Kosaken-Tra­gödie an der Drau

Wie die Briten in Ost­tirol Tau­sende in den sowje­ti­schen Lagertod schickten  

Aller­orten ist zwi­schen Vor­arlberg und dem Bur­genland des Welt­kiegs­endes vor 75 Jahren sowie des vor 65 Jahren abge­schlos­senen Staats­ver­trags gedacht worden, der 1955 das Besat­zungs­regime in Öster­reich  beendete. „Befreiung“ und „Freiheit“ waren dabei die kol­lek­tiven, von Politik und Medien nahezu unisono ver­wen­deten Begriffe. Doch aus allen „Befreiungs“-Narrativen blieb eines der düs­tersten Kapitel aus der End­phase des Zweiten Welt­kriegs aus­ge­spart: die Aus­lie­ferung tau­sender im Lienzer Becken in Ost­tirol gestran­deter Kosaken und Kau­kasier an die Sowjet­union durch die Briten.

Deren Schicksal erfüllt sich zwi­schen Anfang Mai und Ende Juni 1945. Mit dem Rückzug der Wehr­machts­ver­bände vom Balkan und aus Nord­italien flüchten mehrere zehn­tausend Men­schen in Richtung Reichs­gebiet. Die Kosa­ken­re­gi­menter, in denen Don‑, Kuban‑, Terek- und Sibi­ri­en­ko­saken dienten, gehörten zu den im Spät­sommer 1943 unter General von Pannwitz  auf­ge­stellten Ver­bänden. Sie kämpften auf­seiten der deut­schen Wehr­macht, ebenso wie die „Rus­sische Befrei­ungs­armee“ (ROA), befehligt von dem   1942 in deutsche Gefan­gen­schaft gera­tenen hoch­de­ko­rierten sowjet­rus­si­schen Heer­führer Andrei  Wlassow. Die mili­tä­ri­schen Ein­heiten der Kosaken erreicht die Nach­richt von der bevor­ste­henden Kapi­tu­lation südlich von Udine. Gefahr  besteht damit nicht nur für die Sol­daten, sondern auch für ihre Ange­hö­rigen, die sich seit 1944 in den im Gebiet von Tol­mezzo, Gemona und Carnia ange­legten   Sta­nitzen (tra­di­tio­nellen Sied­lungs­ge­mein­schaften) befinden. Rasch brechen sie auf, um sich mit letz­teren zu ver­einen und – bedrängt von ita­lie­ni­schen sowie jugo­sla­wi­schen Par­ti­sanen, gegen die sie vor­wiegend ein­ge­setzt gewesen waren  – tun­lichst im Alpenraum in Sicherheit zu bringen. 

Die „Rus­sische Befreiungsarmee“

Die Kosa­ken­re­gi­menter unter­stehen General Timofej Domanow, in den Sta­nitzen   befinden sich neben Alten, Frauen und Kindern die Atamane (gewählte Führer) Pjotr Krasnow und Wjat­scheslaw Nau­menko, beide ehedem Generäle des Zaren und der anti­kom­mu­nis­ti­schen Truppen der „Weißen“ im Bür­ger­krieg nach der Okto­ber­re­vo­lution 1917. Der in die Wehr­macht ein­ge­glie­derten ROA Wlassows gehören ferner die Männer des legen­dären Hau­degens Andrej Schkuro an, zudem die aus meh­reren tausend Kau­ka­siern (dar­unter Georgier, Tsche­tschenen, Osseten, Kal­mücken) bestehenden Legionen unter General Sultan Girej – auch diese führen jeweils einen Tross  aus Frauen, Kindern und Alten mit.

Es regnet in Strömen, als sich Mensch und Tier Anfang Mai auf auf­ge­weichten Straßen gen Plö­ckenpass  bewegt und ihn im Schnee­sturm über­windet. Unter Ein­schluss des von General Helmuth von Pannwitz kom­man­dierten XV. Kosaken-Kaval­le­rie­korps sowie der mit diesem und anderen Wehr­machts­ein­heiten zurück­wei­chenden Kroaten, Slo­wenen, Serben und Mon­te­ne­grinern, die Titos Par­ti­sa­nen­armee im Rücken haben, schlagen sich gut hun­dert­tausend Men­schen mitsamt tau­senden Pferden  über die Kara­wanken durch und wähnen sich im Drautal vor ihren Ver­folgern in Sicherheit. Pannwitz, der deutsche General, war Anfang 1945 auf einem „All­ko­saken-Kon­gress“ zum „Obersten Felda­taman aller Kosa­ken­heere” gewählt worden, ein Rang, den seit 1835 stets nur der Zare­witsch (nach­fol­ge­be­rech­tigter Sohn des Zaren) innehatte.

