Wie die Ukraine, Polen und Lettland die Gas­knappheit in der EU verschärfen

Manche Ent­schei­dungen, die EU-Staaten treffen, erinnern an einen Kin­der­garten. Das wäre lustig, wenn sie damit nicht die ohnehin gefähr­liche Gas­knappheit in der EU künstlich ver­schärfen würden.

Bekanntlich steckt die EU in einer selbst ver­ur­sachten Gas­krise. Ich habe schon über die fünf Pipe­lines berichtet, die Europa mit bil­ligem rus­si­schen Gas ver­sorgen könnten, und dass zwei davon (Nord Stream 2 und Jamal-Europe) auf­grund von Ent­schei­dungen der EU, bezie­hungs­weise Polens und Deutsch­lands, abge­schaltet sind. Weitere zwei Pipe­lines (Turkish Stream und die ukrai­nische Pipeline) laufen mit ver­min­derter Kapa­zität, wobei die Gründe eine ukrai­nische Ent­scheidung und Ent­schei­dungen süd­ost­eu­ro­päi­scher Staaten wie Bul­garien sind. Bei der fünften Pipeline, Nord Stream 1, gibt es einen Streit um die Wartung von Kom­pres­sor­tur­binen, weshalb die Pipeline derzeit nur ca. 20 Prozent ihrer Kapa­zität liefert. Die Details über die Pipe­lines und die Gründe für ihre geringe Aus­lastung finden Sie hier.

Aus diesem Grund herrscht in der EU die Gas­knappheit, die derzeit die Schlag­zeilen beherrscht. Was deutsche „Qua­li­täts­medien“ dabei ver­schweigen, ist, wie die Ukraine, Polen und Lettland die Gas­knappheit noch verschärfen.

Die Ukraine

Die Ukraine hat schon 2014 ange­fangen, offi­ziell „euro­päi­sches“ Gas, anstatt Gas aus Russland, zu kaufen. Das war reine Augen­wi­scherei, denn dabei han­delte es sich um einen soge­nannten „vir­tu­ellen Revers“ – das bedeutet, dass die Ukraine das Gas bei Zwi­schen­händlern in Ungarn und der Slo­wakei gekauft hat. Die hatten jedoch kein euro­päi­sches Gas, sondern haben rus­si­sches Gas bestellt und der Ukraine mit einem Auf­preis von 100 Dollar pro tausend Kubik­meter in Rechnung gestellt. Das Gas war auch nie in Europa, sondern wurde in der Ukraine aus der Tran­sit­pipeline direkt in das ukrai­nische Netz ein­ge­speist. Es war nur auf dem Papier „euro­päi­sches“ Gas, weil es bei euro­päi­schen Zwi­schen­händlern gekauft wurde.

Wie dieser Trick funk­tio­niert hat und wer dabei den Auf­preis in seine Tasche gesteckt hat, darüber habe ich schon im Sommer 2019 berichtet. Damals war das alles noch eine böse Ver­schwö­rungs­theorie, aber mitt­ler­weile wurde das sogar in der Ukraine selbst bestätigt.

Nun wurde in der Slo­wakei gemeldet, dass sich auf­grund der geringen Lie­fe­rungen über Nord Stream 1 die Gas­flüsse in der EU ver­ändert haben, sodass es nicht mehr genug Gas gibt, das die Ukraine über den vir­tu­ellen Revers aus der Tran­sit­pipeline ziehen kann, zumal die Ukraine den Durch­fluss durch die Pipeline im Mai selbst ver­ringert hat.

Daher ist die Ukraine nun zu einem echten Revers gezwungen und muss Gas aus Europa über kleinere Pipe­lines ins Land pumpen. Die Ukraine ent­zieht dem euro­päi­schen Markt damit Gas, anstatt es direkt in Russland ein­zu­kaufen und die von der Ukraine selbst redu­zierten Kapa­zi­täten seiner Tran­sit­pipeline dazu zu nutzen.

Damit aber nicht genug, denn am 26. Juli hat der ukrai­nische staat­liche Gas­ver­sorger Naf­togaz, über den all diese Geschäfte laufen, tech­ni­schen Konkurs ange­meldet, weil er nicht in der Lage ist, Schulden in Höhe von 1,5 Mil­li­arden Euro zu bedienen. Daher hat Kiew von den USA gefordert, dass die USA der Ukraine Flüs­siggas zu den Bedin­gungen des Lend-Lease-Gesetzes liefern sollen, nach dem die USA der Ukraine auch Waffen liefern. Das bedeutet, die Ukraine will das Gas sofort bekommen und irgendwann in der Zukunft bezahlen.

