Vera Lengsfeld: Die Fried­liche Revo­lution 1989/90 und ihre Feinde

Dreißig Jahre nach der Fried­lichen Revo­lution und der fol­genden Ver­ei­nigung der beiden deut­schen Teil­staaten beginnt die von Annetta Kahane, auch bekannt als ehe­malige IM Vic­toria (Inof­fi­zielle Mit­ar­bei­terin der Staats­si­cherheit der DDR), geleitete Amadeu Antonio-Stiftung mit der Umschreibung der Geschichte.

Den Start­schuss dazu gab Kahane anlässlich des dies­jäh­rigen Jah­res­tages der Ver­ei­nigung der beiden deut­schen Teil­staaten. Die reichlich flie­ßenden staat­liche Sub­ven­tionen werden dazu benutzt, eine neue Geschichts­le­gende auf­zu­bauen. Die Fried­liche Revo­lution soll nicht so friedlich gewesen sein, sondern im Keim Ras­sismus und Gewalt gegen Ver­trags­ar­beiter der DDR in sich getragen haben:

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Kahane in einem Edi­torial: „Diese Gewalt kam aus dem Bauch der DDR-Gesell­schaft, aus der in den 1980er Jahren auch ein veri­tabler Rechts­ex­tre­mismus ent­standen war. Die DDR hatte sich nicht dem Erbe des Natio­nal­so­zia­lismus gestellt. Und so über­win­terten Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus. Der Bodensatz blieb trotz des erklärten Anti­fa­schismus unan­ge­tastet. Und als die Mauer weg war und die staat­liche Kon­trolle über die öffent­liche Meinung ver­schwunden, brach sich die ras­sis­tische Gewalt Bahn. Nazis und ein­fache Bürger fei­erten die Einheit – auch ver­bunden mit Parolen und Gewalt gegen Vertragsarbeiter*innen, Schwarze Men­schen und BPOCs. Dieses Jahr wird zum ersten Mal öffentlich daran erinnert“.

Sekun­diert wird diese Geschichts­fäl­schung von der TAZ. Ihr Autor Patrice Poutrus, His­to­riker, nach eigenen Angaben aktiv in der DDR-Oppo­sition, schreibt:

„Auf manchen Mon­tags­demos kam es schon sehr früh zu aus­län­der­feind­lichen For­de­rungen, ins­be­sondere an Orten, wo Vertragsarbeiter*innen beschäftigt waren. Später, und kei­neswegs erst auf For­derung der Treuhand, wurden deren Wohn­heime geschlossen, Arbeits­ver­träge auf­gelöst, Kopf­prämien für Rück­reisen gezahlt. Das alles war begleitet von einem zuse­hends offen feind­se­ligen bis gewalt­tä­tigen Klima gegenüber den Vertragsarbeiter*innen. Das Ergebnis war, dass im Vorfeld des Tages der Deut­schen Einheit 1990 befürchtet wurde, dass es zu schweren Aus­schrei­tungen gegenüber Ausländer*innen kommen würde“.

Diese Geschichts­klit­terung ist infam.

Was Kahane betrifft, könnte sie wissen, dass DDR-Neo­nazis oft in enger Ver­bindung mit der Staats­si­cherheit standen. Besonders nach deren Überfall auf ein Punk-Konzert in der Zions­kirche 1987 wurden evan­ge­lische Gemeinden gern von staat­licher Seite gewarnt, man könne sie nicht vor einem neo­na­zis­ti­schen Überfall schützen, wenn in ihren Räumen eine Ver­an­staltung der Bür­ger­rechts­be­wegung statt­fände. Es gibt zahllose Berichte, dass die Volks­po­lizei und die Stasi, die rings um die Zions­kirche standen, als der Überfall stattfand, den Angreifern freie Hand ließen.

Besonders geschichts­fäl­schend ist Kahanes indi­rekte Behauptung, der angeb­liche Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus der Bevöl­kerung hätte nur mühsam durch „Kon­trolle über die öffent­liche Meinung“ in Zaum gehalten werden können. Das Gegenteil war der Fall. Anti­se­mi­tismus in Form von Israelhass wurde von der SED-Pro­pa­ganda geschürt. Nicht nur das. Das Politbüro hatte vor, die „Pro­to­koll­strecke“, das heißt die Ver­bindung vom Regie­rungs­städtchen Wandlitz zum ZK-Gebäude durch den Jüdi­schen Friedhof Wei­ßensee zu führen. Erst durch die von der Bür­ger­rechts­be­wegung ange­sto­ßenen Pro­teste, die ein inter­na­tio­nales Echo fanden, wurde dieses Vor­haben gestoppt.

