Über das Für und Wider von Waffenverboten

Anmerkung der Redaktion: Aus aktu­ellem Anlass stellen wir hier diesen Artikel ein, auch wenn er sich nicht mit dem aktu­ellen Schul-Mas­saker befasst, trifft er den Punkt doch sehr genau.
(Von Kai Weiß)
Am 14. Februar tötete ein Amok­läufer 17 Men­schen an einer High School in Parkland, Florida. Es war nur das nächste von zahl­reichen Mas­sakern, die in den USA in den letzten Jahren pas­siert sind. 58 Tote gab es im Oktober 2017 in Las Vegas, 28 im November des­sel­bigen Jahres in einer Kirche in Texas, 29 im Juni 2016 in einer Schwu­lenbar in Orlando – die Liste könnte unendlich wei­ter­gehen. Diese Taten scho­ckieren, wie zum Bei­spiel die Attacke in Newtown, als 2012 ein 20-Jäh­riger 27 Men­schen tötete – davon 20 Kinder. Es han­delte sich um einen Amoklauf auf die Sandy-Hook-Grundschule.
In solchen Momenten wirkt es ver­ständlich zu ver­suchen, solche Übel aus der Welt ver­schwinden zu lassen; die Mög­lich­keiten, dass so etwas wieder pas­sieren könnte, aus­zu­räumen. Mehr Sicher­heits­kräfte, mehr Video­ka­meras, mehr von allem – oder: einfach irgendwas. Irgendwas muss getan werden. In den USA, auf­grund der so „laschen“ Waf­fen­ge­setze, kommt in fast allen Fällen sofort eine Debatte um eine Ver­schärfung der Schuss­waf­fen­ge­setze zustande. Bei nahezu allen Amok­läufen ist eine Schuss­waffe das Instrument des Todes – ergo würde das Verbot dieser das Problem lösen, zumindest so gut wie.
Besonders während der Amtszeit Barack Obamas gab es solche Dis­kussion en masse, immerhin hatte der Prä­sident jede Chance genutzt, seine Meinung kund­zu­geben. Wann immer ein Amoklauf geschah, eines war schon sicher: Nur wenige Minuten später würde der Demokrat vor den Kameras stehen und den Tränen nahe über seine Gegner in der Repu­bli­ka­ni­schen Partei schimpfen, die, weil bei den Waf­fen­ge­setzen so stur, wieder einmal solch eine Gräu­eltat zuließen. Die Reaktion auf den letzten Amoklauf in Parkland hätte aber wohl niemand erwartet. Vor zwei Wochen ver­sam­melten sich in Washington, DC, etwas mehr als 200.000 Men­schen – größ­ten­teils Jugend­liche – bei dem Marsch für unsere Leben (March for Our Lives), um für schärfere Waf­fen­ge­setze ein­zu­treten. Manche der Über­le­benden des Amok­laufs sind mitt­ler­weile zu Helden aufgestiegen.
Selbst unter Libe­ralen sind Waffen ein schwie­riges Thema – zumindest ein oft gescheutes Thema, aber viel­leicht auch mal eines, wo machner bereit ist, mit seinen Prin­zipien zu brechen. Dass die Frage um die Waffen knifflig ist, wurde auch klar, als Dagmar Metzger auf dieser Seite für eine „umsichtige Libe­ra­li­sierung“ argu­men­tierte:
„Ich bin Jägerin, Waf­fen­be­sit­zerin, Fleisch­esserin, rauche Zigarren, trinke Whisky, bin beken­nende Kapi­ta­listin und Libertäre – und dennoch bekomme ich bei der Über­legung einer voll­kom­menen Libe­ra­li­sierung des Waf­fen­rechts Bauchschmerzen.“
Diese Ner­vo­sität ist auch durchaus ver­ständlich. Nicht nur hat man prak­tisch das ganze Land – wenn nicht sogar den gesamten Kon­tinent (wenn auch immer weniger) – gegen sich, wenn man für die voll­ständige Libe­ra­li­sierung von Schuss­waffen ein­tritt. Doch selbst wenn dies nicht der Fall wäre, scheint das Thema kom­pli­ziert: Waffen sind zwei­felsohne gefährlich. Der Gedanke, dass jeder Ver­rückte einfach in ein Geschäft gehen könnte, um sich solch ein Gerät zuzu­legen, scheint schon fast absurd (und ist selbst in den USA nicht der Fall). Der Gedanke, dass ein jeder seine Waffe ganz offen auf der Straße tragen kann – am besten gepaart mit Cow­boyhut und ‑stiefel – wirkt lächerlich (auch wenn diese Methode in vielen US-Bun­des­staaten ver­folgt wird). So mancher überlegt durchaus zurecht, ob die Welt nicht eine bessere wäre, wäre Schieß­pulver gleich gar nicht erst erfunden worden.
