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Flurschaden in der Wissenschaft – Die Bildung geht den Bach runter

7. Juli 2018

Die Königs-Disziplin der Wissenschaften, die Mathematik, befindet sich im freien Fall. Seit Jahrzehnten beklagen deutsche Forscher-Verbände vergebens einen zunehmenden Mangel an Personal in den sogenannten MINT-Berufen. MINT ist das Kürzel für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dort bleiben immer mehr Stellen unbesetzt. Hauptsächlich hapert es an mathematischen Kenntnissen und folglich auch bei den wichtigsten Anwendern, den INT-Fächern.

Um 2011 waren es rund 50.000 verwaiste Stellen. Inzwischen hat sich deren Zahl mehr als versechsfacht. Derzeit sind es 325.000. Wie lange sich ein Industrie-Staat solchen Schlendrian leisten kann, ist längst offensichtlich. Schon jetzt kann Deutschland keine Computer und keine Flughäfen mehr bauen.

Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschafts-Forschung, DZHW, geben insbesondere mehr als die Hälfte der Mathematik-Studenten vorzeitig auf. „MINT-Fächer gehören zu den Bereichen mit sehr hohen Abbruch-Quoten.“ Ursache: „Wer heute ein Studium in diesen Fächern beginnt, hat trotz Hochschulreife selten die dazu nötigen Voraussetzungen.“ So beklagte Anke Dankers auf der Netz-Seite des Tageblatts Die Welt.

Der Schaden breitet sich schon weiter aus. Im Mai verließen 37 Studenten der Finanzwirtschaft an der Universität Hohenheim bei einer Grundlagenprüfung den Saal. Anschließend legten sie gleichlautende Atteste vor, in denen ihnen ein und der selbe Arzt Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit und Erbrechen bescheinigte.

Das Prüfungsamt glaubte nur an den Schwindel. Studiendekan Jörg Schiller nannte den wahren Grund: „Viele Studierende tun sich schwer mit Mathe.“ Diesbezügliche Grundkenntnisse seien in der Finanzwirtschaft allerdings unverzichtbar.

Es krankt offenbar schon in den Schulen. Im letzten Jahr sind beispielsweise in Brandenburg sechstausend Prüflinge beim Abitur am Fach Mathematik gescheitert. Sie sollten Aufgaben lösen, die im Unterricht gar nicht behandelt worden waren. Der Prüfungsstoff stand zwar auf dem Lehrplan, war aber an 27 von 137 Gymnasien unter den Tisch gefallen.

„Die Panne zeigt auf erschreckende Weise,“ so schrieb Gudrun Mallwitz in der Berliner Morgenpost, „wie lückenhaft der Mathe-Unterricht an einigen Schulen offenbar ist. Die Verantwortlichen müssen dringend nachsitzen.“ Erst nach heftigen Protesten gewährte Bildungs-Minister Günter Baaske, SPD, den betroffenen Schülern einen erneuten Versuch.

Statt Lern- und Lehrbedingungen zu verbessern, wurde Schulzeit an den Gymnasien von neun auf acht Jahre verkürzt. Ferner beschloß die Kultusminister-Konferenz die Reifeprüfung bundesweit zu vereinheitlichen. Danach sollen Abiturienten von Flensburg bis zum Bodensee am einem Tag die selbe Matheprüfung schreiben. Das Ziel sei, das Abitur vergleichbarer und durchsichtiger zu machen.

Bernd Kramer und Karl-Heinz Reith vom spiegel.de halten das für eine Milchmädchen-Rechnung. Dazu unterscheiden sich die Leistungen in den einzelnen Bundesländern viel zu sehr, wie sie zu bedenken gaben.

Laut dem sogenannten Bildungsmonitor 2016 des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln, IW, liegen die Sachsen mit Abstand vorn. Das Bundesland verfügt demnach über das beste Bildungs-System in ganz Deutschland. Auf Platz zwei folgt Thüringen. Dort kümmern sich vergleichsweise viele Lehrkräfte und jeweils wenige Schüler oder Studenten. Entsprechend nachhaltig sei die Betreuung.

Erst auf Rang drei und vier folgen die Wessis aus Bayern und Baden-Württemberg. Auf den Abstiegs-Plätzen 14 und 15 finden sich Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Berlin auf Rang 16 hält die rote Laterne. Es würde wenig Sinn machen das Bildungs-System der denkfaulen Berliner mit dem tüchtigen Sachsen auf einen Nenner zu bringen. Die andern sollten lieber bei den Musterschülern spicken.

Vor allem aber stehen die Hochschulen in der Verantwortung, denn sie sollen die Mathematik-Lehrer ausbilden. Wer aber einen Einblick in den Lehrbetrieb der an Uni besitzt, den überrascht der Einbruch nicht.

