Kret­schmann und der 7jährige Mes­ser­stecher — Oder: der galop­pie­rende Verlust unserer Zivilisation

Der dra­ma­tische Vorfall in einer Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Grund­schule erschüttert die Gemüter seit Tagen. Ein sie­ben­jäh­riger, kleiner Junge stach seiner Leh­rerin ein Messer in den Bauch. Die Frau musste ope­riert werden. Sie steht immer noch unter Schock.
In der Folge setzte der alte, leidige Sport des Ver­ant­wor­tungs-Polos ein. Kul­tus­mi­nis­terin Susanne Eisenmann (CDU) schubste den Ball mit kühnem Erst­an­griff in das Tor der Schul­auf­sicht, man habe ja gewusst, dass der Bub hoch aggressiv sei und man hätte schneller auf Hin­weise zu seinem Ver­halten reagieren müssen. Ein Brief an das Frei­burger Schulamt stellte schon früh fest, dass die Lehrer nicht mehr für die Sicherheit der Schüler garan­tieren könnten. Denn der Junge sei auf­grund der täg­lichen Vor­fälle – Beißen und Schlagen von Mit­schülern und Lehrern, Werfen von Stühlen – nicht bere­chenbar und schwer zu kon­trol­lieren. Eine „engere und auf­merk­samere Begleitung des Vor­ganges durch die ört­liche Schul­auf­sicht“ sei ange­bracht gewesen, legt das Schulamt nach. Die Gewerk­schaft Erziehung und Wis­sen­schaft tummelt sich eben­falls auf dem Polo-Platz und tut das, was sie am besten kann: sie fordert. Diesmal eine sorg­fältige Auf­ar­beitung des Falls. Und, natürlich, Psycho-Betü­telung: Schul­psy­cho­lo­gische Bera­tungs­stellen müssen sich jetzt in Gesprächen um das Befinden der Schüler, Eltern und Lehrer kümmern: „Die Betrof­fenen dürfen in einer solchen Situation nicht alleine gelassen werden.“ „Vor­schnelle“ Ant­worten oder „Vor­ver­ur­tei­lungen“ dürfe es nicht geben. Wichtig seien Schul­so­zi­al­arbeit und Schul­psy­cho­logen, um Strei­tig­keiten ent­schärfen zu können.
Jugendamt und Bür­ger­meister sind eben­falls ein­ge­schaltet, man spüre eine „Ver­un­si­cherung“ bei Eltern, Lehrern und Schülern. So richtig dra­ma­tisch sei das Ganze aber nicht. Der Junge habe die Leh­rerin „leicht mit dem Obst­messer verletzt“.
Baden-Würt­tem­bergs Minis­ter­prä­sident Kret­schmann meldete sich am 20. März zu Wort: „Wir müssen nicht wegen jedem Ein­zelfall glauben, wir müssten die Welt ändern. Das ist nicht der Fall.“ Und er fügt hinzu: „Ich selbst habe früher als Lehrer keine Gewalt gegen Lehrer erlebt.“
Die Polizei selbst spielt den Vorfall eben­falls her­unter: „Wir haben ver­sucht, die Dra­matik her­un­ter­zu­stufen, die letzt­endlich gar nicht vor­handen war.“   Laut Polizei habe der Bub mit einem kleinen Obst­messer han­tiert und es habe sich nicht um einen gezielten Angriff gehandelt. Die Leh­rerin habe nur wegen einer ober­fläch­lichen Ver­letzung behandelt werden müssen. Die BILD-Zeitung ver­öf­fent­lichte aber ein Foto der „ober­fläch­lichen Ver­letzung“ ohne gezielte Angriff:

Stich­wunde der Leh­rerin, Foto: Screenshot der Web­seite zum Artikel


 
Man mag über die Frage des Geschmacks streiten, das Foto der Stich­ver­letzung öffentlich zu zeigen. BILD muss das Foto aller­dings von der ver­letzten Leh­rerin selbst bekommen haben. Die Frau sieht die ganze Sache ganz anders und beschreibt einen sehr wohl gezielten Angriff. Ihre Schil­derung wird durch das Foto ein­drucksvoll unter­stützt. Dies ist keine ober­fläch­liche Schnitt­wunde oder stär­kerer Kratzer sondern eine tiefe Stich­wunde, die so nur ent­steht, wenn ein Messer senk­recht in den Körper gerammt wird. Dazu muss ein Sie­ben­jäh­riger schon Kraft auf­wenden. Eine ober­fläch­liche Schnitt­wunde hätte auch nicht ope­riert werden müssen.