Dass Letz­teres nichts weniger als Wunsch­denken ist, dürfte klar sein. Schnell zusam­men­ge­fasst ist den For­de­rungen für strengere Waf­fen­ge­setze in den USA bezie­hungs­weise in den War­nungen gegen eine Lockerung des Waf­fen­ge­setzes hier­zu­lande ent­ge­gen­zu­stellen, dass nicht Schuss­waffen töten oder der Grund eines Amok­laufes sind. Men­schen sind es. Ver­rückte aller Arten, Ver­brecher nehmen sich eine Waffe zur Brust – egal welche, egal von woher – und töten.
Dies ver­hindern zu wollen, indem man Waffen ver­bietet, scheint absurd. Nicht nur, dass gerade diese Ver­rückten und Ver­brecher so oder so an Waffen kommen würden, sondern auch, dass sie einfach zu anderen Methoden greifen könnten. Hier in Europa gelten größ­ten­teils äußerst strenge Waf­fen­ge­setze. Trotz alledem sind Amok­läufe und Ter­ror­an­schläge schon lange keine Sel­tenheit mehr, egal ob in London, Paris, Brüssel, Berlin – auch hier könnte eine lange Liste erfasst werden. Ein eher obskurer Trend, der sich auf diesem Kon­tinent ent­wi­ckelt, ist, dass Ter­ro­risten LKWs ver­wenden. Die For­de­rungen, diese zu ver­bieten, kamen komi­scher­weise noch nicht auf.
Doch nicht nur Ter­ro­risten sind zu nennen. Als in Groß­bri­tannien die Schuss­waffen mehr oder minder ver­boten wurden, war das Resultat nicht Friede auf Erden. Statt­dessen wech­selten die Men­schen einfach auf Messer als favo­ri­siertes Instrument zur Tötung. So ist die Mordrate – wie die Nach­richten aktuell berichten – in London mitt­ler­weile höher als die in New York – und das liegt in erster Linie daran, dass so viele Men­schen erstochen werden. In Deutschlang ist derweil mitt­ler­weile eben­falls eine Debatte über anstei­gende Zahlen bei Mes­ser­at­tacken aus­ge­brochen.
Eine gegen­teilige Ent­wicklung lässt sich derweil in den USA beob­achten. Wie Ryan McMaken vom US-ame­ri­ka­ni­schen Ludwig von Mises Institute kürzlich schrieb, gibt es heute weniger Amok­läufe in Amerika als noch in den 1990er Jahren. Auch die Straf­taten sind im all­ge­meinen seitdem merklich zurück­ge­gangen: Obwohl Ame­ri­kaner seit 1991 ganze 170 Mil­lionen neue Waffen gekauft haben, ist die Anzahl an gewalt­samen Kri­mi­nal­fällen um 51 Prozent gesunken. Doch selbst wenn man auf das blickt, was man nicht sieht, statt nur das, was sofort ins Auge fällt (ja, Bas­tiats und Hazlitts Gedanken sind auch bei Waffen relevant), wirken die so „laschen“ Waf­fen­ge­setze wie ein Segen: Eine Studie des Center for Disease Control, in Auftrag gegeben von Barack Obama selbst, ergab: Jährlich werden in den USA 300.000 Straf­taten mit Schuss­waffen begangen, aber eben jene Schuss­waffen werden auch min­destens 500.000 Mal zur Selbst­ver­tei­digung verwendet.
