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Wirtschaft & Finanzen

Die Armut geht zurück und mehr Umverteilung träfe die Falschen

24. November 2019
Eine Nachricht, die so gar nicht in die mediale Landschaft passt: Der Anteil der armen und armutsgefährdeten Menschen in der Bundesrepublik war 2018 so niedrig wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Sage nicht ich, sondern sagt das Statistische Bundesamt.
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Die WELT fasst zusammen. Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bringen eine gute Nachricht: Die Armut und die Gefahr, in Armut abzugleiten, gehen in Deutschland weiter zurück. Die Statistiker haben die Daten bis Ende des vergangenen Jahres ausgewertet und kommen zum Schluss:

  • „Nach der strengen Definition der Europäischen Union waren im vergangenen Jahr 18,7 Prozent der Bevölkerung von ‘Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht’, wie es im Amtsdeutsch heißt. Das entspricht rund 15,3 Millionen Menschen.“ – Stelter: Das klingt zunächst dramatisch.
  • Jedoch gilt als „arm“, wer weniger als 60 Prozent des mittleren verdient. „Da es sich dabei um einen relativen Wert handelt, kann die Zahl der Armutsgefährdeten auch dann steigen, wenn alle Menschen mehr verdienen und der Wohlstand insgesamt steigt. Für Jahr 2017 hatten die Statistiker die Quote noch mit 19 Prozent der Bevölkerung angegeben, was damals 15,5 Millionen Menschen entsprach.“ – Stelter: Vor allem geht es den hierher zugewanderten Menschen signifikant besser als in ihren Heimatländern, sie dürften sich also nicht als „arm“ empfinden.
  • „Hauptmotor dieser Entwicklung einer zurückgedrängten Armut ist der gute Arbeitsmarkt: Er erlaubt es mehr Menschen als früher, eigenes Einkommen zu erwirtschaften, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Im September hat die Zahl der Erwerbstätigen mit 45,3 Millionen ein Rekordhoch erreicht. Zugleich lag die Erwerbstätigenquote bei hohen 68,6 Prozent. So viele Menschen waren in Deutschland noch nie in Lohn und Brot.“ – Stelter: was übrigens der Scheinkonjunktur Mario Draghis und nicht der Brillanz hiesiger Wirtschaftspolitik geschuldet ist.
  • „Traditionell war Deutschland ein Land, in dem das Risiko, materielle Entbehrungen zu erfahren, die ältere Generation weniger heimsucht. Auch heute noch ist es so, dass Armut vor allem bei den 18- bis 24-Jährigen zuschlägt: Fast ein Viertel aller Menschen (23,9 Prozent) dieser Altersgruppe hat zu wenig Einkommen (…) Bei Bundesbürgern im Alter von 65 oder mehr besteht aktuell bei weniger als jedem Fünften (19 Prozent) die Gefahr, dass das Geld nicht reicht.“ – Stelter: weshalb die Politik auch bei den Falschen ansetzt mit ihren Maßnahmen.
  • „Laut EU-Definition liegt dann Deprivation oder erhebliche materielle Entbehrung vor, wenn der Haushalt etwa Probleme hat, die Miete rechtzeitig zu zahlen, die Wohnung ausreichend heizen zu können oder unerwartete Ausgaben wie den Kauf einer neuen Waschmaschine mit eigenen Mitteln zu stemmen. Auch wer sich nicht einmal eine Woche Urlaub woanders als zu Hause leisten kann oder aus Geldgründen auf ein Auto, ein Fernsehgerät oder ein Telefon verzichten muss, gilt als depriviert.“ – Stelter: worüber man natürlich durchaus streiten könnte.
  • „Während der 2,4-prozentige Anteil der von materieller Entbehrung betroffenen Senioren für sich genommen immer noch recht niedrig erscheint, geht die Reise bei den Älteren in die genau andere Richtung als bei den Jüngeren: Sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Menschen mittleren Alters ist die Deprivation auf dem Rückzug, wobei die eigentlichen Quoten weiter höher sind als bei Ruheständlern.“ – Stelter: Es gibt also einen steigenden Anteil der Armen bei den Älteren. Genau das ist zu erwarten, einfach durch Zeitablauf und weil die Regierung das Rentensystem nicht schon vor Jahren saniert hat.
  • „Betroffen von Altersarmut sind vor allem Frauen, nicht zuletzt solche, die ihre Arbeit aufgegeben haben, um kranke Angehörige zu pflegen. (…) Komme es zu einem Pflegefall in der Familie, seien es in 70 Prozent der Fälle Frauen, die sich kümmern und unbezahlte Sorgearbeit leisten. Häufig zögen sie sich komplett aus dem Berufsleben zurück. Das habe weitreichende Konsequenzen für das Alterseinkommen.“ – Stelter: Das ist natürlich bedauerlich und es stellt sich die Frage, wie darauf zu reagieren ist.
  • Ein besonders hohes Armutsrisiko haben den Statistiken zufolge auch Zuwanderer und ihre hierzulande geborenen Kinder. So stellen Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundesrepublik 45 Prozent aller Armutsgefährdeten. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung liegt bei gut einem Viertel (25,5 Prozent).“ – Stelter: geringere Erwerbsbeteiligung (vor allem der Frauen), geringere Einkommen in Folge von mangelnder Bildung, Sprachkenntnissen und Integration. Schon vor Jahren habe ich mit einem einfachen Dreisatz nachgewiesen, dass sich der gesamte (damalige) Anstieg der Armutsquote mit der Zuwanderung erklären lässt.
  • Quelle: Infografik WELT

