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Vanille aus Plastikmüll? Was als Durchbruch in der grünen Chemie gefeiert wird, ist einfach nur unappetitlich

25. Juli 2021

Seit Ulrich Grimms Food-Industrie-kritischem Klassiker „Die Suppe lügt“ wissen wir, dass die High-Tech-Alchemisten in ihren Laboren mit allen Wassern gewaschen sind, wenn es darum geht, aus Abfall Geschmack zu zaubern; auch in meinem Buch „Iss richtig oder stirb“ habe ich diese Tricks beschrieben. Wenn Sie einen Vanille-Pudding, ein Vanille-Joghurt oder -eis essen, sorgt für den leckeren Geschmack meist synthetisches Aroma, das aus dem Abwasser von Papierfabriken gewonnen wird. Nun ist es Forschern gelungen, Plastikmüll in Vanille-Aroma umzuwandeln, das wird gefeiert wie eine nobelpreisverdächtige Entdeckung. Mir verdirbt dieser „Durchbruch in der grünen Chemie“ gründlich den Appetit auf Vanille!

Wissenschaftler der Universität Edinburgh haben gezeigt, dass das Darmbakterium Escherichia coli aus Plastikmüll köstliches Vanille-Aroma machen kann. Die Forscher haben die E. coli-Bakterien gentechnisch verändert, damit sie die in Kunststoff-PETs enthaltene Terephthalsäure in Vanillin verwandeln können. Plastikmüll von der Mülldeponie in den Mund? Die Forscher sind begeistert: Gut für die Weltmeere, gut fürs Recycling. Einer der beteiligten Wissen-schaf(f)t-ler, Stephen Wallace hofft, „die Wahrnehmung auf Plastik als Problemabfall ändern zu können.“ Und Joanna Sadler, federführend bei der Studie, schwärmt: „Dies ist das erste Beispiel der Nutzung eines biologischen Systems, um Plastikabfälle in eine wertvolle Industriechemikalie umzuwandeln, und es hat sehr spannende Auswirkungen auf die Kreislaufwirtschaft.“ Meinen Kreislauf bringt dieser wissenschaftliche „Durchbruch“ mächtig durcheinander, er treibt meinen Blutdruck in die Höhe.

Ja, ich weiß, dass rund 85 Prozent des Vanillins synthetisch hergestellt werden, denn natürliche Vanilleschoten können die Gier nach dem Stoff, der nach Muttermilch und unbeschwerter Kindheit schmeckt, schon lange nicht mehr decken. 2018 wurden auf dem weltweiten Markt 37.000 Tonnen synthetische Vanille verkauft. Deswegen mache ich einen großen Bogen um Produkte, die synthetische Vanille enthalten. Ja, mir ist klar, dass das Vanillin rein chemisch betrachtet nichts mehr zu tun hat mit der weggeworfenen PET-Flasche, aus der es gewonnen wurde. Trotzdem hat die Sache für mich einen üblen Beigeschmack. Der wissenschaftliche Durchbruch kann nämlich nicht über eine bedenkliche Entwicklung hinwegtäuschen, die Vanillisierung des Geschmacks. Damit Babys die Tütenmilch mögen, peppen die Hersteller von Säuglingsnahrung ihre Produkte mit Frucht- und Vanillearomen auf, eine fatale Entwicklung, weil die so geprägten Babys zu Kindern heranwachsen, die lieber quietschsüßen Joghurt und Schokolade als frische Erdbeeren oder Brokkoli essen. Bereits im Jahr 1999 zeigten Forscher von der Gesellschaft für Sensorische Analyse und Produktentwicklung (ASAP) die Folgen dieser Geschmackskonditionierung auf: Menschen im Alter von 12 bis 59 Jahren wurden zwei verschiedene Ketchup-Sorten vorgesetzt. Eine Sorte war mit Vanillin aromatisiert, sie wurde von der Gruppe, die als Baby per Flasche gefüttert worden war, eindeutig (67 Prozent) bevorzugt, nur jeder dritte gestillte Proband mochte das Vanille-Ketchup.

Spielt also die Wissenschaft – möglicherweise unbewusst – Big Food in die Hände, wenn immer neue Verfahren entwickelt werden, mit denen aus Dreck Geschmackserlebnisse gezaubert werden können? Und haben die Forscher in ihrem Elfenbeinturm überhaupt darüber nachgedacht, was wird in unserem Körper passieren, wenn wir gentechnisch veränderte E. Coli zu uns nehmen? Interessiert es sie überhaupt?

Ich kann mich nicht freuen über einen solch fragwürdigen wissenschaftlichen Durchbruch angesichts der Tatsache, dass wir im Plastik-Zeitalter leben! Forscher haben 2018 schon Mikro-Plastik im Darm gefunden – in sämtlichen Stuhlproben der acht Probanden. Mikro-Plastik auf den Feldern, in der Luft, Meerestiere, die Plastik inzwischen für Nahrung halten und es fressen. Planet Plastik – wo soll das enden? Welche gesundheitlichen Folgen hat der Kunststoff langfristig im menschlichen Körper? Kann die Kontamination mit Plastik Krebs auslösen? Viele brennende Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt. Und so vermeidet der bewusste Verbraucher Plastik, so weit es eben möglich ist, und Wissenschaftler freuen sich darüber, dass man aus Plastikmüll Vanillearoma zaubern kann. Schöne neue Welt!

www.weihrauchplus.de

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Quellen:

https://www.mann.tv/technik/forscher-wandeln-plastikmuell-zu-vanille-aroma-um

https://www.yamedo.de/blog/unsere-koerper-werden-zu-plastik/

https://taz.de/Vorlieben-beim-Essen/!5138987/