selbst Gerüchte, die das Ver­trauen in die Gesund­heits­be­hörden unter­graben könnten, müssen aktiv bekämpft werden. Es kann auch zu einem gefähr­lichen Miss­ver­hältnis zwi­schen unbeug­samen staat­lichen Maß­nahmen und den dif­fe­ren­zier­teren Ansichten von Experten kommen, die sich auf tat­säch­liche Fakten und Zahlen stützen und nicht unbe­dingt darauf abzielen, die Panik auf­recht zu erhalten. Je länger es dauert, desto mehr wird man auf die dif­fe­ren­zierten Experten hören, lautet Zyl­bermans Schluss­fol­gerung.[7]

Die Ähn­lich­keiten mit der aktu­ellen Covid-Krise sind frap­pierend. Die SARS-1-Epi­demie, das Schlüs­sel­bei­spiel für Zyl­berman, hat gezeigt, was möglich ist, wenn ein natio­naler Aus­nah­me­zu­stand, der von einer mili­tanten Bür­ger­schaft getragen wird, auf­recht­erhalten werden soll. Jeder Bürger muss ein Kämpfer für die Sache werden. In dieser patrio­ti­schen, fah­nen­stür­menden Atmo­sphäre sei es sehr schwierig, eine frontale Oppo­sition zu führen. Sie ist auch nicht was­ser­dicht: Wenn der mili­tante Super­bürger her­aus­findet, dass die „Maß­nahmen“ in Wirk­lichkeit der Gesundheit des Ein­zelnen schaden, dann wird etwas anderes pas­sieren. Der Hur­rikan Katrina in New Orleans war in dieser Hin­sicht sehr anschaulich, denn selbst die „Helden“ (Polizei und Ret­tungs­kräfte) erschienen manchmal nicht, weil ihre eigenen Familien in Gefahr waren. Etwas Ähn­liches kann pas­sieren, wenn die Men­schen, wenn auch zäh­ne­knir­schend, Lock­downs, Gesichts­masken, soziale Distan­zierung, Besuchs­be­schrän­kungen und Aus­gangs­sperren akzep­tieren, die alle glei­cher­maßen absurd sind, aber bei der „Impfung“, wenn der eigene Körper den Behörden anver­traut werden soll, eine Grenze ziehen. Tat­sächlich hat sich sogar diese mög­liche rote Linie als weit­gehend ima­ginär erwiesen.

Das Lock-Step-Sze­nario der Rockefeller-Stiftung

Zyl­bermans Buch wurde 2013 in fran­zö­si­scher Sprache ver­öf­fent­licht, aber wie erwähnt zir­ku­lierten seine Schluss­fol­ge­rungen in Form von Papieren in den Jahren 2009/10 in Netz­werken, die bei den Munk-Insti­tu­tionen an der Uni­ver­sität von Toronto zusam­men­laufen. 2010 wurde seine Idee der Sze­narien mit dem gemein­samen Bericht der Rocke­feller Foun­dation und des Global Business Network (GBN) (einer Toch­ter­ge­sell­schaft von Deloitte, die sich mit der Ent­wicklung von Sze­narien befaßt) auf spek­ta­kuläre Weise umge­setzt. Spek­ta­kulär auch deshalb, weil es für uns als Zeugen der Covid-Kata­strophe fast unglaublich ist, in einem Dokument, das vor zehn Jahren erstellt wurde, das Sze­nario für das zu lesen, was jetzt pas­siert, und zwar in allen Einzelheiten.

In ihrem Vorwort zu dem Bericht preist die Prä­si­dentin der Rocke­feller-Stiftung die Sze­na­ri­en­planung als die beste Mög­lichkeit, das Denken des Status quo zu über­winden, indem sie Erzäh­lungen der Zukunft liefert. Gruppen und Ein­zel­per­sonen müssen in diesem krea­tiven Prozess ange­leitet werden, und mit Hilfe einer Geschichte (d. h. einer Erzählung mit einer gewissen inneren Logik) können Ereig­nisse in Gang gesetzt werden, die aktu­ellen Ent­wick­lungen eine gewisse Wendung geben, oft auf über­ra­schende Weise.[8] (Wir werden den Autor des Vor­worts im Namen von GBN, Peter Schwartz, später als Direktor für Stra­tegie bei Sales­force wie­der­treffen, einem IT-Unter­nehmen, das in den Markt für Impf­pässe und bio­me­trische Iden­ti­fi­zierung ein­ge­stiegen ist).

