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Mesut Özil: Benutzt Erdogan ihn für seinen Glaubenskrieg und eine EM in der Türkei?

27. Juli 2018

Die Affäre um das Foto Mesut Özils mit seinem Trikot und ergebener Widmung für den türkischen Präsidenten Erdogan zieht weitere Kreise. Der ehemalige, deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln hat hingeschmissen. Er ist aus der Nationalmannschaft ausgetreten, und zwar mit großem Aplomb und nicht ohne saftige Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Seine Abrechnung ist aggressiv, wütend und pauschal und er hat sie ausschließlich auf Englisch geschrieben.

Herr Özil hat sich sicher unangebrachte, beleidigende, auch rassistische Sprüche hier und da anhören müssen und das ist zu verurteilen. Das sind aber – mit Verlaub – Randerscheinungen und ebenso unfair, wie nun seinerseits alle Kritiker, ganz Deutschland sowie den gesamten DFB pauschal als Rassisten niederzumachen.

Um Rassismus geht es aber im Kern der Kritik an Herrn Özil nicht. Es ging um die Botschaft, die er mit dem Trikot und der ehrerbietigen Widmung an „Seinen Präsidenten“ aussandte. Es ist die Gretchen-Frage der Loyalität.

Herr Mesut Özil war nicht Hobby-Fußballer in der Lokalmannschaft Castrop-Rauxel Süd. Er hat nicht irgendwie irgendwo gespielt, sondern in der „Nationalmannschaft“, (die ja bezeichnenderweise auf einmal nur noch „die Mannschaft“ hieß). Das bedeutet, er vertritt Deutschland. Doch er schwieg beharrlich nach dem Trikot-Eklat mit Präsident Erdogan. Im Gegensatz zu seinem Teamkollegen Ilkay Gündogan wollte er sich auch nicht klar zu den deutschen Grundwerten bekennen.

Er schreibt in seinem „Austrittsbrief“ etwas nebulös von sich selbst, er habe immer zwei Herzen gehabt, ein deutsches und ein türkisches. Aber wenn die deutsche Nationalmannschaft spielte, sang er die Nationalhymne nie mit. Hatte sein deutsches Herz gerade dann einen Aussetzer?

Als das Thema in den Medien diskutiert wurde, erklärte sich Herr Özil. Er bete dann zu Allah, er möge der Mannschaft Kraft, Schutz und Sieg schenken. Das ist Herrn Özil unbenommen, und nicht zu kritisieren … nur, warum schließt das eine offenbar das andere aus? Was ist denn die Botschaft dahinter? Wer die deutsche Nationalhymne mitsingt, kann nicht zu Allah beten und umgekehrt? Möchte er damit sagen, ein gläubiger Muslim und Türke kann eben doch nie ein Deutscher sein?

Unglücklicherweise versiebte „die Mannschaft“ von vorneherein alles auf dem Platz in Russland, was die Fußballfans nicht glücklicher machte. Mesut Özil musste auch schon vorher von Kollegen Kritik in dieser Richtung einstecken. Rekordnationalspieler Lothar (Loddah) Matthäus bescheinigte ihm fehlende Leidenschaft im deutschen Trikot: „Ich habe bei Özil auf dem Platz das Gefühl, dass er sich im DFB-Trikot nicht wohlfühlt, nicht frei ist, ja fast: als ob er gar nicht mitspielen möchte. Da ist kein Herz, keine Freude, keine Leidenschaft.“ Mario Basler empfand seine Körpersprache auf dem Spielfeld als die eines „toten Frosches“: „Das ist jämmerlich!“

Herrn Özils Rundumschlag mit beispiellosen Anschuldigungen gegen Deutschland im Allgemeinen, Kritikern, dem DFB und dessen Sponsoren, Kollegen und den Medien im Besonderen hinterließ erst einmal eine lange Pause fassungsloser Stille. Nach diesem Schwall aus einem riesigen Eimer Jauche schnappte erst einmal alles nach Luft.

