Sebastian Kurz: Der Anti-Merkel, Machiavell und smarte Demokrat

Sebastian Kurz gilt als Superstar einer neuen Poli­ti­kerelite. Von den einen wird er dafür ange­feindet, als wäre er die Inkar­nation des Bösen schlechthin, von den anderen als Sehn­suchts­kanzler her­bei­ge­wünscht. Kurz ist alles in einem: Tak­tiker, ein Machiavell und dennoch smart und intel­ligent. Doch wie tickt die Antipode Merkels wirklich, dem sogar AfD-Wähler folgen würden?
Kein ange­passter Biedermann
Poli­tiker mit Cha­risma sind fast so selten wie der Schnee in der Sahara. Früh poli­tisch ins Amt gespült, sind viele mehr Tech­no­kraten als geniale Tak­tiker, bestallte Ver­walter mit einem geradezu hybriden Willen zur Macht. Aber dieser Wille als Selbst­er­hal­tungs- und Selbst­ver­zau­be­rungs­komplex hat wenig mit Nietz­sches Wil­lens­be­griff zu tun. Ver­steht dieser doch dar­unter eine Kraft, die sich per­manent ver­ändert und Neues aus sich her­aus­ge­biert. Was statt­dessen auf der poli­ti­schen Schau­bühne regiert, ist der strom­li­ni­en­förmige Bie­dermann, der wand­lungs­fähig wie ein Komö­diant ist, sich buch­stäblich allen Rollen anpasst und sein poli­ti­sches Bekenntnis, schat­tenlos wie Peter Schlemihl in Adelbert von Cha­missos wun­der­samer Geschichte, man­tra­artig bis zum Wider­käuen wie­derholt. Das „lebe gefährlich“, das Friedrich Nietzsche in seiner „Fröh­lichen Wis­sen­schaft“ ein­fordert, zählt nicht zu den Kar­di­nal­tu­genden der deut­schen Kader; vielmehr regieren all­zu­mensch­liche Inter­essen wie die Bei­be­haltung der Macht, die Sicherung des Status quo und das tak­tische Auf-Sicht-Fahren. Tak­tieren statt agieren – dafür steht letzt­endlich ein ganzes Gros von bun­des­deut­schen Politikrepräsentanten.
Was Kurz von deut­schen Poli­tikern unterscheidet
Sebastian Kurz ist anders. Er agiert blitz­schnell, er bestimmt das Tempo und treibt nicht nur in Sachen Flücht­lings­po­litik, Grenz­si­cherung und Frontex den Hof­staat euro­päi­scher Poli­tiker wie eine Schaf­herde vor sich her. Der 31-jährige Bun­des­kanzler mit Blitz­kar­riere samt Tur­boschub, der mit 27 Jahren der jüngste Außen­mi­nister der Welt war und die einst marode schwarz-rote ÖVP/SPÖ-Regierung mit seiner „Liste Kurz“ aus der Not­be­atmung mit Sauer­stoff ver­sorgte und zu neuem Leben erweckte, weiß geschickt den Augen­blick zu nutzen. Dabei kommt ihm immer wieder seine machia­vel­lisch-nietz­schea­nische Intel­ligenz zu Hilfe, jene pro­duktive Schub­kraft jugend­licher Energie und Wagemut. Kurz kann pro­vokant, wenn­gleich das nicht seine Haupt­tugend ist. Es ist nicht der ätzende Radikalo, der mit der Fratze der Agi­tation und mit blinden Vor­ur­teilen à la Andrea Nahles, Katharina Schulze oder Anton Hof­reiter wie ein wilder Elefant durch die poli­ti­schen Por­zel­lan­themen rauscht. Er hat was Solides im Stil, etwas Aus­ge­wo­genes, etwas Ver­bind­liches; er ist gemäßigt und doch bestimmend, er ist aus­glei­chend und doch kein Einheitsbrei.
Sebastian Kurz war Merkel immer schon einen Schritt voraus
Während Deutschland über Anker­zentren streitet, bei der Flücht­lings­frage immer wieder den Rück­wärtsgang einlegt, kann der agile Kurz hier Lor­beeren sammeln und gerade die Rechts­wähler wieder in seiner Volks­partei der Mitte, wie er beim Som­mer­empfang der CDU in Erfurt immer wieder betonte, ver­sammeln und mobi­li­sieren. Koali­tionen seiner Schwes­ter­partei – der deut­schen Union – mit der AfD lehnt er kate­go­risch ab. Er will keine rechten Ver­schwörer und Europa-Leugner, sondern ein Europa, das geeint im Geist, keine Tren­nungen zwi­schen Ost und West, Nord und Süd duldet. Er will aber ein Europa der Leis­tungs­be­reiten. Leistung ist eine Maxime, die kein geflü­geltes Wort bei Kurz bleibt, sondern eine trei­bende Kraft. Tag­täglich agiert sein Kabinett mit einer Ziel­stre­bigkeit, die das sonst so gemüt­liche Öster­reich aus den Jahren der Großen Koalition über­haupt nicht mehr gewöhnt war. Täglich steht etwas Neues auf der Agenda; Kurz will mit aller Macht Ver­än­de­rungen – sie sind der Motor seiner poli­ti­schen Aktionen. Der Anker für seine solide Politik bleibt dabei die Flücht­lings- und Sicher­heits­frage, das Kern- und Kom­pe­tenz­thema des öster­rei­chi­schen Bun­des­kanzlers. Mit dieser, so ist der sich sicher, fällt die Schick­sals­frage des Kontinents.
