Whistleblower Politik

Fall Skripal: Nach USA und Tschechien jetzt auch Deutschland – Hütchenspiel mit Nervengift „Nowitschok“?

21. Mai 2018

Die Affäre Skripal wird immer peinlicher. Der russische Doppelagent und seine Tochter waren in Salisbury bewusstlos aufgefunden worden. Sehr schnell zog Großbritannien die im Westen beliebte Trumpfkarte „Der Russe war’s!!“: Nur Russland könne das gewesen sein, nur Russland habe Nowitschok.

Es stellte sich aber bald heraus, dass die russische Herkunft alles andere als gesichert bewiesen war und auch nicht, wer den Giftanschlag begangen hatte. In London, wo an jedem Laternenpfahl und jeder Hausecke Überwachungskameras lauern, konnten ausgerechnet der Doppelagent Skripal und seine Tochter ohne jeden Schatten und den kleinsten Hinweis eines Täters vergiftet werden. Sogar die Beibringung des Giftes wurde nie spezifiziert. Mal war es der Haustürknopf der Wohnung, mal beim Essen. Selbst Meldungen, es handle sich um einen ehemaligen Agenten des russischen Inlandsgeheimdienstes namens Gordon, erwiesen sich bald als Märchen.

Sowohl die Briten, das OPCW und auch ein renommiertes Schweizer Labor konnten keine Zuordnung des Giftes anhand seines „chemischen Fingerabdruckes“ zu Russland feststellen. Der erste Blitz schlug in die Skripal-Affäre ein, als herauskam, dass das Schweizer Labor „Spiez“ (amtlich: Schweizerisches Institut für ABC-Schutz) einen Bestandteil der Probe aus Salisbury als „BZ“ identifizierte. In dem Gutachten stand: „Im Zuge der Untersuchung sind in den Proben Spuren der toxischen Chemikalie BZ und deren Präkursore nachgewiesen worden, die zu den chemischen Waffen zweiter Kategorie gemäß der Chemiewaffenkonvention gehören“

Dieses Mittel ist nach Expertenaussagen im C-Waffen-Arsenal der Streitkräfte der USA, Großbritanniens und weiterer Nato-Staaten vertreten. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte: “In der Sowjetunion und Russland wurden solche und ähnliche chemische Substanzen nie entwickelt.“

Aber auch ein US-Amerikanisches Patent für einen Nowitschok-Giftstoff, der zweite Bestandteil der Probe, tauchte plötzlich auf. Das Patent für das hochwirksame Nervengift ist ziemlich neu, es stammt aus dem Jahr 2015.

Dieser andere Teil der Probe aus Salisbury wurde vom Labor Spiez als das Gift Nowitschok vom Typ A234 identifiziert. Dass dieses А234 trotz seiner hohen Flüchtigkeit in den Proben in primärem Zustand (also nicht überwiegend die Bestandteile übrig waren, die schwerer verdunsten, sondern auch die schnell verfliegenden) und dazu noch in einer derart hohen Konzentration entdeckt worden sein soll, „ist sehr verdächtig, weil zwischen der Vergiftung und der Probenentnahme ein gutes Stück Zeit gelegen hat“, setzte der russische Außenminister hinzu.

Was Minister Lawrow damit indirekt andeutet ist, dass den Proben erst bei der Spurensicherung das Nowitschok beigefügt worden sein könnte, um auch sicher den Nachweis auf Nowitschok bei einer Überprüfung zu erhalten und damit die Spur zu Russland zu legen.

Tatsächlich wäre die Konzentration des Nowitschok A234 unglaublich hoch gewesen. Da schon eine Aufnahme weniger Milligramm für eine absolut tödliche Vergiftung reichen, nimmt die festgestellte Menge an Nowitschok in den eingesammelten Proben Wunder: 50 bis 100 Gramm (!) dieser Hochgiftigen Substanz wurden angeblich für den Anschlag verwendet. Dies sei, so der Chef der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), eine deutlich größere Menge, als sie in Forschungslaboren hergestellt oder aufbewahrt wird. Überdies wunderte sich die Fachwelt, dass Vater und Tochter Skripal überhaupt einen derartig massiven Giftanschlag mit einem so absolut tödlichen Gift überlebt haben und dann offenbar auch noch so, dass sie sich wieder vollständig erholen, was ebenfalls so gut wie ausgeschlossen ist. Yulia Skripal soll sich Pressemeldungen zufolge sogar selbst telefonisch bei ihrer Cousine in Russland gemeldet haben, um sich unter anderem nach ihrem Hund zu erkundigen. Diese vollständige Genesung (wenn es denn Yulia Skripal war) ist bei einer Nowitschok-Vergiftung nach Darstellung von Experten ausgeschlossen. Kollege Wolfgang van de Rydt hier bei den Unbestechlichen witzelte: „war wahrscheinlich nur ein skripaler Infekt“.

