Spar­gel­ernte: Junge Migran­ten­s­techer vor — deutsche Mädels seid berrreit!

Eine Glosse bis hin zur Satire

(von Maria Schneider)

Corona treibt nun schon eine ganze Weile ihr Unwesen und macht — wie der Glo­ba­lismus – auch vor den Spar­gel­bauern nicht halt. Der Glo­ba­li­sierung und (meist ein­sei­tigen) Frei­zü­gigkeit in der EU war es zu ver­danken, dass die Spar­gel­bauern ihre Ware von ost­eu­ro­päi­schen Arbeitern zu deut­schen Hun­ger­löhnen ernten lassen konnten, die den Rumänen nach 3‑monatiger Ern­tezeit 1 Jahr lang den Lebens­un­terhalt in Rumänien mit viel nied­ri­geren Lebens­hal­tungs­kosten sicherten.

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War doch ideal: Der Deutsche, der sich zu solch nied­rigen Löhnen nicht bücken wollte oder dem irre­ge­lei­teten Sta­tus­denken erlegen war, über solch niedere Arbeiten erhaben zu sein, wurde durch die ost­eu­ro­päi­schen Nied­rig­löhner abge­straft und konnte so seine eigenen Lohn­vor­stel­lungen nicht mehr durchsetzen.

Der fleißige Rumäne gewinnt – der „deka­dente“ Deutsche verliert

Der Ost­eu­ropäer wie­derum konnte vom Lohn- und Wohl­stands­ge­fälle zwi­schen den beiden Ländern pro­fi­tieren und sich in seinem Land Wohl­stand auf­bauen, während hier die Deut­schen ver­armten, weil die nied­rigen Ern­telöhne – selbst, wenn sie sie akzep­tiert hätten — nicht im geringsten zur Deckung ihrer hohen Lebens­hal­tungs­kosten in Deutschland aus­ge­reicht hätten. Eine klas­sische Win-Win-Lose-Situation also, wie man sie in Zeiten der Glo­ba­li­sie­rungs­aus­beutung tau­sendfach kennt: Der Bauer gewinnt, der Tage­löhner aus dem Armenhaus Rumänien gewinnt und der gewöhn­liche „böse“ Deutsche ver­liert wieder mal. Geschieht ihm doch recht, dem faulen, anspruchs­vollen Deutschen!!

Satu­rierte Pfarrer und Sozio­logen mit Herz nach Bedarf

Abge­rundet wird das Spiel von intel­li­genten Aus­las­sungen, wie ich sie wort­gleich wie eine auto­ma­ti­sierte Ansage von satu­rierten Sozio­logen, Pfarrern und pen­sio­nierten Pro­fes­so­ren­gat­tinnen höre: „Die Deut­schen wollen halt keine Drecks­arbeit machen. Und ganz ehrlich – ich kenne viele Deutsche, die stinkfaul sind und Hartz4 beziehen. Gerade in der Ex-DDR machen es sich die Leute leicht und jammern nur herum. Da helfe ich doch lieber den Armen aus Ost­europa, die bescheiden sind und noch harte Arbeit machen wollen, als so einem faulen Hartzer aus Ostdeutschland.“

Dies von abge­si­cherten Beamten und Pen­sio­nären mit schwie­len­losen Händen, die gerne Ohren und Augen vor den Mecha­nismen der Aus­beutung ver­schließen und vom hohen Roß Urteile über ihre eigenen, „in der DDR sozia­li­sierten“, „prol­ligen“ Lands­leute fällen, während sie sich für die nächste „Refugee Welcome“ Demo fertig machen und danach „auf Party mit lecker Essen“ gehen.

Dass es durchaus Deutsche gäbe, die als Pfleger, Ern­te­helfer, Ver­käufer usw. arbeiten wollen, wenn man ihnen nur einen men­schen­wür­digen Lohn statt eines beschä­menden Skla­ven­lohns zahlen würde, den sie durch zusätz­liche, beschä­mende Behör­den­gänge auf­stocken müssen, kommt ihnen in ihrem wat­tierten, ahnungs­losen Beam­ten­dasein nicht in den Sinn. Ich wundere mich immer wieder, warum den Deut­schen das Fremde so viel näher ist als das Eigene oder gar ihre Familie.

Dank Corona neue Sitten wie zu Nazi-Omas Zeiten

À apropos „Deutsche“ (darf man das noch so sagen – „Deutsche“?) und zurück zur Spar­gel­ernte. Jüngst sah ich in der „Aktu­ellen Kamera“ Bilder, die in mir grr­ruuuselige Erin­ne­rungen an die Wochen­schau im 3. Reich weckten und direkt einen Nazi-Alarm-Reflex aus­lösten: Junge, deutsche, blonde Mädels bei der Spar­gel­ernte, die fröhlich lachend in Reih und Glied in sau­beren Schürzen am Band standen und Spargel samt Spitzen fein säu­berlich in Kisten verstauten.

