Vera Wagner
An einem bitterkalten Silvesterabend versucht ein bettelarmes, barfüßiges Mädchen, Schwefelhölzer an wohlhabende Passanten zu verkaufen, kein einziger kauft etwas. Sie hat Angst, nach Hause zurückzukehren, weil ihr Vater sie bestraf
en würde. Vor Kälte zitternd zündet sie nach und nach die Streichhölzer an, um sich zu wärmen. In jeder kleinen Flamme nimmt sie tröstliche, wundersame Visionen wahr: Einen wärmenden Ofen — das Zündholz erlischt, das Bild verschwindet; einen festlich gedeckten Tisch, mit dem Erlöschen des Streichholzes verschwindet auch dieses Bild; einen prächtig geschmückten, lichterglänzenden Weihnachtsbaum, der das Mädchen an die Worte der Großmutter erinnert: „Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor.“ In der Flamme des nächsten Schwelholzes erscheint dem Mädchen die verstorbene Großmutter, der einzige Mensch, der sie je geliebt hat. Schnell zündet das Mädchen alle restlichen Zündhölzer auf einmal an und fleht die Großmutter an, sie mitzunehmen. Gemeinsam stiegen die beiden empor, in die Herrlichkeit des Himmels, wo es keine Kälte, keinen Hunger und keine Angst mehr gibt. Am nächsten Morgen finden die Passanten das erfrorene Mädchen zwischen den Häusern, die abgebrannten Streichhölzer in seiner Hand. Sie ahnen nicht, welch wunderschöne Visionen das Mädchen, befreit vom erbarmungslosen Elend auf der Erde, in seiner letzten Stunde hatte.
Warum erinnere ich Sie an das traurigste Märchen, das Hans-Christian Andersen je geschrieben hat? Weil es in meinen Augen brandaktuell ist. Die grimmige Kälte in dieser Silvesternacht ist für mich auch ein Sinnbild für Seelenkälte: Andersen übt Kritik an der Gleichgültigkeit der Reichen gegenüber den Armen – kein einziger Mensch erbarmt sich dazu, dem frierenden Kind, das in dieser eisigen Nacht losgeschickt wurde, um Geld zu verdienen, ein Schwelholz abzukaufen. Das frierende Mädchen sehnt sich nach Wärme, Licht, Geborgenheit und Schutz und erlebt dies in seinen Visionen – damit beschreibt Andersen die trostspendende Kraft der Fantasie, und schließlich stellt er den Tod als Erlösung von einem unerträglichen Leben dar.
In unserer anspruchsvollen, kräftezehrenden, nervenaufreibenden Zeit erscheint das Leben manch einem ebenso unerträglich wie dem Mädchen mit den Schwefelhölzern. Die Zeit, in der wir leben, ist – wenn auch nicht im meteorolo
gischen Sinne – von grimmiger Kälte geprägt: Soziale Kälte, Konflikte, Krisen, Spaltung, Rastlosigkeit, existenzielle Sorgen, Angst vor Eskalation, vor Krieg, vor dem Morgen. Viele Menschen, denen ich begegne, haben das Gefühl, an ihre Grenzen zu kommen, ja, sie längst überschritten zu haben. Mit Andersens Märchen möchte ich Sie dazu einladen, die Zuversicht nicht zu verlieren, durchzuatmen, still zu werden, Ihr Seelenlicht zu entzünden, Lachen, Liebe, Mitgefühl, Dankbarkeit bewusst zu erleben, Glück auch in den kleinen Dingen zu entdecken, ein Gefühl von Wärme, Geborgenheit, ganz tief in unserem Inneren. Weihnachten, Symbol der „Geburt des Lichts“, die magische Zeit der Raunächte, Silvester – die „Zeit zwischen den Jahren“, wie unsere Ahnen es nannten, dies ist die besondere Zeit, in der wir innehalten und zurückblicken. In der wir erkennen, dass viele Tage vorbeigezogen sind, ohne, dass wir sie wirklich gespürt haben. Nutzen Sie diese Zeit – für Freude, auch an den kleinen Dingen, für Stille, für nährende Begegnungen.
Viele glückliche Momente wünscht Ihnen von Herzen Ihre Vera Wagner.
Bildquelle: https://pixabay.com/illustrations/holy-three-kings-christmas-kings-3021873/

























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