Politik & Aktuelles

Die Innenstädte sterben und mit ihnen das Stadtleben – aber die Politik redet von mehr Maskenzwang und neuem Lockdown

22. September 2020

Bottrop, Düsseldorf, München, Hamburg, Osnabrück – wo man auch hinschaut, in den Geschäften ist nicht viel los. Einsam laufen ein paar Leute darin herum, aber nicht lange. Shoppen macht keinen Spaß mit Maske und in fast leeren Geschäften. Und geht man durch die Einkaufsstraßen, sinkt die Bummel- und-Einkaufslaune noch weiter gegen Null. Im Durchschnitt ist jedes achte Geschäft schon geschlossen, manche davon mit Brettern verbarrikadiert. Da kommt statt Kauflaune Endzeitstimmung auf. Und die richtige Insolvenzwelle kommt erst noch.

Das Handelsblatt macht seinen Artikel hierzu mit einem Blick in die Fußgängerzone einer Stadt in Hessen. Es ist mitten an einem Werktag und niemand ist zu sehen. Kein Fußgänger, keine Schaufensterbummler. „The Day after“ Corona, es wirkt wie ausgestorben.

Das Handelsblatt lässt den geschäftsführenden Gesellschafter eines bekannten Sporthauses in der Osnabrücker Innenstadt zu Wort kommen. Er hat 30 Millionen in dieses Haus investiert, zum Beispiel in ein riesengroßes Wasserbecken, in dem die Kunden im Sporthaus surfen können, um die Surfbretter auszuprobieren. Allein solche Attraktionen zogen Interessenten und Kunden aus der weiteren Umgebung an, sogar aus ganz Deutschland und Nachbarländern. Pro Jahr zählte das riesige Mode- und Sporthaus so viele Besucher wie der Eifelturm: Sechs Millionen.

Hier bestellen!

Das war einmal. Das Sporthaus ist geschlossen. Geschäftsführer Mark Rauschen trifft die Stimmung: „Es ist zur Zeit gespenstisch in der Innenstadt“ beschreibt er die Situation. Und es wird noch viel schlimmer kommen, wissen Geschäftsleute und Gastronomen. Ab Herbst wird eine zerstörerische Insolvenzwelle durch die Einkaufsstraßen der Städte branden.

Die Tristesse wird infektiöser sein als „Corona“ es je sein könnte. Wegen der geschlossenen Einzelhandelsgeschäfte werden noch weniger Leute in die Innenstädte kommen, da keine Kauflaune aufkommt. Man braucht sich nur die Kunden im Supermarkt anzuschauen, die einkaufen müssen, damit sie etwas zu essen daheim haben. Sie hängen sich entweder widerstrebend beim Betreten die Stoffmaulkörbe um und reißen sie sofort herunter, sobald sie draußen sind – oder sie gehören zu den Schafen, die sich täglich den RKI-Corona-Angstporno reinziehen und schon mit Maske im Auto angefahren kommen. Eines ist beiden Gruppen gemeinsam: Sie laufen zügig durch die Regalreihen, an den Kühlregalen entlang und nix wie raus. Selten sieht man mehrere zusammen einkaufen, schon gar nicht Vergnügen beratend, was man denn kochen will, ob denn die Sonderpositionen interessant sind … Ein neuer Sektkühler für‘s Wochenende? Oder einen neuen Gartenschlauch? Nein. Fast jeder rennt allein so schnell wie möglich durch.

Genau das wird der Tod der Innenstädte sein. Wer will da bummeln gehen zwischen geschlossenen  und verrammelten Läden oder halbleeren Geschäften, in denen Verkäufer und Ladenbesitzer verzweifelt die Kunden beobachten, ob sie denn was kaufen. Und wer will dann noch „gemütlich was essen gehen“ am Ende eines „schönen Einkaufsbummels“? Man kann nicht gemütlich essen gehen, wenn das Restaurant halbleer ist, die Kellner in ihren Masken wie Terroristen und Bankräuber aussehen und man sich fragt, was das denn eigentlich bringen soll, unbedingt mit Maske bis zum Tisch und da darf man sie dann ausziehen, weil essen nun mal nicht mit Maske geht. Zur Toilette wieder den „Goschnfetzen“ – wie der Österreicher liebevoll sagt – aufziehen, denn dann ist „Corona“ plötzlich wieder ansteckend, am Tisch nicht.

Zwei Drittel der Gaststätten und Hotels könnte dicht machen, fürchtet die Standesorganisation Dehoga und dürfte damit kaum falsch liegen. Und auch das wird die Innenstädte noch unattraktiver machen. Eine sich selbst verstärkende Spirale der „gespenstischen Verlassenheit der Innenstädte“. Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Er tummelt sich gern dort, wo viele sind. Er möchte nicht einsam durch die Gassen gehen und die Blicke der Ladenbesitzer im Rücken spüren.

Und es gibt noch einen zweiten Grund: Die Politik mit ihrem Coronoia-Wahn winkt immer noch mit einem zweiten Lockdown. Es ist nicht so, als dass die Leute nicht darüber nachdächten, was ihnen dann passieren könnte. Ca. 10 Millionen sind in Kurzarbeit und viele davon werden Arbeitslose werden, Aber auch die, die nicht in Kurzarbeit sind fürchten, es könnte auch sie treffen. Fazit: Das Geld sitzt nicht mehr so locker. Die Leute versuchen, sich auf Schlimmeres vorzubereiten.

