Statt Gender-Irrsinn – den kata­stro­phalen Pfle­ge­not­stand beenden

Anstatt hier­zu­lande in die Pflege zu inves­tieren, sub­ven­tio­niert man lieber Gender-Lehr­stühle, finan­ziert Toi­let­ten­pro­jekte für das dritte Geschlecht und gleich­ge­schlecht­liche Ampelmännchen.
„Die Würde des Men­schen ist unan­tastbar.“, so steht es jeden­falls im Artikel 1 des Grund­ge­setzes. Doch die Rea­lität sieht anders aus. Ein Blick in die Alten- und Pfle­ge­heime dieser Republik zeigt: die „Men­schen­würde“ ist oft nicht mehr als eine leere Worthülse.
In Sachen tech­ni­scher Inno­va­tionen ist Deutschland Welt­meister. Wenn es hin­gegen um den Men­schen, ins­be­sondere die Alten, geht Ver­drän­gungs­welt­meister. Dabei gehört die Achtung vor dem anderen nicht nur zur abend­län­di­schen Kultur wie das A und O, sondern diese ist einem christlich-fun­dierten Ethos geradezu immanent, welches sich dadurch aus­zeichnet, dass die Gesell­schaft letzt­endlich nur so stark wie das schwächste ihrer Glieder ist.
Der Pfle­ge­not­stand ist katastrophal
In Sachen Pfle­ge­not­stand hat sich in den letzten zwölf Jahren unter der Regent­schaft von Angela Merkel wenig ver­ändert. Die Lage ist nach wie vor kata­strophal und wider­spricht in ekla­tantem Maße der gesell­schaft­lichen Ver­ant­wortung einer Partei, die das C in ihrem Namen trägt. Erst ein Zwi­schenruf des jungen Alten­pflegers Alex­ander Jorde in der ARD-Wahl­arena 2017 stellte das Thema der Alten wieder in die gesell­schaft­liche Debatte. Jorde hatte damals der Kanz­lerin vor­ge­worfen, dass die Würde des Men­schen im Umfeld von Kranken- und Alten­pflege in Deutschland tag­täglich „tau­sendfach ver­letzt“ werde. Und Jorde hat Recht. Anstatt hier­zu­lande in die Pflege zu inves­tieren, sub­ven­tio­niert man lieber Gender-Lehr­stühle, finan­ziert Toi­let­ten­pro­jekte für das dritte Geschlecht und gleich­ge­schlecht­liche Ampel­männchen. Die Aner­kennung der inter­se­xu­ellen Min­der­heits­ge­sell­schaft berauscht den Diskurs um Diversity und plurale Vielfalt. Sie ist aber im Umkehr­schluss im gleichen Maße dis­kri­mi­nierend gegenüber Mil­lionen von Pfle­ge­fällen, die ihr Dasein beküm­merlich fristen, weil die Kassen leer bleiben. Die Charta der Vielfalt ver­gisst die Vielen, christlich geht aber anders.
In Deutschland regiert ein rigider Utilitarismus
Was in Deutschland eher regiert, ist ein blanker Mate­ria­lismus, der den Men­schen funk­tional auf seine Leis­tungs­fä­higkeit und auf den Aspekt seiner Nütz­lichkeit redu­ziert. Wer dem Leis­tungs­prinzip nicht ent­spricht, fällt aus dem gesell­schaft­lichen Raster. Dies trifft gerade die, die auf die „unsichtbare Hand“ des gesell­schaft­lichen Gewissens ange­wiesen sind, deren Gefolg­schaft ihnen jedoch von der Leis­tungs­ge­sell­schaft oft ver­weigert wird. „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!,“ hatte bereits Friedrich Schiller notiert und eine Gesell­schaft kri­ti­siert, die eine der groß­ar­tigsten Errun­gen­schaften der Auf­klärung mit Stiefeln tritt – die Würde des Einzelnen.
