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Vom Drogendealer zum Gast der Queen: Ein ehemaliger Täter wird zum Leuchtturm für die britische Jugend (+Video)

2. Juli 2020

Marcellus Baz wurde nicht mit dem sprichwörtlichen „silbernen Löffel“ im Mund geboren. Eher war sein Start ins Leben wenig vielversprechend, und es schien von vorneherein klar, dass die einzige Abwechslung in seinem Lebenslauf die zwischen Straftaten und Gefängnisaufenthalten sein würde. Falls er nicht selbst einem Verbrechen zum Opfer fiele, was beinahe der Fall war. Er wuchs in einer Umgebung auf, die von den Regeln der Gangs geprägt war, brach – wie viele junge Männer dort –  die Schule ab und sah einem von Drogen und Gewalt bestimmten Leben entgegen. Aber es sollte ganz anders kommen…

Marcellus wuchs in der Problemgegend Meadows in Nottingham auf. Er war als Junge nicht gerne zu Hause. „Mein Vater war dauernd unterwegs, um etwas zu Essen auf den Tisch zu bringen. Er wollte ja für uns sorgen, aber er wusste nicht, dass wir eine Richtung und Liebe in unserem Leben brauchten: Wir haben ihn so gut, wie nie gesehen.“ Seine Mutter war keine Hilfe und auch keine Stütze für die Kinder, erinnert sich der große, breitschultrige Mittvierziger heute. „Meine Mutter litt unter schrecklichen psychischen Problemen. Einmal hat sie uns versammelt und gesagt, wir würden alle in den Fluss springen und uns umbringen.“

Daheim war nichts als Depression, Sinnlosigkeit und Langeweile und so verbrachte der junge Marcellus viel Zeit auf der Straße. Aber die Straßen waren ein Schlachtfeld für den Revierkampf der Gangs, Drogenhandel, Gewalt und leichten Mädchen. „Ich habe viele schreckliche Dinge gesehen. Ich bin nie ohne Messer oder Schusswaffe ausgegangen. Mein bester Freund ist in meinen Armen gestorben, und ich habe gesehen, wie das Licht in seinen Augen erloschen ist.“
Also lief es, wie es vorhersehbar war: Marcellus Baz dealte mit Drogen, wurde von der Schule geworfen und bekam massig Ärger mit der Polizei, wurde verhaftet.

Als er eines Tages wieder einmal vor der Polizei floh, stieß er auf ein Freizeitzentrum, in dem Leute boxten. Fasziniert machte er mit. Diese erste Begegnung mit dem Boxsport und sein beginnendes und wachsendes Engagement  war der Anfang eines neuen Lebens: „Die Boxhalle war eine sichere Umgebung und Geborgenheit. Es war das erste Mal, dass jemand seinen Arm um mich legte und sagte:‚ Gut gemacht, mein Sohn, du bist gut darin.‘ Weil ich noch nie gut in irgendetwas gewesen war.“ Marcellus wurde sogar so gut im Boxen, dass er auf dem Weg zum Profi war – sogar zum Champion.
Aber dann lief etwas furchtbar schief.

Marcellus hatte immer noch Verbindungen in die Gangs, es gab Ärger und er wurde in einer einsamen, dunklen Straße überfallen. Drei Männer lauerten ihm auf und attackierten ihn mit einer Machete. Der Angreifer wollte damit auf seinen Kopf einschlagen. Aber Marcellus Baz riss instinktiv seine Arme und Fäuste hoch vor sein Gesicht, wie Boxer das tun, was sein Leben rettete. Aber seine Unterarme und Hände wurden geradezu zerhackt. Die Knochen und Gelenke waren schwer beschädigt. Das setzte seiner Champion-Karriere als professioneller Boxer ein vorzeitiges Ende. Noch heute ziehen sich über seine Handrücken und Unterarme lange, breite Narben.

Normalerweise wäre ein Mann mit seinem Hintergrund jetzt in eine professionelle Karriere als Drogendealer oder Schwerkrimineller abgeglitten. Marcellus Baz tat das nicht. Er begann eine Ausbildung und machte seinen qualifizierten Abschluss während der Rehabilitation von seinen schweren Verletzungen. Doch es war auch damit nicht einfach. Marcellus hatte mit seinem Hintergrund Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Schließlich begann er, in einem Freizeitzentrum zu arbeiten.