Dann kam Gegenwind nach diesem schriftlichen Wutanfall. Uli Hoeneß: „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto.“

Dann, nach einigem Schweigen, entschloss sich der DFB, sich gegen die Vorwürfe von Rassismus zu verwahren. Man bedaure, möglicherweise nicht in allen Belangen adäquat reagiert zu haben und verzichtete weise auf einen Einstieg in die Schlammschlacht. Für den DFB „gehöre es zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen.“

Der Verband bedankte sich bei Herrn Özil für herausragende Leistungen, er habe eine erfolgreiche Ära mitgeprägt. Aber es klang auch anderes an: „Ein Bekenntnis zu diesen (deutschen) Grundwerten ist für jede Spielerin und für jeden Spieler erforderlich, die für Deutschland Fußball spielen. ( … ) Der DFB hätte sich gefreut, wenn Mesut Özil auf dieser gemeinsamen Basis weiter Teil des Teams hätte sein wollen.“

Man kann aus all dem schließen, dass die Fußballkarriere des Herrn Mesut Özil gut und reibungslos lief, solange die erwähnte Gretchenfrage nicht gestellt wurde („Sag, Heinrich, wie hältst Du’s mit der Religion?“). An dem deutlichen Bekenntnis zu dem türkischen, „seinem“ Präsidenten Erdogan, wie auch an der Weigerung, die Nationalhymne mitzusingen, entzündete sich aber der Funken, und Herr Özil war gezwungen, Farbe zu bekennen. Er reagierte beleidigt, weil er genau das nicht wollte. Dann lieber den Abgang und nochmal richtig um sich treten.

Jetzt treten all die, die in diesem Spiel glauben, etwas gewinnen zu können, auf den Plan. Allen voran und von vorneherein absehbar, sieht der Vorsitzende des Rates der Muslime in Deutschland, Herr Aiman Mazyek, die Gelegenheit, sich die Hände an dem funkensprühenden Feuer zu wärmen. Da greifen wir mal tief in die Empörungskiste und tönen „Was da jetzt an Respektlosigkeit, Vorurteilen und auch an Rassismus über ihn (…) sich ergoss, das ist beispiellos und furchterregend“. Wunderbar, wie sich die Muslimischen Verbände in Deutschland bei jeder falschen Bemerkung, die sich vermeintlich oder tatsächlich negativ zum Islam stellt, sofort in die Opferrolle wirft und Diskriminierung! Benachteiligung! Rassismus! schreit, andererseits aber Beleidigungen, Diskriminierungen, Verbrechen, Gewalt, Verachtung von Nichtmuslimen, besonders von Frauen, seitens ihrer Glaubensbrüder vollkommen ignorieren.

Es wird niemanden verwundern, dass seine Exzellenz, Herr Präsident Erdogan, diese Vorkommnisse nicht unkommentiert ließ. Er ließ wissen, er habe am Montagabend mit Herrn Özil telefoniert und stehe hinter dessen Austrittserklärung. Und er sagte: „Einen jungen Mann, der alles für das Nationalteam gegeben hat, aufgrund seines Glaubens so rassistisch zu behandeln, ist inakzeptabel“.

Hierzu ist anzumerken, dass Glaube und Rasse nichts miteinander zu tun haben, sofern nicht innerhalb einer Religion die Zugehörigkeit zu einer bestimmten „Rasse“ die Voraussetzung ist, dieser Religion zugehören zu dürfen. Weder bietet das Christentum einen Ansatzpunkt hierzu, was allein schon durch die eifrige, christliche Missionierung der letzten sechshundert Jahre in allen Kontinenten dieser Erde deutlich wird, noch der Islam, der seit vierzehnhundert Jahren ebenfalls höchst engagiert eine Verbreitung seines Glaubens in der ganzen Welt anstrebt. Wäre die Frage der Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ hierzu relevant, wären diese Bemühungen sinnlos. Welche Religionszugehörigkeit Herr Präsident Erdogan also als intrinsisch „rassistisch“ bezeichnen möchte, bleibt unklar. Man gewinnt eher den Eindruck, diese Affäre soll in eine Arte „Religionskrieg“ umgemünzt werden, um gläubige Muslime aufzuwiegeln.

