screenshot youtube

Poli­tische Kor­rektheit ist zur Leit­ideo­logie der Euro­päi­schen Union geworden

David Engels ist ein bel­gi­scher His­to­riker, der derzeit am Zachodni-Institut in Poznan (Posen) arbeitet. Er ist Spe­zialist für Alte Geschichte, ins­be­sondere für die römische und seleu­ki­dische, und ist auch ein füh­render Denker des euro­päi­schen Kon­ser­va­tismus, der sich seit mehr als einem Jahr­zehnt mit Fragen der Iden­tität beschäftigt. Bekannt wurde Engels durch sein Buch „Auf dem Weg zum Imperium“, das die Kri­sen­si­tuation der EU mit dem Untergang der römi­schen Republik im ersten Jahr­hundert v. Chr. vergleicht.

Die west­lichen Gesell­schaften haben sich mit Begeis­terung dem mora­li­schen Rela­ti­vismus und der Kultur des Todes (Abtreibung, Eutha­nasie usw.) ver­schrieben, was neben der nied­rigen Gebur­tenrate nur zum kol­lek­tiven Selbstmord führen kann. Wie ist diese Blindheit möglich? Warum hat die euro­päische liberale Rechte diese Agenda akzep­tiert und sogar gefördert?

Die Antwort findet sich bereits bei Ches­terton, der die meisten „Werte“ der modernen libe­ralen Gesell­schaften als „aus den Angeln gehobene“ christ­liche Werte betrachtete. In der Tat hat der langsame Tod des Chris­tentums seine Werte nicht völlig aus­ge­löscht, aber er hat sie ihrer tran­szen­denten Ver­an­kerung beraubt, so dass Werte wie „Barm­her­zigkeit“, „Toleranz“, „Gerech­tigkeit“ oder „Gleichheit“ auf­gehört haben, kohä­rente Bau­steine einer grö­ßeren Kon­struktion zu sein, sondern begonnen haben, mit­ein­ander zu kon­kur­rieren, während sie sich als „absolut“ aus­geben. Das konnte nur zu Absur­di­täten und Kata­strophen führen, erst recht nach dem großen Trauma des Tota­li­ta­rismus. So hat sich der Westen aus guten Absichten heraus eine Kultur des Todes zu eigen gemacht, während er sich ein­redet, ein Ver­fechter des mora­lisch „Guten“ geworden zu sein, da alle Tugenden, ihrer wahren Bedeutung ent­leert, zu Syn­onymen ihres genauen Gegen­teils geworden sind. Toleranz hat zu Aus­grenzung geführt, Gesund­heits­für­sorge zu Abtreibung, Würde zu Eutha­nasie, Selbst­ver­wirk­li­chung zu kul­turell-demo­gra­fi­schem Selbstmord, Anti­fa­schismus zu einem neuen Tota­li­ta­rismus, Gleichheit zu exklu­siven Quoten, Anti­ras­sismus zu eklatant ras­sis­ti­scher Iden­ti­täts­po­litik, usw.

Sie schreiben, dass „die Euro­päische Union Europa geeint, aber den Westen abge­schafft hat“. Sind wir auf Kosten unserer Seelen mate­riell geeint worden?

Auf jeden Fall. Schon zu Beginn bevor­zugten die euro­päi­schen Insti­tu­tionen die wirt­schaft­liche vor der poli­ti­schen oder kul­tu­rellen Zusam­men­arbeit: Einige Grün­dungs­väter waren wohl über­zeugt, dass die christ­lichen Wurzeln des Abend­landes stark und dau­erhaft genug seien, um als zivi­li­sa­to­ri­sches Fun­dament eines ver­einten Europas zu dienen, auch ohne explizit vor­ge­schrieben zu sein, andere dachten, dass die Einigung nach der Kata­strophe des Natio­na­lismus indirekt, durch die lang­samen wirt­schaft­lichen und insti­tu­tio­nellen Not­wen­dig­keiten der „méthode Monnet“, rea­li­siert werden müsse. Leider wurde, wenn auch sehr all­mählich, offen­sichtlich, dass dieses kul­tu­relle Vakuum, das viel­leicht als eine Form der frei­wil­ligen Neu­tra­lität gedacht war, langsam von einem anderen Geist, nämlich dem Uni­ver­sa­lismus, aus­ge­füllt wurde. Die euro­päi­schen Insti­tu­tionen wurden von Jahr zu Jahr mehr von einer Ideo­logie beein­flusst und domi­niert, die die typische Iden­tität des Westens durch einen mul­ti­kul­tu­rellen Misch­masch ersetzen will, der sich aus­schließlich an mensch­lichen Werten ori­en­tiert, ohne die spe­zi­fische Bedeutung der west­lichen Tra­di­tionen zu berück­sich­tigen, eine Ideo­logie, die nur die angeb­lichen Inter­essen der „Menschheit“ im Auge hat und zum Schaden Europas handelt. Schritt für Schritt ist die „poli­tische Kor­rektheit“ zur Leit­ideo­logie der Euro­päi­schen Union geworden, und je stärker sie wird, desto mehr zeigt sie ihr wahres Gesicht: Die EU steht heute nicht für die mutige Ver­tei­digung der euro­päi­schen Zivi­li­sation, sondern für Werte wie anti­christ­liche Lai­zität, LGBTQ-Rechte, Femi­nismus, Anti­fa­schismus, Gender-Theorie, Kli­ma­pa­ranoia, Tech­no­kratie, Social Engi­neering, Trans­hu­ma­nismus, digi­talen Tota­li­ta­rismus usw.

