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Politik

Die Vision des „nationalen Sozialismus“ – „Volksgemeinschaft“ – Mythos, Verheißung, Realität?

30. März 2018

Die Forschung über den Nationalsozialismus hat den Begriff der „Volksgemeinschaft“ zunehmend in den Vordergrund gerückt. Rainer Zitelmann gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der geschichtswissenschaftlichen Diskussion zu diesem Thema.*

(Von Dr. Rainer Zitelmann)

Die aktuelle Forschung über den Nationalsozialismus ist sich – bei allen Differenzen – weitgehend in dem Befund einig, dass sich der Schwerpunkt des Forschungsinteresses von den Themen Terror und Widerstand zu anderen Fragestellungen verlagert hat. „Today“, konstatierte Peter Fritzsche 2009, „the dominant interpretation has shifted in the opposite direction, stressing the overall legitimacy of the Nazi revolution“.

Die Popularität des NS-Regimes wurde lange verdrängt

Die ältere Literatur, resümierte 2011 Ian Kershaw, „tat sich oft schwer damit, die Popularität des Regimes in den dreißiger Jahren zu akzeptieren und die Gründe dieser Popularität zu verstehen, die Begeisterungsbereitschaft, die Euphorie, das Gefühl des Aufbruchs, die Zukunftserwartung und das persönliche Engagement jener Millionen, denen die Jahre 1933 bis 1939 als ‚gute Zeiten’ erschienen.“ Dabei sei wohl kaum zu bestreiten, dass die utopische Vision des Nationalsozialismus für die Popularität und den Erfolg des Regimes bis zur Mitte des Krieges ausschlaggebend gewesen sei.

Eine Sichtweise, die vorwiegend nach den Ursachen der Attraktivität des Nationalsozialismus fragt, statt sich nur auf die Elemente von Repression und Widerstand zu fokussieren, hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker durchgesetzt. Ulrich Herbert stellte 2011 fest: „Nicht mehr die Frage nach dem Ausmaß der Repression gegenüber der deutschen Bevölkerung steht im Vordergrund, sondern die Frage, warum das Regime, vor allem in der Zeit von etwa 1936 bis 1943, von einer so breiten Zustimmung getragen wurde.“

Wie wichtig diese Fragestellung ist und dass es nicht weiterführt, einseitig nur die Elemente der Repression in den Vordergrund zu stellen, belegen viele Einzelstudien. Beispielsweise kam Jürgen Falter 2016 im Ergebnis empirischer Forschungen zur Mitgliedschaft der NSDAP zu dem Befund, dass es zwar Druck gab, aber niemand gezwungen war, sich der NSDAP anzuschließen. „So unterschiedlich die Motive waren, der Partei beizutreten, erfolgte der Beitritt so gut wie immer aufgrund einer individuellen Entscheidung.“

Mit meinem Buch „Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs“ wollte ich einen Beitrag leisten, diese Attraktivität und Massenwirksamkeit des Nationalsozialismus besser zu verstehen, indem die sozialen Zielsetzungen und revolutionären Motive in Hitlers Weltanschauung in den Blick genommen werden. In Kapitel III.4. („Die Bedeutung des Begriffs ‚Volksgemeinschaft’ in Hitlers Weltanschauung“) wird auf die zentrale Bedeutung dieses Begriffes in seinem Denken und für die Massenwirksamkeit des Nationalsozialismus hingewiesen.

Ian Kershaw konstatierte 2011 eine „Allgegenwart des Konzepts ‚Volksgemeinschaft’ in der gegenwärtigen Diskussion über das Dritte Reich“, wobei er zwischen drei „Anwendungsfällen“ differenziert. „Volksgemeinschaft“ werde erstens zur Charakterisierung veränderter gesellschaftlicher Machtverhältnisse verwendet, zweitens als Begriff für „affektive Integration“, wobei die mobilisierende Kraft der Vision einer besseren Gesellschaft betont wird; und drittens zur Beschreibung von Exklusion und Inklusion als prägende Merkmale der nationalsozialistischen Gesellschaft.