Der Gen­dar­me­rie­posten Nikolsdorf ver­merkt am 4. Juni 1945: „Aus dem Gebiet Ober­krain – Kötschach-Mauthen – Ober­drauburg kommen   Kosaken mit Frauen und Kindern [sic!], Zivil und Uniform, ca. 35.000, mit Roß und Wagen, Fahrrad, Motorrad, LKW und PKW, Artil­liere [sic!], schwer bewaffnet, Gewehre, Pis­tolen, MP., Hand­gra­naten u.s.w., alles zusammen zur ehem. deut­schen Wehr­macht gehörig, und lassen sich im Gebiete des Tal­bodens von Ober­drauburg bis Lienz nieder. Sie hatten ca. 6000 Pferde bei sich und diese vielen Pferde frassen [sic!] die Wiesen in kurzer Zeit derart ab, dass die hie­sigen Bauern keine Heu­ernte hatten“. Drei Tage später rücken die ersten Briten in Kötschach-Mauthen ein, anderntags in Lienz. Die 78. bri­tische Infan­te­rie­di­vision unter Gene­ral­major Robert Arbuthnott hatte noch auf friu­la­ni­schem Gebiet Anfang Mai Kontakt mit den Kosaken aufgenommen.

Bri­ga­de­ge­neral Geoffrey Musson, Kom­mandeur der 36. Infan­te­riebrigade, weist ihnen den ein­ge­nom­menen Raum zu, den Kau­ka­siern das Gebiet östlich davon, um Dellach. Mitte Mai stößt der aus 1400 Mann bestehende Trupp Schkuros zu ihnen. In Gesprächen mit den Ata­manen sichert ihnen die bri­tische Mili­tär­führung zu, dass  sie „kei­nes­falls den Sowjets über­stellt“ würden, Major Davis von den „High­landers“ ver­si­chert, „die ver­schwo­renen Feinde des Kom­mu­nismus“ seien „den West­al­li­ierten sehr will­kommen“.   Dem aus zwei Divi­sionen bestehenden, im Januar 1945 zusam­men­ge­stellten Korps unter von Pannwitz  – in der Mehrzahl ehe­malige Sowjet­bürger, die sich nach Beginn des „Unter­nehmens Bar­ba­rossa“ 1941 auf die Seite der Wehr­macht geschlagen hatten, weil sie in ihr den „Befreier vom sta­li­nis­ti­schen Joch“ sahen – weisen die Briten den Raum Kla­genfurt  – Feld­kirchen  – St. Veit an der Glan zu; Teile der 2. Kosa­ken­di­vision müssen sich weiter nördlich nie­der­lassen, im Gebiet zwi­schen Alt­hofen und Neumarkt.

Aus­lie­ferung von Kosaken-Offi­zieren an die Sowjets in Judenburg (Stei­ermark) Foto: BIK

„Lieber sterben, als den Sowjets in die Hände fallen“ 

Während das äußerlich faire Ver­halten der Briten alle Sorgen um die Zukunft fahren lässt, ver­ein­baren die Stäbe des V. Bri­ti­schen Korps und der 57. Sowje­ti­schen Armee­gruppe am 23. und 24. Mai   in Wolfsberg, dass  alle inter­nierten Kosaken und Kau­kasier   „in Judenburg den Russen über­geben werden“. Da die Nach­richt von der „Repa­tri­ierung“ bekannt wird, spielen sich erschüt­ternde Szenen ab. Männer bringen ihre Frauen und Kinder um und begehen anschließend Selbstmord: „Lieber sterben“ wollten sie, als „den Sowjets in die Hände fallen“, heißt es in einer von dem 76 Jahre alten Krasnow sowie den anderen Heer­führern unter­zeich­neten Petition, welche an   König Georg, die bri­tische Regierung, Feld­mar­schall Alex­ander sowie an den Papst und die Welt­öf­fent­lichkeit gerichtet ist, „wir ziehen eher den Tod vor, als dass  wir nach Sowjet­russland  zurück­kehren, wo wir zur langen und sys­te­ma­ti­schen Ver­nichtung ver­dammt sind.”

