Kran­ken­häuser werden kaputt­ge­spart: Ein Drittel macht Verluste

Es gibt wieder eine Studie zur Lage der Kran­ken­häuser. Roland Berger hat die Kran­kenhaus-Studie 2018 erstellt, aber noch nicht ver­öf­fent­licht. Die alte Malaise der defi­zi­tären Kran­ken­häuser hat sich leicht ver­schärft: 32% der Kli­niken machen dieses Jahr nach den Erwar­tungen ihrer Leiter Ver­luste, im letzten Jahr waren es 31%.
Die Kli­niken machen die feh­lenden öffent­lichen För­der­gelder für ihr Minus ver­ant­wortlich. Die jewei­ligen Bun­des­länder und die Kran­ken­kassen sind die Geld­geber der Kli­niken, wobei die Behandlung der Pati­enten von den Kran­ken­kassen und ‑ver­si­che­rungen bezahlt werden und die Ver­waltung, Gebäu­de­in­stand­haltung und andere Kosten der Infra­struktur von den Bundesländern.
Die Kran­ken­häuser ver­suchen natürlich durch bessere Aus­lastung ihr Minus abzu­bauen oder in die Gewinnzone zu kommen, was oft zu dem Vorwurf führt, es würden The­rapien und teure Ope­ra­tionen gemacht, die eigentlich nicht nötig wären, nur um Geld in die Kassen zu bekommen. Auch die Roland Berger-Studie lässt dies anklingen: Alle Klinik-Manager ver­suchten, ihre „sta­tio­nären Erlöse“ zu erhöhen, also mehr Pati­enten zu behandeln und mehr zu ope­rieren. In Deutschland werde, so die Studie, „aus wirt­schaft­lichen Motiven häu­figer als in den Nach­bar­ländern am Knie, der Hüfte oder dem Rücken operiert.“
Gesund­heits­mi­nister Jens Spahn hat sich auf die Fahnen geschrieben, mit einer neuen Gesund­heits­reform den Pfle­ge­not­stand zu beheben und die Kli­niken zu refor­mieren. Eine Reform­kom­mission wurde gebildet, um in Deutschland die Kran­kenhaus-Ver­sorgung umzubauen.
Das klingt sehr schön nach „In die Hände spucken und das Problem lösen“, und der Boden dafür wurde schon lange vor­be­reitet. Die Bevöl­kerung hat die nötigen Trig­ger­wörter bekommen und ist schon ent­spre­chend kon­di­tio­niert, dass hier etwas Grund­le­gendes getan werden muss, um die Kran­ken­häuser ren­tabel zu machen und besser zu struk­tu­rieren und den Pfle­ge­not­stand zu lösen.
Dabei ist die Politik schon lange dabei, einen Plan umzu­setzen, der, wenn er der Bevöl­kerung bekannt wäre, große Sorgen machen dürfte. Es geht nämlich ganz gezielt und absichtlich weg von den eigen­stän­digen, öffentlich geführten Kli­niken und hin zu den pri­vaten, großen Klinikkonzernen.
Schon die vom dama­ligen Gesund­heits­mi­nister See­hofer ein­ge­leitete Reform 1997 wurde damit begründet, dass die deutsche Bevöl­kerung über­altere, die Gesund­heits­kosten explo­dierten und das Gesund­heits­system ero­diere. Ein­spa­rungen wurden vor­ge­nommen, Leis­tungen gekürzt. Die nie­der­ge­las­senen Ärzte mussten Ein­bußen hin­nehmen, und viele kom­munale Kran­ken­häuser gerieten in finan­zielle Eng­pässe. Die Kom­munen ver­kaufen seitdem langsam ein Kran­kenhaus nach dem anderen an große Kli­nik­kon­zerne, und können so ihre Haus­halte deutlich entlasten.
Schon seit zwanzig Jahren wächst der Anteil der Kli­nik­kon­zerne im Kran­ken­haus­wesen. Die vier ganz Großen sind Asklepios, Fre­senius, Rhön­kli­niken und Sana. Um einmal einen Ein­druck zu ver­mitteln, um welche Beträge es hier im Kli­nik­be­reich geht: Im Jahr 2007 erzielten diese vier Groß­kon­zerne bereits einen GEWINN von 7 Mil­li­arden Euro. Im Jahr 2016 erwirt­schaftete HELIOS allein einen Gewinn von 543 Mil­lionen Euro. Asklepios erwirt­schaftete 2013 45 Mil­lionen Euro.
Inter­essant auch zu wissen, wer die Eigner der großen Kli­niken sind. Anteils­eigner des Fre­senius-Kli­nik­kon­zerns sind Blackrock, die Royal Bank of Canada, Goldman Sachs Asset Management LP, Morgan Stanley & Co Inc.