Die deutsche Altenrepublik
Deutschland ist eine Ver­grei­sungs- und Alten­re­publik. Die Zahl der Alten wächst kon­ti­nu­ierlich. Weit über zwei­einhalb Mil­lionen Bun­des­bürger sind bereits auf Pflege ange­wiesen – und die Zahl steigt nach Schätzung des Sta­tis­ti­schen Bund­s­amtes bis 2050 auf 4,5 Mil­lionen. Die Demo­graphie-Kurve explo­diert dra­ma­tisch. In der Alters­gruppe der 60 bis 80 Jäh­rigen sind es bereits über 4 Prozent, bei den über 80 Jäh­rigen 29 Prozent und in 35 Jahren könnten es mehr als 9,1 Mil­lionen Men­schen sein, die pfle­ge­be­dürftig sind. Dass Alt­werden und ein wür­de­volles Leben in exis­ten­ti­ellen Not­si­tua­tionen nicht Hand in Hand gehen und der Würde dia­metral ent­ge­gen­laufen, hatten 1994 bereits Hans Küng und Walter Jens in ihrem Buch „Men­schen­würdig sterben. Ein Plä­doyer für Selbst­ver­ant­wortung“ the­ma­ti­siert und für die Ster­be­hilfe plä­diert. Wo das Leben seine humanen Fun­da­mente ver­liert, muss aus ethi­scher Per­spektive zumindest ein „Ja“ zur frei­wil­ligen Been­digung des Lebens ein­ge­räumt werden. Die Kritik an Küng und Jens’ Vor­schlag glich damals einem Tsunami. Heute werden als Alter­native Mil­lionen in die Pal­lia­tiv­me­dizin inves­tiert, doch der Weg bis zum Tod bleibt nach wie vor ein stei­niges Pflaster – gerade in den Alten- und Pflegeheimen.
Pfle­ge­heime als „Men­schen­parks“
Vom viel­be­sun­genen glück­lichen Leben ist in den Alten­heimen der Republik kaum etwas zu spüren, auch Demenz­gärten ändern wenig an der pre­kären Situation. Die Iso­lation vieler Alter regiert den Alltag, der emo­tionale Leerlauf ist damit vor­pro­gram­miert und ein phy­si­sches wie psy­chi­sches Hin­ve­ge­tieren die zer­mür­bende Rea­lität. Wem seine Mobi­lität und Selb­stän­digkeit bei der Lebens­führung abhanden gekommen ist, wird schlichtweg in Deutsch­lands Alten­heimen ver­waltet. So gleichen viele Pfle­ge­heime „Men­schen­parks“, wo an der Tür­klinke mit der Sou­ve­rä­nität zum Teil auch die Men­schen­würde abge­geben werden. Aber anders als bei Peter Slo­terdijk sind es nicht die neuen Geburts­stätten einer selek­tiven Eugenik nach Nietz­sche­scher Prägung samt dem dahinter ste­henden Plä­doyer für die Anthro­po­technik, sondern instru­men­ta­li­sierte Ver­wal­tungs­stätten der Bevor­mundung samt Schwei­ge­spirale. Ein zeitlich streng orga­ni­sierter Pater­na­lismus regelt alles, aber eben nicht zu Gunsten der Alten, sondern im Sinne der Gewinn­ma­xi­mierung und Kos­ten­re­du­zierung. Der Blick in die Alten- und Pfle­ge­heime wirft damit ein düs­teres und geradezu beschä­mendes Bild auf die bun­des­deutsche Gesell­schaft. 30.000 Fach­kräfte fehlen, die Heime platzen aus allen Nähten, das Pfle­ge­per­sonal wird schlecht bezahlt, ist klas­sisch unter­be­setzt und ran­giert in der Aner­ken­nungs­kette innerhalb der Gesell­schaft am unteren Ende. Die Alten und die Pfleger haben hier­zu­lande keine Lobby.
Die Tris­tesse des Inhu­manen regiert
Tris­tesse und depressive Resi­gnation feiern ihren Sie­geszug quer durch die Welt der Rol­la­toren und Kran­ken­betten. Eine Kultur des Inhu­manen regiert. Wer alt ist, hat von der Gesell­schaft eben wenig zu erwarten. Und dies trifft gerade die Gene­ration, der Deutschland seinen gran­diosen wirt­schaft­lichen Auf­stieg ver­dankte. Sie liegt buch­stäblich im Dreck und ver­wahrlost vie­lerorts emotional.
