Jugendliche in der Colonia Dignidad (Bildquelle: https://www.elconfidencial.com/mundo/2016-09-18/bienvenidos-al-lugar-mas-siniestro-del-mundo-la-colonia-dignidad-de-chile_1260217/, Imagen cedida por la Asociación por la Memoria y los Derechos Humanos Colonia Dignidad.

Colonia Dignidad, Waf­fen­handel, Folter und Kalter Krieg: Wenn „correct!v“ die Hälfte der Wahrheit weglässt

Vor wenigen Tagen nahm sich die Zen­sur­werk­statt und Pro­pa­gan­daschmiede „Correct!v“ eines alt­be­kannten Themas an: der Colonia Dignidad (Kolonie der Würde) in Chile. Im August 2005 sorgte diese seltsame, abge­schiedene end­zeitlich-christ­liche Kolonie von haupt­sächlich deut­schen Mit­gliedern unter dem Leiter Paul Schäfer für Schlag­zeilen. Paul Schäfer wurde gewarnt und entkam, bevor die Behörden zugriffen. Die chi­le­nische Justiz stellte das gesamte Gelände und die Kolonie unter Zwangs­ver­waltung. Es waren unge­heu­er­liche Vor­würfe laut geworden, dass unter dem des­po­ti­schen Men­schen­schinder Schäfer dort Kin­des­miss­brauch, Ver­ge­wal­tigung, Fol­te­rungen, Morde und Zwangs­arbeit wie in einem KZ an der Tages­ordnung waren. Es gab offen­sichtlich man­nig­faltige Ver­bin­dungen zu alten Natio­nal­so­zia­listen, Regie­rungen und Geheim­diensten. Dunkle Geschäfte sollen über diese Ver­bin­dungen durch­ge­zogen worden sein. Es folgten Jahre der Auf­ar­beitung, bei der sich deutsche Behörden oft als erstaunlich wenig koope­rativ erwiesen.
Nun haben sich also Chip & Chap, die ulti­ma­tiven Ritter des Rechts und der publi­zierten Wahrheit, an die causa „Colonia Dignidad“ gemacht. Auf­hänger: Nach über fünfzig Jahren der Gründung des folk­lo­ris­tisch-völ­kisch-christ­lichen KZs in Süd­amerika machen sich Bun­des­beamte aus NRW daran, in Chile die Ver­brechen in diesem Lager auf­zu­klären, die Täter zu fassen und in Deutschland zu bestrafen und den Opfern, so sie denn noch leben, wenigstens eine Ent­schä­digung zukommen zu lassen.
Dass deutsche Täter hier in Deutschland ver­ur­teilt werden sollen, ist durchaus nach­voll­ziehbar, hätte aber auch eigentlich in Chile bewerk­stelligt werden können. Was aber stutzig macht, ist – trotz allen Mit­ge­fühls und Ent­setzens über die Schin­de­reien und Miss­hand­lungen der Opfer dieses gru­se­ligen Lagers –, warum der Staat in der Pflicht stehen könnte, die Opfer zu ent­schä­digen. Ist hier eine Ver­ant­wortung der Bun­des­re­publik Deutschland erkennbar? Ist das pure Huma­nität, die hier ein­ge­fordert wird von correct!v – oder ist die BRD in irgend­einer Weise Mit­täter? Und wenn ja, inwiefern? Gibt correct!v darauf Antworten?