An der Ludwig-Maximilians-Universität München, LMU, eine der größten wissenschaftliche Anstalten der Republik, kämpften die Professoren schon um die Jahrtausendwende einen zähen, aber aussichtslosen Kampf gegen untaugliche Eingriffe der Kultur-Bürokratie. Unfähige Prinzipienreiter setzten durch, daß die Studienzeit für Mathematik immer weiter beschränkt wurde, weil dies bei anderen Fächern ebenso sei. Auch Warnungen, dieses Schlüssel-Fach mit völlig andersartigen Zweigen wie Theologie über einen Kamm zu scheren, verhallten wirkungslos.

Immerhin gestand man Mathe-Studenten zunächst noch zwölf Semester bis zur Diplomprüfung zu, sechs bis zum Vordiplom. Doch schon bald darauf schrumpfte die letzte Frist auf fünf, dann auf vier Semester. Mit Abschaffung des Diploms zu Gunsten der amerikanischen Micky-Maus-Grade wie Bachalor und Master brachen schließlich alle Dämme.

Viele Studenten gingen notgedrungen dazu über, Sätze und Beweise auswendig zu lernen wie Gedichte, weil die Zeit zu mühevollerem Verständnis fehlte. Entsprechend verheerend fielen die Klausuren aus, weil die Schwierigkeiten in der Sache blieben. Wiederum auf Druck von Kultur-Politikern senkten die meisten Lehrer an der mathematischen Fakultät der LMU ihre Anforderung.

Als ein Professor sich widersetzte und achtzig Prozent der Teilnehmer bei der schriftlichen Prüfung durchfallen ließ, wurde die selbe Lehrveranstaltung im folgenden Semester mit verringerten Ansprüchen wiederholt.

Schließlich senkte man den Lehrstoff soweit ab, daß sogar Studenten der Informatik sich bis zur Zwischenprüfung für Mathematik einschrieben, weil Ansprüche dort geringer waren als auf ihrem Anwendungs-Gebiet.

Statt Forschung und Lehre aus zu weiten und zu verstärken wie behauptet strich die Politik den Bestand zusammen. Die Fachschaft Mathematik an der LMU, vormals eine eigene Fakultät, hat das Bayerische Kultus-Ministerium mit der Statistik und der Informatik zusammen gelegt. Verwaise Lehrstühle wurden bei Emeritierung der Professoren aufgelöst. Sparmaßnahmen statt mehr Investitionen in Forschung und Lehre!

Zugleich forderten die selben Kultur-Bürokraten für Anwärter des Lehramts an Grundschulen Kenntnisse von Stoff für höhere Semester in der Mathematik ein, wie etwa Topologie und mathematische Beweisführung. Dabei kam die eigentliche Unterrichtung von ABC-Schützen in den Grundrechenarten wie Zusammenzählen, Abziehen, Malnehmen und Teilen entprechend zu kurz.

An der Freien Universität Berlin sahen sich die Lehramts-Anwärter ebenso überstrapaziert. „Angehende Grundschullehrer fallen reihenweise durch die Klausur“, meldete die Netz-Redaktion von Radio Brandenburg-Berlin, rbb. Die Studenten sollten mathematische Beweise führen, statt zu vermitteln, wie man das Einmaleins erlernt.

Die geplagten FU-Studenten muckten auf. Sie richteten einen offenen Brief an die Dekane der Erziehungs-Wissenschaft und der Mathematik. Darin bemängelten sie die überzogenen Ansprüche an ihr Studium. Das ist keine Trotzreaktion auf eine schlechte Note,“ erklärte ihre Sprecherin Neele Rother, „aber wir fühlen ums nicht ernst genommen, weil wir seit Monaten darauf hinweisen, daß die Anforderungen für Grundschul-Pädagogik zu hoch sind.“

Sprecherin Rother fehlte zudem der Bezug zur Praxis. Schriftliches Multiplizieren im Dezimal-System etwa werde nur kurz gestreift, obwohl dies einen wesentlichen Teil des Mathe-Unterrichts an Grundschulen ausmache.

„Das schreckt ab,“ befand Reporterin Sarah Mühlberger mitfühlend, „dabei braucht Berlin viele neue Lehrer.“ Rund tausend offenen Stellen stünden gerade einmal zweihundert Referendare gegenüber, die ihr Studium an Berliner Universitäten erfolgreich abgeschlossen hätten.

Vielleicht sollten Kultur-Politiker mal einen Blick in ein Mathebuch werfen. Dann wüßten sie, daß Ergebnisse auf dem Schlüsselgebiet der Wissenschaft nicht so billig zu haben sind wie sie sich das offenbar vorstellen. So schrieb Harro Heuser 1988 in der Einleitung zu seinem zweibändigen „Lehrbuch der Anlysis“ erhellend:

„Das Studium der Mathematik stellt gerade an den Anfänger Forderungen, die kaum eine andere Wissenschaft ihren Adepten zumutet, die aber so gebieterisch aus der Natur der Sache selbst entspringen, daß sie nicht preisgegeben werden können, ohne die Mathematik als Wissenschaft aufzugeben.“

Der Verfasser fuhr fort: “Um die geistige Disziplin der Mathematik überhaupt erst akzeptieren und dann praktizieren zu können und um sich in der dünnen Höhenluft der Abstraktion wohl zu fühlen, bedarf es nichts Geringeres als eines Umbaus der geistigen Person. Ein solcher Umbau geht immer mit Erschütterungen und Schmerzen einher. Gerade weil sie unvermeidbar sind, habe ich mich doppelt bemüht sie zu mindern.“

Die zu erwartende Plackerei dürfte maßgebend für Frauen sein, die trotz vielseitiger Ermunterung sich meist lieber für einen Laber- und/oder Wohlfühlberuf zu entscheiden. So war zu lesen.