  • „Das heißt: Wer selbst zugewandert ist oder mindestens einen Elternteil hat, der bei Geburt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, droht aus materiellen Gründen viel schneller ins soziale Aus zu geraten als Menschen ohne Migrationshintergrund. Besonders groß ist der Anteil der Zuwanderer erster und zweiter Generation an den Armutsgefährdeten in den großen Städten: In Hamburg und Bremen stellen Menschen mit Migrationshintergrund mehr als 60 Prozent aller Armutsgefährdeten. In Berlin sind es immerhin 53 Prozent.“ – Stelter: Dass dies das Klima in einer Stadt prägt, ist offensichtlich. Die Frage ist nur, ob die richtige Antwort wirklich mehr Umverteilung in diese Bevölkerungsgruppe ist.
  • „Kritiker sehen daran ein grundlegendes Problem der deutschen Integrationspolitik. Offenbar haben Zuwanderer in der Bundesrepublik größere Schwierigkeiten, eine Anstellung zu finden und sich finanziell über Wasser zu halten, als in klassischen Einwanderungsländern wie zu Beispiel Kanada. Vielfach hat das mit dem Qualifikationsprofil der Migranten zu tun und damit, dass hierzulande Arbeitsmigration und Fluchtmigration vermengt werden.“ – Stelter: Es ist eine Folge der Migrationspolitik, die überproportional un- und niedrig qualifizierte anlockt. Das kann sich nicht rechnen, wie eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung schon 2014 zeigte. Schon damals wurde gefordert, dass sich eine Zuwanderung wie bei den Gastarbeitern nicht wiederholen dürfe.
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Die gute Nachricht ist: Die Armut unter den Menschen ohne Migrationshintergrund ist stark rückläufig. Die weitere gute Nachricht ist, dass sich die Migranten keineswegs arm fühlen dürften, liegt ihr Einkommen hierzulande doch selbst bei Arbeitslosigkeit deutlich über dem BIP/Kopf ihrer Herkunftsländer.

Die schlechte Nachricht ist, dass, wie von mir immer wieder kritisiert, die Umverteilungsbefürworter die immer noch gegebenen Ungleichheiten dazu nutzen, um noch mehr Umverteilung zu fordern. So hier:

„Erst Migration, dann Sozialismus“

Vordergründig, um damit den Populisten das Wasser abzugraben. Doch könnte es sein, dass eine zunehmende Belastung der Mittelschicht (denn die zahlt am Ende immer) zugunsten einer stetig wachsenden Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund genau das Gegenteil bewirkt.


Dr. Daniel Stelter –www. think-beyondtheobvious.com