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Politik & Aktuelles

Syrien: In Idlib gibt es Gefechte zwischen türkischen und syrischen Soldaten + Korrespondentenbericht des russischen Fernsehens aus Libyen

12. Februar 2020

In Syrien spitzt sich die Lage zu. In den letzten Tagen kam es zu Gefechten zwischen türkischen und syrischen Soldaten. Eine Eskalation auch zwischen Russland und der Türkei ist die größte Gefahr derzeit.

Die Eskalation findet in der nordwestlichen syrischen Provinz Idlib statt. Die Region ist die letzte Hochburg von Al-Qaida-Terroristen in Syrien. Seit Ende 2019 sollte dort ein Waffenstillstand herrschen, der jedoch nie wirklich in Kraft getreten ist. In der Region herrscht die islamistische Terrorgruppe Hai’at Tahrir asch-Scham (HTS), die der syrische Ableger von Al-Qaida ist und auch in Deutschland als Terrororganisation gilt.

Am 4. Februar habe ich bereits über die Eskalation berichtet. Seit dem hat es weitere Zwischenfälle gegeben.

In Idlib hat die Türkei, die enge Kontakte zu dem Al-Qaida-Ableger unterhält, mehrere Beobachtungsposten eingerichtet. Die Vereinbarungen über die Deeskalationszone in Idlib haben vorgesehen, dass die Türkei dafür sorgt, dass die Islamisten den Beschuss syrischen Gebietes einstellen und dass die „gemäßigten Rebellen“ von der Al-Qaida getrennt werden. Die Türkei hat diese übernommenen Verpflichtungen jedoch nicht erfüllt.

Syrien und Russland wollen, dass Idlib wieder unter die Kontrolle der syrischen Regierung kommt. Die Türkei scheint das nicht zu wollen, im Gegenteil.

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Auch der Westen protestiert gegen Versuche Syriens, die Provinz wieder unter Kontrolle zu bringen. Dass der Westen dabei de facto Al-Qaida in Schutz nimmt, ist aber nicht in den westlichen Medien zu lesen. Dort heißt es stattdessen, man befürchte eine humanitäre Katastrophe. Diese Befürchtungen hatte der Westen merkwürdigerweise nicht, als die USA vor einigen Jahren das irakische Mossul dem Erdboden gleichgemacht haben, um den IS von dort zu vertreiben.

Nachdem es bereits am 4. Februar zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Syrern und Türken in Idlib gekommen ist, hat Erdogan Syrien aufgefordert, die Gegend um die türkischen Beobachtungsposten zu verlassen. Eine ziemlich dreiste Forderung, wenn man bedenkt, dass die Türkei sich dort völkerrechtswidrig aufhält und der Regierung Syriens vorschreiben will, wo sie im eigenen Land mit ihrer Armee hin darf und wohin nicht.

Nachdem Erdogan zunächst auch gegenüber Russland recht unversöhnlich geklungen hatte, waren seine Äußerungen am 5. Februar schon versöhnlicher:

„Wir haben absolut nicht die Absicht, in Konflikt mit unseren Verbündeten zu geraten. Besonderen Wert legen wir auf die Fortsetzung unserer Freundschaft und Zusammenarbeit mit Russland. Unsere einzige Erwartung an Russland ist, dass es unsere Sensibilität in Syrien besser versteht. Ich habe Putin gegenüber meine Erwartungen in Syrien und Libyen zum Ausdruck gebracht“

Das Problem ist, dass die Islamisten weiterhin syrische Wohngebiete in Aleppo beschießen. Bei Artilleriebeschuss wurden am 5. Februar fünf syrische Zivilisten getötet und sieben weitere verletzt. Die syrische Regierung hat also durchaus nachvollziehbare Gründe, warum sie zur Offensive übergegangen ist.

So drang die syrische Armee ebenfalls am 5. Februar in die Stadt Sarakib in der Provinz Idlib vor, nachdem sie die Islamisten dort besiegt hatte. Nach Medienberichten wurde die syrische Armee in Sarakib am 6. Februar von türkischen Einheiten unter Beschuss genommen. Auf das schnelle Vorrücken der syrischen Streitkräfte hat die Türkei am 9. Februar regiert, indem sie weitere gepanzerte Fahrzeuge nach Idlib verlegt hat.

