Bri­tische Kolo­ni­al­herren ließen über 60 Mil­lionen Inder verhungern

Der chro­nische Mangel an Nahrung und Wasser, der Mangel an sani­tären Anlagen und medi­zi­ni­scher Hilfe, die Ver­nach­läs­sigung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mittel, die Armut der Bil­dungs­ein­rich­tungen, der alles durch­drin­gende Geist der Depression, den ich selbst nach über hundert Jahren bri­ti­scher Herr­schaft in unseren Dörfern erlebt habe, lassen mich an ihrer Wohl­tä­tigkeit ver­zweifeln. – Rabin­dranath Tagore

Wenn man die Geschichte der bri­ti­schen Herr­schaft in Indien auf eine einzige Tat­sache ver­dichten würde, dann ist es diese: Das Pro-Kopf-Ein­kommen Indiens stieg von 1757 bis 1947 nicht an.

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Chur­chill, der seinem Pri­vat­se­kretär erklärte, warum er die Vor­rats­haltung von Lebens­mitteln in Groß­bri­tannien ver­tei­digte, während Mil­lionen in Ben­galen ver­hun­gerten, sagte, dass „die Hindus eine üble Rasse waren, geschützt durch ihre bloße Aus­breitung vor dem Schicksal, das ihnen zusteht“.

27. Juni – Während der 190 Jahre der Plün­derung und Brand­schatzung erlebte der indische Sub­kon­tinent ins­gesamt min­destens zwei Dutzend große Hun­gersnöte, die ins­gesamt Mil­lionen von Indern in der ganzen Länge und Breite des Landes töteten. Wie viele Mil­lionen den Hun­gers­nöten zum Opfer fielen, lässt sich nicht genau fest­stellen. Nach offi­zi­ellen Zahlen der Kolo­ni­al­herren könnten es jedoch 60 Mil­lionen Tote sein. In Wirk­lichkeit könnten es wesentlich mehr sein.

Bri­tische Kolo­ni­al­ana­ly­tiker haben Dürren als Ursache für die gesunkene land­wirt­schaft­liche Pro­duktion genannt, die zu diesen Hun­gers­nöten geführt hat, aber das ist eine Lüge. Bri­tische Herr­scher, die in Europa und anderswo Kriege führten und Teile Afrikas kolo­ni­sierten, expor­tierten Getreide aus Indien, um ihre kolo­nialen Erobe­rungen auf­recht­zu­er­halten – während die Hun­gersnöte wüteten.

Die Men­schen in den von der Hun­gersnot betrof­fenen Gebieten, die wie Ske­lette aus­sahen, die nur mit Haut bedeckt waren, wan­derten umher, kau­erten in den Ecken und starben mil­lio­nenfach. Die teuf­lische Natur dieser bri­ti­schen Herr­scher kann nicht hoch genug ein­ge­schätzt werden.

Eine sys­te­ma­tische Entvölkerungspolitik

Obwohl keine genaue Volks­zählung vor­liegt, betrug die Ein­woh­nerzahl Indiens im Jahr 1750 fast 155 Mil­lionen. Zum Zeit­punkt des Endes der bri­ti­schen Kolo­ni­al­herr­schaft 1947 erreichte die Bevöl­kerung des unge­teilten Indiens fast 390 Mil­lionen. Mit anderen Worten, während dieser 190 Jahre kolo­nialer Plün­de­rungen und orga­ni­sierter Hun­gersnöte, stieg die Bevöl­kerung Indiens um 240 Millionen.

Seit 1947, während der nächsten 68 Jahre, ist die Bevöl­kerung des indi­schen Sub­kon­ti­nents, ein­schließlich der Bevöl­kerung Indiens, Paki­stans und Ban­gla­deschs, auf fast 1,6 Mil­li­arden ange­wachsen. Trotz Armut und wirt­schaft­licher Ver­wahr­losung auf dem post-unab­hän­gigen indi­schen Sub­kon­tinent, ist die Bevöl­kerung in diesen 68 Jahren um fast 1,2 Mil­li­arden Men­schen gewachsen.

