Goldman-Sachs-Studie: Heilung ist ein schlechtes Geschäft – kranke Men­schen bringen Geld!

Ein Markt­report der Invest­mentbank Goldman Sachs für die Phar­ma­in­dustrie ringt selbst den Sys­temm­edien ver­haltene Ent­rüstung ab. Der ame­ri­ka­nische Sender CNBC titelte: „Goldman Sachs stellt in einer Biotech-For­schungs-Studie die Frage: Ist das Heilen von Pati­enten ein nach­hal­tiges Geschäfts­modell?“ (Goldman Sachs asks in biotech research report: ‘Is curing patients a sus­tainable business model?’)
Die Goldman-Sachs Ana­lystin Salveen Richter stellt zutreffend, wenn auch wenig fein­fühlig fest: „Das Potential, Behand­lungen zu ent­wi­ckeln, die schon nach einer Anwendung die Heilung voll­bringen, ist der attrak­tivste Aspekt der Gen­technik. Aller­dings sind solche Behand­lungen ganz anders zu betrachten, wenn es darum geht, ein blei­bendes Ein­kommen zu erzielen.“
Als Bei­spiel führt Frau Richter an: „Bei Infek­ti­ons­krank­heiten wie bei­spiels­weise Hepa­titis C ver­ringert die Heilung die Zahl der ver­füg­baren Pati­enten sowie der Virusüberträger.“
Auch das ist logisch richtig. Mehr gesunde Men­schen bedeutet weniger Infek­ti­ons­herde, somit stecken sich weniger neue Men­schen mit Hepa­titis C an.
Der Mensch als Dau­er­kon­sument für Erzeug­nisse der Phar­ma­in­dustrie geht natürlich ver­loren, wenn er geheilt wird, da hat Frau Richter einfach recht. Aus mora­li­scher Sicht ist es natürlich höchst ver­werflich, die Menschheit als lebende, halb­kranke, dau­er­ta­blet­ten­kon­su­mie­rende, gewinn­brin­gende Meer­schweinchen von Big Pharma zu kul­ti­vieren. Als Ökonom muss man der Dame Recht geben.
Eugen Roth for­mu­lierte es sei­nerzeit etwas liebenswürdiger:
„Was bringt den Doktor um sein Brot?
a) die Gesundheit,
b) der Tod.
Drum hält der Arzt, auf dass er lebe,
Uns zwi­schen beiden in der Schwebe.
Ein prak­ti­sches Bei­spiel: Das Biotech-Unter­nehmen Gilead Sci­ences hatte ein Hepa­titis C‑Medikament auf den Markt gebracht, das Hei­lungs­raten von 90% erreichte. Das Medi­kament ist sehr gut und wirksam, aber der Umsatz brach auf Dauer ein. Die Ein­nah­me­zeiten waren zu kurz und der Preis­druck auf dem Markt zu hoch. Will sagen: Das Zeug heilte die Hepa­titis C zu schnell und nach­haltig. Die Kon­kurrenz musste, um mit­halten zu können, ihre Preise senken, was den Gewinn von Gilead Sci­ences an den beiden hoch­wirk­samen Medi­ka­menten Sovaldi und Harvoni stark schmä­lerte. Denn eine Behandlung mit Harvoni kostete anfänglich 94.500 US-Dollar, sank dann aber im Preis­kampf der Her­steller um die ver­blei­benden Pati­enten auf knapp über 50.000 US-Dollar pro Behandlung.
Das lässt nur einen Schluss für die Ana­lystin von Goldman-Sachs zu: Um also im Geschäft zu bleiben, darf die Menge der Pati­enten nicht sinken, sondern sollte mög­lichst wachsen, zumindest aber stabil bleiben. Wenn die Analyse auch spe­ziell für gen­the­ra­peu­tische Medi­ka­mente erstellt wurde, so gilt diese Fest­stellung natürlich auch für alle anderen (chro­ni­schen) Krank­heiten. Man darf dieses Axiom logi­scher­weise auch auf Krebs, Mul­tiple Sklerose, Par­kinson, Demenz und viele andere Erkran­kungen übertragen.
Daher sind die drei von der Goldman-Sachs-Analyse erar­bei­teten Lösungs­stränge für eine nach­haltige Gewinn­erzielung auch als bereits prak­ti­zierte, gene­relle Marsch­richtung der Phar­ma­in­dustrie und des Gesund­heits­systems zu beobachten:
Solution 1: Address large markets: Hemo­philia is a $9–10bn WW market (hemo­philia A, B), growing at ~6–7% annually.”
“Solution 2: Address dis­orders with high inci­dence: Spinal mus­cular atrophy (SMA) affects the cells (neurons) in the spinal cord, impacting the ability to walk, eat, or breathe.”