Ist das Bild von Notre Dame in Flammen das Symbol für das, was Europa erwartet?

Ich fürchte ja, obwohl es schwer zu sagen ist, inwieweit der gegen­wärtige kul­tu­relle Nie­dergang und die ideo­lo­gische Radi­ka­li­sierung Europas zu einer voll­wer­tigen Krise oder zu einer lang­samen, jahr­zehn­te­langen Abwärts­spirale führen werden. Sicher ist jedoch, dass die mate­ri­ellen wie imma­te­ri­ellen Symbole des alten Europa im Namen des „Fort­schritts“, der „Toleranz“, der „his­to­ri­schen Ver­ant­wortung“ oder des „Kampfes gegen den Radi­ka­lismus“ zunehmend ange­griffen werden, und wir müssen nicht nur mit einer fort­ge­setzten Demontage unseres patri­mo­nialen, vor allem geis­tigen Erbes rechnen, sondern auch mit einem immer stär­keren Angriff auf Tra­dition und Geschichts­stolz. Spengler, einer meiner wich­tigsten his­to­ri­schen Men­toren, hat klar gezeigt, dass alle Zivi­li­sa­tionen, auch die west­liche, sterblich sind und früher oder später unter­gehen und sterben werden. Aber er hätte sich nie vor­stellen können, dass dieser Nie­dergang viel mehr durch inneren Verrat und Selbsthass als durch äußeren Druck her­bei­ge­führt werden würde.

In Frank­reich warnen das Militär und sogar einige Poli­tiker vor der Gefahr eines eth­ni­schen Krieges, eine Mög­lichkeit, auf die Sie in Ihren Büchern hin­ge­wiesen haben. Haben wir diesen Punkt der Zer­setzung in den west­lichen Gesell­schaften bereits erreicht?

Ja, das haben wir. Frank­reich steht seit Jahren am Rande der Kata­strophe, jeder spricht von der dro­henden insti­tu­tio­nellen Spaltung des Landes entlang eth­ni­scher Linien, und früher oder später wird es tat­sächlich zu großen Unruhen kommen: Die Gelb­westen-Bewegung sowie die fast täg­lichen Brand­stif­tungen in den wich­tigen fran­zö­si­schen Metro­polen zeigen, wie kri­tisch die Situation ist. Leider ist der Staat auf einen solchen zivilen Groß­kon­flikt nicht vor­be­reitet: Einer­seits ver­teidigt die Regierung von Emmanuel Macron ent­schieden Mul­ti­kul­tu­ra­lismus, Toleranz und Lai­zität, ande­rer­seits sind große Teile der fran­zö­si­schen Armee und Polizei bereits isla­mi­siert und müssen im Falle eines eth­ni­schen Kon­flikts als unzu­ver­lässig gelten. Und wenn Frank­reich erst einmal im Chaos ver­sinkt, werden die Aus­wir­kungen auf die wirt­schaft­liche und damit auch poli­tische Sta­bi­lität der gesamten Euro­päi­schen Union immens sein, wie ich in vielen der vor einigen Wochen in meiner spa­ni­schen Auf­satz­sammlung „El ultimo occi­dental“ ver­öf­fent­lichten Bei­träge zu zeigen ver­sucht habe.

Houl­lebecq sieht in seinem Roman „Unter­werfung“ eine Zukunft, in der Frank­reich ein isla­mi­sches Land wird. Glauben Sie, dass so etwas pas­sieren könnte? Dass es ange­sichts des Wer­te­ver­lustes im Westen Europäer gibt, die Werte ver­treten, die so ganz anders sind als die unserer eigenen Identität.