 

Die Briten gerieten mit ihrem „Die Russen waren’s!“-Schlachtruf Stufe um Stufe tiefer ins Schlamassel. Der nächste Treffer kam aus Tschechien und riss Londons Russen-Narrativ schon ziemlich in Fetzen: Tschechiens Präsident Miloš Zeman hatte in den ersten Maitagen unter Berufung auf tschechische Geheimdienste bekanntgegeben, dass eine kleine Menge des Nervengiftstoffs A230 im November 2017 in der Stadt Brno produziert worden sei. Nun ging das Verwirrspiel um die Version A230 oder A234 dieser Giftstoffart los. Welcher der beiden Stoffe ist nun das echte „Nowitschok“?

Die Russen nennen anscheinend die Version A230 so, während die Briten die in Salisbury sichergestellten Proben von A234 als Nowitschok bezeichnen, was aber eine Version ist, die Russland nicht hat. Zuvor hatte auch der russische Ständige Vertreter bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), Alexander Schulgin, erklärt, dass das Gift A-234 in den USA als chemischer Kampfstoff patentiert und produziert worden sei.

Eine kaum noch zu rettende Situation für Großbritannien, dem einst der Ruf vorauseilte, in solchen Perfidien und Rankünen geradezu meisterhaft und elegant zu agieren. Die US-Patent- und die Tschechien-Enthüllungen waren schon eine Katastrophe für das Vereinigte Königreich.

Doch schlimmer geht’s immer. Eine gemeinsame Recherche der Süddeutschen Zeitung, NDR, WDR und der Zeitschrift „die Zeit“ deckte auf, dass auch Deutschland das Gift hatte und in seinen Militärlabors damit Versuche machte.

Die Operation, bei der ein BND-Agent in den 1990er-Jahren den Stoff besorgte, blieb bis heute geheim. Der BND führte damals, Anfang der 1990er-Jahre einen russischen Wissenschaftler als Informanten, der im Tausch gegen einen sicheren Aufenthaltsstatus für sich und seine Familie eine Probe des sorgfältig gehüteten, neuen und absolut tödlichen Nervengiftes nach Deutschland brachte.

Das Kanzleramt und das Bundesverteidigungsministerium ließen die Probe in Schweden analysieren. Die chemische Formel des Kampfstoffes wurde an den BND und das Kanzleramt übermittelt. Was aus der Probe wurde, weiß niemand. Schweden erklärte sich außerstande, dies in so kurzer Zeit zu klären.

Der BND unterrichtete die amerikanischen und britischen Geheimdienste von dem ganzen Vorgang, eine Arbeitsgruppe von fünf westlichen Geheimdiensten und dem BND trugen vereint alle Erkenntnisse zu dem neuen Kampfstoff „Nowitschok“ zusammen. Man baute das Gift nach, testete damit Ausrüstungen, Messgeräte und mögliche Antidots.

Die Bundesregierung versucht zur Zeit, die ganze Nowitschok-Geschichte von vor ca. 25 Jahren zu rekonstruieren. Niemand weiß so genau, wer von den Geheimdiensten oder Militärs möglicherweise heimlich weiter an der chemischen Waffe entwickelte, testete und insbesondere den Stoff produzierte. Wir dürfen wahrscheinlich frohgemut davon ausgehen, dass zumindest jedes der Länder aus der Arbeitsgruppe sein Pröbchen mitgenommen hat und daran arbeitet. Tschechien zeigt aber, dass auch andere schon damit herumexperimentieren.

In jedem Fall kann man aber in der causa Skripal feststellen: Einen schlagenden Beweis gegen Russland gibt es nicht und Großbritannien steht selbst mit auf der Liste der Verdächtigen.


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