Tat­sächlich ist es inter­essant, dass fast alle Amok­läufe in den Staaten (und alle ähn­lichen Attacken in Europa sowieso) in soge­nannten „gun-free zones“ geschehen, also Zonen, wo das Tragen von Waffen aus­drücklich ver­boten ist. Dies war sowohl in Parkland, Orlando, Newtown und vielen anderen Attacken der Fall. Es stellt sich daher die Frage: Wäre all das pas­siert, hätten die ver­nünf­tigen, nor­malen Men­schen an diesen Orten Waffen tragen dürfen? Die­je­nigen, die bereit wären, ihre Mit­men­schen vor solch Wahn­sin­nigen zu beschützen?
Doch natürlich sollen nicht Waffen voll­ständig ver­boten werden, meinen die Pater­na­listen der Debatte. Es gehe doch nur um halb­au­to­ma­tische Waffen, sagen sie (zumindest fürs Erste). Doch diese gezogene Linie kann von scheinbar nie­manden erklärt werden. Das Argument, halb­au­to­ma­tische Waffen würden viel schneller töten als normale Schuss­waffen stimmt zwar. Doch ande­rer­seits gilt dies für alle Waffen. Mit einer nor­malen Pistole tötet man deutlich schneller als einem scharfen Messer. Mit einem scharfen Messer tötet man deutlich schneller als mit einem Messer aus der Besteck­schublade. Mit dem Besteck­messer tötet man deutlich schneller als mit … einer Gabel? Derweil tötet man sicherlich mit einem LKW schneller als mit einer halb­au­to­ma­ti­schen Waffe – wie es ja in Europa schon des Öfteren pas­siert ist. Beginnt man mit den Ver­boten von manchen Waffen, ist es nur eine Frage der Zeit bis ver­sucht wird, allen Waffen dem Garaus zu machen. Wo hört man auf – und warum gerade bei halb­au­to­ma­ti­schen Schusswaffen?
Die Grün­der­väter der USA waren genau deshalb, weil sie solch einen Wettlauf gegen die Waffen nicht starten wollten, so ent­schlossen, in die Ver­fassung ein Recht zur Selbst­ver­tei­digung mit Waffen zu schreiben. Natürlich hatten sie keine mili­tanten Isla­misten oder gestörten Amok­läufer im Sinn, als sie den zweiten Ver­fas­sungs­zusatz for­mu­lierten. Sie dachten an Tyrannen, an sowohl ein­drin­gende wie auch selbst die eigene Regierung, die alle ihre Rechte ent­ziehen könnte und sich dann die Men­schen nicht einmal mehr ver­tei­digen könnten. So nahmen die Natio­nal­so­zia­listen vor Beginn des Holo­causts der jüdi­schen Bevöl­kerung die Waffen weg. Und wieder stellt sich die Frage: Nein, nicht ob der Holo­caust bei bewaff­neten Juden nicht pas­siert wäre (natürlich wäre er es), sondern ob er so viele unschuldige Leben gekostet hätte?
Es ist gerade unter diesem Gesichts­punkt so iro­nisch, dass „Anti-Trump“-Anhänger besonders laut strengere Waf­fen­ge­setzen fordern. Sie sehen Donald Trump als Tyrann, der furchtbare Dinge geplant hat und das Land zer­stören könnte. Doch im selben Atemzug fordern sie eben jenen auf, ihnen die Waffen weg­zu­nehmen und sie ver­tei­di­gungslos zurückzulassen.
All den Argu­menten gegen strengere Waf­fen­ge­setze zum Trotz stellt sich natürlich die Frage, was die Lösung ist. Es kann wohl nicht sein, dass diese Angriffe einfach wei­ter­gehen, dass Men­schen wei­terhin grundlos sterben müssen. So nett Vor­schläge wie das Bewaffnen von Lehrern, das Auf­stellen von Sicher­heits­kräften, das Abschaffen von waf­fen­freien Zonen und vieles mehr auch sind, sind es doch nur Zwi­schen­lö­sungen, die sicherlich zu einer Ver­bes­serung führen würden, doch am echten Problem vorbeigehen.
