Muammar al-Gaddafi hatte es dem Westen prophezeit. Würde man ihn in Libyen entfernen, sei das Chaos sicher und es würden sich Heerscharen von Migranten ihren Weg von den Gestaden Libyens nach Europa hinüberbahnen.
Beides ist genau so eingetroffen. Man kann lange darüber diskutieren, ob diese Entwicklung ein Resultat blinder Macht und Geldgier der führenden westlichen Staaten ist, die sich dieses Desaster nicht haben vorstellen können, oder ob die „7‑Länder-in-5-Jahren“-Strategie der USA dieses Ergebnis auch beabsichtigte.
Libyen ist seit dem Sturz und der bestialischen Hinrichtung Gaddafis ins Chaos versunken. Natürlich wurde das im Westen bejubelt und, wie immer, als wunderbare Befreiung von einem despotischen Herrscher gefeiert. Nach und nach zeigte sich aber überdeutlich, dass die heroische Befreiung durch den Westen der Weg Libyens in die Hölle war. Die Berichtdichte ließ merklich nach. Nur hin und wieder gibt es Berichte der Mainstreammedien dazu, die die furchtbaren Verhältnisse meist im Sinne des Westens interpretieren. Demzufolge sind es die zerstrittenen Stämme, die es dem immer noch selbstlos handelnden Westen starrsinnig und egoistisch schwer machen, Libyen auf den leuchtenden Pfad der Freiheit, Tugend, Einheit und des Reichtums zu führen. Fast schon zynisch die Erklärung, die BILD anbietet:
„Die Aufgabe, das Land nach vier Jahrzehnten Gaddafi-Herrschaft und sechs Monaten blutiger Revolution zusammenzuführen, ist erst recht schwierig, weil Libyen keine Erfahrung mit Wahlen und demokratischen Institutionen hat.“
Es gibt in Libyen zwei Regierungen. Die eine, im Westen Libyens mit Regierungssitz in Tripolis, ist die vom Westen anerkannte „Nationale Einheitsregierung“, von ihren Gegnern als „US-Marionettenregime“ beschimpft. Das größere Gebiet im Osten Libyens steht unter der Ägide General Khalifa Haftars und der “Libyschen Nationalen Armee”. Diese Militärregierung wird von den Kritikern gern als zu russlandfreundlich eingestuft.
General Haftar wird von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, dem Oman, Tunesien und Russland unterstützt, indem sie General Haftars Kandidaten im Präsidentschaftswahlkampf dieses Jahr finanzieren. Der General selbst steht als Kandidat nicht zur Verfügung. Er kümmert sich lieber darum, die islamistischen Milizen aus seinem Territorium zu vertreiben. Zur Zeit tobt der Kampf um die Stadt Derna. Im September 2017 war es dem alten Haudegen gelungen, Benghasi vom IS zu befreien. Die Menschen waren glücklich, die Neue Züricher Zeitung beschreibt in bewegenden Bildern, wie Benghasi von einem Tag auf den anderen auferstand und wieder zu leuchten anfing. Hier ist General Haftar der Volksheld Nummer 1.
Der hohe Staatsrat Libyens erkennt General Haftar jedoch nicht an und so wird es schwierig werden, egal, welchen Kandidaten eine Präsidentschaftswahl zum Staatsoberhaupt für ganz Libyen bestimmen wird, er wird vor einer unlösbaren Aufgabe stehen. Haftar ist die wichtigste Figur im Land, doch die westlichen Interessen verhindern eine Anerkennung des „Kreml-Freundes“.
Andererseits hat Haftar dafür gesorgt, dass es wieder möglich ist, Öl zu exportieren und hat die Häfen wieder gangbar gemacht. Die guten Beziehungen des Generals zum Kreml brachten einen Explorations- und Fördervertrag zwischen der libyschen Erdölgesellschaft und dem russischen Erdölkonzern Rosneft zuwege. Das bringt Geld ins Land, das dringend gebraucht wird, und so arrangiert man sich in der US-freundlichen, westorientierten Einheitsregierung ganz pragmatisch mit dem neuen, starken Mann. Zumal man damit rechnen muss, dass seine Truppen womöglich sehr schnell mit russischen Waffen ausgestattet sein werden, wenn das erforderlich ist.
Die Lage in Libyen unterscheidet sich in ihrer Verworrenheit und Festgefahrenheit nur partiell von der Syriens. Hier wie dort scheint es, als habe der Westen ein paar Faktoren und Variablen seiner geostrategischen Gleichung nicht mit einbezogen oder falsch gewichtet.
Die in unseren westlichen Medien immer wieder betonte Problematik der zerstrittenen Stämme Libyens als Hindernis für eine Befriedung des Landes könnte sich als Vorwand erweisen. Ein Narrativ, das von den tatsächlichen Antagonisten, nämlich dem Westen, der seine Vormachtsstellung in Libyen – um die zu erreichen man ja das Land destabilisiert hat – zu festigen gegen die Bestrebungen Russlands, der VAE (Vereinigten Arabischen Emirate) Oman, Ägypten und Tunesien, eben diese westliche Vormachtsstellung und ein zweites Syrien zu verhindern.
Das legt zumindest ein Bericht nahe, der auf der Plattform „Der Freitag“ erschienen ist.
