By Braveheart - Own work, CC BY-SA 4.0, Link

Bäume als Weg­weiser – die Föhre

Es gibt ver­schiedene Namen für die Föhre: Füüre, Forke oder Kiefer – und das ist ja auch kein Wunder für eine Baumart, die von Men­schen in so vie­lerlei Hin­sicht genutzt wurde und wird. Die erste Nennung, so sagen die einen, wird im 15. Jahr­hundert, von anderen im 16. Jahr­hundert belegt. Die Föhre wird immer schnell mit Feuer-machen in Ver­bindung gebracht. Die Kelten nannten sie deshalb auch Feu­erbaum, einer­seits wegen ihrer roten Rinde, ander­seits auch wegen des hohen Harz­ge­haltes, und sicher ist, dass mit Föh­ren­spänen die Chance auf eine Flamme wächst.

Die Föhre steht somit auch sinn­bildlich für das innere Feuer, für das Lebens­feuer, für unser Recht, zu sein oder unser Geburts­recht. Wer inkar­niert, also ins Fleisch gekommen ist, hat das Recht, sein Leben zu Leben. Das bedeutet auch, das Leben und sich selbst zu erfor­schen. Gerade da, im Erfor­schen des Lebens, stehen wir heute an einem äus­serst span­nenden Punkt. Die tech­nische Ent­wicklung zieht uns in eine Richtung, die wir so als Menschheit und empa­thische Wesen wohl kaum wollen. „Big Data“, „Künst­liche Intel­ligenz“ (KI), „ver­netzt sein“ sind die Schlag­worte der Zeit, und ja, tat­sächlich könnte dies in vielen Bereichen Vor­teile bringen. Leider wurde die Technik auf unserer Erde selten zum Vorteil von uns Men­schen genutzt.

Unser System, der Glaube an das Über­leben des Stär­keren, prägt uns so sehr, dass wir den Vorteil der Koope­ration gegenüber dem der Kon­kurrenz nicht erkennen. Koope­ration ist die Liebe zu mir selbst und meinen Nächsten. Kon­kurrenz wie­derum ist der Kampf gegen das andere, das meist auch mit der Wertung „das Böse“ oder „Falsche“ eti­ket­tiert wird. Würden wir die Technik zur Koope­ration nutzen, wäre das zum Nachteil derer, die uns in Kon­kurrenz halten wollen.

Könnte es sein, dass der Lehrsatz „Cogito ergo sum“ von Des­cartes „Ich denke, also bin ich“, das 1641 den Weg in die Auf­klärung ebnete und das Rationale vom Aber­glauben trennte, der Satz ist, der uns heute unserer Leben­digkeit beraubt? Denken ist doch sehr wohl etwas Tolles. Denken macht auch Spass und bringt uns Wissen. Würde jedoch dieses Wissen unsere Situation als Men­schen ver­bessern, müssten wir doch das Paradies auf Erden haben.

Die Her­aus­for­derung, dass wir uns selbst nicht kennen und uns immer wieder in ver­schie­denen Zeiten und Kul­turen sagen lassen, was die Wahrheit ist, macht die Sache nicht ein­facher. Das war vor dem Römi­schen Imperium so, wurde von der römisch-katho­li­schen Kirche wei­ter­ge­führt, und ist bis in die heutige Zeit ein aktives Dilemma. Diese Zwick­mühle, in der wir heute sowohl als Menschheit als auch als Indi­viduum stecken, wird uns solange begleiten, wie wir uns der Illusion der Schuld hingeben.

Sobald wir uns jedoch erlauben, in dieses Ich bin ein­zu­tauchen, werden wir fest­stellen, dass das, was wir Denken nennen, kom­plett in den Hin­ter­grund rückt. Tran­szendenz wird erfahrbar, im wahrsten Sinne des Wortes – das Über­schreiten, das Darüber-hinaus-gehen, das Jen­seitige. Dass die Sehn­sucht nach dem Jen­sei­tigen heute besonders groß ist, dazu muss man nur ein­schlägige Magazine und Web­siten besuchen. Die Fas­zi­nation, dass da noch mehr ist, ist heute besonders groß – oder besser breit. Die Föhre fordert uns auf, dieses Tran­szen­dente in uns zu ent­decken. Der Feu­erbaum stellt uns sein Licht zur Ver­fügung, um jenes Licht in uns zu entdecken.

Erkennen wir unser Geburts­recht, führt uns das im besten Falle in die Selbst­er­mäch­tigung. Selbst­er­mäch­tigung findet sich im Gewahr-sein.

Der ewige Fluss, unsere Gedanken zu beob­achten, ist uns gegeben. Es ist uns erlaubt, unsere Über­zeu­gungen hinter dem Gedanken zu iden­ti­fi­zieren. Diese Über­zeu­gungen, die indi­vi­duell und untrennbar mit unserem Sein ver­woben sind, neu zu erleben und Wirk­lich­keiten in uns zu gestalten, die wir auch als Him­mels­reich in uns erleben können, ist uns versprochen.

Aus dieser Selbst­ver­ständ­lichkeit, „sein Selbst zu ver­stehen“, gelingt es, vis vitalis die Lebens­kraft in allen Bereichen unseres Seins erfahrbar und erlebbar zu gestalten. Wir wirken selber als Leucht­feuer, das sich aus uns selbst heraus ent­faltet und Poten­tiale zur Wirkung bringt.

Die Föhre hat keine hohen Ansprüche an ihre Umgebung. Mit genügend Son­nen­licht und einem kleinen sozialen Baum­netzwerk kann sie schon mit 15 Jahren im Mai erblühen. Ihr Pollen legen sehr große Distanzen zurück und wurden durch die gelb­liche Farbe oft als Schwe­fel­regen gedeutet. Über dieses „in-die-Ferne-tragen“ waren sich viel­leicht schon die Kelten bewusst, die ihre Rats­plätze auch gerne mit Föhren bestückten. Viel­leicht war der Gedanke dahinter, dass die Rats­be­schlüsse sich so schnell ver­breiten sollten wie die Föh­ren­pollen im Frühling. Auch heilige Heine wurden mit Föhren bepflanzt sowie Orte des Rückzugs und der Medi­tation. Kein Wunder, dass diese von den Römern gleich mit den Dörfern ver­brannt wurden, um so wichtige Wurzeln eines Volkes neben Herd und Hof aus dem Leben zu verbannen.