Es blitzt aus dieser Äußerung auch eher das Bedürfnis hervor, in einem Satz soviel Vorwurf und Tabuwörter, wie irgend möglich unterzubringen. Der türkische Sportminister Mehmet Kasapoglu nannte das Verhalten Herrn Özils eine „ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil“.

Gut. Damit hat man von türkischer Seite und der Seite der muslimischen Verbände die Fronten klar abgesteckt. So manchem Integrationsromantiker gehen gerade wahre Kronleuchter auf. Der DFB ist immer noch desorientiert und leicht erschüttert, wie schnell aus dem türkisch-muslimischen Lager scharf geschossen wird und die Medien schlackern immer noch mit den Ohren, wie schnell sie mit ins Visier genommen und mit „Rassismus“ beschossen werden. Seehofer erklärt flugs die Integrationsfunktion des Sports sowie die Integration als solche im Allgemeinen für keineswegs gescheitert und den Fall Özil zum Einzelfall.

Überflüssig anzumerken, was geschehen wäre, hätte sich ein deutschstämmiger Fußballspieler in der türkischen Nationalmannschaft so verhalten und erklärt, er singe die Nationalhymne nicht mit, weil er stattdessen zu Jesus bete, „seinem“ deutschen Bundespräsidenten ein Trikot mit ergebener Widmung überreicht, bei einem Weltmeisterschaftsspiel auf dem Platz eine schlechte Leistung hingelegt und dann, bei Kritik an all dem, noch einen rabiaten Roundhouse-Kick mit verbalen Schrotschüssen aufgeführt.

Herr Präsident Erdogan wäre nicht der, er er ist, wenn er nicht seine ganz eigenen Pläne in dieser Sache hätte. Man kann ihm viel nachsagen, aber dumm ist der Mann keinesfalls. Die BILD riecht den Braten auch und fragt ganz unverfroren „Will Erdogan mit Özil die EM 2014 holen?“ – und: „Jetzt will Türkei-Präsident Recep Tayyip Erdogan offenbar Kapital aus der Özil-Affäre schlagen“.

Was die anderen Medien nicht schreiben, liest man hier in der BILD. Präsident Erdogan hat nämlich noch einen Satz gesagt: „Gestern Nacht habe ich mit Mesut gesprochen. Seine Haltung in der Erklärung ist komplett patriotisch. Ich küsse seine Augen!“

In der Tat, die Özil-Affäre ist für Erdogan ein phänomenaler Glückstreffer. Die dauerschuldbewußten Deutschen fallen jetzt vor Schreck und Desorientierung wie ein panischer Hühnerhaufen über die eigenen Füße und der Anteil türkischstämmiger Deutscher, der sich vielleicht auch über die Özil-Geschichte ärgert, fällt ihm wie eine reife Frucht in den Schoß. Damit kann Präsident Erdogan die BRD ein bisschen aufmischen, einen Keil zwischen Deutschtürken und Deutsche treiben, sich als Präsident ALLER Türken, auch der deutschen Türken inszenieren und wahrscheinlich genug Druck machen, dass die Fußball-Europameisterschaft nicht in Deutschland (bisheriger Favorit), sondern in der Türkei ausgerichtet wird.

Wir werden also davon ausgehen können, das seine Exzellenz Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, die Rassismus-Islam-Patriotismus-Debatte weiter anheizen wird. Herr Mesut Özil wird dabei sehr nützlich sein und wahrscheinlich bald einen gut bezahlten Vertrag in der türkischen Nationalmannschaft in Händen halten. Der „tote Frosch“ wird allerdings dann sehr hoch springen müssen, um die in ihn gesetzten Erwartungen seiner „Brüder“ zu erfüllen. Ob ihm das in seiner ganzen Tragweite so richtig klar ist?