Auf­zeich­nungen zeigen, dass der Sub­kon­tinent während der Zeit nach der Unab­hän­gigkeit in Teilen des Landes von Zeit zu Zeit Dür­re­pe­rioden erlebt hat, aber es gab keine Hun­gersnot, wenn­gleich auf dem Sub­kon­tinent immer noch Tau­sende von Men­schen jährlich sterben, weil es an einer aus­rei­chenden Menge an Nahrung fehlt, ein schlechtes Ver­tei­lungs­system für Nah­rungs­mittel gibt und es an aus­rei­chender Ernährung mangelt. Es ist auch zu beachten, dass bevor sich die bri­ti­schen Kolo­ni­al­herren in Indien breit­ge­macht haben, Hun­gersnöte auf­ge­treten waren, aber mit viel gerin­gerer Häu­figkeit – viel­leicht einmal in einem Jahrhundert.

Es gab in der Tat keinen Grund für das Auf­treten dieser Hun­gersnöte. Sie traten nur auf, weil das Empire sie kon­struiert hat, mit der Absicht, das Empire durch rück­sichtslose Plün­de­rungen und die Anwendung einer unaus­ge­spro­chenen Politik zur Ent­völ­kerung Indiens zu stärken. Sie glaubten, das würde die Kosten des Empires für den Erhalt Indiens senken.

Nehmen wir zum Bei­spiel den Fall von Ben­galen, das im öst­lichen Teil des Sub­kon­ti­nents liegt, welchen die bri­tische Ost­in­di­en­kom­panie (HEIC, Hono­rable East India Company, laut der Charta von Eli­sabeth I.) 1757 belagert hatte.

Die räu­be­ri­schen Plün­derer unter der Führung von Robert Clive – ein dege­ne­rierter und opi­um­süch­tiger Mensch, der sich 1774 in der Lon­doner Residenz am Berkley Square, die er sich mit den Vor­teilen seiner Plün­derung beschafft hatte, das Gehirn weg­ge­pustet hatte – bekamen 1765 die Kon­trolle über das heutige West­ben­galen, Ban­gla­desch, Bihar und Odisha (früher Orissa).

His­to­rische Auf­zeich­nungen zeigen, dass Indien zu dieser Zeit fast 25% des welt­weiten BIP aus­machte, an zweiter Stelle nach China, während Groß­bri­tannien nur lächer­liche 2% hatte. Ben­galen war die reichste der indi­schen Provinzen.

Nachdem er sich die Kon­trolle über Ben­galen gesi­chert hatte, indem er die Nawab in einer hin­ter­häl­tigen Schlacht bei Plassey (Palashi) ver­drängte, setzte Clive eine Mario­nette auf den Thron, bezahlte diese und han­delte mit ihr ein Abkommen aus, dass die HEIC der einzige Steu­er­ein­treiber werden sollte, während er die nomi­nelle Ver­ant­wortung für die Regierung seiner Mario­nette überließ.

Dieses Arran­gement dauerte ein Jahr­hundert lang, da immer mehr indische Bun­des­staaten bankrott gingen, um zukünftige Hun­gersnöte zu erleichtern. Die Steu­er­gelder flossen in die bri­ti­schen Kassen, während in Ben­galen und Bihar Mil­lionen verhungerten.

Clive, der 1768 zum Fellow der Royal Society ernannt wurde und dessen Statue in der Nähe des bösen Zen­trums des Bri­ti­schen Empires, Whitehall, in der Nähe des Cabinet War Room steht, hatte dies zu seiner Ver­tei­digung zu sagen, als das bri­tische Par­lament, das „fair“ spielte, ihn der Plün­derung und anderer Miss­bräuche in Indien beschuldigte:

Bedenken Sie die Situation, die der Sieg von Plassey mir auf­ge­zwungen hatte. Ein großer Prinz war auf mein Wohl­wollen ange­wiesen; eine opu­lente Stadt war mir aus­ge­liefert; ihre reichsten Ban­kiers boten gegen­ein­ander für mein Lächeln; ich ging durch Gewölbe, die nur für mich geöffnet wurden, an beiden Händen mit Gold und Juwelen behängt! Bei Gott, Herr Vor­sit­zender, in diesem Moment bin ich erstaunt über meine eigene Mäßigung.

