Die Res­sourcen-Lüge — Fossile Brenn­stoffe halten noch Jahrhunderte

Auch wenn der Ausbau von erneu­er­baren Energien weltweit vor­an­ge­trieben wird, führt bisher kein Weg an fos­silen Ener­gie­trägern wie Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran vorbei, um die Ener­gie­nach­frage von fast 7,5 Mil­li­arden Men­schen stillen zu können.

(Von Oliver Götz)

Wie das „fossil“ im Namen aber schon andeutet, haben diese Ener­gie­träger ein großes Problem: Ihre Vor­kommen sind endlich. Und in der welt­weiten Medi­en­land­schaft wird seit Jahr­zehnten kon­ti­nu­ierlich an dem Sze­nario gear­beitet, dass dieser Umstand wohl in einer bal­digen wirt­schaft­lichen und gesell­schaft­lichen Kata­strophe zu enden hätte. Bis heute aber sind uns Erdöl und Co. noch nicht aus­ge­gangen und es sieht auch nicht danach aus, als würden sie das in den nächsten 50 Jahren. Wie endlich sind sie also wirklich, unsere fos­silen Brenn­stoffe? Bei weitem nicht so endlich wie manch einer denken mag. Das Grund­problem: Vielen ist der Unter­schied zwi­schen Res­sourcen und Reserven nicht klar, doch der ist gewaltig.

Res­sourcen sind nach Defi­nition zum einen die kon­ven­tio­nellen und unkon­ven­tio­nellen Vor­kommen (hierzu gehören bei­spiels­weise Ölschiefer oder Ölsande) des jewei­ligen Roh­stoffes, die geo­lo­gisch betrachtet möglich sind, aber nicht nach­ge­wiesen sind. Hinzu kommen zum anderen nach­ge­wiesene Vor­kommen, die jedoch im Augen­blick tech­nisch bezie­hungs­weise wirt­schaftlich nicht gewinnbar sind. Reserven dagegen sind die­je­nigen Roh­stoff­vor­kommen, die sowohl tech­nisch als auch wirt­schaftlich gewinnbar und dazu mit hoher Genau­igkeit bestätigt sind. Ohne Hin­zu­nahme der kumu­lierten För­derung stehen Res­sourcen und Reserven gemeinsam für das soge­nannte „ver­blei­bende Potenzial“.

 Dieses also müsste man eigentlich betrachten, wenn man sich damit aus­ein­an­der­setzen will, wie lange unsere Ener­gie­roh­stoffe noch halten könnten. Zu oft werden aber nur die Reserven für Schät­zungen ver­wendet und dabei selten erklärt, dass jene häufig nur ein kleiner Teil dessen sind, was von dem jewei­ligen Roh­stoff noch in Form von Res­sourcen vor­handen ist. Denn mal ehrlich: Wer glaubt ernsthaft daran, dass Erdöl auf­grund einer irgendwann ein­tre­tenden wirt­schaft­lichen Unren­ta­bi­lität in Sachen För­derung nicht mehr aus der Erde geholt wird. Sollten bis dahin erneu­erbare Energien nicht die gesamte Mobi­lität revo­lu­tio­niert haben, ist eine welt­weite staatlich sub­ven­tio­nierte För­derung wohl eher wahr­scheinlich, als das kein Flugzeug mehr abhebt. Wenn wir dagegen wissen wollen welche Menge des Roh­stoffs jetzt gerade und zu den gege­benen Bedin­gungen ver­fügbar ist, dann ist die Anzahl der Reserven ent­scheidend. So weit, so einfach.

Tat­sächlich kom­pli­ziert wird es, wenn man sich damit beschäftigt, wann Res­sourcen zu Reserven werden und umge­kehrt. Das ändert sich prak­tisch jeden Tag. Auch deshalb sind Zahlen zur lang­fris­tigen Ver­füg­barkeit von fos­silen Ener­gie­trägern immer mit Vor­sicht zu genießen. Selbst wenn Res­sourcen und Reserven klar von­ein­ander getrennt werden. Schließlich ist jene Ver­füg­barkeit abhängig von Angebot und Nach­frage und dem sich daraus bil­denden Welt­markt­preis des jewei­ligen Roh­stoffs. Daraus folgt: Je nied­riger dieser Preis ist, desto schwerer wird es die Vor­kommen wirt­schaftlich ren­tabel zu fördern. Aus Reserven können dann plötzlich wieder Res­sourcen werden. Tech­nische Inno­va­tionen hin zu weniger kos­ten­in­ten­siven För­der­me­thoden oder ein Anstieg des Welt­markt­preises könnten aus diesen Res­sourcen aber auch wieder Reserven machen. Zudem können Angebot und Nach­frage natürlich poli­tisch gesteuert sein. Oft genug war dies in der Ver­gan­genheit der Fall und auch zum jet­zigen Zeit­punkt ist der Ölpreis­verfall keine Folge eines natür­lichen Nach­fra­ge­rück­gangs auf dem Welt­markt, sondern vielmehr die eines auf­grund ver­schie­denster poli­ti­scher Gründe künstlich her­bei­ge­führten Über­an­gebots seitens der För­der­länder. Durch den nied­rigen Ölpreis ist die För­derung des Ener­gie­roh­stoffs dann wie­derum vie­lerorts unren­tabel geworden. Wenn nicht sub­ven­tio­niert, wurden auch hier aus Reserven wieder Res­sourcen. Der Anteil der Reserven und der Res­sourcen am ver­blei­benden Potenzial unter­liegt also einem stän­digen Wandel.

