Vera Lengsfeld: Und die Freiheit?

Eben hat Kathrin Göring-Eckardt, die zum Glück wenigstens nicht Minis­terin geworden ist, einen Tweet abge­setzt, mit einer erhel­lenden Phrase, die sie auf dem Poli­zei­kon­gress in Berlin geäußert hat. Sie glaube nicht, dass unsere Gesell­schaft gespalten sei, die Mehrheit wäre für die Demo­kratie, die anderen müsste man „im Blick haben“ Damit ent­hüllt die Frau, die auf dem Bür­ger­recht­s­ticket in die große Politik gereist ist, ihre wahre Gesinnung. Sie hat nie begriffen, dass Freiheit immer auch die Freiheit der Anders­den­kenden ist. Leider ist dieser Frei­heits­be­griff typisch für diese Poli­ti­ker­ge­neration, die mehr­heitlich ohne einen Aus­bil­dungs­ab­schluss in die Schalt­stellen der Macht gelangt ist. Diese Par­venüs ver­achten die Bürger, von deren erwirt­schaf­tetem Geld sie ein pri­vi­le­giertes Leben führen. Sie meinen, dass die Bevöl­kerung gegängelt und auf den rich­tigen Weg des bedin­gungs­losen Gehorsams geführt werden muss.

Während der Coro­na­krise sind diese Leute mit ihrem Ziel, die bestehende Gesell­schaft, Demo­kratie und Rechts­staat mittels einer „Großen Trans­for­mation“ in eine „gelenkte Demo­kratie“ à la Klaus Schwab und George Soros umzu­wandeln, weit vor­an­ge­kommen. Wie weit, haben Christoph Lütge und Michael Esfeld in ihrem Buch: „Und die Freiheit?“ – Wie Corona-Politik und der Miss­brauch der Wis­sen­schaft unsere offene Gesell­schaft bedrohen, unter­sucht. Ihre Befunde sind erschreckend.

Beide Autoren gehören zu denen, die von den Göring-Eckardts „im Blick“ gehalten wurden und das zu spüren bekamen.

Prof. Dr. Lütge, Lehr­stuhl­in­haber für Wirt­schafts­ethik der TU München, wurde wegen Wider­spruchs von Minis­ter­prä­sident Söder aus dem Baye­ri­schen Ethikrat gefeuert. Prof. Dr. Esfeld hat den Lehr­stuhl für Wis­sen­schafts­phi­lo­sophie an der Uni­ver­sität Lau­sanne inne und geriet in öffent­lichen Miss­kredit, als er die Leo­poldina, deren Mit­glied er ist, für ihre For­derung nach einer Ver­schärfung des Lock­downs kri­ti­sierte, in der er einen Miss­brauch der Wis­sen­schaft sah.

Ihre Schrift erschien schon 2021 in erster Auflage, wird aber mit jedem Tag wich­tiger, da es nun um die Auf­ar­beitung der so genannten Corona-Politik geht.

Der Aus­gangs­punkt ihrer Analyse ist die Fest­stellung, dass die neue Pan­demie nicht mehr wie früher mit medi­zi­ni­schen Mitteln bekämpft wurde, sondern ab Anfang 2020 ein Stra­te­gie­wechsel um 180° hin zu poli­ti­schen Seu­chen­be­kämp­fungs­maß­nahmen stattfand. Vorbild dafür war aus­ge­rechnet das auto­kra­tische China.

Es sollten nicht Medi­ziner mit ihrem Exper­ten­wissen gegen die Pan­demie vor­gehen, sondern Poli­tiker ohne ein solches Wissen mit repres­siven Maß­nahmen. Dieser Stra­te­gie­wechsel konnte nie mit medi­zi­ni­schen Fakten begründet werden. Die Sterb­lich­keitsrate von Covid 19 liegt in der Grö­ßen­ordnung der Asia­ti­schen Grippe von 1957/58 und der Honkong-Grippe von 1968. Nur waren diesmal die Risi­ko­gruppen viel klarer abge­grenzt als bei frü­heren Virus­aus­brüchen, nämlich ältere Men­schen mit Vor­er­kran­kungen. Neu war, dass die poli­ti­schen Maß­nahmen von Anfang an von einer flä­chen­de­ckenden Seu­chen­pro­pa­ganda begleitet waren, die bei der Bevöl­kerung den fal­schen Ein­druck erweckte, alle seien unmit­telbar von Krankheit oder gar Tod bedroht.