“Solution 3: Con­stant inno­vation and port­folio expansion: There are hundreds of inherited retinal diseases (genetics forms of blindness) … Pace of inno­vation will also play a role as future pro­grams can offset the declining revenue tra­jectory of prior assets.
Übersetzung:
1„Wenden Sie sich großen Märkten zu“, also Krank­heiten, die sich stetig aus­breiten, wie z. B. Hämo­philie (Blu­ter­krankheit), ein 9–10 Mil­li­arden-Dollar Markt, der jährlich um 6–7 Prozent wächst.
2„Behandeln Sie Erkran­kungen mit hohem Vor­kommen“. Spinale Mus­kela­trophie greift die die Neu­ro­nalen Zellen im Rückenmark an und beein­träch­tigen die Geh­fä­higkeit, die Fähigkeit zu essen und zu atmen (und muss ständig behandelt werden).
3.„Konstante Inno­vation und Erwei­terung des Port­folios“: Es gibt (zum Bei­spiel) Hun­derte von gene­tisch bedingten Krank­heiten der Retina (gene­tisch bedingte Blindheit, gegen die noch kein Medi­kament ent­wi­ckelt wurde). Eine schnellere Folge von Inno­va­tionen könnte alte Medi­ka­mente durch neue ersetzen und damit die rück­läufige Umsatz­ent­wicklung ausgleichen.
Vom Stand­punkt eines Unter­nehmens aus gesehen, sind diese Ana­lysen und Emp­feh­lungen voll­kommen zutreffend. Defi­niert man die Ver­pflichtung eines Ana­lysten sehr eng, nämlich dass er die aus der Analyse resul­tie­renden Emp­feh­lungen nach Eva­lu­ierung des Marktes aus­schließlich auf die Gewinn­ma­xi­mierung in eben­diesem Markt fokus­siert und nicht-öko­no­mische Sei­ten­ef­fekte und Kon­se­quenzen aus­blendet, hat die Goldman-Sachs Analyse durchaus recht.
Aspekte, die das Große und Ganze mit ein­be­ziehen, werden dabei natürlich außer Acht gelassen. So stellt sich bei Betrachtung der Lang­zeit­wir­kungen einer solchen „Gesund­heits­po­litik“ die Frage, wie ein volks­wirt­schaft­liches System sich ver­ändern wird, wenn die Men­schen darin immer kränker werden und auch lang­fristig in ihrer Krankheit gehalten werden und nur so weit vom „Gesund­heits­system“ behandelt werden, dass sie lebens­fähig bleiben.
Das bedeutet, dass ein immer grö­ßerer Pro­zentsatz der Leis­tungs­träger dieser Volks­wirt­schaft nur mit mehr oder weniger großen Ein­schrän­kungen oder gar nicht pro­duktiv und erwerbs­fähig sein kann. Das wird sich aber auf die Finanz­kraft der Betrof­fenen aus­wirken, die irgendwann nicht mehr reicht, um die not­wen­di­ger­weise par­allel wach­senden Bei­träge zu den Kran­ken­kassen bezahlen zu können. Werden die nicht gedeckten Kosten solcher teurer Dau­er­be­handlung von der All­ge­meinheit über­nommen, belastet dies die stetig kleiner wer­dende Schicht der (noch) gesunden Leistungsträger.
Gleich­zeitig werden die Ein­kommen sowohl der Dau­er­kranken als auch der Leis­tungs­träger auf breiter Front von den Gesund­heits­kosten zunehmend absor­biert und der Konsum auf fast allen anderen Gebieten ent­spre­chend ein­ge­schränkt, was dem Rest der Volks­wirt­schaft aller anderen Sparten zusetzt. Eine Wirt­schafts­schrumpfung wird wahr­scheinlich die Folge sein. Aus­blei­bender Konsum wie­derum führt zu Ent­las­sungen, redu­ziertem Waren­an­gebot, aus­blei­bende Inno­va­tionen und sin­kenden Löhnen. Das löst in der Folge wahr­scheinlich einen Preis­kampf um die ver­blie­benen, finan­zi­ellen Res­sourcen einer mul­ti­mor­biden Gesell­schaft aus. Dieser Preis­kampf wird auch die bereits jetzt schon gepanschten, bil­ligen Lebens­mittel und die erzeu­genden Land­wirte betreffen. Es kommt allein auf­grund sin­kender Lebens­mit­tel­qua­lität und schlech­terer Ernährung schon ver­mehrt zu Krankheiten.
Irgendwann kippt das ganze System. Von der Amo­ra­lität einer solchen Gesund­heits­po­litik ganz zu schweigen.