Die Atamane ein­schließlich von Pannwitz‘ sowie 1800 kosa­kische Offi­ziere und 600 deutsche Begleit­of­fi­ziere hat man dem Schein nach zu „Ver­hand­lungen“ nach Spittal an der Drau „ein­ge­laden“; zuvor sind gesprächs­weise Mög­lich­keiten bis hin zum Dienst als Grenz­wachen im bri­ti­schen Empire in Aus­sicht gestellt worden. Arglos besteigen die Offi­ziere die Last­wagen, die sie nach den Ver­si­che­rungen der Briten zu Feld­mar­schall Alex­ander bringen sollten. Viele haben ihre Para­de­uni­formen und   Orden angelegt. Gepäck bräuchten sie nicht, sagte man ihnen, denn noch am selben gleichen Abend seien sie wieder bei ihren Ange­hö­rigen. Wenige Kilo­meter nach Lienz hält die Kolonne, schwer bewaffnete Sol­daten steigen zu, und Pan­zer­wagen stoßen zum Geleit. Einige Offi­ziere wittern den Verrat, springen aus den Last­wagen und flüchten in die Berge. Alle anderen bringt man nach Judenburg, wo sie auf der Brücke über die Mur, der Demar­ka­ti­ons­linie zwi­schen der bri­ti­schen und der sowje­ti­schen Besat­zungszone, aus­ge­liefert werden.

„The whole thing had been very well done“

Sodann kommen die in den Lagern Ver­blie­benen an die Reihe. Eine Zeit­zeugin erinnert sich: „Dann haben wir gesehen, der Pope ist ein­ge­kreist, im Feld haben die Kosaken gebetet und ein Kreuz in die Höh’ gehalten – und haben sich halt nicht ergeben wollen. Dann haben die Briten ange­fangen hin­ein­zu­schießen“. Man   treibt die sich unter­ha­kenden und instinktiv anein­an­der­klam­mernden Men­schen brutal aus­ein­ander. Major Davis und seine „High­landers“ gehen ohne Rück­sicht auf Ver­luste vor, setzen Gewehr­kolben ein, machen reichlich von Holz­knüppel und Bajonett Gebrauch. Es wird geschossen, in Panik erdrücken oder zer­trampeln Men­schen ein­ander zu Tode. Frauen springen in die nahe Drau, nehmen ihre Kinder mit in die rei­ßende Flut.   Auf Davon­schwim­mende und ‑trei­bende wird geschossen, selbst die ange­schwemmten Leichen angelt man aus dem Wasser und händigt sie sowje­ti­schem Militär aus. Wer kann, flieht; manche Geflo­henen werden in den umlie­genden Wäldern erhängt auf­ge­funden. Bis zum Mittag sind 1250, bis zum Abend 2500 Men­schen auf Last­wagen gezerrt und in war­tende Zug­waggons gepfercht.

Ähnlich in Ober­drauburg, wo am selben Tag 1750 Men­schen weg­ge­schafft werden. Der 1. Juni 1945 dürfte mehrere hundert Kosaken das Leben gekostet haben. Mitte Juni sind mehr als 22.000 Kosaken und Kau­kasier der Sowjet­armee über­stellt, davon min­destens 3000 „Alte­mi­granten”, mithin im Zuge der Okto­ber­re­vo­lution Emi­grierte und deren Nach­kommen, die nicht einmal auf­grund der Über­ein­kunft der „Großen Drei“ in Jalta hätten „repa­triiert“   werden dürfen, geschweige denn nach Haager Land­kriegs­ordnung respektive Genfer Kon­vention. Erst Mitte Juni beginnen die Briten mit der Über­prüfung der Staats­bür­ger­schaft, den bereits Depor­tierten hilft das nicht mehr. Arbuthnott dankt seinen Sol­daten: der Der Einsatz sei zwar „äußerst abscheulich, aber für den Frieden nicht nur not­wendig, sondern sogar wün­schenswert“;  Musson befindet: „The whole thing had been very weIl well done”.

