Politik

Energie sparen ist gesund, Win-Win-Win für Düsseldorfer Schule

10. Februar 2019

Von Roger Letsch – Lesedauer drei Minuten steht über einem Artikel auf RP-Online. Sinnvoller wäre es oft, die Leser zu informieren, wie lange sie am Gelesenen zu knabbern haben werden. Für den Artikel „Kein Kind erfriert, wenn mal die Heizung runtergedreht wird“ von Helene Pawlitzki kommt nämlich einiges an Verdauungsanstrengung zu den drei Leseminuten hinzu. Hintergrund der Belehrung war die kleine Empörungswelle, die im Internet auf die Ankündigung eines eigenwilligen Projekttags an einer Düsseldorfer Schule folgte. Die Eltern der Kinder sollten ihren Sprösslingen am „Warmer-Pulli-Tag“ am 8. Februar dicke Sachen anziehen, weil „die Heizung an diesem Tag ausgeschaltet bleibe“ – das bringe der Schule Heizersparnis und Extrapunkte im modernen Klima-Fünfkampf aus Energiesparen, Flach atmen, Bio essen, Müll trennen und Auto vermeiden. Von „Energiebewusstsein“ und „umweltbewusster Lebensweise“ war auch die in infantilem Comic-Sans gedruckte Rede. Auf Recyclingpapier, will ich hoffen.

Nachdem Eltern und Facebook-Stammtisch klar gemacht hatten, was die Schule sie mal könnte, empörte sich Helene Pawlitzki über das uneinsichtige Elterngesindel, dem es offensichtlich am richtigen Kampfesmut gegen den Klimawandel gebricht. Erstens sei das von der Schule nur „missverständlich formuliert worden“, was für Dokumente im Zeitalter der Energiewende wohl typisch ist, noch dazu, wenn sie von „Umweltteams“ formulierte Sätze enthalten. „Abschalten“ bedeutet nämlich „nur 16 Grad“ – darauf hätten die empörten Eltern aber auch selbst kommen können. Das Abschalten aller Kohlekraftwerke wird wohl am Ende auch nur zum Herunterregeln der Kesseltemperatur werden.

Kein Kind wird erfrieren

Neben der Aufklärung dieses kleinen „Missverständnisses“ betätigt sich die Autorin in der praktischen Thermodynamik und erklärt den Helikoptereltern, dass die Schüler viel kälteresistenter sind als angenommen. Doch das war vielleicht früher so, es soll sogar Kinder gegeben haben, die mit dem weißen Fallout der Klimakatastrophe Schabernack trieben, darauf Schlitten fuhren oder Wurfgeschosse aus dem „Schnee“ genannten Zeug formten. Aber seit unsere Kinder nicht mehr mit Glutamat, Gluten und Glukose abgefüllt werden und seit ihnen der Feinstaub den Lebensfaden verkürzt, die Leistungsstandards an den Schulen sinken und Benotungen möglichst entfallen, sind ihnen solche Übungen doch längst nicht mehr zuzumuten! Es macht keinen Sinn, die lieben Kleinen erst sorgfältig in Luftpolsterfolie zu packen und sie dann in der Schule niedrigen Temperaturen auszusetzen – und sei es auch für den guten Zweck!

Man kann doch für das Klima trommeln UND heizen! Man kann ja auch gegen eine weitere Startbahn am Flughafen München kämpfen UND Bonusmeilen sammeln wie ein Außenminister im Weltklimagipfelmodus, Katharina Schulze von den bayrischen Grünen macht’s vor.

