President John F. Kennedy in the Oval Office on July 11th, 1963. (Cecil Stoughton, White House / John F. Kennedy Library) - flickr.com - CC BY-ND 2.0

Die offi­zielle Wahrheit kühn hin­ter­fragt: Oliver Stones neue JFK-Doku­men­tation muss man sehen

Oliver Stones neuer Doku­men­tarfilm “JFK Revi­sited: Through the Looking Glass” ist nicht perfekt, aber von ent­schei­dender Bedeutung. Stone wendet sich mit Inbrunst neu­erlich der Ermordung des US-Prä­si­denten John F. Kennedy zu und hat darüber einen auf­schluss­reichen Film pro­du­ziert, den anzu­sehen sich lohnt.

(ein Kom­mentar von Michael McCaffrey)

Der damalige erste Film “JFK” von Oliver Stone kam 1991 in die Kinos und schickte Schock­wellen durch Washington und die Kon­zern­medien, weil er damit einen über­zeu­genden fil­mi­schen Gegen­mythos zum wun­der­lichen offi­zi­ellen Warren-Report entwarf. Die Garde der Beschützer des Estab­lish­ments in den Hallen der Macht und der Presse begegnete dem Film mit unge­ahnter Hef­tigkeit, indem sie sich daran machten, den Film immer und immer wieder aus­ein­an­der­zu­nehmen und bloß zu stellen, weil er ihr Nar­rativ und damit ihre Auto­rität direkt her­aus­for­derte. Es gelang ihnen nicht. “JFK” wurde für acht Oscars nomi­niert und spielte an den Kino­kassen mehr als 200 Mil­lionen Dollar ein. Viel wich­tiger war jedoch, dass er den Bann­strahl der öffent­lichen Gleich­gül­tigkeit brach und die Blo­ckade des Estab­lish­ments in Bezug auf die Ermordung von John F. Kennedy etwas lockern konnte.

Als Folge auch dieses Films wurde 1992 das Gesetz über die Doku­men­ten­sammlung zur Ermordung von John F. Kennedy ver­ab­schiedet sowie das Gremium für die Über­prüfung der Doku­mente zur Ermordung ins Leben gerufen und finanziert.

Jetzt, fast 30 Jahre später, ist Oliver Stone zurück, diesmal mit einem Doku­men­tarfilm, der auf Showtime gestreamt wird. “JFK Revi­sited: Through the Looking Glass”, der mit dem Finger in den Wunden jener bohrt, die gedan­kenlos die “offi­zielle” Geschichte vom Mord an JFK als die einzige Wahrheit unterstützen.

Als jemand, der sich für das Attentat auf den Prä­si­denten inter­es­siert und eine Vielzahl von Büchern zu diesem Thema aus dem gesamten Spektrum gelesen hat – von Gerald Posners “Case Closed” und “Rec­laiming History” von Vincent Bug­liosi bis hin zu “Crossfire: The Plot that Killed Kennedy” von Jim Marrs und “JFK and the Unspeakable” von James W. Dou­glass – ist es eine Her­aus­for­derung, eine anständige Doku­men­tation zu diesem Thema zu finden, die es wert ist, ange­schaut zu werden.

Zum Glück hat Stone mit “JFK Revi­sited” die Bühne betreten – mit einem ernst­haften und wür­digen Werk, das eine schlüssige, wenn auch begrenzte Gegen­theorie zum offi­zi­ellen Nar­rativ über das Attentat bietet.

Der Film dauert knapp zwei Stunden, lässt eine Anzahl Köpfe zu Wort kommen – dar­unter John M. Newman (dessen eigene Filme “JFK and Vietnam” sowie “Oswald and the CIA” groß­artig sind), David Talbot (der “Das Schach­brett des Teufels”/“The Devil’s Chess­board” geschrieben hat, – auch fan­tas­tisch), Robert F. Kennedy Jr., James K. Gal­braith, Dr. Cyril Wecht und Dr. Henry Lee – und ist eine schnelle Ein­führung in das Thema, die ein nütz­liches Sprung­brett für jeden bietet, der noch tiefer in den Fall ein­tauchen möchte.

Es gibt eine vier­stündige Lang­fassung des Films, die angeblich im kom­menden Jahr der Öffent­lichkeit zugänglich gemacht werden soll. Und ich freue mich darauf, diese Version eben­falls zu sehen, da ich davon aus­gehen kann, dass diese mehr auf die Ein­zel­heiten des eigent­lichen Schützen ein­gehen wird – ein Thema, auf das eine zeit­weise etwas gehetzt wir­kende Zwei-Stunden-Version zugunsten grund­le­gen­derer Themen ver­zichtet hatte.

