Flur­schaden in der Wis­sen­schaft — Die Bildung geht den Bach runter

Die Königs-Dis­ziplin der Wis­sen­schaften, die Mathe­matik, befindet sich im freien Fall. Seit Jahr­zehnten beklagen deutsche For­scher-Ver­bände ver­gebens einen zuneh­menden Mangel an Per­sonal in den soge­nannten MINT-Berufen. MINT ist das Kürzel für die Bereiche Mathe­matik, Infor­matik, Natur­wis­sen­schaften und Technik. Dort bleiben immer mehr Stellen unbe­setzt. Haupt­sächlich hapert es an mathe­ma­ti­schen Kennt­nissen und folglich auch bei den wich­tigsten Anwendern, den INT-Fächern.
Um 2011 waren es rund 50.000 ver­waiste Stellen. Inzwi­schen hat sich deren Zahl mehr als ver­sechs­facht. Derzeit sind es 325.000. Wie lange sich ein Industrie-Staat solchen Schlen­drian leisten kann, ist längst offen­sichtlich. Schon jetzt kann Deutschland keine Com­puter und keine Flug­häfen mehr bauen.
Nach Angaben des Deut­schen Zen­trums für Hoch­schul- und Wis­sen­schafts-For­schung, DZHW, geben ins­be­sondere mehr als die Hälfte der Mathe­matik-Stu­denten vor­zeitig auf. „MINT-Fächer gehören zu den Bereichen mit sehr hohen Abbruch-Quoten.“ Ursache: „Wer heute ein Studium in diesen Fächern beginnt, hat trotz Hoch­schul­reife selten die dazu nötigen Vor­aus­set­zungen.“ So beklagte Anke Dankers auf der Netz-Seite des Tage­blatts Die Welt.
Der Schaden breitet sich schon weiter aus. Im Mai ver­ließen 37 Stu­denten der Finanz­wirt­schaft an der Uni­ver­sität Hohenheim bei einer Grund­la­gen­prüfung den Saal. Anschließend legten sie gleich­lau­tende Atteste vor, in denen ihnen ein und der selbe Arzt Schwindel, Seh­stö­rungen, Übelkeit und Erbrechen bescheinigte.
Das Prü­fungsamt glaubte nur an den Schwindel. Stu­di­en­dekan Jörg Schiller nannte den wahren Grund: „Viele Stu­die­rende tun sich schwer mit Mathe.“ Dies­be­züg­liche Grund­kennt­nisse seien in der Finanz­wirt­schaft aller­dings unverzichtbar.
Es krankt offenbar schon in den Schulen. Im letzten Jahr sind bei­spiels­weise in Bran­denburg sechs­tausend Prüf­linge beim Abitur am Fach Mathe­matik gescheitert. Sie sollten Auf­gaben lösen, die im Unter­richt gar nicht behandelt worden waren. Der Prü­fungs­stoff stand zwar auf dem Lehrplan, war aber an 27 von 137 Gym­nasien unter den Tisch gefallen.
„Die Panne zeigt auf erschre­ckende Weise,“ so schrieb Gudrun Mallwitz in der Ber­liner Mor­genpost, „wie lückenhaft der Mathe-Unter­richt an einigen Schulen offenbar ist. Die Ver­ant­wort­lichen müssen dringend nach­sitzen.“ Erst nach hef­tigen Pro­testen gewährte Bil­dungs-Minister Günter Baaske, SPD, den betrof­fenen Schülern einen erneuten Versuch.
Statt Lern- und Lehr­be­din­gungen zu ver­bessern, wurde Schulzeit an den Gym­nasien von neun auf acht Jahre ver­kürzt. Ferner beschloß die Kul­tus­mi­nister-Kon­ferenz die Rei­fe­prüfung bun­desweit zu ver­ein­heit­lichen. Danach sollen Abitu­ri­enten von Flensburg bis zum Bodensee am einem Tag die selbe Mathe­prüfung schreiben. Das Ziel sei, das Abitur ver­gleich­barer und durch­sich­tiger zu machen.