Wer indessen das Studium der Mathematik durchgestanden und erfolgreich abgeschlossen hat, muß beim Eintritt ins Berufsleben mitunter erkennen, wie wenig sich die Mühe wirtschaftlich lohnt. In den Stellenanzeigen vieler Forschungs-Anstalten wird ihm der erste Dämpfer aufgesetzt. Dort heißt es oft: „Frauen und Behinderte haben bei gleicher Qualifikation Vorrang.“ Als gesunder Mann hat man in Deutschland schlechte Karten.

Bekommt der Neulinge dennoch eine Anstellung, bietet man ihm in der Regel kaum mehr als einen Zeitvertrag über drei Jahre. Das erste Jahr vergeht mit Einarbeitung. Im zweiten kann der Wissenschaftler beginnen den Karren mit zu ziehen. Im dritten überdeckt seine Sorge, ob und wie es weitergehen wird, seine Leistungsfähigkeit erheblich. Er muß sich nach einer neuen Stelle umsehen, falls sein Vertrag nicht verlängert wird. So werden zwei Drittel der Arbeitskraft im seltener werdender Spezialisten nutzlos vertan. Dergleichen spricht sich herum und entmutig den Nachwuchs diesen Beruf zu ergreifen.

Der folgerichtige Niedergang der Informatik, einem der wichtigsten Anwendungsgebiete der Mathematik, wird schlichtweg verdrängt. Smartphones, Notebooks, Tablets und Laptops müssen sämtlich eingeführt werden, meist aus Südostasien oder den USA. Dabei ist solches Gerät im beruflichen Alltag längst unentbehrlich. Unkundige Politiker und Industrielle fabulieren dessen ungeachtet über weitere Digitalisierung der Industrie, ohne zu wissen, wer das bewerkstelligen soll. Dafür haben wir gar keine geeigneten Leute mehr.

Zugleich beklagt man den Vorsprung anderer Länder auf diesem Gebiet und stellt sich blind und taub für die selbstverschuldete Fehlentwicklung. Offenbar setzen die Verantwortlichen auf eine fortschreitende Globalisierung, die ihnen die Früchte fremder Arbeit unentgeltlich in den Schoß legen soll.

Der Mangel an Mathematikern treibt noch abenteuerlichere Blüten. Seit einem halben Jahrhundert geistern sogenannte Konjunktur-Zyklen durch die Volkswirtschaftslehre. Danach schwankt der allgemeine Geschäftsgang eines Landes in einem wiederkehrenden Rhythmus von sieben Jahren. Professor Karl Schiller, einst Superminister für Wirtschaft und Finanzen, richtete erstmals die Politik danach aus. Doch der mutmaßliche, aber zählebige Zyklus beruht auf einer Fehldeutung von Rechenergebnissen.

Zum Aufdecken periodischer Vorgänge dient insbesondere ein mathematisches Verfahren, das man Fourier-Tranformation nennt. Dessen Handhabung und Wirkungsweise ist für Nichtmathematiker nicht ganz leicht zu durchschauen. Dabei tritt nämlich unter anderem eine Erscheinung auf, die als Aliasing bezeichnet wird. Gemeint sind Anzeichen für eine längerfristige, scheinbare Regelhaftigkeit, die auf kurzzeitigen Ursachen beruht.

Da die Börsen am Wochenende geschlossen sind und auch anderwärts meist nicht gearbeitet wird, gibt es einen einleuchtenden Sieben-Tage-Rhytmus im Geschäftsgang. Wenn derart behaftete Daten über mehrere Jahre hin untersucht werden, tritt der Vorgang scheinbar als mehrjährige Periode auf.

Das Wie und warum haben unter anderem die Mathematiker Rainer Schlittgen und Bernd Streitberg in ihrem Buch „Zeitreihenanalyse“ auf Seite 49 auseinander gelegt. Das Werk erschien 1991 im R. Oldenbourg Verlag München und Wien. Dennoch setzen sich Volkswirtschaftler bis heute über die Aufdeckung des Irrtums hinweg. Bernd Lucke etwa, Professor für VWL und Mitbegründer der Partei Alternative für Deutschland wollte in der Richtigstellung einen „Scherz“ der Verfasser erkennen.

Wir haben schon besser gelacht.

 

Streitschrift: Lehrer über dem Limit – ein neuer Sarrazin? (Video)