Aris­to­teles‘ „De anima“ und Goethes Würde
Phy­sische Lebens­er­haltung ist noch kei­neswegs das Fun­dament für ein glück­liches Leben allein. Das hatte bereits Aris­to­teles in seiner Schrift „De anima“ erkannt und zwi­schen vege­ta­tiver, sen­si­tiver und Geist­seele unter­schieden. Die bloße Reduktion des Men­schen auf seine vege­tative Natur wider­spricht der Entel­echie der Seele, ihrem Wesen, erst die Geist­seele steht für Unsterblich- und Leben­digkeit. Der intellectus agens bleibt das Prinzip jen­seits des rein Bio­lo­gi­schen. Dies betonte später wie­derum der Wei­marer Olympier Johann Wolfgang Goethe, als er in einem Apho­rismus schrieb: „Der Mensch mache sich nur irgendeine würdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust in heitern Tagen erhöhen und in trüben Tagen auf­richten kann. … Aber es muß etwas Treff­liches, Wür­diges sein, damit ihm stets und in jeder Lage der Respekt dafür bleibe.“
Was in Deutsch­lands Pflege- und Alten­heimen fehlt, ist emo­tionale Wärme, das Mit­fühlen, die Gebor­genheit und die Aner­kennung des Lei­denden in seiner Gebrech­lichkeit, die Achtung vor seinem intellectus agens eben, seiner Würde. Doch dafür gibt es kaum oder nur wenig Kapa­zi­täten wie Pfle­ge­kräfte immer wieder betonen.
8000 neue Stellen sind eine Farce
Auch die von der Großen Koalition ver­ein­barten zusätz­lichen 8000 Stellen für die Alten­pflege können am maroden Zustand der Alten­re­publik nichts ändern. Wenn hier nicht deutlich nach­ge­bessert wird, ändert sich am trau­rigen Bild am Lebensende nichts. Eine berühmte Stelle bei Kon­fuzius (Gespräche 1,2) zeichnet die Pietät gegenüber Eltern und Senioren als „Wurzel der Mensch­lichkeit“ aus, die zugleich der Garant für poli­tische Sta­bi­lität sei: „Unter denen, die die Alten achten, gibt es selten Men­schen, die gegen die Obrigkeit rebel­lieren.“ Doch Kon­fuzius scheint im 21. Jahr­hundert – zumindest in Deutschland – ein toter Hund.
Walter Ben­jamin und der Engel der Geschichte
Wie in der Ber­liner Republik mit einer mög­li­cher­weise kom­menden Großen Koalition der gesell­schaft­liche Still­stand vor­pro­gram­miert ist, wird auch beim Pfle­ge­not­stand alles im Status quo ver­harren. Die Zukunft bleibt für die Alten düster. Und das, was wir Fort­schritt nennen, Digi­ta­li­sierung, Internet und Arbeitswelt 4.0, ver­liert dann seine gesell­schaft­liche-mora­lische Diktion, wenn am anderen Ende der Mensch hier­zu­lande nur auf seine Bio­masse redu­ziert wird und statt­dessen die Mas­sen­mi­gration sub­ven­tio­niert mil­lio­nenfach wird. Was unsere Gesell­schaft betrifft, so ent­wi­ckeln wir uns so zivi­li­sa­to­risch nicht nach vorn, sondern zurück – gleichwie der „Engel der Geschichte Walter Ben­jamins. Schon der große Schrift­steller schrieb einst über seinen Engel der Geschichte: „Aber ein Sturm weht vom Para­diese her, der sich in seinen Flügeln ver­fangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unauf­haltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trüm­mer­haufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fort­schritt nennen, ist dieser Sturm.“ Im Wesen also nicht Neues nur das eben ein Sturm vom Para­diese her weht.
 


Dr. Dr. Stefan Groß für TheEuropean.de