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Verschwörungen, Enthüllungen & Unglaubliches

Interview mit Renato Cristin: Der große Reset »nährt die Säkularisierung« und »entchristlicht Gesellschaft«

22. April 2021

Die »Great Reset«-Initiative des Weltwirtschaftsforums wird den Kapitalismus vergemeinschaften, die Gesellschaft technokratisieren, die Säkularisierung fördern und den Weg für eine entchristlichte Welt ebnen, warnte der italienische Philosophieprofessor Renato Cristin.

Der Vorschlag, der von den Staats- und Regierungschefs der Welt unterstützt wird und darauf abzielt, eine nachhaltigere Zukunft zu schaffen und nach der Coronavirus-Krise Solidarität aufzubauen, würde den gegenwärtigen Prozess der Säkularisierung und Entchristlichung »verschlimmern«, und die Kirche sollte kein Teil davon sein, meint Prof. Cristin, der philosophische Hermeneutik an der Universität von Triest in Italien lehrt.

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Als glühender Antikommunist, der einen Nürnberger Prozess für den Kommunismus gefordert hat, kommentierte Cristin die Initiative für einen Artikel im National Catholic Register, der am 4. Februar über den Great Reset veröffentlicht wurde.

Warum denken Sie, dass Papst Franziskus und der Vatikan sich mit Initiativen wie The Great Reset, dem Council for Inclusive Capitalism, Mission 4.7, den Sustainable Development Goals der UN usw. verbünden?

Renato Cristin: Ich denke, dass Papst Bergoglio prinzipiell jeder Initiative zustimmt, die dem kapitalistischen System auch nur minimal feindlich gesinnt ist. Seine Vision, die stark auf der Befreiungstheologie oder auf jener politischen Theologie basiert, die ihren Ursprung in Lateinamerika hat und antiwestlich (und besonders anti-amerikanisch), antikapitalistisch, fortschrittlich, pro-marxistisch und im Wesentlichen kommunistisch ist, bringt ihn dazu, jedes sozial-ökonomische Projekt zu umarmen, das einige dieser Charakteristika aufweist. Beispiele dafür sind der Beitritt zum Projekt »Great Reset« oder zum »Global Compact for Migration« der UNO, aber auch die enge Beziehung zwischen dem Vatikan und China, mit dem Bergoglio in großer Harmonie zu sein scheint, bis zu dem Punkt, dass einer der engsten Vertrauten Bergoglios, Bischof Marcelo Sánchez Sorondo, behauptet, dass »diejenigen, die die Soziallehre der Kirche am besten umsetzen, die Chinesen sind«, und so China »eine moralische Führung übernimmt, die andere aufgegeben haben.« China als moralische Führungsmacht der Welt ist ein Bild, das zu grotesk ist, um glaubwürdig zu sein, aber es ist nützlich für Bergoglios Argumentation gegen das kapitalistische sozioökonomische System und in seinem parallelen Lob der Armut als wirksames Instrument der Annäherung an Gott. Und in diese Richtung geht auch das Projekt mit dem Titel Die Ökonomie des Franziskus, das die Theorie einer »gemeinschaftlichen Ökonomie« vertritt, die jenseits der schönen Formel im offenen Gegensatz zum westlichen kapitalistischen System steht und zu sehr gefährlicher Verarmung und sozialistischen Abenteuern führt.

Glauben Sie, dass das Buch The Great Reset von Klaus Schwab und Thierry Malleret, auf dem die Agenda des Weltwirtschaftsforums basiert, so seriös ist, wie manche behaupten: ein Versuch, den chinesischen Kommunismus mit dem Kapitalismus zu verschmelzen, ein neu verpackter Marxismus oder Ihrer Meinung nach etwas anderes, das vielleicht einfach ein humanistisches Ideal bietet?

Rento Cristin: Schwabs Buch ist ein typisches Beispiel für die Krise der gegenwärtigen Welt, für den Mangel nicht nur an Gewissheiten, sondern auch an Ideen, verstanden als feste, klare und solide Punkte, auf denen man die Zukunft aufbauen kann. The Great Reset ist ein Beispiel für diesen Mangel und für die geistige Verwirrung, mit der die Menschen versuchen, Antworten zu finden. Ich denke, dass die westliche Welt heute aus vielen Gründen, für die ich hier nicht den Platz habe, sie zu erklären, unter dem steht, was ich »das Zeichen des Chaos« nenne, und dass selbst Versuche wie der Great Reset ein Ergebnis der Desorientierung sind, die die westliche Welt heute heimsucht. Natürlich besteht das Projekt (ich spreche nicht von »Veschwörung«, weil es keine Verschwörung im eigentlichen Sinne gibt, sondern nur den Kampf um die Macht, der die Menschheitsgeschichte schon immer belebt hat) des Weltwirtschaftsforums darin, eine »neue Weltordnung« zu errichten, aber diese Einrichtung wird, wenn sie jemals zum Tragen kommt, ein weiterer Beitrag zum globalen Chaos sein.