Die Martin-Luther-Schule in Düsseldorf jedoch steht zu Unrecht am Pranger der Eltern. Die Pulli-Aktion ist zwar unter ökologischen Gesichtspunkten Kokolores, aus ökonomischen Gründen jedoch absolut gerechtfertigt! Denn wie wir wissen, halten unsere Politiker es für richtig, dass die Greta-Jugend Freitags nicht über Mathe-Textaufgaben brütet, sondern auf der Straße streikend das Klima rettet. Es ist also Greta sei Dank gar keiner da, der Freitags in der Schule frieren könnte! Es bedarf also nicht erst der Beklingelung durch einen Elternbrief: Der „Warme-Pulli-Tag“ soll schließlich an einem freitag stattfinden und dank Greta Thunbergs Aktion kann die Schule nun doppelt punkten. Ihr Hausmeister der Welt, schaut auf diese Stadt! Für Klimarettung und warme Pullis, seid bereit, drin freitags die Heizung auszuschalten während draußen die Kinder für die Weltrettung frieren! Kalte Füße für ein warmes Gewissen und Bonuspunkte für die Schule. Eine Win-Win-Win-Situation.

Meinung haben und für sich behalten

Zum Schluss noch ein paar mahnende Worte an die empörten Eltern. Helene Pawlitzki fragt in ihrem Artikel natürlich völlig zurecht: „Müssen wir immer eine Meinung haben – und auch gleich veröffentlichen?“ Nein, liebe Eltern, so geht das natürlich nicht! Schon gar nicht, wenn es um das Wohl eurer eigenen Kinder geht! Da gibt es berufenere als euch, dafür habt ihr schließlich Behörden und Parlamente und andere Experten. Die haben Meinungen, denen kann man sich doch zustimmend anschließen, dafür wurden bestimmte Meinungen schließlich von Journalisten wie Pawlitzki mehrheitsfähig eingerichtet. Weltrettung – was kann man schon dagegen haben? Und was das „gleich veröffentlichen“ angeht, das muss doch auch nicht sein! Eine eigene Meinung haben, mag ja noch angehen. Aber diese laut zu äußern… da sollte man doch besser abwarten und freitags heißen Tee trinken. Schließlich gibt es auch für das Äußern von Meinungen geschultes Personal:

Wir alle haben immer eine Meinung, sofort. Das ist nicht neu. Aber dass wir sie inzwischen ebenfalls sofort für relevant und durchdacht genug halten, um sie zu veröffentlichen – das ist schon merkwürdig. Was hat die Debatte am Ende gebracht? Nicht viel.“

Und hat sie nicht Recht, die Helene? All die Debatten, an denen sich Laien beteiligen, nur weil sie betroffen sind, aber sich dabei die Frage ihrer eigenen Relevanz gar nicht stellen, die bringen doch nicht viel. Vielleicht hat sich in Politik, Medien oder Schule nur jemand ungeschickt ausgedrückt, man selbst hat vielleicht die Wohltat falsch verstanden oder ist einfach nur zu blöd, sie als solche zu begreifen? So auch hier: Der „Warmer-Pulli-Tag“ wird stattfinden, ob es euch passt oder nicht. Und weil ihr Deppen von Eltern euch so darüber aufgeregt habt, werden wir von der Presse dieses Hammerevent nun dermaßen positiv beklatschen, dass euch das Klimaleugnen schon noch vergehen wird.

Ach, übrigens, Helene: Als Trägerin des Jugend-forscht-Preises „dicker Pulli“ sollte man erkennen, wenn jemand den ersten Hauptsatz der Thermodynamik leugnet: „Es ist nach Auskunft der Schule nicht möglich, dass die Räume kälter als 16 Grad werden.“ Das mag so nicht gedacht sein, möglich ist es aber schon. Was auch immer für eine Heizung im Keller tuckern mag, da Schulen heute zwar geistig oft geschlossene, thermodynamisch jedoch stets offene Systeme sind, wette ich dagegen weil: a) Strom für den Betrieb nötig ist, b) es mit Sicherheit einen Hauptschalter gibt und es spätestens dann eng wird mit den 16°C in den Klassenräumen, wenn c) draußen -25°C sind.

Verlinkter Artikel auf archive.is, falls Helene Pawlitzki beschließen sollte, sich in ihrem Artikel unverständlich ausgedrückt zu haben.


Ad
Ad
Ad

Jetzt eintragen und News kostenlos per E-Mail erhalten:

Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad