Politik

Studie zu Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche: Wenn Hütehunde zu Wölfen werden

13. September 2018

Schon sehr lange gibt es bei feuchtfröhlichen Abenden, wenn die derberen Witze anfangen, auch den Themenkreis „Kindesmissbrauch durch Priester“. Das Wissen um diese Problematik ist alt. Und es wurde immer schon verschwiegen. Weil man früher an und für sich über so etwas nicht sprach und die Macht der Kirche groß war, blieb es bei Gerüchten – und die Opfer der Priester allein mit ihrer Scham und ihren seelischen Verwundungen. Niemand hätte ihnen geglaubt – oder besser: glauben wollen.

Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Die Opfer versteckten sich nicht mehr verschämt, sie gingen an die Öffentlichkeit. Die katholischen Kirche geriet unter Druck. Sie musste sich stellen. Seit vier Jahren wird von einer Forschungsgruppe flächendeckend untersucht, was, wann wo und mit wem vorgefallen ist. Vier Jahre Spurensuche von 1946 bis 2014 erbrachten Unmengen Dokumente, Kopien, Befragungen. Alles das kristallisierte am Ende in nüchterne Zahlen und Tabellen. Gerade aus den Reihen der Kleriker kommt oft das Argument, dass Kindesmissbrauch nicht nur ein Problem der Kirche sei. Das ist wahr, doch die Studie geht auch auf die ganz speziellen Aspekte des Kindesmissbrauchs im Kirchenumfeld ein. Treibende Faktoren für eine so ungesunde und aufgestaute, sich dann an wehrlosen Kindern abreagierende Sexualität sind gerade die psychischen Zwänge des Umfeldes: verleugnete Sexualität, verteufelte Homosexualität, unbedingter Gehorsam, keine echte Hilfe, wie mit dem unbefriedigten Sexualtrieb umzugehen sei. In einem Umfeld, wo eine gesunde, normale Sexualität schon Sünde und Schande ist und unter strenger Verschwiegenheit geschieht, macht es dann vielleicht keinen großen Unterschied mehr, sich dann an Kindern zu vergehen?

Und was bedeutet es, dass auf der Opferseite ein krasses Übergewicht männlicher Opfer offenbar wird? Im Großen und Ganzen sind von den Betroffenen der sexuellen Übergriffe 62 Prozent Jungen und 35 Prozent Mädchen. In manchen Teiluntersuchungen betrug der männliche Anteil der Opfer sogar 80 Prozent und mehr. Offenbart das einen hohen Prozentsatz von pädophilen Homosexuellen in den Reihen der Kleriker oder den Mangel an anderen „Sexualobjekten“? Einen sehr hohen Anteil, ein Viertel aller Opfer, stellen nämlich die Ministranten. Gerade hier gibt es recht deftige Witze, die der Reputation der Kirchenmänner nicht zuträglich sind, aber den Erfahrungshorizont des Volkes widerspiegeln: Es ist sowieso von jeher ein offenes Geheimnis. Heute, im Zeitalter der Sozialen Medien, gehen dann solche „Meme“ genannte Bilder herum:

 

 

Die Vertuschung der Verbrechen wird in einem gesonderten Kapitel der Studie aufgearbeitet. Die Bistümer vertuschten den Missbrauch systematisch. Bei 1670 aktenkundigen Beschuldigten eröffnete die Kirche nur gegen 566 ein kirchenrechtliches Verfahren, das ist nur ein Drittel der Fälle. Von diesen 566 blieben 154 ohne jede Strafe oder Sanktion, in 103 Fällen wurde eine Ermahnung ausgesprochen.

88 Beschuldigte wurden exkommuniziert, 41 wurden entlassen. Das sind dann zwar die „Höchststrafen“ innerhalb des kirchlichen Rechtes, aber sie treffen nur 7,8 Prozent der Beschuldigten. Und im Vergleich zu dem, was die dann als überführt geltenden Täter bei einem weltlichen Strafgerichtsprozess an Folgen zu gewärtigen hätte, sind diese „Höchststrafen“ ein Leichtgewicht. Meist, so zeigt die Studie, reagiert die Kirche mit noch lascheren „Strafen“: Frühpensionierung, Versetzungen, Zelebrationsverbot, Therapie, Beurlaubung, Ermahnung, kleine Geldstrafen oder nur Exerzitien. (Das sind geistliche Übungen, die zu einer intensiven Besinnung und Begegnung mit Gott führen. Sie bestehen aus Gebet, Meditation, Fasten, Schweigen und die Worte Gottes zu lesen.)

Die Versetzungen in eine andere Gemeinde sehen die Autoren der Studie durchaus kritisch. Hier seien „einschlägig vorbelastete Beschuldigte in einem weitgehend ahnungslosen Umfeld platziert worden“, dies sei ein Risiko, das die Bischöfe „leichtfertig oder bewusst in Kauf genommen“ hätten.

Das Resümee der Studie beurteilt diese breitflächige Vertuschung und das Verschweigen in wohlformulierten Worten: „Somit ist die Bereitschaft der Kirche, Fälle des sexuellen Missbrauchs mit den eigenen, dafür vorgesehenen Verfahren zu untersuchen und Beschuldigte gegebenenfalls einer kirchenrechtlichen Bestrafung zuzuführen, in Anbetracht der Befunde als nicht sehr ausgeprägt anzusehen“.

Hübsch ausgedrückt.

Es ist furchtbar für die Opfer. Die Kinder leiden oft ein Leben lang darunter. Überraschend ist das alles nicht.
In einem so sexualfeindlichen Umfeld der Heimlichkeit und des Schuldbewusstseins für eigentlich ganz normale Regungen und Bedürfnisse, wachsen finstere Phantasien wie dunkle Blumen und machen die „Hirten der Schäflein“ zu reißenden Wölfen. Diejenigen, die – wenn etwas herauskommt – über den Missetäter aus den eigenen Reihen richten, haben notabene meist großes Verständnis für die zwar sündige, aber für manchen unbezwingbare „Fleischeslust“. Manch einer, der dort als Richter über seinen Glaubensbruder sitzt, mag selber seinen Trieben schon einmal erlegen sein. Wie will er dann richten? Und hat er selbst vielleicht, geschockt über sein Verbrechen an einem Kind, so etwas nie wieder getan? Dann wird er dasselbe wahrscheinlich von seinem Priesterbruder erwarten und ihn nur eindringlich ermahnen.

Möglich auch, dass da eine unausgesprochene Kumpanei mitspielt: „Du hast gefehlt, Bruder, aber ich, Dein Richter, bin gnädig. Sollte ich dereinst fehlen, so werde auch mir diese Gnade zuteil. Denn unser aller Geist ist willig, aber unser Fleisch, ach!, so schwach!“?

Der Volksmund drückt es so aus: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“


Jetzt eintragen und News kostenlos per E-Mail erhalten:

Ad
Ad
Ad
Ad
Ad