Die großen Vier arbeiten kon­sten­ef­fek­tiver. Wie das? Ein Posten, bei dem man am ehesten und richtig viel sparen kann, sind die Per­so­nal­kosten. Bei den Kli­nik­kon­zernen ersetzen Haus­tarife die Bun­des­an­ge­stell­ten­tarife und für das über­nommene Per­sonal gilt „friß, Vogel, oder stirb!“
Den Verkauf des deut­schen Gesund­heits­systems an private Kon­zerne kleidet man natürlich, wie immer, in wohl­klin­gende Fach­wörter: „Medi­zi­nische Ver­sor­gungs­zentren“ und „Medi­zi­nische Kom­pe­tenz­zentren“ sollen ent­stehen. Das soll durch „Syn­ergie-Effete“, kürzere „In-House-Wege“ und „Ver­netzung“ die Kosten senken und durch „zuver­lässige Normen“ die erwünschten „Qua­li­täts­stei­ge­rungen“ bewirken.
Zuver­lässige Normen sind aber, beschäftigt man sich damit etwas, nichts anderes, als das Ein­dampfen von ganz indi­vi­duell ange­passten Dia­gno­se­formen und ganz per­sön­lichen The­ra­pie­plänen her­unter auf Standard-Modul-The­rapien. Das muss man sich in etwa so vor­stellen: Das Ganze findet in spe­zia­li­sierten Abtei­lungen in einer rie­sigen Kli­nik­fabrik statt, wo der Patient nicht mehr seinen behan­delnden Arzt kennt und dieser auch nicht mehr seinen, ihm bekannten Pati­enten mit dessen indi­vi­du­ellem Per­sön­lich­keits- und Krank­heitsbild. Statt­dessen werden Pati­enten wie Nummern durch die jeweils spe­zia­li­sierte Abteilung geschleust. Die nächste Abteilung weiß dann zwar, welches Behand­lungs­modul Patient Nummer 452678 davor bekommen hat, und welches Behand­lungs­modul jetzt angesagt ist. Ob das aber wirklich auf den Men­schen passt und ihn heilt, der da wie ein Werk­stück auf einem Fließband wei­ter­ge­schoben wird?
Was Syn­ergien betrifft: Wie prak­tisch, dass der Fre­senius-Kli­nik­konzern auch gleich die Dia­ly­se­pro­dukte vom Her­steller Fre­senius benutzen kann und dieser kei­nerlei Kon­kur­renz­pro­dukte fürchten muss.
Wenn die freien, öffent­lichen Kli­niken den Kon­zern­kli­niken weichen, wie es geplant ist, bauen die Kran­ken­haus­kon­zerne eine Macht­stellung auf, die einem Monopol gleich­kommt. Sie können durch ihre nied­ri­geren Kosten die freien Kran­ken­häuser aus dem Rennen werfen. Irgendwann ist dann der Patient in seiner medi­zi­ni­schen Ver­sorgung alter­na­tivlos auf das „Angebot“ der Kran­ken­haus­kon­zerne ange­wiesen. Er kann auch keine zweite, unab­hängige Meinung so ohne wei­teres ein­holen. Er kann keine unter­schied­lichen Behand­lungs­me­thoden abwägen oder aus­suchen. Das Recht auf freie Arztwahl ist damit de facto abgeschafft.
Wir sollten wachsam ver­folgen, was mit den freien Kran­ken­häusern und Haus­arzt­praxen geschieht und uns als Bürger auch ein­schalten, wenn wir irgendwo lesen, dass wieder ein selbst­stän­diges Kran­kenhaus von einem Kli­nik­konzern über­nommen werden soll. Das erste Anzeichen dafür ist meistens das Anstimmen von Jam­mer­ge­sängen über das Defizit. Dass die öffent­liche Hand aber die För­der­gelder ganz absichtlich ein­kürzt, um das selb­ständige Kran­kenhaus ver­kaufen zu müssen und dadurch den kom­mu­nalen Haushalt zu ent­lasten, das wird meistens nicht erwähnt.
Die öffent­lichen Kran­ken­häuser zur Gesund­heits­ver­sorgung, die Was­ser­ver­sorgung, die öffent­lichen Ver­kehrs­mittel, die Polizei, die Armee und die Gefäng­nisse sollten nicht in pri­vaten Kon­zern­hände kommen. Da, wo es doch geschieht, sehen wir immer eine Ver­teuerung, sobald der Bürger keine Alter­native mehr hat und eine Qua­li­täts­ver­schlech­terung, weil es dann in erster Linie um Profite geht.