Correct!v berührt in einem vor­an­ge­gan­genen Artikel etwas weit­schweifig das Thema:
Schäfer, der 1921 in Bonn geboren wurde, starb nach fünf­jäh­riger Haft hoch­betagt in einem chi­le­ni­schen Gefängnis. Das war 2010. Aber weitere Deutsche kommen als Täter und Helfer in Frage. Ihre Taten, verübt im Namen der Bibel, sind bis heute straflos geblieben. Es fehlte in der alten Bonner Republik jeder Ehrgeiz, den Vor­würfen nach­zu­gehen, Ermitt­lungen recht­zeitig vor Ablauf von Ver­jäh­rungen ein­zu­leiten oder sie zum Abschluss zu bringen. Deutsche Stellen, dar­unter Diplo­maten der deut­schen Bot­schaft in Santiago de Chile, sabo­tierten Bemü­hungen, die Ver­brechen auf­zu­klären. Das ändert sich gerade grund­legend. Dass jetzt, 57 Jahre nach der Gründung der Folter-Sekte, die Straf­ver­folgung erstmals ernst­hafte Fort­schritte machen könnte, liegt auch am Umdenken im Deut­schen Bun­destag. Er hat die Kehrt­wende 2017 mit der Druck­sache 18/12943  eingeleitet.“

Und an einer anderen Stelle streift man ebenso en passant und quasi nur, um das gru­selige Lokal­ko­lorit noch aus­zu­schmücken, das Thema „Waffen“:
Geheim­dienst-Schergen des faschis­ti­schen chi­le­ni­schen Pinochet-Regimes (1973 bis 1990) fol­terten und töteten in den Kellern der Colonia poli­tische Gegner mit Wissen und durch Zuarbeit des Sek­ten­chefs Schäfer. Innerhalb der Draht­um­zäunung des Lagers fanden chi­le­nische Poli­zisten nach 2005 nicht nur ein großes Waf­fen­depot mit Maschi­nen­ge­wehren und Rake­ten­werfern. Sie hoben ein leeres Mas­sengrab aus, in dem ein­hundert Mord­opfer gelegen haben müssen, bevor ihre Leichen ver­brannt wurden. Die Polizei ent­deckte auch Hin­weise, wonach mit bio­lo­gi­schen und che­mi­schen Waffen expe­ri­men­tiert wurde.“
Das Ganze wird immer wieder mit alten Natio­nal­so­zia­listen und Poli­tikern aus CDU und CSU verknüpft.
Es gibt in den darauf fol­genden Jahren sogar poli­tische Unter­stützung aus der Heimat. Die streng kon­ser­vativ aus­ge­rich­teten ‘Kolo­nisten’ des Päd­erasten Schäfer haben Rücken­de­ckung aus CSU-Kreisen und auch aus Medien genossen. Einem Freun­des­kreis, der in Soli­da­rität mit der Colonia Dignidad gegründet worden war, stand der frühere ZDF-Mode­rator Gerhard Löwenthal nahe. Im chi­le­ni­schen Lager hing ein hand­si­gniertes Bild vom dama­ligen CSU-Chef Franz-Josef Strauß, der die Colonia besucht hatte. Nur die CDU-Minister Norbert Blüm und Heiner Geißler (‘Es muss Anklage erhoben werden’) gingen auf Distanz. Blüm sagte dem chi­le­ni­schen Staatschef Augusto Pinochet bei einem Besuch in Santiago ins Gesicht:  ‘Herr Prä­sident, ich habe keinen Zweifel, dass in ihrem Land gefoltert wird’. Die CSU tobte. Blüms Vorwurf sei ’skan­dalös’.“
Deutsche Diplo­maten hätten weg­ge­schaut, die Deutsche Staats­ver­waltung sei in all dies durch Unter­lassen mit ver­wi­ckelt gewesen.
Mehr war da nicht, Herr Schraven?
Wir zitieren hier einmal Ihren eigenen Anspruch:
„Wir sind das erste gemein­nützige Recher­che­zentrum im deutsch­spra­chigen Raum. Wir recher­chieren lang­fristig zu Themen, die für die Ent­wicklung unserer Gesell­schaft wichtig sind. Wir wollen jeder Bür­gerin und jedem Bürger Infor­ma­tionen geben, damit sie oder er die Welt besser ver­stehen und und eigene Hand­lungs­an­sätze finden kann. Das ist unser Ziel. (…) Um Miss­stände auf­zu­decken und unsere Demo­kratie nach­haltig zu schützen, braucht es inves­ti­gative Jour­na­listen, die gründlich nach­haken, oft jah­relang an einem Thema arbeiten und regel­mäßig dazu publizieren.“ 

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Toll. Dürfen wir Ihnen hier einmal in kol­le­gialer Bewun­derung die Hand reichen? Genau das machen wir nämlich auch, nur werden wir nicht so groß­zügig finan­ziert von Stif­tungen, wie Sie.
Wir bekommen zwar nicht jährlich 925.000 € von der eng mit der Politik ver­floch­tenen Funke-Medi­en­gruppe finan­zierten Brost-Stiftung, auch keine 114.000 € von der mit dem Glo­ba­listen und Spe­ku­lanten George Soros ver­ban­delten Stiftung Adessium, auch keine 54.000 € von der Deut­schen Bank, 35.000 € von der Rudolf Aug­stein-Stiftung, und dazu noch direkt 26.884 € von George Soros berühmter Stiftung ‘Open-Society-Foun­da­tions’ … aber wir geben Ihnen noch ein paar Infos ganz kos­tenlos, die Ihnen anscheinend nicht bekannt sind:
Die Spit­zen­po­li­tiker der Bun­des­re­publik Deutschland hingen sehr viel tiefer im Sumpf des Colonia Dignidad KZs, als Sie zu ahnen scheinen. Die ganze Sache ereignete sich nicht nur in Alt-Nazi-Kreisen und in der CDU/CSU. Da saßen nicht nur ein paar alte Kame­raden an irgend­welchen Amts­stellen, die mal so eben was “weg­ge­bügelt” haben.