Sogar Bran­den­burgs Finanz­mi­nis­terin Katrin Lange von der kom­mu­nis­ti­schen Vor­läu­fer­partei SPD befür­wortet den Ern­te­einsatz von Schülern und Stu­die­renden auf dem Felde. Ei der Daus!, oder, „Nach­tigall, ick hör‘ Dir trapsen“, müsste doch wohl spä­testens jetzt „volles Rohr“ aus jeder linken Partei ange­sichts des Wie­der­auf­lebens alt­deut­scher Sitten tönen. Doch statt dessen – Schweigen. Die roten Fahnen flattern still und unauf­fällig unter Coronas Wind.

Wo ist Mul­ti­kulti auf dem Spar­gelfeld geblieben?

Ja, was ist denn das? Wo ist Mul­ti­kulti geblieben? Kein ein­ziges nicht-weißes Gesicht unter den blonden und braun­haa­rigen, pro­peren Stu­den­tinnen und Studenten.

Wo sind die Demos, die Dro­hungen, die Skan­da­li­sie­rungen? Warum gibt es keine ein­ge­wor­fenen Fenster oder beschmierten Wände bei den Bau­ern­häusern? Schließlich wird hier ekla­tanter Ras­sismus unter Miss­achtung jeder Gleich­stel­lungs- und Viel­falts­ver­ordnung sowie sons­tiger männer- und deut­schen­feind­licher Initia­tiven geübt, die bislang Brot, Butter und über­teuerte Alt­bau­woh­nungen von Heer­schaaren an Stu­di­en­ab­bre­chern, Roma­nisten, Ger­ma­nisten, Sozio­logen und Poli­to­logen gesi­chert haben.

Wo sind die Demos „Inte­gration in die Spargelernte“?

Warum gibt es kein „Klein­kle­ckersdorf wehrt sich“ oder, „Geflüchtete, diverse Spar­gel­ern­te­helfer stehen auf“ ange­sichts der krassen Exklusion der Asyl­be­werber, Schutz­be­foh­lenen und Geflüch­teten (Geflüch­teter: kein Flüchtling mehr auf der Flucht, sondern kraft Par­ti­zip­kon­struktion schon längst ange­kommen, um zu bleiben – hof­fentlich hat das jetzt auch der letzte Dumm­dödel kapiert!)?

Wo sind die kräf­tigen, mus­ku­lösen Männer mit Kampf­erfahrung, die mal richtig Dampf ablassen müssen? Eine Spar­gel­ernte wäre doch die ideale Methode, um durch kör­per­liche Arbeit allerlei Traumata und der Lan­ge­weile im Asylheim zu entgehen?

Die ideale Gele­genheit zur Bestellung deut­scher Furchen

Deut­sches Mädel sei berrreit! Das Spar­gelfeld ist Dein Hei­rats­markt. Frische Luft, keine Ablenkung, nur die Furche, der Stecher und Du! Hier geht es nicht nur um die Ernte, sondern um das Bestellen ganz neuer Felder!

Sei allzeit bereit und denke an die Pos­ter­pro­pa­ganda der Vor­sit­zenden des Zen­tral­ko­mitees, die an jeder Stra­ßenecke und in jedem Katalog prrangt! Ein Afri­kaner mit einer Deut­schen oder eine Ara­berin mit einem Deut­schen ist angesagt! Deutsch mit Deutsch geht nicht, alles klar? Wenn über­haupt unter­ein­ander… Du weißt schon… dann nicht als Sau­berfrau wie diese Woche in der Aktu­ellen Kamera, sondern als junges, cooles Hip­piepaar mit Ras­ta­locken und Nasenring. Nimm dir ein Vorbild an Dunja Hayali, dann liegst du goldrichtig!

Ich rufe daher die afri­ka­ni­schen und ara­bi­schen Jungs und Mädels in den Asyl­heimen und auch unsere lieben, schon länger hier lebenden und bestens inte­grierten Migranten in den Döner- und Gemü­se­läden auf: Kommt auf’s Spar­gelfeld. Junge Stecher vor! Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an!

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Maria Schneider ist freie Autorin und Essay­istin. In ihren Essays beschreibt sie die deutsche Gesell­schaft, die sich seit der Grenz­öffnung 2015 in atem­ber­rau­bendem Tempo ver­ändert. Darüber hinaus ver­fasst sie Reiseberichte.

Kontakt: Maria_Schneider@mailbox.org