Am 10. Februar meldete das türkische Militär, dass fünf türkische Soldaten durch syrisches Artilleriefeuer getötet worden seien. Erdogan hat darauf hin sein Sicherheitskabinett zusammengerufen und das türkische Militär hat das Feuer auf die syrischen Streitkräfte erwidert. Über Opfer ist bisher nichts bekannt.

Auch wenn wohl kein beteiligtes Land an einer Eskalation der Lage interessiert ist, scheint Syrien den fortgesetzten Beschuss seiner Wohngebiete durch die Islamisten nicht mehr hinnehmen zu wollen und die Türkei scheint nicht bereit zu sein, die Posten in Syrien zu räumen. Weitere bewaffnete Zusammenstöße scheinen unvermeidlich. Russland hält sich bisher aus den Kampfhandlungen heraus, aber die Gefahr, dass auch türkische und russische Einheiten aufeinander feuern könnten, ist groß.

Auch wenn Putin und Erdogan bisher noch jeden Konflikt entschärfen konnten, ist nur schwer abzuschätzen, worauf sie sich am Ende in Idlib einigen, wo Russland und Syrien die Al-Qaida und die Türken aus dem Land haben möchten, während die Türkei die Al-Qaida recht offen unterstützt und keine Anstalten macht, ihre Posten zu räumen.

Medien berichten unterdessen, dass es hinter verschlossenen Türen intensive Gespräche zwischen Russland und der Türkei gibt. Über den Inhalt ist hingegen nichts bekannt. Der Sprecher des Kreml sagte, ein Treffen zwischen Putin und Erdogan sei derzeit nicht geplant, aber sei – wenn nötig – möglich.

Korrespondentenbericht des russischen Fernsehens aus Libyen

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ eine Reportage aus Libyen gezeigt. Im Gegensatz zu westlichen Kamerateams haben sich die russischen Journalisten in das zerstörte Land gewagt.

Die Reportage war deshalb sehenswert, weil sich westliche Journalisten nicht in das Land trauen und es daher praktisch keine Berichte aus dem Land selbst gibt. Es war interessant, die Bilder aus Libyen zu sehen. Zusammen mit meiner Übersetzung dürfte der Bericht des russischen Fernsehens auch ohne Russischkenntnisse verständlich sein.

Zur Erinnerung: In Libyen stehen sich die international anerkannte Regierung unter Sarradsch, die jedoch praktisch nur Tripolis beherrscht, und das Parlament in Bengasi mit seiner nationalen Armee unter Marschall Haftar, die 80 Prozent des Landes kontrolliert, unversöhnlich gegenüber.

Beginn der Übersetzung:

Was ist los im kriegsgeschüttelten libyschen Bengasi? Und wie geht es weiter mit Libyen?

Seit 10 Jahren liegt Libyen nun in Trümmern. Die Versuche der westlichen Abenteurer, Libyen die Demokratie einzuimpfen, sind gescheitert. In der arabischen Welt enden diese Versuche immer in langwierigen Bürgerkriegen.

Bengasi ist die zweitgrößte Stadt Libyens. Hier brach 2011 der Aufstand gegen Gaddafi aus. Der Diktator wurde gestürzt und die Stadt war mehrere Jahre in den Händen des IS. Bis sie vertrieben werden konnten, wurde Bengasi teilweise in Trümmer gelegt.

„Wir wussten nicht, dass es IS-Anhänger unter uns gab, sie lebten die ganze Zeit hier. Dann kamen die Kommandeure des IS, gaben ihnen Waffen und dann begann der Krieg“, erinnert sich einer der Einheimischen.

Aus irgendeinem Grund war das erste, was die Islamisten geplündert und verbrannt haben die lokale Moschee von Archaic. Jetzt ist sie fast wiederhergestellt.