Auf­nahmen aus Lagern der Kosaken in Ost­tirol Foto: BIK

In einem von dem Grazer His­to­riker Stefan Karner während dessen bahn­bre­chenden Studien (zu den in sowje­tische Gefan­gen­schaft gera­tenen öster­rei­chi­schen Wehr­machts­sol­daten und Zivil­in­ter­nierten) in den nicht allzu lange zugäng­lichen Mos­kauer Son­der­ar­chiven ans Licht geho­benen „streng geheimen Bericht“ vom 15. Juni 1945 ist von 42. 913 „Hei­mat­ver­rätern“ die Rede, die allein zwi­schen 28. Mai und  7. Juni 1945 „aus den Händen der Briten über­nommen wurden“. Das von Karner zugänglich gemachte Mos­kauer Dokument unter­scheidet (lediglich) zwi­schen zwei Natio­na­li­täten: 42. 258 Russen und 655 Deutsche; die Auf­schlüs­selung nennt 16 Generäle (15 rus­sische, ein deut­scher, nämlich von Pannwitz) und 1410 Offi­ziere (1272 rus­sische, 138 deutsche) sowie weitere 38.496 Männer (dar­unter sieben Popen), 2972 Frauen und 1445 Kinder. Jen­seits regis­trierter, aber der Zahl nach nicht  ange­ge­bener Selbst­morde ver­merkt das Pro­tokoll den Tod von 59 Per­sonen, die an Ort und Stelle als „Hei­mat­ver­räter” oder „Agenten der deut­schen Spionage” “ liqui­diert worden seien. Viele Kosaken, aber auch Ange­hörige der kau­ka­si­schen Legionen, die wie das XV. Kosaken-Kaval­le­rie­korps der Wehr­macht, respektive der Waffen-SS ange­gliedert waren, ver­suchen, der Übergabe zu ent­gehen. Mit­unter ent­kommen Flüchtige den Such­kom­mandos, wie der in Lienz ver­bliebene Sergej Lja­schenko, der „Wochen  in Alm­hütten hauste”. Doch die meisten der gut 4000 zwi­schen Lienz und  Dellach in Wälder und Gebirg‘  Ent­wi­chenen werden gefasst und an die Sowjets über­stellt. Bis 15. Juli 1945 sind die „Trans­fer­ak­ti­vi­täten“, respektive die „Eva­ku­ierung” “ abge­schlossen, wie Major Claude Hanbury-Tracy-Dom­ville von der bri­ti­schen Mili­tär­ver­waltung im Bezirk Judenburg der dama­ligen Sprach­re­gelung ent­spre­chend die Vor­gänge nennt.

In die Fänge des NKWD und ab nach Sibirien

Diese alles andere denn rühm­liche Facette bri­ti­scher Nach­kriegs­po­litik ist von der His­to­ri­ker­zunft zunächst spärlich auf­ge­griffen worden. Lange Zeit igno­rierte man die 1978 erschienene Mono­graphie des rus­sisch­stäm­migen bri­ti­schen His­to­rikers Nikolai Tolstoy „Die Ver­ra­tenen von Jalta. Eng­lands Schuld vor der Geschichte“. Mit ähnlich spitzen Fingern hatte man die 1957 erschienene Dar­stellung des pol­ni­schen Schrift­stellers Josef Mackiewicz ange­fasst, „Die Tra­gödie an der Drau. Die ver­ratene Freiheit“. Auch die 1986 erschienene „Geschichte der Wlassow-Armee“ von Joachim Hoffmann vom Mili­tär­ge­schicht­lichen For­schungsamt (damals Freiburg/Breisgau), in der Kosaken und kau­ka­sische Legionen natur­gemäß berück­sichtigt sind, fand kaum Resonanz. Ins Blickfeld rückte die The­matik 1987, als Tolstoy, das Mit­glied des Ober­hauses Lord Toby Austin Richard William Low of Aldington, vormals Abge­ord­neter der Kon­ser­va­tiven, einen „großen Kriegs­ver­brecher“ nannte und dessen „Akti­vi­täten mit denen der schlimmsten Schlächter Nazi-Deutsch­lands“ ver­glich. Tolstoy, Groß­neffe des rus­si­schen Schrift­stellers Lew Niko­la­je­witsch Graf Tolstoi (deutsche  Schreibung meist: Leo Tolstoi),   war  in einem sei­nerzeit auf­se­hen­er­re­genden Prozess wegen „Ver­un­glimpfung” des Lords zu 1,5 Mil­lionen Pfund Scha­den­ersatz ver­ur­teilt worden. Als Gene­ral­stabschef des V. bri­ti­schen Korps dürfte Toby Low 1945 auch für die unter ebenso spek­ta­ku­lären Umständen voll­zogene Aus­lie­ferung meh­rerer zehn­tausend Kroaten, slo­we­ni­scher Domo­branzen sowie ser­bi­scher und mon­te­ne­gri­ni­scher Tschetniks aus Kärnten an die jugo­sla­wische Par­ti­sa­nen­armee Titos Mit­ver­ant­wortung getragen haben.