Unter der Überschrift „Die großen Stämme und ihre Lageeinschätzung“ werden kurz und prägnant die Verhältnisse in Libyen geschildert. Obwohl man — auch bei sorgfältiger Recherche der Quellen über Libyen – sich schwer ein Bild über die Verhältnisse im Land machen kann, macht der von Angelika Gutsche übersetzte Bericht doch den Eindruck, dass man es hier mit einer Beschreibung einer Journalistin vor Ort (Joane M) zu tun hat, die anscheinend die Fakten überzeugend wiedergibt. Auf jeden Fall ist diese Lagebeschreibung enorm wichtig und sollte als Lackmustest bei zukünftigen Berichten in den Mainstreammedien im Hinterkopf behalten werden. Denn wir haben eins gelernt: Je verworrener und unüberschaubarer uns die Medien eine Sachlage präsentieren, desto mehr Blendgranaten sind gezündet worden, gerade um uns zu verwirren.
Diesem Bericht zufolge sind nicht die verschiedenen Stämme Libyens die immerwährende Streitquelle und das Hindernis für Ruhe und Frieden im Land. Es handelt sich ja hier um eine gemeinsame Erklärung dieser Stämme und die hat es in sich.
Das Problem sehen die Stämme eher in den zusammengewürfelten, bewaffneten Horden, den „radikalen Terroristensöldnern“, die – so steht es da! — 2011 von der CIA und anderen verdeckten Gruppen nach Libyen hineingebracht wurden. Die sogenannten Milizen bestünden aus radikalen Islamisten und psychopathischen Kriminellen: Muslimbruderschaft, Libysche Islamische Kampfgruppe (LFIG), Ansar al-Scharia, al Kaida, ISIS, Salafistengruppen und andere Söldnerbanden. Sie alle zerstören und plündern das Land.
Die UN-Marionettenregierung in Tripolis (Nationale Einheitsregierung) arbeite mit diesen „Milizen“ zusammen, was recht glaubwürdig erscheint, da wir dieses Muster schon öfter beobachtet haben.
Es werden konkrete Namen genannt von Männern, die diese „Milizen“ anführen. Tatsächlich sind die Namen der dort genannten Herren keine Ansammlung von tugendhaften Staatsmännern: Ibrahim Dschadran, Ismail al-Salabi und andere. Es gebe etwa 50.000 dieser „Verbrecher“ und diese Herrschaften haben laut der Stämme Libyens nur ein großes Ziel, nämlich: „Es interessieren sie nur ihre Gewinne und wie sie sich libysche Ressourcen unter den Nagel reißen können … Sie kümmern sich nicht um die unschuldigen Libyer, die weiterhin täglich unter Mangel an Nahrung, Elektrizität, Wasser, Treibstoff etc. leiden.“
Es werden auch die Sponsoren dieser „Diebe und Mörder“ genannt: „Diese Milizen in Libyen werden mit Waffen, Söldnern und Geld von der Türkei, Katar und im Geheimen vom Westen (UN, USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Saudi-Arabien, Israel) versorgt.“
Die Libysche Nationalarmee – gemeint sind hier die Truppen Generals Haftar – kämpfe gegen diese Truppen, doch wegen des UNO-Embargos fehlen ihnen die Waffen, um diese Milizen vollkommen aus Libyen zu vertreiben. Dieser Satz ist sicherlich als Aufforderung an Moskau gedacht. Libyens große Stämme unterstützen die Nationalarmee.
Eine auffällige Parallele zu Syrien gibt es: Die Bombardements, die angeblich gegen die Islamisten zielen sollen, jedoch regelmäßig entweder die regulären Truppen treffen, damit diese die Islamisten nicht schlagen und vertreiben, oder Zivilisten, um wieder Bilder für die westlichen Nachrichten zu kreieren, und andere damit zu beschuldigen: Unter Punkt 8 Stellen die Stämme klar, dass das Africom (US-amerikanisches Afrika-Einsatzkommando) am selben Tage der Aussendung des Lageberichtes in der Nähe von Bani Walid Bombardements geflogen habe. Angeblich habe der Angriff dem IS gegolten und keine Zivilisten verletzt, in Wahrheit aber seien drei Zivilisten getötet worden.
Das Volk Libyens, so der Bericht, wolle endlich eine landesweite Wahl, einen wirklichen Führer und echte Sicherheit.
Den Schluss dieser Botschaft möchten wir hier als Zitat wiedergeben:
„Heute, wie in den vergangenen sieben Jahren, geht die Zerstörung unseres geliebten Libyen durch die uns aufgezwungene Milizen-Mafia weiter, unter deren Knute wir stehen. Diese Zerstörung wurde 2011 durch eine Lüge eingeleitet. Alle Menschen in Libyen kennen und verstehen das schmutzige Spiel, das von den westlichen […] kontrollierten Ländern gegen sie und ihr souveränes Land gespielt wurde. Alle Bürger Libyens sind Mitglieder von Stämmen. Wir als die Führer dieser Stämme sprechen für das libysche Volk. Wir bitten die Welt, nach Libyen zu schauen und die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wahrzunehmen, die bis heute andauern. Gegen diese kriminellen Handlungen muss vorgegangen werden, sie müssen gestoppt werden. Wir, die Großen Stämme Libyens, sind bereit, uns mit Menschen und Ländern guten Herzens und Mitmenschlichkeit zusammenzutun, die bereit sind, uns bei der Wiedererlangung unserer Souveränität und Sicherheit beizustehen.“
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