Das Problem ist jedoch, dass die Ukraine keine Ter­minals für die Ent­ladung von Flüs­siggas besitzt, sie will also, dass US-Flüs­siggas, von dem nach der Explosion im größten Gas­ter­minal der USA ohnehin schon viel zu wenig nach Europa gelangt, aus Europa in die Ukraine gepumpt wird. Das Gas würde in Europa fehlen, wobei die Ukraine es nicht einmal bezahlen will, denn dass die ohnehin bank­rotte Ukraine ihre Schulden aus dem Lend-Lease-Gesetz irgendwann mal zurück­zahlt, ist mehr als unwahrscheinlich.

Polen

Polen hat seine lang­fris­tigen Lie­fer­ver­träge mit Gazprom aus­laufen lassen und musste danach Gas aus Russland zum viel teu­reren Bör­sen­preis kaufen. Das hat dazu geführt, dass die Jamal-Europa-Pipeline, die eigentlich rus­si­sches Gas über Weiß­russland und Polen bis nach Deutschland bringen soll, seit Dezember 2021 prak­tisch kein Gas mehr liefert. Polen hat danach seine Gas­in­fra­struktur, die Toch­ter­firmen von Gazprom gehört, unter Sank­tionen und damit unter pol­nische Zwangs­ver­waltung gestellt, wor­aufhin Gazprom die Lie­fe­rungen über die Pipeline ganz ein­ge­stellt hat.

Das ist aber nicht alles. Polen hat zwar ein Flüs­siggas-Ter­minal gebaut, weil Polen auf US-Flüs­siggas gesetzt hat, aber davon kam im Zuge der Gas­krise, die schon im Sommer 2021 begonnen hat, nicht genug nach Polen, weil in Asien mehr Geld dafür bezahlt wurde. Um trotzdem genug Gas zu haben, hat Polen ange­fangen, Gas von deut­schen Impor­teuren zu kaufen, die das rus­sische Gas noch über lang­fristige Ver­träge und zu einem um ein Viel­faches gerin­geren Preis von Gazprom beziehen.

Damit sind wir wieder beim Revers denn das rus­sische Gas aus Deutschland fließt seit Ende April dau­erhaft in umge­kehrter Richtung durch die Jamal-Europa-Pipeline aus Deutschland nach Polen. Darüber habe nicht nur ich berichtet, das konnte man auch in kurzen Artikeln einiger „Qua­li­täts­medien“ erfahren. Für die deut­schen Impor­teure ist das ein gutes Geschäft, denn sie ver­kaufen das billige rus­sische Gas mit einem saf­tigen Auf­preis an Polen weiter, was aber dazu führt, das es in Deutschland fehlt.

Der rus­sische Prä­sident Putin hat schon im Dezember öffentlich gesagt, die „Ver­braucher in Deutschland sollten eine Erklärung fordern“ – aber wie immer haben deutsche „Qua­li­täts­medien“ es nicht für nötig gehalten, ihre deut­schen Leser darüber zu informieren.

Damit ent­zieht Polen dem euro­päi­schen – konkret dem deut­schen – Markt Gas, anstatt zusätz­liches Gas über die Jamal-Europa-Pipeline zu nach Europa zu liefern.

Lettland

Auch Lettland, das noch aus Sowjet­zeiten an das rus­sische Gasnetz ange­bunden ist, lehnt es ab, Gas direkt aus Russland zu beziehen. Das erklärte der Chef des let­ti­schen Gas­ver­sorgers Lat­vijas gāze und begründete das damit, dass seine Firma nicht direkt mit Gazprom abrechnen kann. Der Grund ist, dass das let­tische Par­lament sein Ener­gie­gesetz so geändert hat, dass Gas­lie­fe­rungen aus Russland nach Lettland ver­boten sind.

Der Chef des let­ti­schen Gas­ver­sorgers hat mit­ge­teilt, man kaufe auch wei­terhin rus­si­sches Gas, aber nicht mehr bei Gazprom, sondern bei einem anderen Anbieter. Welcher Anbieter das ist, woher das rus­sische Gas bezogen wird und wie viel es kostet, hat er unter Verweis auf Geschäfts­ge­heim­nisse nicht beantwortet.

Man kann also nur raten, ob Lettland sein Gas nun auch vom euro­päi­schen Markt abziehen wird, oder ob – wie schon beim vir­tu­ellen Revers der Ukraine – eine aus­län­dische Schein­firma zwi­schen­ge­schaltet wird, die das rus­sische Gas kauft und es wie bisher direkt aus Russland nach Lettland pumpen lässt. In jedem Fall wird – wie schon beim ukrai­ni­schen Revers – irgendeine Schein­firma viel Geld damit ver­dienen, das rus­sische Gas „umzu­eti­ket­tieren“.

Die Rechnung bezahlen Sie!

