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Rekord: Der Spiegel verliert in nur sechs Monaten 12 Prozent seiner Leserschaft

29. Januar 2020

Die Media-Analyse für das zweite Halbjahr 2019 hat ergeben, dass der Spiegel mehr Reichweite verloren hat, als jede andere Zeitung in Deutschland. In nur sechs Monaten hat der Spiegel 630.000 Leser, also 12 Prozent seiner Reichweite, eingebüßt.

Die Meedia GmbH analysiert permanent die deutsche Medienlandschaft und veröffentlicht unter anderem zweimal im Jahr eine Analyse über die Reichweite von Zeitungen. Man darf die Reichweite nicht mit der Anzahl der verkauften Exemplare verwechseln. Die Reichweite sagt aus, wie viele Menschen eine Zeitung gelesen haben und ein verkauftes Exemplar wird oft von mehreren Menschen in die Hand genommen, vor allem, wenn es zum Beispiel im Wartezimmer eines Arztes oder beim Friseur ausliegt. Daher ist die Reichweite weitaus größer, als Exemplare verkauft werden.

Bei der Analyse werden alle Zeitschriften mit einbezogen, daher führt in Deutschland derzeit die Fernsehprogrammzeitschrift „Prisma“ die Liste an und ähnliche Formate belegen ebenfalls die oberen Plätze. Der Spiegel ist durch seinen Rekordverlust in einem halben Jahr von Platz drei auf Platz sechs abgestürzt.

Unter den Zeitschriften, die sich mit Nachrichten beschäftigen, liegt der Spiegel mit einer Reichweite von 4,66 Millionen nun nur noch auf Platz zwei, der Stern führt nun die Liste mit 5,14 Millionen an, nachdem er vor einem halben Jahr noch mit dem Spiegel gleichauf bei ca, 5,29 Millionen lag. Auf Platz drei folgt abgeschlagen der Focus mit einer Reichweite von 3,3 Millionen, was ihn der Gesamtwertung auf Platz 12 bringt.

Der Spiegel führt die Verliererliste mit einem Minus von 630.000 Lesern (das ist ein Verlust von 12 Prozent) unangefochten an. Beim Stern war das Minus mit 150.000 oder 2,7 Prozent noch recht moderat, aber der Focus hat ebenfalls mit 330.000 oder 9,1 Prozent weniger Lesern stark Federn gelassen.

Das es für manche Zeitungen wohl schon um das nackte Überleben geht, zeigt sich bei den Sonntagszeitungen. Die „B.Z. am Sonntag“ hat in sechs Monaten 23,6 Prozent, also fast ein Viertel ihrer Reichweite eingebüßt und liegt nun nur noch bei 24.000. Das dürfte kaum mehr Gewinn bringend sein.

Auch wenn Zeitschriften es in Zeiten des Internets ohnehin schwer haben, verlieren längst nicht alle. Größter Gewinner ist ausgerechnet die Zeitschrift „Chip“, bei der man meinen sollte, ihre Leserschaft würde sie nicht am Kiosk kaufen, sondern im Internet lesen. „Chip“ hat seine Reichweite um 14,3 Prozent steigern können.

Politische „Nachrichtenmagazine“ und Zeitungen hingegen verlieren ausnahmslos an Reichweite. Lediglich die FAZ konnte mit einem Verlust von 0,03 Prozent stabil bleiben, aber ihre Reichweite ist mit 83.000 Lesern überschaubar.

Der Trend, dass Nachrichtenmagazine massiv Leser verlieren, ist nicht neu. Schon im Mai 2019 haben Zahlen ergeben, dass der Spiegel im Rekordtempo Leser und Abonnenten verliert.

Anscheinend, so meine Interpretation, rächt es sich, dass die Mainstream-Medien so offen auf das gleiche und allzu durchschaubare Narrativ setzen. Dass es den Spiegel besonders heftig getroffen hat, kann jeder nach seinem Gusto interpretieren. RT-Deutsch fragte in einem Artikel zu dem Thema, ob das mit der Relotius-Affäre in Verbindung stehen könnte. Ich bezweifle das, denn der „Relotius-Effekt“ dürfte keine Rolle gespielt haben. Die Affäre ist nun ein Jahr alt und ihr Effekt dürfte sich in den Zahlen für das erste Halbjahr 2019 niedergeschlagen haben. Für den Rückgang der Reichweite des Spiegel ein halbes Jahr nachdem die Affäre in den Schlagzeilen war, dürfte es andere Gründe geben.

Aber darüber will ich nicht spekulieren, das darf jeder für sich alleine oder mit seinen Freunden tun.


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“