Aber Clive war nicht der einzige mör­de­rische bri­tische Kolo­ni­alherr. Das bri­tische Empire hatte einen Schlächter nach dem anderen nach Indien geschickt, die alle die Plün­derung und die daraus resul­tie­rende Ent­völ­kerung inszenierten.

Als 1770 die erste große Hun­gersnot in Ben­galen auftrat, war die Provinz bis auf den Grund geplündert worden. Was folgte, war schieres Ent­setzen. So hat John Fiske in seinem „Ame­rican Phi­lo­sopher in the Unseen World“ die ben­ga­lische Hun­gersnot dargestellt:

Den ganzen erdrü­ckenden Sommer 1770 hin­durch starben die Men­schen weiter. Die Farmer ver­kauften ihr Vieh; sie ver­kauften ihre land­wirt­schaft­lichen Geräte; sie ver­schlangen ihr Saatgut; sie ver­kauften ihre Söhne und Töchter, auch wenn sich lange kein Käufer für die Kinder finden ließ; sie aßen die Blätter der Bäume und das Gras auf dem Feld…

Die Straßen waren ver­stopft mit gemischten Haufen von Ster­benden und Toten. Bestatter konnten ihre Arbeit nicht schnell genug tun; selbst die Hunde und Schakale, die offi­zi­ellen Stra­ßen­kehrer des Ostens, wurden unfähig, ihre abscheu­liche Arbeit zu ver­richten und die Vielzahl der zer­fleischten und fau­lenden Leichen bedrohte lange Zeit die Existenz der Bürger…. [3]

Gab es irgend­einen Grund für die Hun­gersnot? Nicht, wenn die Briten es nicht gewollt hätten. Damals wie heute erntet Ben­galen drei Ernten im Jahr. Es liegt im Delta der Ganges-Ebene, wo mehr als reichlich Wasser vor­handen ist. Selbst wenn es zu einer Dürre kommt, ver­nichtet sie nicht alle drei Ernten.

Außerdem wurde, wie zu Zeiten der Moghulen und in frü­heren Zeiten, das über­schüssige Getreide gelagert, um die Bevöl­kerung bei einer oder zwei schlechten Ernten über Wasser zu halten.

Aber die von Clive und seinem Trupp von Ban­diten und Mördern durch­ge­führte Getrei­de­plün­derung hat das Getreide aus Ben­galen ver­nichtet und in der großen Hun­gersnot zu 10 Mil­lionen Toten geführt, wodurch ein Drittel der ben­ga­li­schen Bevöl­kerung aus­ge­löscht wurde.

Es sei darauf hin­ge­wiesen, dass die viel gepriesene indus­trielle Revo­lution Groß­bri­tan­niens 1770 begann, im selben Jahr, in dem überall in Ben­galen Men­schen starben. Die Boston Tea Party, die die ame­ri­ka­nische Revo­lution aus­löste, hatte 1773 statt­ge­funden. Die Boston Tea Party machte dem Empire klar, dass seine Tage in Amerika gezählt waren und führte dazu, dass sich Groß­bri­tannien noch mehr auf die Orga­ni­sation der Plün­de­rungen in Indien konzentrierte.

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Warum Hun­gersnöte während der bri­tisch-indi­schen Tage so weit ver­breitet waren

Der Haupt­grund, warum diese ver­hee­renden Hun­gersnöte in regel­mä­ßigen Abständen statt­fanden und jah­relang andau­erten, war die Politik des Bri­ti­schen Empires, seine Kolonien zu ent­völkern. Wären diese Hun­gersnöte nicht ein­ge­treten, hätte Indiens Bevöl­kerung schon lange vor dem zwan­zigsten Jahr­hundert eine Mil­liarde Men­schen erreicht. Dies sah das Bri­tische Empire als eine Kata­strophe an.

Zunächst einmal würde eine größere indische Bevöl­kerung einen grö­ßeren Ver­brauch durch die Ein­hei­mi­schen bedeuten und Bri­tisch-Indien einer grö­ßeren Menge an Beute berauben. Der logische Weg, mit dem Problem umzu­gehen, war die Ent­wicklung von Indiens land­wirt­schaft­licher Infra­struktur. Aber das würde Groß­bri­tannien nicht nur zwingen, mehr Geld aus­zu­geben, um sein kolo­niales und bes­tia­li­sches Imperium zu betreiben; es würde auch eine gesunde Bevöl­kerung ent­wi­ckeln, die auf­stehen könnte, um die Abscheu­ligkeit namens Bri­tisch-Indien loszuwerden.