Jüngere For­schungen, wie jene Karners, haben längst zwei­felsfrei ergeben, dass viele der Kosaken-Offi­ziere ent­weder sogleich im Juden­burger Stahlwerk, wo man sie zunächst fest­hielt, oder am Sam­mel­platz in Graz, respektive auf dem Transport nach Wien von Ange­hö­rigen sowje­ti­scher Son­der­ein­heiten liqui­diert worden sind.  (Stefan Karner: Zur Aus­lie­ferung der Kosaken an die Sowjets 1945; in: Judenburg 1945 in Augen­zeu­gen­be­richten, 1994, S. 243–259). Dagegen macht man den Heer­führern und Ata­manen, die von Judenburg über Graz nach Wiener Neu­stadt und vom dor­tigen Mili­tär­flug­hafen nach Moskau ver­bracht werden, den Prozess. Das Urteil steht nicht nur wegen des Delikts „Vater­lands­verrat“ von vorn­herein fest, sondern auch, weil es sich um „Weiße“ handelt. Darauf spielt schon die „streng geheime Mit­teilung“ von Wiktor Aba­kumow,   Chef der NKWD-Haupt­ver­waltung SMERSch [Смерш; Akronym aus Смерть шпионам! („SMERt Schpionam!“), über­setzt: „Tod den Spionen“], an Innen­mi­nister Law­rentij Berija vom 16. Juni 1945 an, wonach „die Eng­länder Ende Mai auf dem Ter­ri­torium Öster­reichs 20 Weiß­gar­disten  – die Führer des weißen Kosa­kentums, die einen aktiven Kampf gegen die Rote Armee geführt hatten  – an das sowje­tische Kom­mando über­gaben, worauf diese von uns arres­tiert und der Haupt­ver­waltung über­bracht wurden”.  Als die wich­tigsten nennt Aba­kumow den General der Kaval­lerie Pjotr N. Krasnow, Gene­ral­leutnant Andrej G. Schkuro sowie die Gene­ral­majore Semen N. Krasnow,   Sultan-Girej,  Dmitrij A. Silkin, Pawel S. Esaulow, Jew­genij S. Tichotzkij und Nikolaj P. Woronin.

Liqui­dation in Moskau

Stefan Karner, einer der sach­kun­digsten Kenner der Materie, hat nicht nur dieses Schrift­stück in Moskau ein­ge­sehen, wo das von ihm bis 2018 geleitete „Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegs­fol­gen­for­schung“ (BIK) eine Außen­stelle unter­hielt. Er publi­zierte auch das direkt an Stalin, Außen­mi­nister Molotow und Berija über­mit­telte Pro­tokoll der Ver­nehmung der in der Lub­janka Inhaf­tierten, welche Aba­kumow höchst­per­sönlich vor­nimmt. Am 16. Januar 1947 gibt Radio Moskau, tags darauf das Par­tei­organ „Prawda“ den Urteil­spruch bekannt, „den das Mili­tär­kol­legium des Obersten Gerichts der UdSSR im Prozess gegen die ehe­ma­ligen Generale der Weißen Armeen Krasnow P.M., Schkuro A.G., Sultan Keletsch Girej, Krasnow S.M., Domanow T.I. sowie den deut­schen General Helmuth von Pannwitz gefällt hat, die wegen Diver­sions- und Spio­na­ge­tä­tigkeit sowie Betei­ligung an einer Orga­ni­sation zum bewaff­neten Kampf gegen die UdSSR ange­klagt waren. Alle Ange­klagten bekannten sich schuldig. Auf­grund Artikel I des Ukas des Prä­si­diums des Obersten Sowjets vom 19.4.1943 wurden alle Ange­klagten zum Tod durch den Strang ver­ur­teilt. Das Urteil wurde voll­streckt.”  Hin­ge­richtet wurden sie am Morgen des 16. Januar 1947 im Mos­kauer Lefortowo-Gefängnis. Am 23. April 1996 hat die Gene­ral­staats­an­walt­schaft der Rus­si­schen Föde­ration von Pannwitz reha­bi­li­tiert (diese Ent­scheidung wurde am 28. Juni 2001 von der Obersten Mili­tär­staats­an­walt­schaft jedoch wieder zurückgenommen).