Dieser Ein­druck wurde durch wis­sen­schaft­liche Studien erweckt, wie die von Neil Fer­guson vom Imperial College in London, der im März 2020 den USA 2,2 Mil­lionen und Groß­bri­tannien 500 000 Corona-Tote vor­aus­sagte. Es stellte sich heraus, dass die Regierung nur Wis­sen­schaftler mit ähn­lichen Panik-Sze­narien anhörte. Die wurden anschließend öffentlich ver­breitet, um poli­tische Maß­nahmen durch­zu­setzen, die auf nor­malem, rechts­staat­lichem Weg nicht durch­zu­setzen waren.

„Damit Wis­sen­schaft als Legi­ti­mation für poli­tische Zwangs­maß­nahmen her­halten konnte“ musste sie „so in der Öffent­lichkeit prä­sen­tiert werden, dass sie für die Wis­sen­schaft als Ganzes spricht“ und alle, die abwei­chender Meinung sind, „ver­leumdet und dif­fa­miert“ werden. Aus poli­ti­schen Gründen wird also die Wis­sen­schaft selbst politisiert.

Die poli­ti­schen Zwangs­maß­nahmen, waren bes­ten­falls unwirksam, wie Lockdown oder Mas­ken­pflicht, schlimms­ten­falls, wie die Mas­sen­imp­fungen mit Vak­zinen, von denen bis heute keines eine reguläre Zulassung bekommen hat, frag­würdig, denn es wurde nie unter­sucht, ob die Wirkung der Impfung nicht von Neben­wir­kungen über­troffen wird.

Die schlimmste Neben­wirkung der Pan­demie ist die Erosion der Offenen Gesell­schaft, dem bis­he­rigen Erfolgs­modell des Westens.

„Heute stehen wir wieder vor einer Wei­chen­stellung […] ob wir eine offene Gesell­schaft bleiben, die sich auf unan­tastbare Grund­rechte stützt […] oder kommt es zu einer Wei­chen­stellung, deren Ergebnis eine Art Exper­ten­herr­schaft dar­stellt“, in der Wei­sungen für den einzig rich­tigen Weg gegeben werden. „Dieser Weg führt aber weg von einer offenen in eine geschlossene Gesell­schaft. Es wurde auch schon ange­droht, die Corona-Krise als Blau­pause für das Thema Klima zu nutzen.“

„Der nächste Akt im Drama hin zu einer geschlos­senen Gesell­schaft, die von einer Allianz aus wis­sen­schaft­lichen Experten und auto­ri­tären Poli­tikern beherrscht wird, wäre dann die Kli­ma­krise. Diese könnte dann ähnlich insze­niert werden: pseu­do­wis­sen­schaft­liche Modell­rech­nungen, die in Kata­stro­phen­pro­gnosen münden, mit denen Angst in der Bevöl­kerung geschürt wird, Poli­tiker, die dann diese Angst nutzen, um den Rechts­staat aus­zu­setzen und an seine Stelle eine angeblich wis­sen­schaftlich legi­ti­mierte, tota­litäre Steuerung der Gesell­schaft zu setzen.“

Tat­sächlich sind solche Töne schon zu hören. Das bestätigt nun auch eine neue Studie der Welt­or­ga­ni­sation für Meteo­ro­logie (WMO).

Die Autoren schließen mit einem Appell:

„Es ist höchste Zeit, unsere pseu­do­wis­sen­schaft­lichen Vor­münder und angeblich Wis­sen­schafts-basierten Poli­tiker in die Schranken zu ver­weisen, die ihnen Men­schen­würde, Rechts­staat und Demo­kratie setzen“

Christoph Lütge, Michael Esfeld „Und die Freiheit?“


Vera Lengsfeld — Erst­ver­öf­fent­li­chung auf dem Blog der Autorin www.vera-lengsfeld.de