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Politik & Aktuelles

Deutschland, wo wir unter Umständen gut und gerne leben könnten

21. Dezember 2017

Angela Merkels Wahlkampfmotto „Deutschland – wo wir gut und gerne leben“ bot mehr als genug Gelegenheit, sarkastische Anmerkungen und bittere Witze darüber zu machen.

Ein neuer Bericht des französischen Ökonomen Thomas Piketty und weiteren 100 Ökonomen klingt wie ein höhnisches Echo auf Merkels bräsiges Selbstlob. Gut leben würden viele gern in Deutschland, können es aber nicht.

Pikettys „Bericht zur weltweiten Ungleichheit“ beleuchtet die Verteilung der Einkommen und Vermögen in den verschiedenen Gesellschaftsschichten in der ganzen Welt und kommt zu dem Schluss, dass auf der ganzen Welt die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinanderklafft. Auch in Deutschland, wo wir gerne gut leben würden.

Bei Pikettys letztem Bericht 2013 entfielen auf die obersten 10 Prozent der Deutschen 40% des Gesamteinkommens. Die untere Hälfte der Bevölkerung konnte nur 17% des Gesamteinkommens auf sich verbuchen. Denselben, krassen Unterschied stelle Piketty im Deutschland der ausgehenden Kaiserzeit, also genau vor 100 Jahren fest. Der Einkommensanteil der reichen Schicht erreichte im Jahr 1917 mit 42% seinen Höhepunkt. Damals arbeitete die Unterschicht bis zum Umfallen, nur, um überhaupt noch überleben zu können.

Bis heute verbinden die meisten die Kaiserzeit des Herr-und-Knecht Feudalismus und sozialer Ungerechtigkeit. Doch den Ergebnissen des Piketty-Berichtes zufolge sind wir dort schon wieder angekommen. Dabei startete Deutschland nach dem Krieg mit einem breiten Anstieg der Einkommen und Wohlhabenheit auch der unteren Schichten. Der Anteil der obersten 10% am Gesamteinkommen war zwischen den 1960ger Jahren mit ca. 30% am geringsten und lag noch bis 1995 bei 31,8%.

Die unteren 50% haben allein in den letzten paar Jahren „massiv Anteile am Gesamteinkommen verloren“, so Charlotte Bartels vom deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie ist in dem Piketty-Bericht für die Auswertung der deutschen Daten zuständig. In den Sechzigerjahren entfiel noch ein Drittel des Gesamteinkommens auf die untere Hälfte der Bevölkerung, heute sind es noch 17%. Das ist fast eine Halbierung.

Europa als Ganzes zeigt in der Welt mit einem Anteil von 37% des Gesamteinkommens der oberen 10% der Bevölkerung noch eine recht positive Verteilung. Was aber bedeutet, das Deutschland mit 40% für die Oberschicht besonders schlecht dasteht.

Im europäischen Vergleich steht Deutschland beim Medianeinkommen eher auf den hinteren Plätzen. Das Medianeinkommen, auch „mittleres Einkommen“ genannt, ist das, bei dem es genauso viele Menschen gibt, die ein höheres Einkommen haben, wie auch ein niedrigeres. Einen Durchschnitt zu nehmen, ist wenig aussagekräftig. Wenn von zehn Personen einer 100.000 Euro im Monat verdient, die anderen neun aber jeder nur 1000, beträgt das Durchschnittseinkommen rechnerisch 10.900 Euro. Das Mittlere Einkommen oder Medianeinkommen läge in diesem Fall nur leicht über 1000 Euro, was wesentlich realistischer  ist.