Der belieb­teste Politiker
Laut Insa-Mei­nungs­trend würden 38 Prozent der Deut­schen derzeit den Öster­reicher wählen, wenn dieser als Kanz­ler­kan­didat in Berlin anträte und damit der dahin­sie­chenden GroKo die Rote Karte zeigen und einer vor sich dahin­düm­pelnden Union, die derzeit auf 28 Pro­zent­punkte kommt, die Quittung auf den Tisch legen. Sogar „acht von zehn AfD-Wählern, jeder dritte FDP-Wähler und drei von zehn CDU/CSU-Wählern wären für den Bun­des­kanzler. „Aber auch jeder fünfte aktuelle Wähler von SPD und Linke votierte für Kurz. Selbst 13 Prozent der Grünen-Wähler würden für den 31-jäh­rigen Kanzler stimmen.“
Kurz ist schon jetzt eine Marke
Seit CSU-Poli­tiker Karl Theodor von und zu Gut­tenberg kam kein ein­ziger Deut­scher Poli­tiker mehr an dessen Beliebt­heitsgrad heran. Und so schwören viele Wähler in Deutschland auf Kurz. Wo er ist sind die Mes­se­hallen berstend voll, biegen sich die Kameras und der Öster­reicher ver­sinkt im Blitz­licht­ge­witter. Kurz ist eben auch ein Show­effekt, nicht die blasse Kari­katur eines Beamten, der gekünstelt seine mediale Wirkung zu insze­nieren sucht. Bei Kurz wirkt alles echt, leicht. Schon jetzt ist er eine Marke, ein Ver­mark­tungs­künstler, der sich geschickt und wohl­überlegt in Szene zu setzen weiß. Der aber nicht pol­ternd, wie manche Granden in der deut­schen Schwes­ter­partei, die grö­lende Masse auf­heizt, sondern mit gewandter Rhe­torik und mit Alpen­charme sich die Herzen erobert. Sebastian Kurz läuft mit seiner Läs­sigkeit, Coolness und Intel­ligenz bereits vielen deutsch­spra­chigen Poli­tikern den Rang ab.
Auf welt­po­li­ti­scher Bühne spielt nur Emmanuel Macron noch in der gleichen Liga, wenn­gleich dieser viel mehr für Europa als der öster­rei­chische Kanzler selbst steht und mehr als dieser die reich­ge­deckten Fleisch­töpfe in Brüssel und Berlin in sein marodes, vom Kul­tur­kampf gezeich­netes Frank­reich zu spülen sucht.
Keine Star­al­lüren
Kurz hatte sich die Welt­bühne bereits als Außen­mi­nister erobert. Gepunktet hat der smarte ÖVP-Poli­tiker aus dem Arbei­ter­bezirk Wien-Meidling schon damals, weil er – anders als Kanzler Christian Kern – in der Economy Class flog, während der SPÖ-Poli­tiker in der Business Class jettete. Dies sind kleine Gesten eben, die Kurz wie Papst Fran­ziskus beliebt machen. Man kann ihn anfassen, mit ihm sprechen, er gilt als kon­zen­trierter Zuhörer mit gutem Per­so­nen­ge­dächtnis. Kei­nes­falls als Lächel-Kanzler, poli­ti­scher Snob oder arro­ganter Polit­kader, der sich nur fürs Blitz­licht­ge­witter mit dem „Volk“ zeigt, obgleich er ein „Selfie-Kanzler“ schon ist. Aber er wirkt viel ver­bind­licher als Merkel in ihrer Sprödheit als emo­tio­nales Vakuum, ist nicht banal-arrogant, platt und ober­flächlich wie Donald Trump, nicht het­ze­risch und auf­wie­gelnd wie Alice Weidel, Alex­ander Gauland oder wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Die Koalition mit der FPÖ Jörg Haiders scheint für ihn dann auch mehr Not­ge­mein­schaft, statt Lebens­elixier zu sein. Das er hier immer wieder Kom­pro­misse schmieden muss, die nicht in sein poli­ti­sches Selbstbild passen, mag ihn stören und macht ihn zur Angriffs­fläche poli­ti­scher Erzfeinde.
Gegen Merkels Vormundschaft
Was Kurz in Öster­reich in relativ kurzer Zeit gelang, bleibt Merkel in Deutschland ver­wehrt. Das Ein­ge­ständnis, bei der Flücht­lings­krise Fehler gemacht zu haben, passt nicht zum Selbstbild als Kanz­lerin von Gottes-Gnaden; Selbst­zweifel wie Fehl­ent­schei­dungen schließen sich dabei in Per­so­nal­union wie beim kirch­lichen Dogma a priori aus. Was die Kanz­lerin aber Kurz nicht ver­zeihen mag, ist die beherzte Schließung der Bal­kan­route auf der berühmten West­balkan-Kon­ferenz, die maß­gebend auf sein Konto geht. Dass er damit die Kanz­ler­schaft von Merkel rettete und Deutschland eine Atem­pause beim Flücht­lings­kollaps ermög­lichte, sieht das poli­tische Berlin eher als Hybris eines jungen Mannes, der für Merkel ein uner­fah­rener Poli­takteur bleibt und zudem die Dreis­tigkeit besitzt, sich aus der mer­kel­schen Vor­mund­schaft zu befreien.