Boris Johnson - Bild: Number 10 - https://www.flickr.com/photos/number10gov/27816845974 - CC BY-NC 2.0

Boris Johnson vor dem Fall

Groß­bri­tannien vs. Little Britain

DIE Punk­platte schlechthin — “Never mind the Bol­locks” (Vergiss die Wixxer) — erschien zum Jubiläum der Queeen. Jeder hielt die Inter­preten — die “SEX PISTOLS” (Ver­kehrs-Kanonen) — für Links, und das waren sie auch wohl. Damals jeden­falls. Heute, wo einmal mehr ein Jubiläum für die bri­tische Königin ansteht, ließ sich der Sänger John Lydon (damals noch Jonny Rotten) ver­nehmen, Auf­stand gegen “oben” bzw. “das System” gebe es nurmehr von Seiten der RECHTEN. Die Ver­schiebung ist dem Mann aller­dings Wurst. Er bleibt nur sich selbst treu. Im übrigen auch seiner Frisur — die aus­sieht, als habe er seine frisch­ge­wa­schenen Haare gerade auf einem Fischerboot, inmitten der Nordsee geföhnt.

(von Wolfgang Eggert)

Nicht nur darin ähnelt er dem anar­chi­schen Pre­mier­mi­nister seines Landes: Boris Johnson. Keine 24 Stunden ist es her, daß der sich einem Partei-internen Miß­trau­en­votum stellen musste. “Par­tygate” soll der Aus­löser gewesen sein: Über ein Dutzend Fes­ti­vi­täten, von Johnson lange Zeit als “Arbeits­treffen” ver­kauft, fanden in Downing Street 10 statt — während die poli­tische Elite den Rest des Landes “Coro­nabe­dingt” ins klös­ter­liche Home­Office geschickt hatte. Aus der Hüfte geschossene Fotos machten die Runde, auf denen die Büro­tische mit Kon­fettis und Luft­schlangen aus­staf­fiert sind, darauf stehend Hoch­pro­zen­tiger, im Hin­ter­grund der beschwipste Premier,  beim Versuch sich die Kra­watte zu binden.

Man darf sich hier nicht täu­schen lassen. Dieser Vorgang, genauer diese VOR­GÄNGE, taugen auf der Insel kei­neswegs dazu, einen Keil zwi­schen Volk und Führung zu treiben. Ganz im Gegenteil. Jeder Eng­länder erkennt sich da wieder: Männer wie im übrigen — dies eine euro­päische Beson­derheit — auch Frauen schlagen hier über die Stränge, wann immer man es ihnen erlaubt. Ist es ver­boten, dann umso besser: Von daher können die heimlich ein­ge­fan­genen — und dann ver­öf­fent­lichten — Bilder des bri­ti­schen Gesund­s­heits­mi­nisters Matt HanCock, der, ver­hei­ratet und täglich neue Abstands­regeln ver­kündend, seiner Sekre­tärin im BüroFlur per Zun­genKuss auf den Zahn fühlte, im Land des warmen Biers nichts als Bewun­derung und Neid evo­ziert haben.

Trotzdem wurde der über allem schwe­bende Premier von Spass­bremsen vors mora­lische Schaffott seiner Partei geführt, um dort “ermangels Moral und Glaub­wür­digkeit” (als ob demo­kra­tische Poli­tiker auch nur eine der beiden Eigen­schaften jemals besessen hätten) geschasst, in die Wüste geschickt zu werden.

Es erfordert nicht viel Grips, um darauf zu stossen, wer die Antreiber des Theaters waren und worum es tat­sächlich ging: Wirk­licher Hin­ter­grund ist — IMMER NOCH — der Brexit, der inzwi­schen merklich am Bestand der König­reichs sägt. Nord­irland und Schottland sind drauf und dran UK zu ver­lassen. Mit Hilfe der EU, die auch etliche Dar­steller der “bri­ti­schen” Pres­sti­tution auf ihren Pay­rolls haben dürfte. Was wie­derum erklärt, daß die Journ­allie über eben dieses Miß­trau­ens­votum lügt, so wie sie es eigentlich immer getan hat. So wie die Argu­mente zur Not­wen­digkeit der Abstimmung zurecht­ge­bogen waren, so darf man die Analyse des Wahl­aus­gangs gleich­falls als an-den-Haaren-her­bei­ge­zogen bezeichnen.

Ja, es ist wahr, daß bei einer Par­la­ments-Par­tei­in­ternen Befragung, ob man den Vor­sit­zenden denn nun gut finde, 40% Nein­stimmen eine Abfuhr dar­stellen. Ande­rer­seits wäre es falsch, daraus  — wie von den Medien geschlag­zeilt- zu folgern, daß Johnson in den eigenen Reihen Ver­trauen ver­loren habe. In Wirk­lichkeit ist eher das Gegenteil der Fall: Als Brexit-Boris zur Abstimmung als Par­tei­vor­sit­zender stand, waren es sogar WENIGER “Kon­ser­vative” MPs, die ihm die Stimme gaben — nicht weil er ihnen zu “kon­ser­vativ” gewesen wäre, sondern schlicht, weil er den Wunsch seines Volks, aus der EU aus­zu­steigen, erfüllen wollte. Von daher hat Johnson in den Reihen seines von Lob­by­isten geschmierten Par­tei­sumpfs (man denkt unwill­kürlich an Trump und die US-Repu­bli­kaner) sogar einige Stimmen gut machen können. Daß er, an der abge­ho­benen Schicht in Whitehall vorbei, den Tories an den Wahl­urnen das beste Wahl­er­gebnis seit Gedenken ser­vierte, geschenkt!