Wirft man nun einen Blick auf die im Ver­gleich recht zuver­läs­sigen Zahlen der Bun­des­an­stalt für Geo­wis­sen­schaften und Roh­stoffe (BGR), wird deutlich: Die fos­silen Ener­gie­roh­stoffe unseres Pla­neten sind zwar endlich, aber wenn nicht poli­tisch oder durch den Kli­ma­wandel erzwungen, werden auch die Kinder von heute das finale Ende der Brenn­stoffe nicht erleben. Die Wis­sen­schaftler schätzten in ihrer aktu­ellen Studie, welche sich mit der Aus­wertung des Jahres 2015 befasst, die global in Res­sourcen gespei­cherte Energie auf 552.523 Exa­joule (EJ). Die Reserven sollten im Ver­gleichs­zeitraum ungefähr 38.443 EJ wert gewesen sein. All das sind eher kon­ser­vative Schät­zungen, dafür ist die BGR bekannt. Weltweit ver­brauchten die Men­schen im ver­gan­genen Jahr 550 EJ an Energie. Und davon kamen 9,6 Prozent aus alter­na­tiven Energien. Bleiben 521 EJ aus fos­silen Brenn­stoffen. Teilt man allein die Reserven durch diese Zahl, kommt man auf 74 Jahre, in denen die Menschheit weiter so viel Energie ver­brauchen könnte wie bisher.

Klar, wir ver­brauchen Jahr um Jahr mehr davon. 2014 wurden weltweit 540 EJ ver­braucht, 2015 waren es bereits zehn EJ mehr. Doch schließlich wächst auch der Anteil erneu­er­barer Energien immer weiter. Selbst wenn die der­zei­tigen Reserven nur noch halb so lange hielten, in Zukunft werden noch sehr viele Res­sourcen zu Reserven werden, wenn das Angebot knapper wird und die Nach­frage steigt. Und sowieso dann, wenn es nicht mehr anders geht. Dann eben über Sub­ven­tionen. Teilt man die ver­füg­baren Res­sourcen durch die 521 EJ kommt man auf 1060 Jahre fossile Brenn­stoff-Ver­füg­barkeit. Hinzu kommt: Auch 2016 stieg die ver­fügbare Menge an Res­sourcen und Reserven sogar einmal mehr ganz leicht an, da immer noch neue Vor­kommen ent­deckt werden.

Das klingt sehr danach, als würde ein wirk­liches Ener­gie­roh­stoff-Problem gar nicht exis­tieren. So einfach ist es dann aller­dings nicht, denn der Großteil der in Res­sourcen und Reserven gespei­cherten Energie fällt auf die Stein- und Braun­kohle zurück. Bei den Res­sourcen sind es nach BGR-Angaben 89 Prozent. Erdgas folgt mit 5,8 Prozent. Erst dann und gemeinsam mit dem Rest (haupt­sächlich Uran) kommt Erdöl mit 3,5 Prozent. Auch bei den Reserven führt die Kohle mit einem Anteil von 55,4 Prozent. An zweiter Stelle folgt das Erdöl mit 23,5 Prozent, dann Erdgas mit 19,4 Prozent. Beim Anteil am glo­balen Pri­mär­ener­gie­ver­brauch ist es anders­herum. Hier führt Erdöl deutlich mit 34,9 Prozent vor der Kohle mit 29,2 Prozent.

Das Problem: Noch fährt das Auto mehr­heitlich nicht elek­trisch, das Flugzeug fliegt mit Kerosin und das Con­tai­ner­schiff hat einen Die­sel­an­trieb. Die auf den ersten Blick beinahe unendlich wir­kenden Koh­le­res­sourcen und Reserven bringen da also zunächst wenig. Aber selbst wenn der Ver­bren­nungs­motor wei­terhin das Maß aller Dinge bliebe, sind es bei der­zei­tigem glo­balen Ver­brauch immer noch 81 Jahre bis die bisher bekannten Erd­öl­res­sourcen auf­ge­braucht wären. Hinzu kommen Erd­gas­res­sourcen, die nach der­zei­tigem Ver­brauchs­stand noch 240 Jahre hielten.

Klar, die fos­silen Brenn­stoffe sind wie jeder andere Roh­stoff endlich. Und es wird aller­höchste Zeit sich mit Alter­na­tiven zu beschäf­tigen. Auf­grund des Kli­ma­wandels und einer intakten Umwelt sowieso, aber auch deshalb, da jene Ener­gie­träger irgendwann tat­sächlich auf­ge­braucht sein werden. Und irgendwann kommt oft schneller als man denkt. Doch bei allem rich­tigen und not­wen­digen Enthu­si­asmus in Richtung Ener­gie­wende, Aus­sagen über ein bal­diges Ende der fos­silen Brenn­stoffe sind schlichtweg falsch. Es sei denn die Defi­nition von bald lautet irgendwo zwi­schen ein­hundert und tausend Jahren.

 

Quelle: Oliver Götz / The­Eu­ropean