Die Münchner Tageszeitung titelt daher: „Münchner Innenstadt stirbt durch Corona immer schneller“. Titelbild ist ein Anblick, den man jetzt überall in den Städten sieht: Ein geschlossenes Ladengeschäft mit Papierabdeckung in den Fenstern, auf denen zu lesen steht, dass diese Ladenfläche zu mieten ist und die Telefonnummer. Geschlossene Warenhäuser, verrammelte Schaufenster, der Einzelhandel in München stirbt, sorgt sich die Münchner „tz“. Die Geschäftswelt stehe offenbar vor einer dauerhaften Veränderung.

Viele Einzelhandelsgeschäfte haben den Kampf um ihre Existenz schon verloren. Die Modezeile in der Neuhauser Straße wird immer leerer. Selbstläufer unter den Modemarken, bis dato eine sichere Bank für den Erfolg, geben auf. S.Oliver und Esprit, Desigual, H&M usw. schließen ihre Läden. Auch der Kaufhof-Galeria am Stachus wird dichtmachen. Wer will da noch in die Innenstadt? Und die wenigen, die es noch unternehmen, schauen, dass sie schon nachmittags wieder schnell den Heimweg antreten, denn dann sind doch wieder Grüppchen „junger Männer“ unterwegs, deren Unmut man besser nicht auf sich zieht.

Die Struktur der Innenstädte wird sich radikal ändern. Durch die Leerstände sinken die Ladenmieten bald enorm. Die Immobilienbesitzer werden kaum eine Wahl haben und entweder wesentlich billiger vermieten oder verkaufen. Das wiederum wird neue Interessenten generieren. IKEA überlegt, in der Münchner Innenstadt zu starten. Noch ist nicht klar, ob es ein kleiner „Flagship-Store“ sein wird oder ein Sechzehntausend-Quadratmeter-Laden.

Die Flagship-Store-Methode könnte ein Ausweg für große Handelsketten werden, wie es scheint. Bei niedrigeren Ladenmieten kommt es nicht darauf an, dass der Laden sich trägt. Er soll nur eine kleine Auswahl zeigen, um Laufkundschaft zu animieren, das Online-Angebot genauer zu studieren. Denn Online boomt und viele Kunden würden nur gern mal einen Blick auf ein paar Artikel in natura werfen, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Produkte tatsächlich aussehen.

Was eine Innenstadt mit hauptsächlich nur „Schaufensterläden“ für eine Zukunft haben könnte, das weiß noch niemand.

Die Förderprogramme der Regierung laufen jetzt im September aus. Sehr bald werden wir wissen, wie viele Gefallene der Einzelhandel zu beklagen hat. Jetzt schon sind weit über 1000 Filialen von Einzelhandelsunternehmen geschlossen, es drohen noch mehrere Tausend dazu zu kommen. Aber die Insolvenzen der Einzelhändler schlagen in der Folge noch eine weitere, tiefe Kerbe in die Wirtschaft: Kann der Handel seine Waren nicht verkaufen, gehen auch die Hersteller dieser Waren in die Knie. Sie können ihre Produkte nicht mehr an die Händler absetzen und schlittern ebenfalls in die Insolvenz.

Daher haben sich schon im April dieses Jahres in der Modebranche viele Firmen, die immer Konkurrenten waren und der Bundesverband des deutschen textilen Einzelhandels zusammengeschlossen. Sie sind in Sorge um ihre Händler. Sie haben ein Thesenpapier zusammen verfasst und fordern nun von der Politik Taten. Das übergeordnete Ziel sei, so das Papier, die Erhaltung vitaler Innenstädte mit ihrer Mischung „aus Einzelhandel, Gastronomie und kulturellen Einrichtungen“. Kredite würden nicht mehr ausreichen, wenn man eine Insolvenzwelle „noch nie dagewesenen Ausmaßes“ verhindern wolle. Es gehe um die Erhaltung von 440.000 Arbeitsplätzen allein im Einzelhandel auf dem Gebiet von Kleidung, Sportartikeln, Schuhen und anderen Lederwaren.

Seitdem ist die Lage nicht besser geworden. Man geht von Umsatzeinbußen von bis zu 50 Prozent aus. Während die Mieten im Wohnungsmarkt keinerlei Anzeichen zeigen, zu sinken, fängt der Geschäftsimmobilienmarkt bereits jetzt an, spürbar nachzugeben. Um die Ladenlokale überhaupt noch vermieten zu können, werden deutlich geringere Summen immer öfter akzeptiert. Große Ladenketten haben mit Verweis auf die Coronakrise ihre Mietzahlungen erheblich gesenkt, und es sieht nicht danach aus, als würden sie in absehbarer Zeit auf alte Niveaus zurückkehren. Was das wiederum für die Innenstädte bedeutet, wird sich zeigen.

Deutlich geringere Ladenmieten könnten dem Einzelhandel zwar helfen. Aber es könnte auch zu dem Phänomen führen, das man schon in Kleinstädten beobachten konnte, als die Mieten wegen der Ladenleerstände sanken. Überall schießen Spielotheken aus dem Boden, Handygeschäfte, An- und Verkauf von privaten Gegenständen aller Art, sowie Ein-Euro-Krimskrams-aus-China-Läden. Ein deutlicher Niedergang, was die Einzelhandelskultur betrifft und in Anbetracht der Wirtschaftslage folgerichtigerweise auf Kundschaft aus unteren sozialen Schichten ausgerichtet. Die, wozu wir nach und nach alle gehören werden.

Auf diesem Hintergrund ist es hochinteressant, dass die Politik angesichts der jetzt schon enormen Schäden schon wieder von einem möglichen zweiten Lockdown und Verschärfung der Maßnahmen spricht. Es sind nicht nur Spinner, die vermuten, dass die Politik den Crash des Mittelstandes geradezu herbeiführt – denn der ist hier in erster Linie betroffen.