Wir haben bereits gesehen, dass nach dem Zusam­men­bruch des sowje­ti­schen Kon­kur­renz­blocks und des Kom­mu­nismus Sze­narien zum Ersatz für die Herr­schafts­kon­zepte (Unter­nehmens- und kor­po­ra­tiver Libe­ra­lismus, Neo­li­be­ra­lismus) wurden, mit denen zuvor Macht aus­geübt worden war. Anstelle einer mehr oder weniger sta­bilen Klas­sen­kon­stel­lation, deren (unge­schrie­bener) Gesell­schafts­vertrag in einem quasi-staa­t­­li­chen, breit akzep­tierten Pro­gramm zum Aus­druck kommt, evo­zieren Worst-Case-Sze­narien Visionen der Angst, denen sich die Bürger unter­werfen, weil es keine andere Mög­lichkeit gibt, dem dro­henden Unheil zu ent­gehen, als den Anwei­sungen der Regierung zu folgen. Während ein Herr­schafts­konzept seine Logik aus den tat­säch­lichen Kräf­te­ver­hält­nissen zwi­schen den Klassen ableitet und somit an Wirk­samkeit ver­liert, sobald sich diese grund­legend ändern, ver­lässt sich ein Sze­nario auf die Logik seiner eigenen Handlung. Seine Autoren können nur hoffen, dass es auch als „logisch“ daher­kommt, wobei sie sich um die Medien keine Sorgen machen müssen, die schließlich einen zen­tralen Teil der Fraktion im Herzen des neuen Macht­blocks bilden. Aber wie Zyl­berman elo­quent dar­gelegt hat, befinden wir uns jetzt im Reich der Fan­tasie, die Geschichte ist im Wesent­lichen erfunden. Wie wir in Kapitel 6 sehen werden, ist es daher wichtig, dass Edelman, die PR-Firma, die sich mit der Ent­wicklung solcher Nar­rative als Wer­be­in­strument einen Namen gemacht hat, eine so wichtige Rolle bei der Vor­be­reitung der aktu­ellen Covid-Krise spielte. Anfang 2021 kam die­selbe Agentur auf der Grundlage von Umfragen in 28 Ländern zu dem Schluss, dass das Corona-Sze­nario letztlich ein Fehl­schlag war. Wir werden später darauf zurückkommen.

Im Rocke­fel­ler/GBN-Bericht werden vier Sze­narien erörtert, von denen drei eigentlich keine Rolle spielen. Sze­nario 1 handelt von einer Welt, in der alles rei­bungslos läuft und alle glücklich zusam­men­ar­beiten, während 3 und 4 jeweils einen völ­ligen Zusam­men­bruch beschreiben, das eine wirt­schaftlich, das andere poli­tisch, so dass keine Sto­ryline hier viel wei­ter­helfen wird. Das Sze­nario, das uns inter­es­sieren sollte, ist Nr. 2, Lock Step. Es beschreibt eine „Welt mit stren­gerer staat­licher Kon­trolle von oben nach unten und auto­ri­tärer Führung, mit begrenzter Inno­vation und wach­sendem Wider­stand der Bürger“.

Es geht um eine extrem viru­lente Grip­pe­pan­demie, die 2012 in China beginnt. Fast 20 Prozent der Welt­be­völ­kerung werden infi­ziert, 8 Mil­lionen sterben – kurz gesagt: eine echte Kata­strophe. Die USA kommen mit dem Notfall sehr schlecht zurecht, die chi­ne­sische Regierung hin­gegen reagiert schnell: Sie setzt „eine obli­ga­to­rische Qua­rantäne für alle Zivi­listen sowie die sofortige und nahezu her­me­tische Abrie­gelung aller Grenzen“ durch. Dies „rettet Mil­lionen von Men­schen­leben, stoppt die Aus­breitung des Virus viel früher als in anderen Ländern und ermög­licht eine schnellere post­pan­de­mische Erholung“.

In der Zwi­schenzeit haben laut dem Rocke­fel­ler/GBN-Bericht immer mehr Regie­rungen Maß­nahmen wie Gesichts­masken in Geschäften und öffent­lichen Bereichen ergriffen, die auch nach dem Abklingen der Pan­demie in Kraft bleiben. Die auto­ritäre Über­wa­chung der Bürger und ihrer Akti­vi­täten wird sogar noch inten­si­viert. Das alles ist genau das, was wir heute erleben. Die Staats- und Regie­rungs­chefs auf der ganzen Welt ziehen die Zügel an, „um sich vor der Aus­breitung zunehmend glo­baler Pro­bleme zu schützen – von Pan­demien und grenz­über­schrei­tendem Ter­ro­rismus bis hin zu Umwelt­krisen und wach­sender Armut“.