Die Leh­rerin leidet seitdem nicht nur an der phy­si­schen Ver­letzung, sondern fast noch mehr an der psy­chi­schen Miss­handlung durch die Ver­ant­wort­lichen öffent­lichen Stellen: „Ich leide noch heute unter dem Angriff und finde es schlimm, dass das so ver­harmlost wird.“ 
Die ver­krampften Ver­harm­lo­sungs-Tänze, die um diesen Fall gemacht werden, sind, um es vor­sichtig zu sagen, höchst erstaunlich und ver­dächtig. Drücken wir es einmal so aus: Ange­nommen, ein deut­scher Bub aus einer eher rechts­las­tigen Familie, hätte eine solche, doku­men­tierte Geschichte von Gewalt und Aggres­si­vität — Jugendamt und Polizei wären längst ein­ge­schritten, und die Presse hätte die Story vom trau­ma­ti­sierten Kind als Ergebnis einer faschis­ti­schen Schur­ken­fa­milien-Erziehung mit ‑zig Fotos abgefeiert.
Aber darum geht es hier eigentlich nur am Rande.
Was dieser Fall wirklich offenbart, ist der galop­pie­rende Verlust der Zivilisation.
Denn in einem muss man Minis­ter­prä­sident Kret­schmann Recht geben: Es gab früher keine Gewalt gegen Lehrer. So etwas war einfach nicht denkbar. So etwas machten zivi­li­sierte und erzogene Kinder und Jugend­liche nicht. Heute ist das an der Tages­ordnung. Das Novum in diesem Fall ist nur, dass es jetzt schon ein Sie­ben­jäh­riger ist, der auch noch gleich mit einem Messer zusticht. Insofern ist es auch relativ gleich­gültig, welcher Her­kunft der Junge ist. Es ist sowieso nur eine Frage der Zeit, wann die sich aus­brei­tende, wahllose Bar­barei auf alle Kinder und Jugend­lichen über­greift. Jeder, der in so einem Umfeld groß wird, lernt, dass rohe Gewalt immer siegt und er der Bru­talste sein muss – oder er geht unter und wird zum Opfer. Es ist das Kenn­zeichen der Bar­barei, dass die Bru­talsten die Oberhand erkämpfen und dass deren Banden die Herr­schaft an sich reißen.
Was bedeutet Zivi­li­sation und zivi­li­siertes Verhalten?
Mit dem Begriff Zivi­li­sation meint man die Ent­wicklung des Zusam­men­lebens von Men­schen, die zu einem mög­lichst fried­lichen und aggres­si­ons­freien Mit­ein­ander führen soll. Eine Grundlage dafür ist die Achtung der Grund- und Men­schen­rechte.
Aus­druck der Zivi­li­sation ist die Aus­bildung bestimmter Ver­hal­tens­weisen in einer Gesell­schaft (z.B. Scham­gefühl oder Pein­lich­keits­schwellen oder aber auch das Gewissen). Ein zivi­li­sierter Umgang mit­ein­ander bedeutet, dass man anderen mit Achtung und Würde gegen­über­tritt und dabei nicht belei­digend oder ver­letzend handelt.
Zur Zivi­li­sation gehört auch tech­ni­scher oder wis­sen­schaft­licher Fort­schritt. Jede Gene­ration kann dabei auf die Errun­gen­schaften frü­herer Gene­ra­tionen auf­bauen. Nicht alles, was neu erfunden oder ent­deckt wird, gilt aber tat­sächlich auch als zivi­li­sa­to­ri­scher Fortschritt.“
(Aus: Politik-Lexikon für junge Leute)
Man muss nicht tief in die Phi­lo­sophie ein­tauchen, um die Grundzüge des Begriffes Zivi­li­sation zu ver­stehen. Die obige Beschreibung erfüllt ihren Zweck.
Das Wort stammt vom latei­ni­schen „Civis“, Bürger. Darin liegt schon die Kon­no­tation einer Gemein­schaft von Men­schen, die sich Regeln für ein Zusam­men­leben gibt, welche für alle gelten unter denen sie gemeinsam leben, mit­ein­ander umgehen und arbeiten können. Diese Regeln müssen ein­ge­halten werden, um den Frieden, Sicherheit und Gerech­tigkeit zu erhalten und den Schutz des Schwä­cheren gegen den Stär­keren zu gewähr­leisten. Dies gelingt nur, wenn die Gemein­schaft der Bürger (durch Insti­tu­tionen, gewählte Regie­rungen) oder ein Ober­haupt (Landvogt, Könige, Kaiser,) die Ein­haltung der Regeln auch durchsetzt.
