Whistleblower Politik

Grausiger Skelettfund im Vatikan: 15-Jährige von Priester missbraucht und von der Mafia ermordet?

14. November 2018

Ein mysteriöser Fund von menschlichen Knochen auf Vatikangebiet könnte den Ermittlungen im Falle von zwei „kalt gewordenen Fällen“ vermisster Mädchen neuen Anschub geben. Es könnte sich um die Knochen seit 1983 vermisster Mädchen handeln. Ihre Namen: Emanuela Orlandi und Mirella Gregori. Bei Renovierungsarbeiten in einem Gebäude des Vatikans in Rom haben nämlich Handwerker menschliche Skelettreste entdeckt. Der unheimliche Fund wurde den römischen Behörden gemeldet.

Der Beweis, dass es Emanuela Orlandis Gebeine sind, steht noch aus. Ein unbekanntes menschliches Skelett, vergraben auf dem Gelände des Vatikans – das sorgt in Rom für Aufregung. Das vor Jahrzehnten verschwundene, junge, 15jährige Mädchen Orlandi könnte sehr gut das Opfer eines Sexualverbrechens im Vatikan geworden sein. Dieser Verdacht stand schon damals im Raum.

35 Jahre sind es her, dass Emanuela Orlandi in Rom – ohne irgendeinen erkennbaren Grund – einfach spurlos verschwand. Der hübsche Teenager wurde noch am Nachmittag des 22. Juni 1983 von einigen Zeugen gesehen, als Emanuela ihre Musikschule in der Innenstadt verließ. Seither ist das junge Mädchen – dieses Jahr würde sie ihren 50. Geburtstag gefeiert haben – wie vom Erdboden verschluckt. Emanuela Orlandi war Tochter eines Vatikanpolizisten und wuchs im Kirchenstaat auf. Der Fall gilt als einer der mysteriösesten Kriminalfälle Italiens. Die Familie der Vermissten leidet heute noch darunter: „Wir haben Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit und werden nie aufgeben, das zu fordern“, sagt Pietro Orlandi, Emanuelas Bruder, seit dreißig  Jahren.

Die Skelettteile wurden auf dem Gelände der Apostolischen Nuntiatur in Rom gefunden. Die Vatikanbotschaft bei der Republik Italien liegt zwar in einem römischen Nobelviertel, das Areal ist aber „extraterritorial“ und gehört zum Vatikanstaat. Die Knochenreste unter dem Pförtnerhaus der großen Anlage könnten also sehr wohl zu einer Person gehören, die abseits jeder Aufmerksamkeit vergraben werden sollte. Der Verdacht, dass es sich um Emanuela Orlandi handelt oder die ebenfalls vermisste, junge Mirella Gregori, liegt also nahe.

Seit einigen Tagen stellt die Spurensicherung weitere Skelettteile sicher. Während beim ersten Ortstermin Teile eines Oberkörpers gefunden wurden, tauchten nun ein Schädel und ein Unterkiefer auf, die aber möglicherweise von einer zweiten Person stammen. Die DNA-Tests sollen in einigen Tagen vorliegen. Gerichtsmediziner haben angedeutet, bei den Knochen handle es sich um eine Frau im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Das wäre eindeutig zu alt für Emanuela Orlandi oder Mirella Gregori.

Außerdem gibt es da noch eine Aussage aus der Zeit nach dem Verschwinden Orlandis. Die Ex-Freundin des Mafiagangsters Enrico De Pedis, Sabrina Minardi, sagte aus, dass De Pedis Emanuela Orlandi in seinem BMW entführt, getötet und dann in einer Betonmischmaschine am Rande der Stadt entsorgt habe. Minardi erklärte, De Pedis habe das im Auftrag des Monsignore Paul Marcinkus getan. Marcinkus war damals Chef des Instituts für die religiösen Werke (IOR), auch Vatikanbank genannt und war nachweislich tief in zwielichtige Geschäfte verwickelt. Der Vatikan wies damals die Anschuldigungen empört als „infam und unbegründet“ zurück.

Enrico De Pedis war ein attraktiver Emporkömmling in der Mafia-Gesellschaft. Schon recht jung stieg er zum „Capo di Capi“, der in den siebziger und achtziger Jahren gefürchteten Magliana-Bande, auf. Zwar wurde den Aussagen Sabrina Minardis nicht viel Glauben geschenkt, da sie sich in Widersprüche verwickelte, drogensüchtig war und ihrem „Ex“ offensichtlich eins auswischen wollte. Aber im Jahr 2007 tätigte ein ehemaliges Magliana-Mitglied bei der Staatsanwaltschaft Roms die Aussage, die Mafia habe sehr wohl mit dem Fall Orlandi zu tun. „Man sagte, dass das Mädchen unsere Sache war, einer von uns hatte sie sich geschnappt“, zitierte die Repubblica im Juni 2008 den Superzeugen“. Schon im Dezember 2009 gab es eine Spur von der Magliana-Mafia zum Vatikan und Emauela Orlandi. Zwei weitere „reuige Mafiosis“ packten aus. Einer der beiden, Antonio Mancini, erklärte, es habe finanzielle Streitigkeiten zwischen der Magliana-Bande und dem Vatikan gegeben. Das sei der Grund für die Entführung Orlandis gewesen.

Und noch einen Hinweis gibt es: 

„Im September 2017 veröffentlichte der italienische Journalist Emiliano Fittipaldi eine Liste, die ihm aus dem Vatikan zugespielt worden sein soll. Darin waren vom Vatikan aufgebrachte Kosten „über Aktivitäten betreffend die Bürgerin Emanuela Orlandi“ aufgelistet, insgesamt rund 250.000 Euro. Wer wollte, konnte aus dem Dokument den Leidensweg Orlandis herauslesen. Kosten für die Unterbringung des Mädchens in London, „investigative Maßnahmen“, das „Legen einer falschen Fährte“ sowie die Rechnung einer Gynäkologin waren aufgeführt. „Verlegung in den Vatikanstaat“ lautet der letzte Posten aus dem Juli 1997. Wurde die Tochter eines Mitarbeiters in der päpstlichen Präfektur entführt und ermordet?“

Im Zusammenhang mit den Aussagen der Mafia-Gangster entsteht der Eindruck, als sei Emanuela Orlandi ein Missbrauchsopfer des Vatikans geworden, nach London gebracht worden, wo sie möglicherweise schwanger wurde und das Kind abgetrieben hat. Man hat sie dann vielleicht als zu alt oder weiterhin „unbrauchbar“ in Rom wieder laufen lassen wollen oder gleich die Mafia beauftragt, das Mädchen umzubringen, um eine Zeugin aus dem Weg zu räumen.

Mirella Gregori verschwand im selben Zeitraum, 40 Tage vor Emanuela Orlandi. Ihre Mutter berichtete, Mirella hatte ihren Eltern nach einem Gespräch über die Gegensprechanlage gesagt, ein Schulfreund wolle sie kurz sprechen, sie gehe nur schnell nach draußen. Sie kam nie zurück. Die Ermittler schließen einen Zusammenhang zwischen den beiden Vermisstenfällen nicht aus.

Gregoris Schwester Maria Antonietta sagte dieser Tage: „Ich will mir keine falschen Hoffnungen machen, aber in der Tiefe meines Herzens hoffe ich, dass diese Knochen von Mirella sind.“ Dann gäbe es endlich einen Ort, wo sie um ihre Schwester trauern könne.


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