Bild (c) Dr. Erwin Rigo

Die gesell­schaft­liche Trans­for­mation zeigt Früchte – wir verblöden

Ein Gast­beitrag von Dr. Erwin Rigo.

Mit dem Übergang zur Moderne hat sich das Ver­ständnis von Bildung tief­greifend gewandelt. An die Stelle klas­si­scher Bil­dungs­mo­delle, die Wissen, Cha­rak­ter­bildung, Urteils­kraft und die Wei­tergabe kul­tu­reller Tra­di­tionen in den Mit­tel­punkt stellten, trat schritt­weise ein funk­tio­nales, prag­ma­ti­sches und zunehmend sozi­al­tech­no­lo­gisch geprägtes Bil­dungs­ver­ständnis. Schule ent­wi­ckelte sich vom Ort der Wis­sens­ver­mittlung und geis­tigen Formung zu einem Raum gesell­schaft­licher Sozia­li­sation, in dem Hal­tungen, Kom­pe­tenzen und nor­ma­tives Ver­halten zunehmend stärker gewichtet werden als fach­liche Tiefe, intel­lek­tuelle Strenge und per­sön­liche Reifung.

Einen ent­schei­denden Impuls für diese Ent­wicklung setzte John Dewey, dessen Werk Demo­cracy and Edu­cation zu den prä­genden Grund­lagen moderner Reform­päd­agogik wurde. Dewey defi­nierte Bildung nicht mehr primär als Ver­mittlung über­lie­ferter Kennt­nisse oder als Her­an­bildung eines gebil­deten, urteils­fä­higen Men­schen, sondern als prak­ti­schen Prozess gesell­schaft­licher Ein­übung. Lernen voll­zieht sich seitdem vor allem durch Erfahrung, Pro­jekt­arbeit, Inter­aktion und situative Pro­blem­lösung. Schule wird zum gesell­schaft­lichen Labo­ra­torium, in dem soziale Rollen, Ver­hal­tens­muster und kol­lektive Ori­en­tierung ein­geübt werden. Der Lehrer tritt dabei aus der klas­si­schen Rolle des Wis­sens­ver­mittlers heraus und wird zum Begleiter, Mode­rator und Steuerer indi­vi­du­eller Lernprozesse.

Mit dieser Neu­ori­en­tierung ver­än­derte sich auch die Sprache der Päd­agogik grund­legend. Erziehung wurde zu Sozia­li­sation, Bildung zu Kom­pe­tenz­ent­wicklung, Lehren zur Pro­zess­be­gleitung und Per­sön­lichkeit zu einem Ergebnis sozialer Ein­flüsse und äußerer Rah­men­be­din­gungen. Wissen, mora­lische Bildung und Cha­rak­ter­bildung ver­loren an Gewicht, während Mess­barkeit, Anpas­sungs­fä­higkeit, soziale Kom­petenz und situa­tives Ver­halten zu zen­tralen Leit­größen moderner Bil­dungs­systeme aufstiegen.

Par­allel dazu gewannen Psy­cho­logie und Sozio­logie erheb­lichen Ein­fluss auf päd­ago­gi­sches Denken. Der Mensch erscheint zunehmend als Produkt seiner Umwelt, seiner Sozia­li­sation und seiner sozialen Kon­di­tio­nierung. Ver­halten gilt als formbar, Ein­stel­lungen als steu­erbar, Wahr­nehmung als beein­flussbar. Grup­pen­dy­namik, soziale Prägung und insti­tu­tio­nelle Steuerung wurden zu Schlüs­sel­be­griffen einer Päd­agogik, die nicht mehr nur bildet, sondern in wach­sendem Maße Ver­halten model­liert. Kri­ti­sches Denken tritt dabei häufig hinter betreute Mei­nungs­bildung, nor­mierte Per­spek­tiven und insti­tu­tionell vor­ge­gebene Deu­tungs­rahmen zurück.