Diese mas­siven Hun­gersnöte konnten auch die soziale Struktur und das Rückgrat der Inder schwächen, was Rebel­lionen gegen die Kolo­ni­al­mächte weniger wahr­scheinlich machte. Um die Hun­gersnöte auf­recht zu erhalten und so die „heid­ni­schen“ und „dunklen“ Inder zu ent­völkern, star­teten die bri­ti­schen Impe­ria­listen eine sys­te­ma­tische Pro­pa­gan­da­kam­pagne. Sie unter­stützten den Betrüger Parson Thomas Malthus und priesen sein unwis­sen­schaft­liches Geschwätz an, „Die Abhandlung über Bevöl­kerung“. Dort behauptete er:

Diese natür­liche Ungleichheit der beiden Mächte von Bevöl­kerung und Pro­duktion auf der Erde, und dieses große Gesetz unserer Natur, das seine Wir­kungen ständig gleich halten muss, bilden die große Schwie­rigkeit, die mir auf dem Weg zur Voll­kom­menheit der Gesell­schaft unüber­windbar erscheint. Alle anderen Argu­mente sind im Ver­gleich dazu von geringer und unter­ge­ord­neter Bedeutung. Ich sehe keinen Weg, wie der Mensch dem Gewicht dieses Gesetzes, das die ganze belebte Natur durch­dringt, ent­kommen kann.

Obwohl Malthus in der angli­ka­ni­schen Kirche ordi­niert wurde, machte ihn das bri­tische Empire zu einem bezahlten „Ökonom“ der bri­ti­schen Ost­in­di­en­kom­panie, die mit der Charta von Königin Eli­sabeth I. den Handel in Asien mono­po­li­sierte und weite Teile des Kon­ti­nents mit Hilfe ihrer gut bewaff­neten Milizen, die unter der eng­li­schen Flagge des Hei­ligen Georg kämpften, kolonisierte.

Malthus wurde am Hai­leybury and Imperial Service College auf­ge­gabelt, das auch der Rekru­tie­rungsort einiger der schlimmsten Kolo­ni­al­ver­brecher war. Dieses College war der Ort, an dem die Macher der mör­de­ri­schen Politik des bri­ti­schen Empires in Indien aus­ge­bildet wurden.

Einige pro­mi­nente Absol­venten von Hai­leybury sind Sir John Law­rence (Vize­könig von Indien von 1864–68) und Sir Richard Temple (Leutnant Gou­verneur von Ben­galen und später Gou­verneur des Vor­sitzes von Bombay).

Während Pfarrer Malthus seine finstere „wis­sen­schaft­liche Theorie“ vortrug, um die Ent­völ­kerung als natür­lichen und not­wen­digen Prozess zu recht­fer­tigen, sam­melte das bri­tische Empire eine ganze Reihe anderer „Öko­nomen“, die über die Not­wen­digkeit des Frei­handels schrieben. Der Frei­handel spielte eine wichtige Rolle bei der Durch­setzung der mör­de­ri­schen Ent­völ­kerung Indiens durch das Empire, durch die Bemü­hungen Bri­tisch-Indiens. In der Tat ist der Frei­handel die andere Seite der Malthus-Bevölkerungskontrollmünze.

Als die große Hun­gersnot von 1876 kam, hatte Groß­bri­tannien bereits einige Schie­nenwege in Indien gebaut. Die Eisenbahn, die als insti­tu­tio­neller Schutz gegen Hun­gersnöte ange­priesen wurde, wurde statt­dessen von Händlern genutzt, um Getrei­de­vorräte aus den ent­le­genen, von der Dürre geplagten Bezirken in zen­trale Depots zu ver­schiffen und zu horten.

Darüber hinaus führte der Wider­stand der freien Händler gegen die Preis­kon­trolle zu einem Rausch der Getrei­de­spe­ku­lation. In der Folge wurde Kapital beschafft, um Getreide aus den von der Dürre betrof­fenen Gebieten zu impor­tieren und die Kata­strophe zu fördern. Der Anstieg der Getrei­de­preise war spek­ta­kulär schnell, und das Getreide wurde von dort geholt, wo es am meisten gebraucht wurde, um es in Lager­häusern zu lagern, bis die Preise noch höher stiegen.