Was den angeb­lichen Ras­sismus betraf, so muss Kahane in einer anderen DDR gelebt haben als ich. Aus­länder waren rar und bewundert. Auch der häss­lichste Schweizer wurde sehn­süchtig auf Hei­rats­chancen abge­checkt. Aber nicht nur Schweizer. Eine Freundin meiner Schwä­gerin, Medi­zin­stu­dentin, hatte das große Los gezogen und einen Thai­länder gehei­ratet. Sie wurde vielfach beneidet. Erst in West­berlin wurde sie gefragt, wieso ein hüb­sches und begabtes Mädchen wie sie, so einen Aus­länder, es fiel manchmal auch ein abwer­ten­derer Aus­druck, gehei­ratet hätte. Sie hat im Westen den Ras­sismus ken­nen­ge­lernt, den es in der DDR so nicht gab.

Was die Ver­trags­ar­beiter betraf, die wurden von der Bevöl­kerung iso­liert, selbst die aus den sozia­lis­ti­schen Bru­der­ländern. Das erlebte ich in Leipzig, als Stu­dentin der ML-Geschichte. Ich war auf Besuch in einem Heim in der Ger­ber­straße, wo junge Ungarn wohnten, die hier ihren Fach­ar­beiter machten. Obwohl ich in der Küche „auf­ge­griffen“ wurde, wo eine Freundin dabei war, mich in die Geheim­nisse des in Schmalz ein­ge­legten Papri­ka­huhns ein­zu­weihen, wurde ich von den Poli­zisten wie eine Nutte behandelt, der Sektion gemeldet und mit Exma­tri­ku­lation bedroht, sollte ich noch einmal bei den Ungarn „erwischt“ werden.

Viet­na­me­sinnen, die eine Beziehung zu einem Viet­na­mesen oder Deut­schen ein­gingen und schwanger wurden, mussten sich einer Zwangs­ab­treibung unter­werfen oder wurden nach Vietnam abge­schoben. Es war die Bür­ger­rechts­be­wegung, die ab Mitte der 80er Jahre immer wieder darauf auf­merksam machte, wie unmenschlich der SED-Staat seine Ver­trags­ar­beiter behandelte.

Das müsste auch TAZ-Autor Poutrus wissen, der ja dabei gewesen sein will.

Statt­dessen schreibt er gemäß dem Motto meines Lieb­lings­sa­ti­rikers Sta­nisław Jerzy Lec: „Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht“. Abge­sehen davon, dass er keinen ein­zigen Beweis für seine Behauptung bringt, bei den Mon­tags­de­mons­tra­tionen hätte es aus­län­der­feind­liche Parolen gegeben, fährt er fort, man hätte „Wohn­heime geschlossen, Arbeits­ver­träge auf­gelöst, Kopf­prämien für Rück­reisen gezahlt. Das alles war begleitet von einem zuse­hends offen feind­se­ligen bis gewalt­tä­tigen Klima gegenüber den Vertragsarbeiter*innen. Das Ergebnis war, dass im Vorfeld des Tages der Deut­schen Einheit 1990 befürchtet wurde, dass es zu schweren Aus­schrei­tungen gegenüber Ausländer*innen kommen würde“.

Es waren kei­neswegs die Mon­tags­de­mons­tranten, die dies taten, sondern die DDR-Behörden, die Ver­trags­ar­beiter gewaltsam zur Aus­reise zwangen oder in die Ille­ga­lität trieben. Es waren die Bür­ger­rechtler, die dies anpran­gerten und sich für Blei­be­rechte der Ver­trags­ar­beiter einsetzten.

Es kam zu kei­nerlei aus­län­der­feind­lichen Demons­tra­tionen im Vorfeld der Deut­schen Einheit. Poutrus spricht von „Befürch­tungen“, um den Gift­pfeil dennoch zu setzen. Was spätere Aus­schrei­tungen betraf, wie in Rostock-Lich­ten­hagen, wurde nie unter­sucht, wer die Hin­ter­männer waren.