Statt­dessen sollte man seinen Blick nicht lediglich auf Waffen beschränken. Die Ver­rückten, Irren, Wahn­sin­nigen, Mörder, Ver­ge­wal­tiger, Amok­läufer und Ter­ro­risten kann man nicht mit strengen Waf­fen­ge­setzen ver­hindern. Man kann diese Phä­nomene jedoch ver­hindern, wenn man sich statt­dessen fragt, warum diese Men­schen über­haupt erst zu solchen Mitteln greifen. Woher kommt die Aggres­si­vität, der Hang zu solchen Verzweiflungsakten?
Erklä­rungs­gründe gibt es dafür genug. Bei­spiels­weise gab eine Über­le­bende des Parkland-Amok­laufs zu, dass eben jene Jugend­liche, die heute in Washington gegen Waffen pro­tes­tieren, den Amok­läufer von Parkland über Jahre hinweg gemobbt hatten. Das soll seine Taten kei­neswegs ent­schul­digen, doch statt Waffen zu ver­bieten, wäre es sicherlich ein effi­zi­en­terer Weg gegen Mobbing zu arbeiten. Ein Gemobbter, der keinen Ausweg aus seinem depres­siven Frust mehr sieht, wird immer an eine Waffe kommen. Es geht darum, dass es den Gemobbten gar nicht erst gibt – zumindest nicht in diesen Zustand, sondern als nor­maler Jugend­licher, der von seinen Mit­men­schen respek­tiert wird.
Wie kann man diese Pro­bleme, die einen Men­schen zu solchen Taten bewegt, ver­hindern? Ant­worten gibt es viele und die meisten sind wahr­scheinlich unge­nügend. Was jedoch fest­zu­stellen ist, ist, dass eine freie, wohl­ha­bende Welt zumeist fried­licher ist als eine des­po­tische, eine arme – und dass die Bewohner der ers­teren Welt glück­licher sind als die der zweiten. Wenn die Men­schen mehr Mög­lich­keiten vor sich haben wie sie ihr Leben führen wollen, haben sie – ceterus paribus – weniger das Ver­langen, ihr Leben – und das anderer – weg­zu­werfen. Es gibt ja noch Grund zum (nor­malen) Leben.
Wie hoch ist die Kri­mi­na­lität (trotz „läp­pi­scher“ Waf­fen­ge­setze) bei­spiels­weise in den frei­esten Ländern der Welt? In der Schweiz? Liech­ten­stein? Sin­gapur? Wie dra­ma­tisch ist die Lage derweil in anderen Regionen der Welt wie Süd­amerika, wo die Kri­mi­na­lität inmitten von Armut, Dro­gen­kriegen und auto­ri­tären Regimen astro­no­misch hoch ist – trotz (oder gar wegen?) strengen Waffengesetzen?
Sind Freiheit und Wohl­stand die end­gül­tigen Ant­worten gegen Gewalt? Sicherlich nicht. Aber eine liberale Welt wäre eine Prä­kon­dition für eine Welt, in der Amok­läufe, Morde und andere Gewalt­taten wieder Sel­tenheit statt Nor­ma­lität werden. Weiter wäre eine „Civitas Humana“, eine gesunde Gesell­schaft von­nöten. Wie würde diese aus­sehen? Wie würden wir dort hin­kommen? Uni­ver­selle Ant­worten, geltend überall auf der Welt, gibt es dafür nicht. Doch es sind die Fragen, die in der der­zei­tigen Debatte gestellt werden sollten. Nicht, ob eine AR-15 gefährlich ist. Die Antwort dazu kennen wir. Doch sie wird uns keinen Deut weiterhelfen.


Kai Weiß stu­diert Inter­na­tionale Bezie­hungen in Regensburg. Er ist ein wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter beim Aus­trian Eco­nomics Center und Vor­stands­mit­glied des Hayek Institut, Wien.
Erst­ver­öf­fent­li­chung: Ludwig von Mises Institute