Dort traf er genau die jungen Leute, wie er selber mal einer war. Jungs, die ein schwieriges Leben hatten und dringend ein Vorbild und eine Führung brauchten. Marcellus erkannte, dass er mit seinen Erfahrungen und seinem Hintergrund die Jungs wirklich verstehen und ihnen helfen konnte – und das sie ihm glaubten. Marcellus Baz richtete eine Boxhalle ein, um ihnen einen Anlaufpunkt und ein Ziel zu geben.

Marcellus gründete daraufhin eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich auf die Betreuung junger Menschen konzentrierte, die Vorbilder brauchen. Seine eigene Lebensgeschichte gibt ihm das Verständnis und auch das Mitgefühl für diese verlorenen jungen Männer. Sie akzeptieren und bewundern ihn auch für das, was er erreicht und geleistet hat. Er ist einer der ihren und gibt ihnen eine reale Hoffnung, „es auch schaffen zu können“. Aber auch für Marcellus Baz ist diese Arbeit eine Auseinandersetzung mit seinem Schmerz und einem Weg der Heilung. „Ich habe mich dazu entschlossen, weil es in der Gemeinde einen echten Bedarf gab. Und wegen meines persönlichen Schmerzes – der Isolation und Vernachlässigung. Ich wollte nicht, dass andere Leute das durchmachen, was ich durchgemacht habe.“

Die Messergewalt ist in Großbritannien ein allgegenwärtiges Problem. Jedes Jahr sterben Hunderte Briten an Stichwunden durch Messer, die Zahl der Verletzten gehen in die Tausende. Im vergangenen Jahr gab es 47.000 Straftaten unter Verwendung von Messern. Eine Studie der Universität Salford stellte fest, dass hauptsächlich Männer aus den unteren Schichten im Alter zwischen 16 und 34 zur Messergewalt neigen. Und während die Mittelschicht verarmt und ausdünnt, wächst die Unterschicht. 14 Millionen Menschen im United Kingdom leben in Armut. Etwa ein Drittel der britischen Kinder sind betroffen.

Ein Forscher vom Centre for Crime and Justice Studies kennt die Bedingen, unter denen die Gewalt und Messerkämpfe gedeihen:
„Wir sprechen hier über junge Menschen mit sehr beschränkten Möglichkeiten, die versuchen, ihren Weg zu finden. Sie orientieren sich an dem, was um sie herum passiert. Wenn das Drogenhandel ist, dann wird das auch ihr Weg, an Geld zu kommen.“ Der Umgang mit Messern entwickle sich dann „wie eine Epidemie“, sagt Grimshaw. „Einige fangen an, andere rüsten nach, Gangs befeuern sich untereinander.“

Früher lief Marcellus Baz auch mit einem Messer herum, und ein Messer hätte beinahe auch sein Leben beendet. Der Messerangriff beendete seine Boxerkarriere, aber er führte auch zu einem Neuanfang eines mutigen Mannes, der heute gegen diese Messergewalt kämpft und den jungen Männern aus den Problemvierteln neue, andere, bessere Perspektiven bieten kann. Gefängnisstrafen, sagt Marcellus Baz, nützen hier wenig. Niemand fürchte „den Knast“. Das war bei ihm auch so. Das gehört in diesen Kreisen zum guten Ton und zum Mann-Sein.

Der Erfolg seiner beiden Organisationen – der „Nottingham School of Boxing“ und „Switch Up“ – ist mehr als außergewöhnlich. Marcellus Baz hat mittlerweile Tausenden Jugendlichen geholfen. Er hat Erfolge vorzuweisen, nachhaltige Erfolge, die mit Gefängnisstrafen nicht zu erzielen gewesen wären. Mr. Baz arbeitet heute mit der Polizei, der Bewährungsaufsicht und dem Innenministerium zusammen. Er reiste nach Norwegen, Brasilien und in die Staaten und hielt Vorträge über seine Erfahrungen und Herangehensweise. Er sagt: „Wir haben in der Vergangenheit viele Dinge gemacht, auf die wir nicht stolz sind, aber wir wurden wieder in die zivilisierte Gesellschaft aufgenommen. Wir geben etwas zurück und versuchen, die nächste Generation zu beeinflussen, dass sie ein besseres Leben führen als wir. Das schenkt uns ein echtes Erfolgserlebnis und heilt uns als Menschen.“

Sogar Prinz Harry hat Marcellus Baz besucht und letztes Jahr wurde ihm die British Empire Medal für Verdienste um das Jugendboxen und die Gemeinschaft verliehen, und er wurde von der Queen eingeladen. Nicht schlecht für jemanden, der die Schule abgebrochen hat.