Das alles spielte sich zu der Zeit ab, als Willy Brandt und Helmut Schmidt (beide SPD) Kanzler waren und Hans-Dietrich Gen­scher (FDP) Außen­mi­nister. Das Aus­wärtige Amt hatte schon lange Hil­fe­er­suchen und Hin­weise von Fami­li­en­an­ge­hö­rigen der Kolonie-Mit­glieder auf dem Tisch liegen – küm­merte sich aber nicht weiter darum. Das war so auf­fällig, dass die Flücht­linge aus dem KZ Colonia Dignidad sich lieber an die kana­dische Bot­schaft als an die deutsche wandten. Heute erklärt Außen­mi­nister Stein­meier (SPD) in der Politik diese uner­hörte Gleich­gül­tigkeit immer noch mit dem dama­ligen „Zeit­geist“ weg.
Die Zeit bietet vor­sichtig eine Erklärung an: „Der pädo­phile Lager­be­treiber pro­fi­tierte vom Kalten Krieg. Die USA zogen den Put­schisten Pinochet dem von Moskau unter­stützten Prä­si­denten Sal­vador Allende vor. Die Bun­des­re­publik stellte sich dieser Linie nicht ent­gegen und scherte sich wenig um Men­schen­rechts­ver­let­zungen. Nach Latein­amerika ent­sandte das Aus­wärtige Amt manchen Bot­schafter, der noch im Kai­ser­reich geboren war, linke Revo­lu­ti­ons­rhe­torik ver­ab­scheute und ent­zückt war, wenn er adrette Mädels mit Zopf und Jungs mit sauber kurz gescho­renem Kopf sah. Erich Strätling bei­spiels­weise, deut­scher Bot­schafter in Chile, lobte die Colonia Dignidad, als er Paul Schäfer besuchte. Die Bot­schaft verlieh der Kolonie das Prä­dikat “ordentlich und sauber – bis zu den Schweineställen”.“ 
Jaja, die Ewig­gest­rigen, Deutschtümelnden.
Die Bun­des­re­publik unter den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kanzlern stellte sich nicht nur der US-Ame­ri­ka­ni­schen Linie, den Dik­tator Pinochet gegen den sozia­lis­ti­schen Sal­vador Allende zu stützen, nicht ent­gegen, sie arbeitete direkt mit der Mili­tär­re­gierung Pino­chets massiv zusammen – im Sinne der USA. Die Bezie­hungen zum Pinochet-Regime waren sehr eng ver­flochten. Ins­be­sondere baye­rische Rüs­tungs­be­triebe waren beste Geschäfts­partner des Dik­tators. Gerhard Mertins, BND-Agent, Waf­fen­händler (Merex AG) und ehe­ma­liger SS-Offizier, betrieb einen „Freun­des­kreis Colonia Dignidad“ und ver­kaufte Bun­deswehr-Waffen an das Pinochet-Regime, was nach dem Sturz des Dik­tators ver­tuscht wurde und die Straf­ver­folgung bewusst verschleppt.
2005 wurde ein großes Waf­fen­lager auf dem Geländer der Kolonie gefunden, wenige Wochen später ein zweites, unter­ir­di­sches Ver­steck, in dem Munition, Rake­ten­werfer und Gra­naten lagerten. Das erste lag in der eines von der Colonia Dignidad geführten Cafés in dem Ort Bulnes in vier Metern Tiefe. Es war das größte private Waf­fen­lager, was je in Chile gefunden worden ist. Es waren relativ alte Waffen dar­unter, die den Ver­dacht bestä­tigten, dass sie in der Pinochet-Zeit ver­wendet worden waren. Anscheinend waren sie für para­mi­li­tä­rische Zwecke, wahr­scheinlich gegen Akti­visten und Regime­kri­tiker ein­ge­setzt worden. Es gab auch hand­feste Beweise für Waf­fen­handel, Gift­gas­pro­duktion und Geld­wäsche. Für solche Akti­vi­täten muss man über sehr gute Ver­bin­dungen zu Geheim­diensten wie dem CIA ver­fügen. Das zweite Lager war 120 Kilo­meter weg von der Kolonie bei Parral, im chi­le­ni­schen Süden.