Zu befürchten ist, dass Annetta Kahane und ihre wil­ligen Helfer in Zukunft ver­stärkt Steu­er­gelder ein­setzen werden, um die Fried­liche Revo­lution zu verunglimpfen.

Um zu erklären, wie es dazu kommen konnte, muss man in die Zeit vor dem Mau­erfall zurück­gehen. Für große Teile der west­deut­schen Linken war die DDR der bessere deutsche Staat, weil sie ihn nicht aus­halten mussten. Aber bis hin zur CDU-Führung hatte die linke Sicht auf den SED-Staat Akzeptanz gewonnen. Auf dem Bremer Par­teitag der CDU 1989 sollte den „Geraer For­de­rungen“ des Partei- und Staats­chefs Erich Hon­ecker ent­sprochen und die DDR als selbst­stän­diger Staat aner­kannt werden. Damals war die Par­tei­basis noch nicht links gewendet und der Antrag von Gene­ral­se­kretär Heiner Geissler wurde vom Tisch gefegt.

Nicht aus­zu­denken, was pas­siert wäre, hätte die Regierung Kohl im Sommer 1989 die DDR als sou­ve­ränen Staat anerkannt.

Als die Fried­liche Revo­lution Fahrt aufnahm und die Mauer fiel, gab es neben der SED zahllose Stimmen von west­deut­schen Linken, die sich für die SED stark machten und vor der Ver­ei­nigung warnten. Es wurde bis in die CDU hinein das Gespenst eines neuen Natio­na­lismus und Rechts­rucks in einem ver­einten Deutschland an die Wand gemalt.

Wie wir wissen, wäre es nicht zur Ver­ei­nigung gekommen, wenn die Men­schen auf den Straßen der DDR nicht einen unwi­der­steh­lichen poli­ti­schen Druck ent­faltet hätten. Die große Mehrheit wollte keine Demo­kra­ti­sierung der DDR, sondern die Ver­ei­nigung ohne Wenn und Aber.

Bekanntlich haben die Ver­ei­ni­gungs­gegner die Schlacht ver­loren. Sie haben aber nie auf­ge­geben. Wenn die DDR schon nicht zu retten war, sollte wenigstens die SED zur bes­seren linken Partei werden. Der Taschen­spie­ler­trick des letzten SED-Vor­sit­zenden Gysi, die Partei einfach umzu­be­nennen, funk­tio­nierte. Heute gehört die SED-Linke zu den Demo­kraten. Ihre tota­litäre Ver­gan­genheit wird zunehmend vergessen.

Schon 1994, nur vier Jahre nach dem schmäh­lichen Ende der DDR, saß die SED-PDS in Sachsen-Anhalt schon wieder am Kat­zen­tisch der Regierung. Bei der letzten Bun­des­tagswahl hat sie zwar nicht mehr die 5%-Hürde über­wunden, bekam aber Schüt­zen­hilfe von der SPD, die mit der SED-Linken zwei Lan­des­re­gie­rungen bildet, in Meck­lenburg-Vor­pommern sogar mit einem stärker sta­si­be­las­teten Koali­ti­ons­partner, als offi­ziell zuge­geben wird. Das Ganze nennt sich dann auch noch „Auf­bruch 2030“.

Wohin dieser Auf­bruch gehen soll, kann man schon absehen. Nach dreißig Jahren soll end­gültig mit dem Erbe der Fried­lichen Revo­lution auf­ge­räumt werden.

Die Geschichte, sagt man, wird von den Siegern geschrieben. Es wird höchste Zeit klar­zu­stellen, dass es nicht die Kahanes waren, die 1989 gesiegt haben. Sie dürfen auch in der von ihnen ange­zet­telten Kon­ter­re­vo­lution nicht gewinnen.

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Quellen;

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/newsletter/die-friedliche-revolution-war-alles-andere-als-friedlich-newsletter-oktober-2020-der-amadeu-antonio-stiftung/

https://taz.de/Historiker-ueber-32-Jahre-Mauerfall/!5808950/


Vera Lengsfeld — Erst­ver­öf­fent­li­chung auf dem Blog der Autorin www.vera-lengsfeld.de