Energie sparen ist gesund, Win-Win-Win für Düs­sel­dorfer Schule

Von Roger Letsch — Lese­dauer drei Minuten steht über einem Artikel auf RP-Online. Sinn­voller wäre es oft, die Leser zu infor­mieren, wie lange sie am Gele­senen zu knabbern haben werden. Für den Artikel „Kein Kind erfriert, wenn mal die Heizung run­ter­ge­dreht wird“ von Helene Paw­litzki kommt nämlich einiges an Ver­dau­ungs­an­strengung zu den drei Lese­mi­nuten hinzu. Hin­ter­grund der Belehrung war die kleine Empö­rungs­welle, die im Internet auf die Ankün­digung eines eigen­wil­ligen Pro­jekttags an einer Düs­sel­dorfer Schule folgte. Die Eltern der Kinder sollten ihren Spröss­lingen am „Warmer-Pulli-Tag“ am 8. Februar dicke Sachen anziehen, weil „die Heizung an diesem Tag aus­ge­schaltet bleibe“ – das bringe der Schule Hei­zer­sparnis und Extra­punkte im modernen Klima-Fünf­kampf aus Ener­gie­sparen, Flach atmen, Bio essen, Müll trennen und Auto ver­meiden. Von „Ener­gie­be­wusstsein“ und „umwelt­be­wusster Lebens­weise“ war auch die in infan­tilem Comic-Sans gedruckte Rede. Auf Recy­cling­papier, will ich hoffen.
Nachdem Eltern und Facebook-Stamm­tisch klar gemacht hatten, was die Schule sie mal könnte, empörte sich Helene Paw­litzki über das unein­sichtige Eltern­ge­sindel, dem es offen­sichtlich am rich­tigen Kamp­fesmut gegen den Kli­ma­wandel gebricht. Erstens sei das von der Schule nur „miss­ver­ständlich for­mu­liert worden“, was für Doku­mente im Zeit­alter der Ener­gie­wende wohl typisch ist, noch dazu, wenn sie von „Umwelt­teams“ for­mu­lierte Sätze ent­halten. „Abschalten“ bedeutet nämlich „nur 16 Grad“ – darauf hätten die empörten Eltern aber auch selbst kommen können. Das Abschalten aller Koh­le­kraft­werke wird wohl am Ende auch nur zum Her­un­ter­regeln der Kes­sel­tem­pe­ratur werden.

Kein Kind wird erfrieren

Neben der Auf­klärung dieses kleinen „Miss­ver­ständ­nisses“ betätigt sich die Autorin in der prak­ti­schen Ther­mo­dy­namik und erklärt den Heli­ko­pter­eltern, dass die Schüler viel käl­te­re­sis­tenter sind als ange­nommen. Doch das war viel­leicht früher so, es soll sogar Kinder gegeben haben, die mit dem weißen Fallout der Kli­ma­ka­ta­strophe Scha­bernack trieben, darauf Schlitten fuhren oder Wurf­ge­schosse aus dem „Schnee“ genannten Zeug formten. Aber seit unsere Kinder nicht mehr mit Glutamat, Gluten und Glukose abge­füllt werden und seit ihnen der Fein­staub den Lebens­faden ver­kürzt, die Leis­tungs­stan­dards an den Schulen sinken und Beno­tungen mög­lichst ent­fallen, sind ihnen solche Übungen doch längst nicht mehr zuzu­muten! Es macht keinen Sinn, die lieben Kleinen erst sorg­fältig in Luft­pols­ter­folie zu packen und sie dann in der Schule nied­rigen Tem­pe­ra­turen aus­zu­setzen – und sei es auch für den guten Zweck!
Man kann doch für das Klima trommeln UND heizen! Man kann ja auch gegen eine weitere Startbahn am Flug­hafen München kämpfen UND Bonus­meilen sammeln wie ein Außen­mi­nister im Welt­kli­ma­gip­fel­modus, Katharina Schulze von den bay­ri­schen Grünen macht’s vor.