Es ist nicht schwer, in den „zunehmend glo­balen Pro­blemen“, vor denen sich die Staats- und Regie­rungs­chefs in aller Welt schützen mussten, die wach­sende Unruhe in der Welt­be­völ­kerung, die wir als Haupt­grund für die Errichtung des Covid-Aus­nah­me­zu­stands iden­ti­fi­ziert haben, und die Gefahr von Auf­ständen zu erkennen. Was sind „trans­na­tio­naler Ter­ro­rismus“ und „zuneh­mende Armut“ anderes als Schlag­worte, die sich auf die Ursache dieser Unruhen und ihren mög­lichen Aus­bruch beziehen? Lock Step ist das Mittel dagegen. „Zunächst“, heißt es in dem Bericht über die fik­tiven Abrie­ge­lungen, „fand die Vor­stellung einer stärker kon­trol­lierten Welt breite Akzeptanz und Zustimmung.“ Die Bürger geben bereit­willig einen Teil ihrer Sou­ve­rä­nität – und ihrer Pri­vat­sphäre – an pater­na­lis­ti­schere Staaten ab, im Gegenzug für mehr Sicherheit und Stabilität.

Dies spiegelt Zyl­bermans Schluss­fol­ge­rungen wider: Die Mehrheit will die Abrie­gelung. Die Bürger sind tolerant, ja sogar erpicht darauf, von oben gelenkt und beauf­sichtigt zu werden, und die Staats­ober­häupter haben oft einen uner­war­teten Spielraum, die Ordnung so durch­zu­setzen, wie sie es für richtig halten. In den Indus­trie­ländern nahm diese ver­stärkte Kon­trolle viele Formen an: Bio­me­trische Aus­weise für alle Bürger gehörten dazu.[9] Der Bericht gab zu bedenken, dass die Bevöl­kerung diese Ein­schrän­kungen nicht unbe­grenzt akzep­tieren würde. Er pro­gnos­ti­zierte jedoch, dass die Men­schen die auto­ritäre Wende erst 2025 (13 Jahre nach dem fik­tiven Kata­stro­phenjahr 2012) wirklich ablehnen würden, so dass die Ver­än­de­rungen in der Zwi­schenzeit unum­kehrbar geworden und das neue Regime so fest ver­ankert wäre, dass es keine Rückkehr mehr geben könne.

Das Lock-Step-Sze­nario iden­ti­fi­ziert die IT-Revo­lution auch als Grund­lage, auf der intensive Über­wa­chung möglich wird und die bestehende Ordnung gesi­chert werden kann. Um die Krise zu über­winden, schlägt der Bericht daher vor, die Wirt­schaft umzu­ge­stalten und ganz auf die Errun­gen­schaften der IT-Revo­lution zu stützen. Denn in diesem Bereich hat der Westen dank der Inter­net­mo­nopole mit ihren großen For­schungs­budgets noch alle Trümpfe in der Hand. Heute kennen wir dieses Projekt als The Great Reset, pro­pa­giert vom Welt­wirt­schafts­forum seit den 1990er Jahren unter ver­schie­denen Namen, aber mit dem­selben Inhalt (eine digitale Welt­wirt­schaft). Weil der IT-Sektor haupt­sächlich im Westen ange­siedelt ist, können hier große Schritte nach vorne gemacht werden. Länder wie Russland und Indien hin­gegen werden sich nur durch pro­tek­tio­nis­tische Maß­nahmen gegen diese west­liche Über­macht schützen können, so der Rocke­fel­ler/GBN-Bericht. Man beachte, dass China hier nicht eben­falls als Ant­agonist auf­ge­führt wird, weil zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung des Berichts die Bezie­hungen zu Peking noch relativ gut waren (was sich auch in den Kom­pli­menten für China auf­grund seines ent­schie­denen Vor­gehens gegen die fiktive Pan­demie zeigt).

Dieser Rocke­fel­ler/GBN-Bericht allein reicht aus, um zu zeigen, dass die Sank­tionen, die 2020 ver­hängt wurden, schon lange vor Covid-19 in Druck waren – als Antwort auf Her­aus­for­de­rungen, vor denen der Westen stand, als der Finanz­kollaps von 2008 die glo­balen Unruhen aus­löste, die ich als Haupt­problem des kapi­ta­lis­ti­schen Regimes betrachte, und nicht so sehr als Antwort auf einen angeb­lichen medi­zi­ni­schen Notfall.