Egal, welcher Kultur eine Zivi­li­sation angehört, welche Religion sie hat oder auf welchem tech­no­lo­gi­schen Stand sie steht: Der Kern jeder Zivi­li­sation sind die gerechten Regeln des Zusam­men­lebens, die den Ein­zelnen und die Gemein­schaft schützen und Ver­brechen, Willkür und Gewalt ent­schieden Einhalt gebieten. Auch tech­no­lo­gisch hoch­ste­hende Gesell­schaften können, wenn das Recht und die Gerech­tigkeit und der zivi­li­sierte Umgang mit­ein­ander zer­fällt, zur Bar­barei ver­kommen. (Weitere Bei­spiele für grau­en­hafte Bar­barei, nur aus diesen Tagen: In Kiel über­schüttete ein Afri­kaner seine Frau und Mutter seiner Kinder auf offener Straße mit einer brenn­baren Flüs­sigkeit und zündete sie an. … In Dessau ver­ge­wal­tigten zwei Afri­kaner eine 56jährige stun­denlang auf bru­talste Weise …)
In dem Moment, wo eine Zivi­li­sation durch Schwäche, Feigheit oder Bestechung vor Faust­recht und Ver­brechen kapi­tu­liert oder weg­schaut, öffnet sie das Tor zum Untergang. Es gibt immer brutale und gewis­senlose Ele­mente, die ständig die Stand­haf­tigkeit der Zivi­li­sation her­aus­fordern. Beob­achten diese eine Schwäche, werden sie mehr … und dreister. Die Geier und Hyänen sammeln sich und rücken immer enger auf den schwachen Löwen zu. Kann er sich nicht mehr gegen die Attacken wehren, zer­flei­schen sie ihn leben­digen Leibes.
Das, was wir Bürger seit Jahren mit ansehen müssen, ist genau dieser sich beschleu­ni­gende Zerfall. Der Fall des sie­ben­jäh­rigen Mes­ser­ste­chers ist eine unüber­sehbare Weg­marke. Das hat es – meines Wissens – noch nie in der deut­schen Geschichte gegeben, dass ein Sie­ben­jäh­riger in der Schule einen Lehrer ersticht. Das ist in über Tausend Jahren nicht pas­siert. Diese Tat findet aber in einem Umfeld von Gewalt und Bar­barei statt, in der es nur eine Frage der Zeit war, wann so etwas geschieht. In den meisten Schulen ist das „Han­tieren mit Messern“ und Bru­ta­lität gegen Mit­schüler und Lehrer schon Alltag. Das nächste Todes­opfer wird nicht lange auf sich warten lassen. Hier schon wieder von einem „Ein­zelfall“ zu sprechen, ist absurd.
Kret­schmann verrät sich auch unge­wollt selber: „ Wir müssen nicht wegen jedem Ein­zelfall glauben …“. Oh ja, Herr Minis­ter­prä­sident Kret­schmann, jeder dieser tau­sende Ein­zel­fälle – und derer gibt es täglich viele — viel zu viele! — ist es wert, die Welt zu ändern!
(Außerdem, Herr Lehrer Kret­schmann, steht hinter „wegen“ der Genitiv und es muss heißen „wegen jedes Ein­zelfalls“. Merke: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod!)
Wie wenig die Schulen, die schul­psy­cho­lo­gi­schen Dienste, die GEW (Gewerk­schaft Erziehung und Wis­sen­schaft) und andere Insti­tu­tionen hier an den absolut ein­ma­ligen Ein­zelfall glauben, kommt zum Aus­druck, wenn die GEW-Lan­des­vor­sit­zende Baden-Würt­tem­bergs, Doro Moritz, sagt, dass Experten von schul­psy­cho­lo­gi­schen Bera­tungs­stellen das Gespräch mit den Betrof­fenen suchen sollten. Dabei gehe es auch um die gene­relle Frage, wie ähn­liche Fälle in Zukunft gehandhabt werden können.
Das zu erraten ist nicht schwer. Gerech­tigkeit, Recht und Gesetz sind schon lange außer Kraft. Es gibt nur noch Willkür-Urteile, die die Wehr­losen über Gebühr bestrafen und die Bar­baren gewähren lassen. Die zer­fal­lende Gesell­schaft kennt in ihrer Hilf­lo­sigkeit maximal noch das Psycho-Betüteln der Opfer, um diese irgendwie mit ihrem Opfer­dasein zu ver­söhnen, damit sie sich still in ihr Schicksal ergeben.