Dieses Medianeinkommen wird deshalb auch herangezogen, um die Armutsgrenze und die Armutsrisikogrenze festzulegen. Wer 60% des Medianeinkommens erzielt, ist bereits von Armut bedroht, bei 50% ist man schon amtlich bestätigt arm. Konkret heißt das: Wer alleinstehend lebt und weniger als 892 Euro im Monat an Einkommen hat, gilt offiziell als arm. Ein Ehepaar mit zwei Kindern steht bei einem Einkommen von 1872 Euro /Monat an der Grenze zur Armut. Dabei ist allerdings nicht berücksichtigt, dass das Leben als Single in der Münchner Innenstadt mit 892 Euro kaum zu stemmen ist, während man damit auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern ganz gut auskommt. Diese Zahlen stammen aus einem Stern-Artikel aus dem Februar 2017. Bei „Statista“ gibt es noch traurigere Zahlen hierzu: Armut beginnt hier erst bei 781 Euro Monatseinkommen für Singles, ein normales Einkommen liegt bei 1301 Euro, ab 3.418 Euro zählt man schon zu den „Reichen“. Laut dieser Statistik liegt die Armutsgrenze für ein Paar bei unter 1.171 Euro, das mittlere Einkommen bei 1.952 Euro und Reichtum beginnt bei einem Einkommen ab 5127 Euro.

Doch nicht nur die von Berufstätigen erwirtschafteten Einkommen brechen in der breiten, unteren Bevölkerungshälfte weg. Auch die Rentenarmut greift hier immer weiter um sich. Besonders Frauen, die in Teilzeit- und Niedriglohn gearbeitet haben, zum Teil aber wegen der Kindererziehung jahrelang ausgefallen sind als Renteneinzahler, sind massenhaft von Altersarmut bedroht. Da klingt die Aufforderung, neben der staatlichen Rente noch durch Investitionen in private Rentenvorsorge die „Versorgungslücke“ zu schließen, wie blanker Hohn. Wenn der Niedriglohn schon kaum zum Leben gereicht hat, wovon soll eine private Altersvorsorge finanziert werden? Von Betriebsrenten können die, die immer nur in prekären Arbeitsverhätnissen herumgekrebst sind, nur träumen.

Dazu kommt, dass die Rentenkassen kontinuierlich geschröpft werden. Nicht zuletzt durch die Niedrigzinsen. Das eingezahlte Rentengeld kann nicht gewinnbringend investiert werden. Gleichzeitig gibt es zu wenig Junge, die Geld in die Kasse einzahlen. Wer glaubt, er habe doch ein Recht auf „sein eingezahltes Rentengeld“, der irrt. Kein Einzahler sammelt „sein“ Rentengeld für’s Alter an. Er zahlt immer für die gegenwärtige Rentnergeneration. Ist er im Rentenalter, muss er von der dann erwerbstätigen Generation versorgt werden – und darum steht es schlecht. Es gibt viel zu wenig junge, nachwachsende Berufstätige.

Wer wenigstens zwei Kinder großgezogen hat, mag vielleicht, wenn das Verhältnis gut ist, noch auf ein Zimmerchen und Mitverköstigung bei einem der Kinder hoffen. Aber auch da wird es nicht allzu gut drum stehen.

Denn diese erwachsenen Kinder werden nicht für nur die eigenen Eltern Renten einzahlen, sondern auch für die Mitbürger, die keine Kinder haben. Und nicht zuletzt auch für die, „die noch nicht so lange hier leben“ und zum allergrößten Teil – wenn überhaupt – nur wenige Jahre in die Rentenkassen gezahlt haben, falls sie berufstätig waren. So, wie es jetzt aussieht, werden aus dieser Gruppe nur selten Einzahler in Renten und Sozialkassen kommen. Die meisten der Neubürger sind weder in der Lage noch willens, sich in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Und wenn sie Jobs ausüben, nehmen sie damit genau der Unterschicht die wenigen Einkommensquellen auch noch weg, die die heute Wirtschaft im unqualifizierten Arbeitssektor noch bietet. Die massive Verarmung der unteren Hälfte der Gesellschaft ist wahrscheinlich nicht mehr aufzuhalten.

Sie werden aber dennoch Anspruch auf staatliche Zahlungen haben. Letztendlich wird es, um das berühmte Merkelsche Kuchengleichnis zu zitieren, nur noch gewebeproben-dicke Stücke vom Sozialgeld- und Rentenkuchen für jeden geben.