Bajohr und Wildt wiesen in ihrem 2009 erschienenen Band „Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus“ darauf hin, „dass die Vision einer ‚Volksgemeinschaft’ enorm mobilisierende Kräfte besaß, nicht nur als Motor für die Wahlkampferfolge der Nationalsozialisten vor 1933, sondern auch und vor allem in der Zeit nach der Machtübernahme“.

Mehr als eine inhaltleere Mogelpackung

Detlef Schmiechen-Ackermann beschreibt zwei „Extrempositionen“ in der Forschungsdebatte: „War sie [die Volksgemeinschaft] tatsächlich nichts anderes als eine inhaltsleere ‚Mogelpackung’, ein vom Regime gebetsmühlenartig, aber weitgehend erfolglos beschworener Mythos ohne substanzielle Relevanz? Oder stellten die während der nationalsozialistischen Herrschaft zu beobachtenden Haltungen und Überzeugungen der Menschen, ihre Handlungspraxen im diktatorischen Alltag im Ansatz tatsächlich so etwas wie eine mentale oder gar ‚soziale Revolution’ dar?“

So wie viele andere Autoren, plädiert Schmiechen-Ackermann für eine Synthese zwischen diesen beiden Positionen. Der klassische Ansatz, wonach die „Volksgemeinschaft“ lediglich eine inhaltsleere Propagandaparole gewesen sei, aber auch die These von der sozialen Revolution des Nationalsozialismus werden gleichermaßen abgelehnt. Eine Mittelposition zwischen diesen beiden als „Extrempositionen“ beschriebenen Ansätzen „würde auf die These einer zwar vorauseilend in den Köpfen der Menschen antizipierten, aber in der gesellschaftlichen Wirklichkeit faktisch kaum eingelösten Vision von Gemeinschaftlichkeit hinauslaufen“.

Norbert Götz vertritt einen ähnlichen Ansatz, wenn er betont, die verbreitete Sichtweise, nach der sich die Volksgemeinschaft als ein „schlichter Mythos“ oder eine bloße „Verheißung“ des Nationalsozialismus abtun lasse, greife ebenso kurz wie diejenige, die in der Volksgemeinschaft eine soziale Realität des Dritten Reiches zu erkennen vermeine. Der Interpretationsansatz der „Volksgemeinschaft“ habe auf jeden Fall „den Vorteil, dass er die historischen Akteure in ihrem Selbstverständnis ernst nimmt und dadurch der Falle einer hermetischen Argumentation mit auf der Hand liegendem Fazit“ entgehe.

Für Hitler selbst habe der Begriff zentrale Bedeutung gehabt. Es sei „eines der Lieblingswörter von Adolf Hitler“ gewesen, das er in seiner Propaganda exzessiv verwendete. Schon in „Mein Kampf“ habe es eine wichtige Rolle gespielt, aber „in Hitlers Denken als Reichskanzler und Führer erlangte die Figur der Volksgemeinschaft gegenüber ihrem Status in ‚Mein Kampf’ eine noch größere Bedeutung“. Götz differenziert, aus politischer Sicht sei die Volksgemeinschaft zwar ein Mythos und eine „Verheißung“ der NS-Propaganda gewesen. Aus historiografischer – insbesondere konstruktivistischer – Perspektive greife eine derartige Einschätzung jedoch zu kurz. Die wissenschaftliche Analyse des Nationalsozialismus könne „über die diesem eigentümliche Begriffsverwendung nicht ohne Substanzverlust hinwegsehen. Die begriffsgeschichtliche Untersuchung zeigt zudem, dass die Volksgemeinschaftsrhetorik des Nationalsozialismus dessen politische Praxis keineswegs konterkarierte, sondern durchaus von dieser eingelöst wurde.“ Der Begriff Volksgemeinschaft bezeichnete, so Götz, „eine attraktive und wirkungsmächtige soziale Idee“.