Die EU war von Anfang an ein wich­tiger Akteur in dieser Ent­wicklung. Denn dort waren die sozialen Unruhen am größten, vor allem in Frank­reich, während die Reserven, um eine pro­duktive Antwort darauf zu ent­wi­ckeln, vor allem in Süd­europa weit­gehend erschöpft waren. 2012 ver­öf­fent­lichte die EU einen bemer­kens­werten Comic, Infected, über die Aus­breitung eines gefähr­lichen Virus aus China, hier als Aben­teu­er­ge­schichte dar­ge­stellt. Im Nachwort zu diesem Comic, einer gelinde gesagt sehr unge­wöhn­lichen EU-Publi­kation, wird auch deutlich, dass es sich nicht um Zeit­ver­treib, sondern um Pro­pa­ganda handelt. Darin wird die Inter­na­tionale Minis­ter­kon­ferenz zur Vogel­grippe in Peking im Januar 2006 erwähnt, auf der mehr als 100 Länder eine Erklärung unter­zeich­neten, in der sie sich ver­pflich­teten, Infor­ma­tionen über nationale Pläne zur Bekämpfung der Epi­demie zu ent­wi­ckeln und aus­zu­tau­schen. Dies stand im Ein­klang mit den WHO-Gesund­heits­vor­schriften von 2005. Unter der Über­schrift „Kom­mu­ni­kation“ dort steht im Post­skriptum, es wäre viel­leicht besser, wenn die Experten auf diesem Gebiet zugäben, dass sie nicht alles so genau wissen. Dies sei nach Ansicht der EU die beste Stra­tegie, um das Ver­trauen der Öffent­lichkeit zu gewinnen. Das macht es für die Regie­rungen natürlich nicht ein­facher, aber die Alter­native ist, das Ver­trauen der Öffent­lichkeit durch wider­sprüch­liche Aus­sagen zu ver­lieren.[10] Wir wissen jetzt: Regierung und Experten können erklären, Gesichts­masken seien unnötig und sogar schädlich, und zwei Wochen später das Gegenteil behaupten – es wird kaum Beschwerden geben.

Das Rocke­feller-GBN-Lockstep-Sze­nario im Jahr 2010, die Berichte von Zyl­berman zuvor und die Ent­wicklung expe­ri­men­teller Gen­the­rapien, die uns später als „Impf­stoffe“ ver­kauft werden sollten, ja sogar der EU-Comic über die aus China stam­mende Virus­in­fektion – all das deutete darauf hin, dass für die west­liche herr­schende Klasse ein bio­po­li­ti­scher Aus­nah­me­zu­stand zu einer ernst­haften Option geworden war. Ob China bei diesem Unter­fangen Ver­bün­deter oder Gegner sein würde, blieb jedoch abzuwarten.

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Kees van der Pijl: Die bela­gerte Welt, ver­fügbar in 5 ver­schie­denen Buch­for­maten. Hard­cover 223 Seiten, 24,90 Euro, verlegt durch den gemein­nüt­zigen Verein Der Poli­tik­chronist e.V. i.Gr. https://www.politikchronist.org/index.php/shop/product/68-die-belagerte-welt-hardcover.html

Jochen Mit­schka

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(Trans­pa­renz­in­for­mation: Jochen Mit­schka ist 1. Vor­sit­zender des Vereins www.politikchronist.org)

[1] Ulrich Beck, Risi­ko­ge­sell­schaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt: Suhrkamp 1986.

[2] Peter Phillips, Giants. The Global Power Elite [Vorwort, W.I. Robinson]. New York: Seven Stories Press. 2018, p. 124.

[3] Siehe The Disci­pline of Western Supremacy. Bd. III von Modes of Foreign Rela­tions and Poli­tical Economy. London: Pluto Press, 2014, pp, 229–30.

[4] Zyl­berman, Tem­pêtes micro­bi­ennes, S. 152.

[5] Ebd., S. 425f.

[6] Ebd., S. 415, 402–3.

[7] Ebd., S. 430–31.

[8] Rocke­feller Foun­dation und Global Business Network, Sce­n­arios for the Future of Tech­nology and Inter­na­tional Deve­lo­pment [Judith Rodin, Peter Schwartz, Vor­worte]. New York: Rocke­feller Foun­dation und San Fran­cisco: Global Business Network, 2010, S. 9

[9] Ebd., S. 18–9,

[10] EU Publi­ca­tions Office. Infected. (31. Januar 2012) pdf (Online).