Bri­tisch-Indien wusste dies oder hätte es wissen müssen. Auch wenn die bri­ti­schen Macht­haber diesen Prozess nicht offen för­derten, so waren sie sich dessen doch voll bewusst, und es war für sie kein Problem, den freien Handel auf Kosten von Mil­lionen von Men­schen­leben zu fördern. So beschrieb Mike Davis die Ereignisse:

Der Anstieg [der Preise] war so außer­ge­wöhnlich und das ver­fügbare Angebot war, ver­glichen mit dem bekannten Bedarf, so dürftig, dass Kauf­leute und Händler, die auf enorme zukünftige Gewinne hofften, ent­schlossen schienen, ihre Vorräte für eine unbe­stimmte Zeit zu halten und sich nicht von dem Produkt zu trennen, das von so unge­wohntem Wert wurde.

Für die Regierung war es offen­sichtlich, daß die Unter­nehmen für den Eisen­bahn­transport von Getreide die Preise überall rasch anzogen und dass die Akti­vität der schein­baren Einfuhr und des Eisen­bahn­transits keine Erhöhung der Nah­rungs­mit­tel­vorräte der Prä­si­dent­schaft anzeigte, der Ein­zel­handel im Lan­des­in­neren war fast zum Erliegen gekommen. Ent­weder wurden Preise ver­langt, welche die Mittel der Mehrheit über­stiegen oder die Geschäfte blieben ganz geschlossen.

Zu dieser Zeit war Lord Lytton, ein Lieb­lings­dichter von Königin Vic­toria, der vielen Indern als „Schlächter“ bekannt war, der Vize­könig. Er wider­setzte sich von ganzem Herzen allen Bestre­bungen, Getreide zu horten, um die hun­gernde Bevöl­kerung zu ernähren, weil dies die Markt­kräfte behindern würde.

Im Herbst 1876, während die Mon­sun­ernte auf den Feldern Süd­in­diens ver­küm­merte, war Lytton damit beschäftigt, die riesige kai­ser­liche Ver­sammlung in Delhi zu orga­ni­sieren, um Vic­toria zur Kai­serin von Indien auszurufen.

Wie recht­fer­tigte Lytton das? Er war ein erklärter Bewun­derer und Anhänger von Adam Smith. Der Autor Mike Davis schreibt, dass Smith ein Jahr­hundert zuvor (im Ange­sicht der schreck­lichen ben­ga­li­schen Dür­re­ka­ta­strophe von 1770) in „The Wealth of Nations“ behauptet hatte, dass die Hun­gersnot nie aus einer anderen Ursache ent­standen sei als der Gewalt der Regierung, die mit unan­ge­mes­senen Mitteln ver­suchte, die Unan­nehm­lich­keiten des Mangels zu beheben, und dass Lytton das umsetzte, was Smith ihn und andere Gläubige des Frei­handels gelehrt hatte.

„Smiths Appell gegen staat­liche Ver­suche, den Getrei­de­preis während der Hun­gersnot von 1770 zu regu­lieren, wurde jah­relang im berühmten College der East India Company in Hai­leybury gelehrt.“ [4]

Lytton gab strikte Anwei­sungen, dass „es kei­nerlei Ein­mi­schung seitens der Regierung mit dem Ziel geben darf, die Lebens­mit­tel­preise zu senken“, und „in seinen Briefen an das Büro in Indien und an Poli­tiker beider Par­teien pran­gerte er die ‚huma­nitäre Hys­terie‘ an“.

Durch ein offi­zi­elles Diktat war Indien, wie zuvor Irland, zu einem uti­li­ta­ris­ti­schen Labo­ra­torium geworden, in dem Mil­lionen von Men­schen­leben aufs Spiel gesetzt wurden, gemäß dem dog­ma­ti­schen Glauben an all­mächtige Märkte, die die Unan­nehm­lich­keiten des Mangels“[5] überwinden.