„Gefühl sozialer Gleichheit“

Dem pflichtete Rolf Pohl bei, der konstatierte, „Volksgemeinschaft“ sei ein Schlüsselbegriff des Nationalsozialismus und es sei falsch, hier nur von einem „gesellschaftspolitischen Fassadencharakter“ zu sprechen. Vielmehr habe die „Volksgemeinschaft“ mit ihren partiellen (symbolischen und realen) Umsetzungen, vor allem jedoch mit ihren Verheißungen einer goldenen Zukunft „zu den wichtigsten Instrumenten der emotionalen Bindung der Volksgenossinnen und Volksgenossen an das auf Zustimmung und Konsens zielende NS-Herrschaftssystem“ gehört.

Riccardo Bavaj bezeichnet die „Volksgemeinschaft“ als Experiment. Der Nationalsozialismus habe als „politischer Modernismus etwas sozialtechnologisch Neues versucht“. Den tatsächlichen sozialstrukturellen Veränderungen seien zwar enge Grenzen gesetzt gewesen, was auch mit den Erfordernissen von Aufrüstung, Kriegsvorbereitung und Kriegswirtschaft zusammenhänge. Man dürfe jedoch nicht nur auf die „sozialstatistischen Datensätze“ schauen, sondern müsse auch die erfahrungsgeschichtliche Perspektive berücksichtigen. Und hier stelle man fest, dass im Dritten Reich, die letzten Kriegsjahre ausgenommen, über weite Strecken tatsächlich ein „Volkgemeinschaft“-Bewusstsein vorhanden war. „Dieses Bewusstsein, das mit einem ‚Gefühl sozialer Gleichheit’ und einem Glauben an soziale Aufstiegschancen einherging, hatte durchaus reale Folgen, weil er zur gesellschaftlichen Akzeptanz der NS-Herrschaft beitrug.“

Obwohl also die Bedeutung des Begriffes „Volksgemeinschaft“ nach wie vor kontrovers diskutiert wird, ist dem 2012 von Schmiechen-Ackermann formulierten Befund zuzustimmen: „Alle Interpretationsansätze, die die Wirkungsmächtigkeit und mindestens zeitweilige Integrationskraft des Phänomens ‚Volksgemeinschaft’ völlig ausblenden, werden keine Plausibilität mehr gewinnen können.“ Der Begriff „Volksgemeinschaft“ zeigt, dass Hitlers Weltanschauung einerseits und die Massenwirksamkeit des Nationalsozialismus andererseits in einer engen Beziehung zueinander standen – was eine der Thesen meines Buches ist. Dies arbeitete Frank-Lothar Kroll 2013 heraus. Der Begriff „Volksgemeinschaft“ sei von Beginn an „ein zentrales, vielleicht gar das zentrale Leitmotiv“ in Hitlers politischem Koordinatensystem gewesen. Mit diesem Begriff habe sich der Nationalsozialismus „deutlich von der Epoche der Vorherrschaft des Bürgertums“ distanziert, unterstreicht Kroll, der sich dabei auf meine Forschungsergebnisse bezieht.

Konstitutive Elemente in Hitlers Weltanschauung seien die „Gewährung gleicher Aufstiegschancen für Angehörige aller Volksschichten, die Beseitigung standesspezifischer Privilegien bei beruflichen Stellenbesetzungen, die Verbesserung der Lebens- und Wohnungsverhältnisse der Arbeiterschaft sowie eine Erhöhung der Urlaubszeiten und der Altersversorgung für die sozial Schwächeren“ gewesen – insbesondere im Rahmen der neu zu gestaltenden Nachkriegsordnung der Zukunft. Dies alles bezeichne einen „spezifischen Aspekt nationalsozialistischer Modernität, den zu leugnen nur einer im hohen Maße ideologisch prädisponierten Scheuklappenforschung erlaubt sein mag“, wie Kroll kritisch gegen Hans Mommsen gerichtet feststellt.