Man kann ja der Meinung sein, dass Russ­lands Vor­gehen ganz böse ist, und dass Russland dafür bestraft werden muss. Nur ist es unbe­streitbar, dass die EU und ihre Mit­glieds­staaten mit ihren Maß­nahmen im Bereich Gas- und Ener­gie­ver­sorgung vor allem ihre eigenen Bürger und ihre eigene Wirt­schaft bestrafen. Der Mangel an Gas und die darauf resul­tie­renden Pro­bleme sind nicht „Putins Schuld“ – sie sind eine direkte Folge der EU-Sank­tionen und von Ent­schei­dungen euro­päi­scher Politiker.

Nicht nur, dass diese Ent­schei­dungen die Gas­im­porte aus Russland in die EU künstlich ver­ringern, zusätzlich treffen ein­zelne Staaten Ent­schei­dungen, die diese Situation sogar noch ver­schärfen. Und Impor­teure von für Deutschland bestimmtem Gas liefern einen Teil davon nach Polen, weil das mehr Profit bringt.

Da die deut­schen „Qua­li­täts­medien“ über diese Hin­ter­gründe nicht berichten und ihren Lesern die Zusam­men­hänge nicht erklären, können sie – ohne einen Shit­storm zu ernten – sogar berichten, dass Gas­kunden in Deutschland ab Herbst eine Extra-Umlage zahlen müssen. Das wäre voll­kommen unnötig, wenn die Bun­des­re­gierung sich dafür ein­setzen würde, dass alle bestehenden rus­si­schen Pipe­lines auf Maximum gefahren werden und dass Nord Stream 2 zuge­lassen wird.

Die deutsche Regierung kann ja der Meinung sein, in Zukunft auf rus­si­sches Gas ver­zichten zu wollen, jedoch ist das derzeit offen­sichtlich unmöglich. Aber der Bun­des­re­gierung sind ihre ideo­lo­gi­schen Ziele (Ener­gie­wende, anti-rus­sische Politik, etc.) wich­tiger, als das Wohl­ergehen der deut­schen Bevöl­kerung und sogar der deut­schen Wirtschaft.

Es hat in Deutschland noch nie zu etwas Gutem geführt, wenn die Regierung blind einer Ideo­logie gefolgt ist und die Rea­li­täten aus­ge­blendet hat. Aber den Geschichts­un­ter­richt scheinen die Mit­glieder der Bun­des­re­gierung geschlossen geschwänzt zu haben.

Und wenn Uschi von der Leyen von den EU-Staaten Soli­da­rität in der Gas­krise ein­fordert, dann ver­liert sie kein Wort über diese künst­lichen Ver­knap­pungen von Gas in der EU. Offenbar ist es auch dieser Dame wich­tiger, den Men­schen in der EU zu schaden, als Russland zu schaden.

Die Gründe für die Ener­gie­krise in Europa

Über die Gründe für die Ener­gie­krise in Europa, die schon lange vor der rus­si­schen Inter­vention in der Ukraine begonnen hat, habe ich oft berichtet, aber der Voll­stän­digkeit halber fasse ich die Gründe hier noch einmal kurz zusammen.

Erstens: Der Winter 2020/2021 war kalt, weshalb viel Gas ver­braucht wurde. Pipe­lines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gas­speicher nor­ma­ler­weise im Sommer auf­ge­füllt werden. Das ist in 2021 aus­ge­blieben und während die Gas­speicher nor­ma­ler­weise zu Beginn der Heiz­saison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, waren es in dem Jahr nur knapp 75 Prozent.

Zweitens: Die Ener­gie­wende hat zu einem zu großen Anteil von Wind­energie am Strommix geführt. Da der Sommer 2021 aber außer­ge­wöhnlich wind­still war, fehlte die Wind­kraft und es wurde unter anderem Gas zur Strom­erzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.

Drittens: Der Wunsch vieler euro­päi­scher Poli­tiker, rus­si­sches Gas durch vor allem ame­ri­ka­ni­sches Flüs­siggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien waren die Gas­preise im letzten Sommer noch höher als in Europa und die fest ein­ge­planten ame­ri­ka­ni­schen Tanker sind nach Asien gefahren, anstatt nach Europa.

Viertens: Die Reform des Gas­marktes der letzten EU-Kom­mission hat den Handel mit Gas an den Börsen frei­ge­geben. Dadurch wurde Gas zu einem Spe­ku­la­ti­ons­objekt. Während Gazprom sein Gas gemäß lang­fris­tiger Ver­träge für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Impor­teure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 und mehr Euro wei­ter­zu­ver­kaufen und diese Spe­ku­la­ti­ons­ge­winne in Höhe von meh­reren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.


Quelle: anti-spiegel.ru