Die großen Hungersnöte

Die Dar­stellung der zwei Dutzend Hun­gersnöte, die mehr als 60 Mil­lionen Inder getötet haben, würde viel Platz benö­tigen, daher beschränke ich mich hier auf die, die mehr als eine Million getötet haben:

Die ben­ga­lische Hun­gersnot von 1770: Diese kata­stro­phale Hun­gersnot ereignete sich zwi­schen 1769 und 1773 und betraf die untere Ganges-Ebene Indiens.

Das Gebiet, das damals von der bri­ti­schen Ost­in­di­en­kom­panie regiert wurde, umfasste das heutige West­ben­galen, Ban­gla­desch und Teile von Assam, Orissa, Bihar und Jharkhand. Die Hun­gersnot soll den Tod von schät­zungs­weise 10 Mil­lionen Men­schen ver­ur­sacht haben, etwa ein Drittel der dama­ligen Bevölkerung.

Die Chalisa-Hun­gersnot von 1783–84: Die Chalisa-Hun­gersnot betraf viele Teile Nord­in­diens, ins­be­sondere die Gebiete von Delhi, das heutige Uttar Pradesh, den öst­lichen Punjab, Raj­putana (heute Rajasthan) und Kaschmir, die damals alle von ver­schie­denen indi­schen Herr­schern regiert wurden.

Der Chalisa ging eine Hun­gersnot im Vorjahr, 1782–83, in Süd­indien, ein­schließlich Madras City (heute Chennai) und den umlie­genden Gebieten (unter der Herr­schaft der bri­ti­schen Ost­in­di­en­kom­panie), und im erwei­terten König­reich Mysore voraus. Zusammen hatten diese beiden Hun­gersnöte min­destens 11 Mil­lionen Men­schen das Leben gekostet, so lauten Berichte.

Die Doji Bara Hun­gersnot (oder Schädel-Hun­gersnot) von 1791- 92: Diese Hun­gersnot ver­ur­sachte eine weit ver­breitete Sterb­lichkeit in Hyderabad, dem süd­lichen Maratha König­reich, Deccan, Gujarat und Marwar (auch Jodhpur Region in Rajasthan genannt). Die bri­tische Politik der Umleitung von Nah­rungs­mitteln nach Europa, der Preis­ge­staltung für das ver­blei­bende Getreide außerhalb der Reich­weite der ein­hei­mi­schen Inder und der Annahme einer Agrar­po­litik, die die Nah­rungs­mit­tel­pro­duktion zer­störte, war dafür verantwortlich.

Die Briten hatten über­schüssige Getrei­de­vorräte, die nicht an die Men­schen, die sie angebaut hatten, ver­teilt wurden. Als Folge davon starben zwi­schen 1789–92 etwa 11 Mil­lionen Men­schen an Hunger und den damit ein­her­ge­henden Epidemien.

Die obere Doab-Hun­gersnot von 1860–61: Die Hun­gersnot von 1860–61 trat in dem von den Briten kon­trol­lierten Gebiet des Ganga-Yamuna Doab (zwei Gewässer oder zwei Flüsse) auf, das große Teile von Rohilkhand und Ayodhya sowie die Delhi- und Hissar-Divi­sionen des dama­ligen Punjab umfasste. Öst­licher Teil des fürst­lichen Staates Raj­putana. Nach „offi­zi­ellen“ bri­ti­schen Berichten wurden etwa zwei Mil­lionen Men­schen durch diese Hun­gersnot getötet.

Die Orissa-Hun­gersnot von 1866: Obwohl Orissa am meisten betroffen war, betraf diese Hun­gersnot die Ost­küste Indiens entlang des Golfes von Ben­galen, die sich im Süden bis nach Madras erstreckte und ein großes Gebiet umfasste. Eine Million Men­schen starben, nach der bri­ti­schen „offi­zi­ellen“ Version.

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Die Raj­putana-Hun­gersnot von 1869: Die Raj­putana-Hun­gersnot von 1869 betraf ein Gebiet von fast 300.000 Qua­drat­meilen, das haupt­sächlich zu den Fürs­ten­staaten und dem bri­ti­schen Ter­ri­torium von Ajmer gehörte. Diese Hun­gersnot, nach „offi­zi­eller“ bri­ti­scher Behauptung, tötete 1,5 Mil­lionen Menschen.