Nachdem 1970 der Moskau zugetane Sozialist Sal­vador Allende die Wahlen gewonnen hatte, baute die Führung der Colonia Dignidad enge Kon­takte zur Grup­pierung „Patria y Libertad“ (Heimat und Freiheit) und unter­stützte den Putsch des chi­le­ni­schen Militärs am 11. Sep­tember 1973. Der chi­le­nische Geheim­dienst instal­lierte auf dem Gelände der Kolonie ein Fol­ter­zentrum. Es sollen über hundert Regime­gegner dort ermordet worden sein. Es wurde berichtet, dass auf dem Gelände der Colonia Dignidad die Gräber einiger ver­schwun­dener Dis­si­denten ent­deckt worden sind.
Geheim­do­ku­mente der chi­le­ni­schen Mili­tär­re­gierung belegen, dass Freunde von Franz-Josef Strauß,  Lothar Bossle und Ludwig Martin, sogar 1987 die chi­le­nische Regierung warnten, die deutsche Presse könne von den Vor­komm­nissen in der Colonia Dignidad erfahren. Es war ein „insti­tu­tio­na­li­siertes Geflecht“ deut­scher, chi­le­ni­scher und inter­na­tio­naler Wirt­schafts- und Rüs­tungs­firmen und Geheim­diensten unter der Ägide US-ame­ri­ka­ni­scher Interessen.
In den Kellern und Gebäuden der Colonia Dignidad wurden Akti­visten und Gegner des Pinochtes gefoltert und ermordet, was den Inter­essen der Mili­tär­re­gierung ebenso nützte wie den poli­ti­schen Inter­essen der USA, die in Süd­amerika keine Moskau-freund­liche Regierung duldete. Der per­verse Kle­in­dik­tator Paul Schäfer war bei weitem nicht der einzige Ver­brecher in dem ganzen Netz. Daher musste die nütz­liche, abge­schirmte „Ope­ra­ti­ons­basis Colonia Dignidad“ – genauso wie die Ver­flech­tungen zwi­schen deut­scher Politik, Rüs­tungs­in­dustrie, Waf­fen­schmuggel und Geheim­diensten – vor Recherchen und Unter­su­chungen wirksam geschützt werden. Was wie­derum der Bestie Paul Schäfer freie Hand für seine Per­ver­si­täten und Grau­sam­keiten gab.
Offenbar standen die Men­schen­rechte in den 1970er-Jahren bei der sozi­al­li­be­ralen Koalition in Bonn nicht so hoch im Kurs wie der vom großen Bruder USA ver­ordnete Anti­kom­mu­nismus, die Ein­dämmung der Sowjet­union und gut geölter welt­weiter Waf­fen­handel sowie gute Geschäftsbeziehungen.
Wenn man die Geschichte der Colonia Dignidad im Sinne des Anspruches von correvt!v erzählen will, so darf dieses Kapitel nicht aus­ge­spart bleiben. Selt­sa­mer­weise wird diese Seite der Geschichte aber bei correct!v nicht ange­messen – eher gar nicht – beleuchtet. Wir wollen natürlich nicht unter­stellen, dass das etwas mit den geld­ge­benden Insti­tu­tionen für das Recher­cheteam in sil­berner Rüstung zu tun hat, denn sie haben sich auf die Fahne geschrieben „um Miss­stände auf­zu­decken und unsere Demo­kratie nach­haltig zu schützen, braucht es inves­ti­gative Jour­na­listen, die gründlich nach­haken, oft jah­relang an einem Thema arbeiten und regel­mäßig dazu publizieren“.
Das wollen wir den groß­ar­tigen und gewis­senhaft recher­chie­renden Kol­legen von correct!v gerne glauben und freuen uns auf die atem­be­rau­benden, detail­lierten Ent­hül­lungen von correct!v zum dicht gewebten Netz zwi­schen deut­schen Sozi­al­de­mo­kraten, Libe­ralen, Christ­de­mo­kraten, Christ­so­zialen, dem BND, den Waf­fen­händlern, der deutsche Rüs­tungs­in­dustrie, der CIA, dem Pen­tagon und den Fol­ter­knechten des Mili­tär­re­gimes Pinochet, dem Netz alter Natio­nal­so­zia­listen in Süd­amerika und dem pädo­philen Men­schen­schinder Paul Schäfer.