Zusätz­liche ideo­lo­gische Schub­kraft erhielt diese Ent­wicklung durch die Kri­tische Theorie, deren Ein­fluss seit den 1960er-Jahren tief in Hoch­schulen, Leh­rer­aus­bildung und Bil­dungs­po­litik hin­ein­wirkte. Tra­di­tio­nelle Werte wie Dis­ziplin, Leis­tungs­be­reit­schaft, Auto­rität, Pflicht­be­wusstsein und kul­tu­relle Kon­ti­nuität ver­loren ihre gesell­schaft­liche Legi­ti­mität und wurden durch neue Leit­be­griffe wie Selbst­ver­wirk­li­chung, Anti­au­to­ri­ta­rismus, Gleichheit, Diver­sität und soziale Sen­si­bi­li­sierung ersetzt. Bildung wurde damit zunehmend zu einem Instrument kul­tu­reller Neuorientierung.

Par­allel hierzu ent­stand ein inter­na­tional ver­netztes Steue­rungs­gefüge aus Politik, Wirt­schaft, Stif­tungen, NGOs und supra­na­tio­nalen Orga­ni­sa­tionen, das Bildung immer stärker stan­dar­di­sierte und global ver­ein­heit­lichte. Kom­pe­tenz­mo­delle, Ver­gleichs­studien, Eva­lua­ti­ons­systeme und stan­dar­di­sierte Bil­dungs­ziele bestimmen heute die Struktur moderner Schul­systeme. Die Logik der Mess­barkeit prägt Inhalte, Methoden und Ziel­set­zungen. Bildung wird dadurch admi­nis­trierbar, ver­gleichbar und steu­erbar – ver­liert jedoch zugleich häufig an geis­tiger Tiefe, intel­lek­tu­eller Eigen­stän­digkeit und aka­de­mi­scher Substanz.

Diese Ent­wicklung hat das Leis­tungs­niveau vieler Bil­dungs­systeme sichtbar ver­ändert. Anfor­de­rungen wurden abge­senkt, Noten infla­tio­niert, Inhalte ver­ein­facht und aka­de­mische Stan­dards nivel­liert. Methoden erhielten Vorrang vor Inhalten, Pro­zesse vor Sub­stanz, Haltung vor Wissen. Schule erfüllt heute vielfach soziale, poli­tische und psy­cho­lo­gische Funk­tionen, während ihre klas­sische Aufgabe – die Her­an­bildung urteils­fä­higer, gebil­deter und geistig selbst­stän­diger Men­schen – zunehmend in den Hin­ter­grund tritt.

In jüngster Zeit hat sich diese Ent­wicklung weiter ver­dichtet. Bil­dungs­ein­rich­tungen ver­mitteln heute in erheb­lichem Umfang gesell­schafts­po­li­tische Leit­bilder zu Themen wie Klima, Iden­tität, Migration, Diver­sität oder gesell­schaft­licher Ver­ant­wortung. Mora­lische Posi­tio­nierung ersetzt dabei zunehmend offene Debatte. Abwei­chende Per­spek­tiven geraten schneller unter Legi­ti­ma­ti­ons­druck, während insti­tu­tionell bevor­zugte Nar­rative nor­ma­tiven Cha­rakter erhalten. Der freie Diskurs verengt sich, Wider­spruch wird mora­lisch mar­kiert und öffent­liche Debatte zunehmend durch Hal­tungs­kon­for­mität geprägt.

Damit hat sich Bildung grund­legend ver­ändert. Schule ist heute nicht mehr aus­schließlich Ort geis­tiger Bildung, sondern zugleich ein zen­traler Raum gesell­schaft­licher Formung. Sie prägt Wahr­nehmung, Werte, Sprache und Haltung – und ist damit zu einem der wirk­mäch­tigsten Instru­mente kul­tu­reller und gesell­schaft­licher Trans­for­mation geworden.

Und diese Ent­wicklung ist nicht zum Guten, sie ist gezielt ein­ge­setzt, um den Men­schen formbar zu machen, so dass er schön zum Arbeiten geht und Steuern zahlt, aber ansonsten nicht aufmuckt.

Wer noch tiefer in die The­matik der Umer­ziehung ein­steigen und erfahren möchte, wer hinter alldem steckt, dem emp­fehle ich mein Buch „Umer­ziehung zum neuen Men­schen“, das im Dezember 2025 erschienen ist.

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