Die „Repa­tri­ierten“ und das deutsche Rah­men­per­sonal der vor­ma­ligen Mili­tär­ver­bände ver­bringt man in unwirt­liche Gebiete Sibi­riens, wie etwa zum Käl­tepol Workuta, wo die Sterb­lich­keitsrate besonders hoch ist. Karner hat die ent­schei­dende Anordnung des Staat­lichen Ver­tei­di­gungs­ko­mitees (GOKO), des höchsten Organs der sowje­ti­schen Kriegs­wirt­schaft, vom 18. August 1945 ein­ge­sehen. Daraus geht hervor, dass  „alle bei der Regis­trierung und Auslese von NKWD, NKGB und SMERSch aus­ge­son­derten, in spe­zi­ellen deut­schen For­ma­tionen die­nenden Mili­tär­an­ge­hö­rigen nicht in Bataillone zusam­men­zu­fassen, sondern dem Volks­kom­mis­sariat für Inneres zur Arbeits­leistung im Koh­len­bergbau und in der Holz­wirt­schaft zu über­geben sind“; das heißt, sie werden NKWD-eigenen Betrieben zur Ver­fügung gestellt und „im GULag ver­ar­beitet“, wie Sol­sche­nizyn die Aus­beutung ihrer Arbeits­kraft bis zum kal­ku­lierten Tod genannt hat.   807 der in Judenburg über­ge­benen Frauen und Kinder konnte Karner  im „Spe­zi­al­lager 525/9“ in Kemerowo bei Tomsk nach­weisen. Die dortige Ver­waltung bestand seit 7. Juli 1945 auf­grund des NKWD-Befehls 277 vom 6. April 1945; die Ein­richtung selbst wurde auf dem Gelände des frü­heren Lagers 142 (Pro­kop­jewsk) zur „Unter­bringung einer Son­der­gruppe des Spe­zi­al­kon­tin­gents der Gruppe B“ (gemeint sind NS-Funk­tionäre) neu errichtet.

Der deutsche General Helmuth von Pannwitz in seinem Habit als „Oberster Felda­taman aller Kosa­ken­heere” Foto: BIK

Allem Anschein nach war 1945 innerhalb dieses der „Haupt­ver­waltung für Kriegs­ge­fangene und Inter­nierte“ (GUPVI) zuge­hö­rigen Lagers ein Spe­zi­al­lager (SpezLag) für Kosaken und Ange­hörige der Wlassow-Armee ein­ge­richtet worden. Denn für den 1. Oktober 1945 weist das NKWD-Lagerbuch von den ins­gesamt  17.330 Gefan­genen 3540 als „Wlassow-Leute und weiße Emi­granten” aus. SpezLag 525/9, in welches die 807 Kosa­ken­frauen und ‑kinder ver­bracht werden,  befindet sich sei­nerzeit in der Stadt Sta­linsk und weist ein Bele­gungs­limit von 1600 Per­sonen auf, die im Kohlebergbau(kombinat) „Kuj­by­sche­wugol” “ arbeiten müssen. Am 1. Sep­tember 1946 regis­triert die Lager­ver­waltung 525, die im Frühjahr über 15 Ein­rich­tungen mit zusammen 8253 Insassen gebietet, noch 1188 „Wlassow-Leute” und 372 inter­nierte Frauen. Danach wird sie sich erheblich aus­weiten: bis  zur Auf­lösung am 6. August 1949 unter­stehen ihr 27 Lager.

Selbst in Dar­stel­lungen des NKWD (Volks­kom­mis­sariat für Innere Ange­le­gen­heiten; sowje­ti­sches Innen­mi­nis­terium) ist von „schreck­lichen Lebens­be­din­gungen“ die Rede: enge Baracken; Erd­hütten als Behau­sungen; zwei, meist drei Bett­kojen über­ein­ander, „äußerst niedrige Raum­tem­pe­ra­turen in den Wohn­stätten, keine Kran­ken­ab­tei­lungen, keine Sani­tär­an­lagen, keine Gene­sungs­mög­lich­keiten“. Zudem „täglich die gleiche dürftige Nahrung, zu wenig warme Bekleidung sowie Bett­wäsche und wegen der schwie­rigen Trans­portwege keine Mög­lichkeit, feh­lende Aus­rüs­tungs­ge­gen­stände zu beschaffen“; dem­entspre­chend die Sterb­lich­keitsrate. Wie viele die Stra­pazen über­lebten, lässt  sich wohl nicht mehr exakt fest­stellen; viele dürften es nicht gewesen sein.