Wir brauchen heute Theorien, die fundiert, solide, klar und effektiv sind, die sich auf die großen Werte der westlichen Tradition beziehen und die wirklich Ordnung in die Welt bringen werden, aber das Projekt des Great Reset ist ein Schmelztiegel verschiedener Ansätze, eine Mischung von Positionen, in der sowohl eine Neigung zur Vergemeinschaftung des Kapitalismus als auch zur Technokratisierung der Gesellschaft hervorsticht. Dies wird möglicherweise dazu führen, dass ein wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hybrid entsteht, bei dem sich meiner Meinung nach am Ende der stärkste ideologische Aspekt durchsetzen wird, nämlich der Sozialismus. Und ich befürchte, dass die Biden-Administration ein fruchtbarer Boden für diese verworrene und gefühlsduselige wirtschaftlich-soziale Theorie sein wird.

Einige argumentieren, dass dies ein positives, hoffnungsvolles Dokument mit vernünftigen Ideen ist, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, vor allem durch mehr gegenseitige Solidarität nach Jahren der konsumistischen Exzesse und des Individualismus. Was sagen Sie zu dieser Sichtweise?

Renato Cristin: Progressive, verstanden nicht nur als Kulturmarxisten, sondern auch als naive Menschen, die an das Gute im Menschen und den Fortschritt der Menschheit glauben, sehen in jeder scheinbar philanthropischen Theorie etwas Positives, einen Beitrag zur Verbesserung der Menschheit. Aber wenn man den Inhalt einer Theorie nicht genau analysiert, verliert man ihren Zweck aus den Augen, der nicht immer sofort entzifferbar ist. Der Zweck von Schwabs Buch besteht darin, die Krise des Systems zu überwinden, indem Elemente des Kapitalismus subtrahiert und Prinzipien einer anderen Art eingeführt werden, die vor allem sozialistisch und damit auch etatistisch sind. Der exzessive Konsum wird nicht durch mehr Kontrolle seitens des Staates gemildert, auch nicht durch wirtschaftliches »Schrumpfen«, wie viele linke Ökonomen und Soziologen behaupten, sondern durch einen Bewusstseinszuwachs bei den Menschen. Vom Problem des Gewissens, das ein spirituelles und philosophisches Problem ist, findet sich keine Spur in Schwabs Buch, wo der Begriff Gewissen meist in einem pragmatischen Sinne und in einem Fall in Anlehnung an den Konfuzianismus verwendet wird.

Meiner Meinung nach sollten wir zur Überwindung der Krise des Kapitalismus nicht nach anderen ökonomischen Erfahrungen suchen, denn dann landen wir immer, auf die eine oder andere Weise, beim Sozialismus. Stattdessen brauchen wir mehr Kapitalismus – das heißt, eine Stärkung der Grundlagen und der traditionellen und gesunden Prinzipien des Kapitalismus, die die wilde Finanzspekulation eindämmen und den Kompass wieder in seine klassischen Angeln bringen würde: Produktion, Akkumulation, Reinvestition und so weiter.

Das Buch »The Great Reset« erwähnt weder Gott noch die Religion. Denken Sie, die Kirche sollte sich mit einer solchen säkularen Initiative verbünden?

Renato Cristin: Der Verlust der religiösen Dimension (und damit das Verschwinden des Sinns für das Heilige) ist eine Folge der Säkularisierung, die nicht nur die Kirche und die Gläubigen im engeren Sinne betrifft, sondern auch einen nihilistischen Säkularismus hervorbringt, der die gesamte westliche Gesellschaft schädigt, auch in ihren säkularen Institutionen und zivilen Strukturen. Daher sollte eine allgemeine Gesellschaftstheorie (wie es der Great Reset sein möchte) die religiöse Sphäre und ihre institutionellen Strukturen schützen und stärken, während die Theorie des Great Reset die Säkularisierung vorantreibt und den Weg für eine entchristlichte Gesellschaft ebnet, die eines grundlegenden Kerns der westlichen Zivilisation beraubt ist, der eben die traditionelle religiöse Sphäre ist.

Um Ihre Frage zu beantworten: Ich glaube, dass die Kirche diese Art von Initiative, die die Entchristlichung verschärft, nicht unterstützen sollte, denn historische Prozesse lassen sich nur schwer umkehren, vor allem, wenn vor den Toren des Westens eine religiöse Kraft wie der Islam steht, die unserer jüdisch-christlichen Tradition radikal feindlich gegenübersteht und die, auch wenn sie zersplittert ist und keinen institutionellen Gipfel hat, nichts weniger als die Eroberung unserer Gesellschaften anstrebt.  Und es sind auch negative Kräfte wie der Islamismus, denen rücksichtslose Initiativen wie der Great Reset den Weg ebnen. Die Kirche sollte stattdessen die Soziallehre der Kirche in ihrer ursprünglichen und authentischen Formulierung anwenden, die von Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum Novarum und von Papst Johannes Paul II. in seinen Enzykliken Laborem Exercens und Centesimus Annus gegeben wurde, anstatt Dritte-Welt- und antiwestlichen wirtschaftlichen und theologisch-politischen Visionen zu folgen, die mit der Befreiungstheologie verbunden sind.

[Edward Pentin ist Veteran-Journalist in Rom und Korrespondent für EWTN und National Catholic Register. Dieses Interview wurde mit freundlicher Erlaubnis des Autoren übersetzt und hier abgedruckt. Das Original finden Sie hier.]


Quelle: freiewelt.net