Der Film unter­sucht jedoch eine Vielzahl fas­zi­nie­render Ein­zel­heiten rund um das Attentat auf JFK, dar­unter die fol­genden: Die zahl­reichen und offen­sicht­lichen Ver­bin­dungen des Atten­täters Lee Harvey Oswald zum Geheim­dienst. Die wis­sent­lichen Ver­zer­rungen und Täu­schungen der Warren-Kom­mission, der Geheim­dienst-Kun­gelei und der Medien in Bezug auf die Ermordung. Die Fan­tas­terei der Theorie von der “Magi­schen Patrone” und die wider­sprüch­lichen medi­zi­ni­schen Befunde aus dem Parkland-Hos­pital in Dallas und die Aut­opsie im Bethesda Naval Hos­pital in Maryland. Oder die bemer­kenswert ähn­lichen Pläne, Kennedy in Chicago oder Tampa zu töten, die in Dallas ihre Ver­wirk­li­chung fanden, zu denen neben Oswald auch andere Sün­den­böcke gehören sollten, wie etwa Thomas Arthur Vallee oder Gil­berto Lopez. Wie auch die Geschichte von Abraham Bolden, dem ersten schwarzen Geheim­dienst­agenten, der angeblich ver­suchte, die Behörden über eine Ver­schwörung in Chicago zu warnen, aber ins Gefängnis gesteckt wurde, anstatt als Held gefeiert zu werden.

“JFK Revi­sited” beleuchtet auch den Kampf zwi­schen Kennedy und dem poli­ti­schen Estab­lishment. Seine berühmte Rede an der Ame­rican Uni­versity im Juni 1963, in der er seine Vision einer neuen, fried­lichen US-Außen­po­litik dar­legte, eröffnet den Film. Diese Vision ist grund­legend für das “Warum” von Stones Theorie in Bezug auf die Ermordung, da sie den Geheim­diensten und dem Militär ein Motiv bietet, einen Prä­si­denten aus­zu­schalten, den sie als schwach gegenüber dem Kom­mu­nismus und auch im All­ge­meinen als zu schwach erachteten.

Kennedy wollte den Anti­ko­lo­nia­lismus fördern, die Bezie­hungen zu Kuba nor­ma­li­sieren, in Vietnam nicht den­selben Fehler machen wie die Fran­zosen, suchte in den Bezie­hungen zu den Sowjets nach Ent­spannung ein­schließlich der Ver­ei­nigung der Kräften im Weltraumwettlauf.

Die Geheim­dienste und das Pen­tagon hatten dagegen eine ganz andere und viel schänd­li­chere Agenda. Sie waren damit beschäftigt, Lumumba im Kongo zu eli­mi­nieren, einen Mili­tär­putsch in Frank­reich anzu­zetteln, sowohl die Invasion in der Schwei­ne­bucht auf Kuba zu orga­ni­sieren als auch die Ope­ration Nor­thwoods her­auf­zu­be­schwören – bei welcher Ter­ror­an­griffe unter fal­scher Flagge auf US-Ziele durch­ge­führt werden sollten, um einen Krieg mit Kuba zu erzwingen – sowie schließlich auf eine ame­ri­ka­nische Eska­lation in Vietnam hinzuarbeiten.

Aus diesem Grund ver­suchte Kennedy, das CIA-Budget um 20 Prozent zu kürzen, feuerte das alte Schlachtross der CIA, Allen W. Dulles (der später merk­wür­di­ger­weise ein mäch­tiges Mit­glied der Warren-Kom­mission wurde) und erklärte bekanntlich, er werde die CIA in eine Million Stücke zer­schmettern. Laut Stone war es die CIA, die Kennedy letzt­endlich besei­tigte, indem sie seinen Schädel am 22. November 1963 auf der Dealey Plaza in Dallas in eine Million Stücke zer­schmettern ließ. Die klaf­fende, eitrige Wunde im Herzen Ame­rikas, durch die unsere nationale Seele ver­rottet, wurde an diesem schick­sal­haften Tag geschlagen, und sie eitert noch immer und ist immer noch bedeutsam.

Anders als sowohl die bös­ar­tigen poli­ti­schen Par­teien wie auch die scham­losen Kon­zern­medien, ver­steht Oliver Stone– dessen Status als Aus­ge­sto­ßener des Estab­lish­ments die Trieb­kraft für alle seine Doku­men­tar­filme war – dies alles und ver­sucht, diese Wunde zu heilen, indem er nach der Wahrheit über die Ermordung von JFK sucht.

Während das Estab­lishment “JFK Revi­sited” igno­rieren mag, sollte die breite Öffent­lichkeit dies nicht tun. Stones Werk ist ein nütz­licher und auf­schluss­reicher Film für alle, die ihre Regierung ver­stehen wollen und wissen wollen, was diese zu tun bereit ist, um ihre Macht und damit den lukra­tiven Status quo zu bewahren. Suchen Sie nach “JFK Revi­sited” und sehen Sie ihn sich an. Er ist nicht perfekt, aber er ist wesentlich und wichtig.

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Über­setzt aus dem Eng­li­schen.

Michael McCaffrey ist ein Schrift­steller und Kul­tur­kri­tiker und lebt in Los Angeles. Seine Arbeiten können bei RT, Coun­ter­punch und auf seiner Website mpmacting.com/blog gelesen werden. Er ist auch Mode­rator des beliebten Kino-Pod­casts Looking Cali­fornia und Feeling Min­nesota. Er twittert auf @MPMActingCo


Quelle: rt.de