Die Martin-Luther-Schule in Düs­seldorf jedoch steht zu Unrecht am Pranger der Eltern. Die Pulli-Aktion ist zwar unter öko­lo­gi­schen Gesichts­punkten Koko­lores, aus öko­no­mi­schen Gründen jedoch absolut gerecht­fertigt! Denn wie wir wissen, halten unsere Poli­tiker es für richtig, dass die Greta-Jugend Freitags nicht über Mathe-Text­auf­gaben brütet, sondern auf der Straße streikend das Klima rettet. Es ist also Greta sei Dank gar keiner da, der Freitags in der Schule frieren könnte! Es bedarf also nicht erst der Beklin­gelung durch einen Eltern­brief: Der „Warme-Pulli-Tag“ soll schließlich an einem freitag statt­finden und dank Greta Thun­bergs Aktion kann die Schule nun doppelt punkten. Ihr Haus­meister der Welt, schaut auf diese Stadt! Für Kli­ma­rettung und warme Pullis, seid bereit, drin freitags die Heizung aus­zu­schalten während draußen die Kinder für die Welt­rettung frieren! Kalte Füße für ein warmes Gewissen und Bonus­punkte für die Schule. Eine Win-Win-Win-Situation.

Meinung haben und für sich behalten

Zum Schluss noch ein paar mah­nende Worte an die empörten Eltern. Helene Paw­litzki fragt in ihrem Artikel natürlich völlig zurecht: „Müssen wir immer eine Meinung haben – und auch gleich ver­öf­fent­lichen?“ Nein, liebe Eltern, so geht das natürlich nicht! Schon gar nicht, wenn es um das Wohl eurer eigenen Kinder geht! Da gibt es beru­fenere als euch, dafür habt ihr schließlich Behörden und Par­la­mente und andere Experten. Die haben Mei­nungen, denen kann man sich doch zustimmend anschließen, dafür wurden bestimmte Mei­nungen schließlich von Jour­na­listen wie Paw­litzki mehr­heits­fähig ein­ge­richtet. Welt­rettung – was kann man schon dagegen haben? Und was das „gleich ver­öf­fent­lichen“ angeht, das muss doch auch nicht sein! Eine eigene Meinung haben, mag ja noch angehen. Aber diese laut zu äußern… da sollte man doch besser abwarten und freitags heißen Tee trinken. Schließlich gibt es auch für das Äußern von Mei­nungen geschultes Personal:
Wir alle haben immer eine Meinung, sofort. Das ist nicht neu. Aber dass wir sie inzwi­schen eben­falls sofort für relevant und durch­dacht genug halten, um sie zu ver­öf­fent­lichen – das ist schon merk­würdig. Was hat die Debatte am Ende gebracht? Nicht viel.“ 
Und hat sie nicht Recht, die Helene? All die Debatten, an denen sich Laien betei­ligen, nur weil sie betroffen sind, aber sich dabei die Frage ihrer eigenen Relevanz gar nicht stellen, die bringen doch nicht viel. Viel­leicht hat sich in Politik, Medien oder Schule nur jemand unge­schickt aus­ge­drückt, man selbst hat viel­leicht die Wohltat falsch ver­standen oder ist einfach nur zu blöd, sie als solche zu begreifen? So auch hier: Der „Warmer-Pulli-Tag“ wird statt­finden, ob es euch passt oder nicht. Und weil ihr Deppen von Eltern euch so darüber auf­geregt habt, werden wir von der Presse dieses Ham­me­revent nun der­maßen positiv beklat­schen, dass euch das Kli­ma­l­eugnen schon noch ver­gehen wird.
Ach, übrigens, Helene: Als Trä­gerin des Jugend-forscht-Preises „dicker Pulli“ sollte man erkennen, wenn jemand den ersten Hauptsatz der Ther­mo­dy­namik leugnet: „Es ist nach Aus­kunft der Schule nicht möglich, dass die Räume kälter als 16 Grad werden.“ Das mag so nicht gedacht sein, möglich ist es aber schon. Was auch immer für eine Heizung im Keller tuckern mag, da Schulen heute zwar geistig oft geschlossene, ther­mo­dy­na­misch jedoch stets offene Systeme sind, wette ich dagegen weil: a) Strom für den Betrieb nötig ist, b) es mit Sicherheit einen Haupt­schalter gibt und es spä­testens dann eng wird mit den 16°C in den Klas­sen­räumen, wenn c) draußen ‑25°C sind.
Ver­linkter Artikel auf archive.is, falls Helene Paw­litzki beschließen sollte, sich in ihrem Artikel unver­ständlich aus­ge­drückt zu haben.