Gedenktafel am ehemaligen Stasi-Gefängnis Lichtenberg – foto: O24
Politik

Vera Lengsfeld: Kommunalwahl in der DDR – Der Beginn der heißen Phase der Friedlichen Revolution 1989

11. Mai 2019

In diesem Jahr jährt sich die Friedliche Revolution der DDR zum dreißigsten Mal. Je länger sie zurückliegt, desto weniger Beachtung wird diesem wahrhaft weltumstürzenden Ereignis geschenkt. Dabei hat die Revolution ohne Blutvergießen nicht nur die Mauer zum Einsturz gebracht, sondern in den Monaten darauf das bis an die Zähne atomar bewaffnete Lager.
Für einen kurzen Augenblick waren die Deutschen das glücklichste und beliebteste Volk der Erde.Heute ist dieser Bonus nicht nur restlos verspielt, es mehren sich die Bemühungen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und ein neues sozialistisches Experiment zu starten. Die Enteignungsphantasien des Juso-Chefs Kevin Kühnert sind, wie die gewaltige Zustimmungswelle, vor allem unter den Haltungsjournalisten, zeigt, nur die Spitze des Eisbergs.
In dieser Situation ist es gut, einen Blick zurückzuwerfen und sich ins Gedächtnis zu rufen, was für ein Regime die DDR-Revolutionäre abgeschüttelt haben.

Jeder wusste, dass es keine freien Wahlen gibt. Im Volksmund wurden sie spöttisch „Zettel falten“ genannt. Jeder wusste, dass die Ergebnisse von 99% für die Nationale Front der SED gefälscht waren. Am 7. Mai 1989, als tausende Bürger am Abend in die Wahllokale gingen, um bei der Stimmauszählung dabei zu sein, hatte man zum ersten Mal Beweise für die Fälschungen in der Hand. Es war die erste erfolgreiche Aktion der Bürgerrechtsbewegung. Die heiße Phase der Friedlichen Revolution begann.

Ich werde ab heute jede Woche an ein Ereignis vor dreißig Jahren erinnern. Die Gesamtschau finden Sie in meinem „Tagebuch der Friedlichen Revolution“.


Siebter Mai 1989 

Der Tag der Kommunalwahl ist da. In Leipzig demonstrieren über 1000 Menschen gegen die Wahlpraxis in der DDR und fordern freie Wahlen. Als sich landesweit abzeichnet, dass die Beteiligung weit geringer ausfallen würde, als in den Vorjahren, werden ab Mittag verstärkt die berüchtigten Schlepperkolonnen eingesetzt. Diese Schlepper hatten die Aufgabe, die Wahlunwilligen mit Versprechungen oder mit Einschüchterungen zur Teilnahme an der Abstimmung zu bewegen. Bevor die Wahllokale geschlossen wurden, kamen ungewöhnlich viele Menschen herein, die an der Stimmauszählung als Beobachter teilnehmen wollten. Sie notierten sich die Ergebnisse genau und gingen anschließend zu den von der Opposition vereinbarten Sammelpunkten. Es stellte sich heraus, dass in hunderten Wahllokalen das Ergebnis kontrolliert worden war. Eines hatten alle Zahlen gemeinsam: Die Prozente lagen weit unter den üblicherweise verkündeten 99,xx Prozent, die sonst immer als Resultat ermittelt worden waren. Erstmals hatten auch Mitglieder der Blockparteien CDU und LDPD sich an den Aktionen beteiligt. Gespannt warteten alle auf das offizielle Endergebnis. Als der Wahlleiter Egon Krenz am späten Abend wieder ein Ergebnis über 99 % verkündete, ging ein Aufschrei durch das Land. Man hatte immer gewusst, dass die Wahlergebnisse geschönt waren. Nun hatte man den Beweis in der Hand, dass die SED vor plumpen Fälschungen nicht zurückschreckte. Noch in der Nacht traf die Opposition die Vorbereitungen zur Veröffentlichung ihrer Zahlen. Eine Wahlzeitung wurde gedruckt, die an die Westmedien gegeben wurde, damit diese die Zahlen über den Bildschirm auch in den letzten DDR-Haushalt verbreiteten.
Aber natürlich wurde die Zeitung auch im Inland verbreitet und hundertfach kopiert. Als die ersten Oppositionellen am nächsten Tag demonstrativ die ersten Anzeigen wegen Wahlfälschung erstatteten, folgten viele Bürger diesem Beispiel. Es gingen so viele Anzeigen ein, dass die Staatssicherheit nur die Anweisung an die Staatsanwaltschaften geben konnte, die Bearbeitung so weit wie möglich zu verzögern.


Quelle: vera-lengsfeld.de

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