Bleibt die Frage: was wünscht man diesem Mann, diesem Land… und, aus einer deut­schen Per­spektive, sich selbst?

Darauf gibt es — durchaus gegen­sätz­liche — Antworten.

Zum einen sollte Johnson für seine Kriegs­an­hei­zende Position im Ukrai­ne­kon­flikt weg; und zwar so schnell wie möglich, denn er ris­kiert den Atom­krieg, nach dem unser Kon­tinent (noch!) schlechter aus­sehen wird, als die Frisur des eng­li­schen PM heute schon. Sowohl Briten wie auch Kon­ti­nen­tal­eu­ropäer können — ja müssen! — so denken, wenn sie noch halbwegs bei Ver­stand sind.

BEIDE Seiten sollten nun aber,

mit Blick auf die EU — gera­dewegs gegen­läufig —  Boris die Daumen drücken, daß er mög­lichst lang wei­ter­wursteln kann. Briten mögen das tun, in der Hoffnung, die aus Brüs­seler Schraub­sto­ck­um­ar­mungen befreite Insel werde beim Untergang des Kon­ti­nents nicht mit in den Abgrund gerissen, bzw. könne sich — bereits vorher — mehr nationale Frei­heiten zurück­er­obern; EU-Europäer, gerade jene in Paris und Berlin, “sollten” ein wei­teres Weg­driften “Old Bri­tannias” eben­falls für gut befinden, da eine Rückkehr Londons die Macht­ver­la­gerung Richtung Deutschland und Frank­reich — und damit die geo­po­li­tische “Linie” — wieder kom­pli­zieren würde.

Nun erscheint das Miß­trau­ens­votum gera­dewegs wie vom Kon­tinent AUF­ERLEGT, sodaß man sich fragen darf: gibt es hier (bei “uns”) noch hoff­nungslose Roman­tiker, welche die Briten zurück ins Boot holen wollen? Oder geht´s hier nur noch um eine Abstrafung-vor- aller-Augen, sodaß etwaig nach­rü­ckende Aus­steiger sehen können, was da blühen mag, wenn sie der­einst der Bock auf Brüssel ver­lässt-.… und sie bockig werden?!

Gerade in letz­terer Fraktion mögen sich etliche Great-Game-Ver­treter wie­der­finden, die den (nur in grö­ßeren Bünd­nissen bestreit­baren) Kampf um den Globus noch “his­to­risch” sehen können. Die wissen, welch euro­pa­feind­liche Rolle Bri­tannia im ersten und zweiten Welt­krieg spielte. Und die aus einem gewissen ter­ri­to­rialen Revan­che­denken heraus den Lords und Ladies neben mäs­sigem Essen und def­tigen Son­nen­bränden nun auch Boris Johnson weiter ans Bein wün­schen. Denn: Er, nur er, kann den Brexit so beherzt fort­setzen, daß die auf­kom­mende För­dera­li­sierung in UK  (d.h. die Sou­ve­rä­ni­sierung Schott­lands und Nord­ir­lands unter euro­päi­scher Flagge) erfolg­reich zu Ende geführt wird.

In den bri­ti­schen Medien wird derweil von EU- und/oder NWO-begeis­terten Jour­na­listen und soge­nannten Experten die Fol­ge­wirk­samkeit der zurück­lie­genden Abstimmung dis­ku­tiert. Heute ist man sich darin einig, daß Boris “fertig hat”. Kaum jemand gibt ihm mehr als 1 poli­ti­sches Über­le­bensjahr. Fast alle, Nigel Farage inklusive, gehen wid­ri­gen­falls von anste­henden kon­ser­va­tiven Wahl­de­bakeln aus.

Bleibt die Frage, wen die Tories, um eben­dieses Desaster zu ver­hindern, als Ersatz­kan­di­daten auf den Schild heben wollen.

Deutsche Patrioten, die bereit und in der Lage sind, ihre poli­ti­schen Träume “eng­lisch” zu denken — zuge­ge­be­ner­massen eine hohe Her­aus­for­derung — dürfen sich Lord Rees-Mogg wün­schen,  bör­sia­nisch berei­cherter Bre­x­it­mi­nister im Kabinett Johnson, in Auf­tritt und Aus­sehen eine Kari­katur des vor­gest­rigen Eng­lands. Der Effekt wäre ein sofor­tiges Abdriften der Insel hinaus auf den Atlantik, aus hie­siger Sicht kei­neswegs die schlech­teste aller Lösungen.

Wahr­schein­licher ist jedoch die Inthro­ni­sierung eines “Kan­di­daten der Mitte”, dem das alte Partei-Estab­lishment zutraut, die Lager wieder zu ver­söhnen; ein Kan­didat, der die angelnden Sachsen wieder ihre Netze in Rest­europa aus­legen lässt. Gott selbst möge uns davor bewahren!