Irina Abdallah Jaber, die Witwe eines ehemaligen libyschen Kadetten der sowjetischen Militärschule für Piloten, verbrachte all die Jahre Seite an Seite mit dem IS. Sie lebt mit vier Kindern und vier Enkelkindern zusammen. Sie weiß nicht, wie sie überlebt haben. „Jahrelang wurden wir regelrecht erdrosselt, es war ein Alptraum. Sie haben geschossen, haben alles in Stücke geschlagen, es war wie in einem Schlachthaus. Sie haben Menschen die Köpfe abgeschnitten und sie zerstückelt“, erinnert sich die Frau.

Jetzt wird das Leben besser. Das Kriegsbrot ist kleiner, als das Brot früher war, und ist ziemlich teuer geworden. Irina erzählt, dass es kaum mehr als einen Tag haltbar ist und dann zerbröselt. Aber irgendwas muss man ja essen.

Das alte Zentrum von Bengasi scheint fast ausgestorben. Aber im Hafen tobt das Leben. Morgens bringen die Fischer ihren Fang auf den Markt. Der heil gebliebene Fischmarkt bietet eine unglaubliche Auswahl an Meeresfrüchten, er ist fast wie ein Echo des friedlichen Vorkriegslebens. Aber es gibt fast keine Käufer. Die Preise sind für die Menschen astronomisch.

Die Feinde sitzen in Tripolis. Einige europäische Länder unterstützen zusammen mit der Türkei die Regierung Sarradsch. Haftars Vorposten waren bereits am Rande der Hauptstadt und Anhänger des Marschalls in Bengasi fürchten, dass der von Russland vermittelte Waffenstillstand die Position der nationalen Armee schwächen könnte.

Erdogan hat bereits 3.000 Militärspezialisten und gepanzerte Fahrzeuge geschickt, um der libyschen Hauptstadt zu helfen. Die gepanzerten Fahrzeuge sind bereits auf den Straßen Libyens unterwegs.

Bei Kundgebungen werden – als Beweis für Ankaras militärische Intervention – türkische gepanzerte Fahrzeuge vorgeführt, die bei der Eroberung von Sirte erbeutet wurden.

Für die libysche Nationalarmee sind die zwei eroberten gepanzerten Fahrzeuge ein echtes Geschenk. Die türkischen „Igel“ – so der Name der gepanzerten Fahrzeug – wurden erst vor zwei Jahren in einer Fabrik in Izmir hergestellt. Von den Sitzen wurde noch nicht einmal die Plastikfolie entfernt. Im Inneren befinden sich Klimaanlagen und Überwachungsmonitore. Auf dem Dach ist ein ferngesteuertes Maschinengewehr montiert.

In Bengasi ist man überzeugt, dass die Regierung Sarradsch durch nichts und niemanden mehr zu retten ist. 80 Prozent Libyens werden von Haftars Armee kontrolliert. Es ist Zeit, darüber nachzudenken, wie es weitergeht in Libyen und wie das Land wieder aufgebaut werden kann. Es ist gut, dass es in Libyen keine Probleme mit Trinkwasser gibt. Der gestürzte Diktator hat dafür gesorgt.

Das riesige Reservoir ist Teil des größten Wasserversorgungssystems der Welt. Gaddafi nannte es das achte Weltwunder. Die unterirdische Pipeline versorgt ganz Libyen mit bestem Trinkwasser. Der Bau dauerte fast 20 Jahre und kostete 12 Milliarden Dollar, es wurden riesige Betonrohre mit einem Durchmesser von 4 Metern im ganzen Land unterirdisch verlegt. Der große, von Menschen gemachte Fluss erstreckt sich über 4.000 Kilometer unter dem libyschen Sand. Eine grandiose Struktur!

Unter der libyschen Wüste, in den nubischen Schichten in einer Tiefe von 500 Metern, ist fast die Hälfte der weltweiten Süßwasserreserven gespeichert. Das zu nutzen und den Menschen zugänglich zu machen bedeutete, das Land unabhängig von Wasserimporten und teuren Entsalzungssystemen zu machen. Libyen sollte zu einer einzigen Oase werden. Westliche Führer nannten Gaddafis Idee verrückt und der IWF lehnte die Finanzierung ab. Also musste er das mit Eigenmitteln, mit Erlösen aus dem Verkauf von Öl bauen.