Die größte Stärke der isla­mi­schen Min­der­heiten ist nicht (nur) ihre wach­sende Zahl, sondern auch ihr kul­tu­reller Zusam­menhalt und ihr Stolz auf ihre Iden­tität, während die meisten auto­chthonen Europäer durch die jahr­zehn­te­lange ideo­lo­gische For­ma­tierung zutiefst desta­bi­li­siert sind und ihre eigene Kultur wegen ihrer (angeblich) zahl­reichen Ver­brechen als etwas betrachten, für das sie sich kol­lektiv schämen müssen. Im Moment ist die Kon­version zum Islam noch ein Rand­phä­nomen, aber sobald der Staat die Kon­trolle über die Situation ver­liert, könnte sie schnell zu einer viel grö­ßeren Ent­wicklung werden, da zu erwarten ist, dass isla­mische Par­al­lel­ge­sell­schaften und ‑insti­tu­tionen den ver­sa­genden fran­zö­si­schen Staat ersetzen und zu einer Auto­ri­täts­figur für ganze geo­gra­fische Seg­mente der Bevöl­kerung werden. Außerdem ist es wichtig zu beachten, dass wir keine mus­li­mische „Mehrheit“ brauchen, damit Frank­reich oder Belgien zu mus­li­mi­schen Ländern werden: Die Geschichte hat gezeigt, wie selbst winzige mus­li­mische Min­der­heiten ganze Gesell­schaften beein­flussen und domi­nieren können, wenn sie sich in einer Situation der Macht und Initiative befinden. Und ange­sichts des Aus­maßes an Selbsthass, das dem Westen von seinen gegen­wär­tigen wachen Eliten auf­erlegt wird, sowie der Selbst­zer­störung der christ­lichen Kirchen, die immer mehr bestrebt sind, der Doktrin der poli­ti­schen Kor­rektheit zu gefallen, ist zu erwarten, dass viele auto­chthone Europäer ein poli­ti­sches und kul­tu­relles System nicht ver­tei­digen wollen, das seine Attrak­ti­vität wie auch seine Glaub­wür­digkeit ver­loren hat.

Polen, Ungarn und andere mittel- und ost­eu­ro­päische Länder leisten Wider­stand gegen diesen pro­gres­siven Tota­li­ta­rismus. Glauben Sie, dass ihr Bei­spiel als mora­li­sches Leucht­feuer für West­europa dienen kann?

Zumindest hoffe ich das. Das ist ein großes Problem, denn einer­seits sind die meisten Men­schen im Westen auf poli­tisch kor­rekte Medien ange­wiesen, um sich zu infor­mieren, ande­rer­seits zögern die Visegrád-Staaten noch, eine große Medi­en­of­fensive zu starten, da sie mög­liche Ver­gel­tungs­maß­nahmen der jewei­ligen Behörden, vor allem in Brüssel und Berlin, fürchten. Sollte es ihnen jedoch gelingen, direkt mit den Bürgern zu kom­mu­ni­zieren, könnten sie zu einem wich­tigen Aktiv­posten im Kampf für einen neuen Kon­ser­va­tismus werden, der die bloßen natio­nalen Grenzen über­winden und für eine neue Form der euro­päi­schen Einigung kämpfen möchte, die unsere Iden­tität und unsere Inter­essen ver­teidigt, anstatt sie zu ver­wässern und zu verkaufen.

Die Gewalt der Strajk Kobiet (pol­nische Pro-Abtrei­bungs­be­wegung), ihre Angriffe auf Kirchen und die große Zahl junger Frauen bei ihren Aktionen haben viele innerhalb und außerhalb Polens über­rascht. Sind sich die Polen darüber im Klaren, womit sie kon­fron­tiert sind, wie viel Wille, Mittel und Geld im Dienst dieses Tota­li­ta­rismus stehen?

Die pol­nische Gesell­schaft ist in der Tat sehr gespalten zwi­schen den Uni­ver­sa­listen und den Tra­di­tio­na­listen, oder den „Nir­gendwo“ und den „Irgendwo“. Natürlich war das schon seit vielen Jahren bekannt, aber die Gewalt der „Strajk Kobiet“ und vor allem die Aggression gegen Kirchen und öffent­liche Denk­mäler wie Statuen von Johannes Paul II. hat viele Men­schen scho­ckiert. Daraus sind zwei Lehren zu ziehen: Zum einen zeigt es, dass die Gefahr, den Kon­ser­va­tismus auch in Polen unter­wandert zu sehen, größer ist als erwartet; zum anderen hat der Van­da­lismus dieser meist jungen Leute viele Bürger scho­ckiert und ihnen gezeigt, dass ihre Iden­tität und ihre Tra­di­tionen tat­sächlich in großer Gefahr sind, wenn sie sie nicht schützen und diesen auf­kom­menden Tota­li­ta­rismus bekämpfen. Natürlich haben zumindest die kon­ser­va­tiven Medien die Men­schen schon seit vielen Jahren davor gewarnt und auf­ge­zeigt, wie diese Gruppen von Berlin und Brüssel aus finan­ziert und orga­ni­siert werden, aber da Polen ein so ruhiges, homo­genes und zumindest ober­flächlich soli­da­ri­sches Land ist, haben viele Bürger geglaubt, dass diese War­nungen über­trieben sein könnten. Das ändert sich jetzt.