Die Vision des „nationalen Sozialismus“

Das „Volksgemeinschaft“-Konzept Hitlers spielte jedoch nicht nur eine zentrale Rolle bei der Integration der Arbeiterschaft im „Dritten Reich“, sondern bereits in der Aufstiegsphase des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik, wie Kroll betont: „Nicht Rassismus und Antisemitismus, nicht der hegemonial-imperialistische Wunsch nach ‚Lebensraum’ oder gar das rückwärtsgewandte Pseudoidyll einer sich aus ‚Blut und Boden’ speisenden Agrarwelt, nicht der Antibolschewismus, der Antiliberalismus oder ein sozialdarwinistisch geprägtes Kampfprinzip bestimmten die öffentliche Selbst- und Fremdwahrnehmung Hitlers und seiner Anhänger bis weit in die 1930er Jahre hinein. Als maßgeblich galt vielmehr die programmatische Vision eines Nationalen Sozialismus, der alle deutschen ‚Volksgenossen’ zu einer festen, unauflöslichen Schicksalsgemeinschaft zusammenschloss.“

Dies entspricht der Sichtweise, wie ich sie in meinem Buch entwickelt habe. Die These von Hans Mommsen dagegen, „Volksgemeinschaft“ sei nicht mehr als ein „Mythos“ gewesen und man solle im analytischen Kontext auf den Begriff verzichten, entspricht inzwischen ebenso wenig dem Stand der Forschung wie Hans-Ulrich Wehlers Diktum, wonach sich das „Propagandaklischee von der Gleichheit aller Volksgenossen in der neudeutschen ‚Leistungsgemeinschaft’… bei näherem Hinsehen sogleich als Chimäre“ entpuppe. Aus der unbestreitbaren Tatsache, dass es auch innerhalb der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ keine Gleichheit gab, zu folgern, diese sei nur ein Trugbild oder eine Chimäre gewesen, greift – wie die oben referierten Forschungsergebnisse bestätigen – zu kurz.

Die Forschung ist inzwischen über diese Sichtweise von Mommsen und Wehler hinweggegangen. In den vergangenen zehn Jahren wurde „Volksgemeinschaft“ zu einem bedeutsamen Forschungskonzept. Martina Steber und Bernhard Gotto stellten 2014 fest: „Kein anderer Begriff hat die Debatte über die Gesellschaftsgeschichte während der NS-Diktatur in den vergangenen Jahren so sehr angetrieben wie ‚Volksgemeinschaft’.“ Und sie konnten zu Recht konstatieren, dass „die prinzipielle Berechtigung und Nützlichkeit des Zugriffs […] kaum noch in Abrede gestellt“ werde. „Längst geht es nicht mehr darum, tatsächliche oder vermeintliche Propagandaversprechen sozialer Egalität oder höheren Lebensstandards als Täuschung zu entlarven, indem man sie mit sozialstatistisch unterfütterten Befunden über Ungleichheit und Versorgungsdefizite kontrastiert […] Auch die Verengung des Begriffs auf sozialpsychologische Effekte von Gemeinschaftsinszenierungen oder demonstrativer sozialer Aufwertung fällt hinter den Stand der Diskussion zurück.“

Moritz Föllmer resümierte 2014, in der früheren sozialhistorischen Forschung sei es darum gegangen, den Slogan der Volksgemeinschaft unter Verweis auf fortbestehende Klasseunterschiede und uneingelöste Konsumversprechen als Mythos zu entlarven. „Inzwischen hat sich die Lage grundlegend verändert, denn die Volksgemeinschaft bezeichnet eine Art konzeptionelles Dach, unter dem sich diejenigen Historikerinnen und Historiker versammeln, die ein hohes Maß an Zustimmung und Partizipation am ‚Dritten Reich’ betonen.“

*Der Beitrag ist ein leicht modifizierter Auszug aus einem umfangreichen Einleitungsbeitrag zur kürzlich erschienenen 5. Auflage von Rainer Zitelmanns Buch. Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs.

 


Dr. Rainer Zitelmann für TheEuropean.de


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