„Dieses Projekt ist eines der größten der Welt. Es gibt keine vergleichbaren Projekte zur Wasserversorgung auf der Welt, es ist einzigartig. Mehr als sechs Millionen Kubikmeter Wasser fließen täglich durch die Rohre. Es gibt niemanden, der ein solches System schaffen könnte. Für Libyen sind diese Brunnen die Hauptquelle für Trinkwasser. Das Problem der Wasserknappheit ist gelöst“, sagte Abdullah Nasser, Chefingenieur des Projektes.

Die Wasserversorgung aus der Wüste war Mitte der 2000er Jahre an alle größeren Städte angeschlossen. Entlang des unterirdischen Flusses gab es Weizenfelder. Das Land reduzierte Stück für Stück seine Lebensmittelimporte. Aber dann kam die Revolution und der Bau wurde eingestellt. Die NATO-Luftwaffe, die die Rebellen unterstützt hat, hat aus irgendeinem Grund das Wasserversorgungssystem als eines der wichtigsten Ziele für Bombardierungen auserkoren.

„Während des Krieges im Jahr 2011 trafen NATO-Flugzeuge eine Fabrik in Brega, wo die großen Rohre hergestellt wurden, und sie bombardierten Wasseraufbereitungsanlagen, die schwer beschädigt wurde“, sagte Al Hasan, ein Ingenieur des Projektes.

Dann versuchte der IS, den großen, menschengemachten Fluss in die Luft zu sprengen. Aber die Wasserzufuhr wurde immer wiederhergestellt. Jetzt ist der unterirdische Kanal in den Händen der Östlichen Regierung. Einige Hitzköpfe schlugen vor, wie die Ukraine mit der Krim zu verfahren und Tripolis von der Versorgung mit frischem Wasser abzuschneiden. Aber die Libyer sagten, sie seien eine zivilisierte Nation, keine Barbaren.

Muammar Gaddafis Gästehaus in Bengasi. In Form eines Berberzeltes gebaut, mit dem der libysche Führer um die ganze Welt reiste. Ein identisches Gästehaus stand in Tripolis. Aber das wurde gesprengt, das in Bengasi wurde nur in Brand gesteckt.

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Die Mauern in der Stadt sind mit Karikaturen Gaddafis bemalt. Sie mögen ihn hier nicht, trotz der Wasserversorgung. Allerdings gibt es in den letzten Jahren unter jungen Menschen wieder mehr Unterstützer für Gaddafi.

Krieg, Machtvakuum und Verwüstung. Junge Leute, die ihre Kindheit unter Gaddafi verbracht haben, sprechen von der Zeit als der glücklichsten überhaupt: „Jeder will Gaddafi. Es gibt eine große Nostalgie für Ruhe und Frieden. Wir haben genug vom Krieg. Gaddafi hatte Recht.“

Irina Jabers Ehemann saß unter Gaddafi zwei Mal im Gefängnis: drei Jahre, weil er die Armee Armee für die eigene Hochzeit unerlaubt verlassen hatte, und drei weitere, weil er sich weigerte, mit dem Geheimdienst zusammenzuarbeiten. Sie teilt die Nostalgie ihres Enkels nicht, über Gaddafi sind sie unterschiedlicher Meinung.

Nach dem Tod ihres Mannes kann Irina nirgendwo hin. Sie ist staatenlos: Die libysche Staatsbürgerschaft hat sie nicht bekommen und als Bewohnerin Kirgisiens hatte sie nach dem Zerfall der Sowjetunion keinen Anspruch auf die russische Staatsbürgerschaft. Und Kirgisistan verweigerte ihr die Staatsbürgerschaft, weil irgendwelche Dokumente fehlten. Vielleicht wird sie, nachdem Marschall Haftar die Hauptstadt erobert hat, Bürgerin eines neuen, friedlichen Libyens werden.


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“