Die Große Hun­gersnot von 1876–78: Diese Hun­gersnot tötete unzählige Indianer im süd­lichen Teil und wütete etwa vier Jahre lang. Sie betraf Madras, Mysore, Hyderabad und Bombay (heute Mumbai).

Die Hun­gersnot erreichte anschließend auch die Zen­tral­provinz (heute Madhya Pradesh) und Teile des unge­teilten Punjab. Die Zahl der Todes­opfer durch diese Hun­gersnot lag bei 5,5 Mil­lionen Men­schen. Einige andere Zahlen deuten an, dass es bis zu 11 Mil­lionen Todes­fälle gewesen sein könnten.

Die indische Hun­gersnot von 1896–97 und 1899–1900: Diese betraf Madras, Bombay, Deccan, Ben­galen, die Ver­ei­nigten Pro­vinzen (jetzt Uttar Pradesh genannt), die Zen­tral­pro­vinzen, den Norden und Osten Raj­pu­tanas, Teile Zen­tral­indiens und Hyderabad: sechs Mil­lionen Men­schen starben Berichten zufolge auf bri­ti­schem Gebiet während dieser beiden Hun­gersnöte. Die Zahl der Todes­fälle in den Fürs­ten­staaten ist nicht bekannt.

Die ben­ga­lische Hun­gersnot von 1943–44: Bei dieser von Chur­chill insze­nierten Hun­gersnot in Ben­galen in den Jahren 1943–1944 kamen schät­zungs­weise 3,5 bis 5 Mil­lionen Men­schen ums Leben.

Es gab mehrere poli­tische Themen, derer sich Adolf Hitler von den Briten bedient haben könnte um Mil­lionen zu töten, aber eines, das er sich mit Sicherheit bei der Ein­richtung seiner Todes­lager geliehen hat, war, wie die Briten die Lager lei­teten, um den hun­gernden Mil­lionen „Hilfe“ zu leisten. Jeder, der diese Hilfs­lager betrat, kam nicht mehr lebendig heraus.

Sehen Sie sich die Hand­lungen von Vize­könig Lyttons Stell­ver­treter, Richard Temple an, ein wei­teres Hai­leybury-Produkt, das von der Doktrin der Ent­völ­kerung durch­drungen ist, als das not­wendige Mittel, um das Empire stark und kräftig zu halten. Temple stand unter dem Befehl von Lytton um sicher­zu­stellen, dass es keine „unnö­tigen“ Aus­gaben für Hilfs­maß­nahmen gab.

Einigen Ana­lysten zufolge unter­schieden sich die Lager von Temple nicht sehr von den Kon­zen­tra­ti­ons­lagern der Nazis. Men­schen, die bereits halb ver­hungert waren, mussten Hun­derte von Meilen laufen, um diese Hilfs­lager zu erreichen. Zusätzlich erschuf er eine Lebens­mit­tel­ration für die hun­gernden Men­schen, die in den Lagern arbei­teten, die geringer war als die, die den Insassen der Nazi-Kon­zen­tra­ti­ons­lager gegeben wurde.

Die Briten wei­gerten sich, den Opfern der Hun­gersnot ange­messene Hilfe zu leisten, mit der Begründung, dies würde die Trägheit fördern. Sir Richard Temple, der 1877 für die Orga­ni­sation von Hun­ger­hil­fe­ak­tionen aus­ge­wählt wurde, setzte die Nah­rungs­mit­tel­zu­teilung für hun­gernde Inder auf 16 Unzen Reis pro Tag fest – weniger als die Ernährung der Häft­linge im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Buchenwald für die Juden in Hitlerdeutschland.

Die bri­tische Abneigung, mit Dring­lichkeit und Elan auf das Nah­rungs­mit­tel­de­fizit zu reagieren, führte während der bri­ti­schen Besetzung Indiens zu einer Folge von etwa zwei Dutzend schreck­lichen Hun­gers­nöten. Diese löschten mehrere zehn Mil­lionen von Men­schen aus. Die Häu­figkeit der Hun­gersnöte zeigte im neun­zehnten Jahr­hundert einen beun­ru­hi­genden Anstieg.[6]

Das war damals Absicht, und es ist auch heute noch Absicht.


Quelle: connectiv.events