Ist es möglich, Rom zu retten?

Wie Sie wissen, habe ich in meinem Buch „Auf dem Weg zum Imperium“ zu zeigen ver­sucht, dass sich die heutige west­liche Zivi­li­sation in einer ähn­lichen Situation befindet wie die späte römische Republik im ersten Jahr­hundert v. Chr.: Mas­sen­ein­wan­derung, demo­gra­phi­scher Nie­dergang, reli­giöse Krise, Zer­split­terung der tra­di­tio­nellen Familie, Glo­ba­li­sierung, Plu­to­kratie, Schul­den­krise, eine Politik von Brot und Spielen, soziale Pola­ri­sierung – all das gab es auch vor 2000 Jahren. Und die römi­schen Eliten, genau wie unsere heu­tigen Regie­rungen, sind nicht nur unfähig, sondern auch unwillig, den Lauf der Dinge zu ändern: In ihrem kurz­fris­tigen Denken ver­suchen sie, so viel wie möglich von den nächsten Monaten und Jahren zu pro­fi­tieren und schieben die Lösung der immer größer wer­denden sozialen, wirt­schaft­lichen und eth­ni­schen Pro­bleme einfach in die Ver­ant­wortung der nächsten Generation – bis das System einfach zusam­men­bricht. So wurde die Römische Republik zum Opfer eines Bür­ger­kriegs, des Auf­stiegs der Armee, des kurz­zei­tigen Tri­umphs der Dem­agogie Cäsars und schließlich des Auf­kommens der kon­ser­va­tiven Restau­ration des ersten Kaisers, Augustus. Manchmal glaube ich, dass in Europa in den nächsten 20 Jahren oder so etwas Ähn­liches pas­sieren wird. Natürlich wäre es gut, wenn wir aus der Geschichte lernen könnten, und deshalb habe ich in meinem Buch „Reno­vatio Europae“ einige alter­native Lösungen skiz­ziert. Aber ich befürchte, dass ein solcher fried­li­cherer Übergang nur in den ost­eu­ro­päi­schen Ländern erreicht werden wird, während der Westen die Not­wen­digkeit von Iden­tität und his­to­ri­schem Patrio­tismus durch eine lange Periode von Unruhen und Gewalt lernen muss.

Eine gute Nach­richt inmitten dieses Nie­der­gangs war die Eröffnung des Inter­marium-Kollegs am 28. Mai, bei der Sie anwesend waren, zusammen mit anderen Per­sön­lich­keiten und Orga­ni­sa­tionen wie dem pol­ni­schen Ordo Iuris und dem unga­ri­schen Zentrum für Grund­rechte. Was ist der Zweck des Intermarium-Kollegs?

Das Inter­marium-Kolleg soll eine voll­wertige neue Uni­ver­sität sein, die sich der Über­windung der gegen­wär­tigen links­li­be­ralen Vor­herr­schaft widmet und zur ursprüng­lichen Idee der „uni­ver­sitas“ zurück­kehrt, einem Ort, an dem sich Men­schen aus allen Schichten im Streben nach Schönheit, Wahrheit und dem Guten ver­sammeln können und an dem die west­liche Zivi­li­sation als posi­tives Erbe und nicht als Feind gesehen wird, den es zu über­winden gilt. Da die Kurse erst im Oktober 2021 beginnen werden, ist es natürlich schwierig, genau vor­her­zu­sagen, wie sich diese neue Uni­ver­sität ent­wi­ckeln wird; dennoch bin ich über­zeugt, dass wir genau diesen Ansatz brauchen, wenn wir unser Bil­dungs­system retten wollen: Neue Insti­tu­tionen zu gründen, um die Dekadenz der bis­he­rigen zu über­winden, genau wie es die mit­tel­al­ter­lichen Mönchs­orden vor vielen Jahr­hun­derten immer wieder getan haben.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei EL CORREO DE ESPAÑA, in der deut­schen Über­setzung bei „Unser Mit­tel­europa“.


Erst­ver­öf­fent­li­chung auf dem Blog von David Berger www.philosophia-perennis.com