Bernd Kramer und Karl-Heinz Reith vom spiegel.de halten das für eine Milch­mädchen-Rechnung. Dazu unter­scheiden sich die Leis­tungen in den ein­zelnen Bun­des­ländern viel zu sehr, wie sie zu bedenken gaben.
Laut dem soge­nannten Bil­dungs­mo­nitor 2016 des Instituts der Deut­schen Wirt­schaft Köln, IW, liegen die Sachsen mit Abstand vorn. Das Bun­desland verfügt demnach über das beste Bil­dungs-System in ganz Deutschland. Auf Platz zwei folgt Thü­ringen. Dort kümmern sich ver­gleichs­weise viele Lehr­kräfte und jeweils wenige Schüler oder Stu­denten. Ent­spre­chend nach­haltig sei die Betreuung.
Erst auf Rang drei und vier folgen die Wessis aus Bayern und Baden-Würt­temberg. Auf den Abstiegs-Plätzen 14 und 15 finden sich Bran­denburg und Nord­rhein-West­falen. Berlin auf Rang 16 hält die rote Laterne. Es würde wenig Sinn machen das Bil­dungs-System der denk­faulen Ber­liner mit dem tüch­tigen Sachsen auf einen Nenner zu bringen. Die andern sollten lieber bei den Mus­ter­schülern spicken.
Vor allem aber stehen die Hoch­schulen in der Ver­ant­wortung, denn sie sollen die Mathe­matik-Lehrer aus­bilden. Wer aber einen Ein­blick in den Lehr­be­trieb der an Uni besitzt, den über­rascht der Ein­bruch nicht.
An der Ludwig-Maxi­mi­lians-Uni­ver­sität München, LMU, eine der größten wis­sen­schaft­liche Anstalten der Republik, kämpften die Pro­fes­soren schon um die Jahr­tau­send­wende einen zähen, aber aus­sichts­losen Kampf gegen untaug­liche Ein­griffe der Kultur-Büro­kratie. Unfähige Prin­zi­pi­en­reiter setzten durch, daß die Stu­di­enzeit für Mathe­matik immer weiter beschränkt wurde, weil dies bei anderen Fächern ebenso sei. Auch War­nungen, dieses Schlüssel-Fach mit völlig anders­ar­tigen Zweigen wie Theo­logie über einen Kamm zu scheren, ver­hallten wirkungslos.
Immerhin gestand man Mathe-Stu­denten zunächst noch zwölf Semester bis zur Diplom­prüfung zu, sechs bis zum Vor­diplom. Doch schon bald darauf schrumpfte die letzte Frist auf fünf, dann auf vier Semester. Mit Abschaffung des Diploms zu Gunsten der ame­ri­ka­ni­schen Micky-Maus-Grade wie Bachalor und Master brachen schließlich alle Dämme.
Viele Stu­denten gingen not­ge­drungen dazu über, Sätze und Beweise aus­wendig zu lernen wie Gedichte, weil die Zeit zu mühe­vol­lerem Ver­ständnis fehlte. Ent­spre­chend ver­heerend fielen die Klau­suren aus, weil die Schwie­rig­keiten in der Sache blieben. Wie­derum auf Druck von Kultur-Poli­tikern senkten die meisten Lehrer an der mathe­ma­ti­schen Fakultät der LMU ihre Anforderung.
Als ein Pro­fessor sich wider­setzte und achtzig Prozent der Teil­nehmer bei der schrift­lichen Prüfung durch­fallen ließ, wurde die selbe Lehr­ver­an­staltung im fol­genden Semester mit ver­rin­gerten Ansprüchen wiederholt.
Schließlich senkte man den Lehr­stoff soweit ab, daß sogar Stu­denten der Infor­matik sich bis zur Zwi­schen­prüfung für Mathe­matik ein­schrieben, weil Ansprüche dort geringer waren als auf ihrem Anwendungs-Gebiet.
Statt For­schung und Lehre aus zu weiten und zu ver­stärken wie behauptet strich die Politik den Bestand zusammen. Die Fach­schaft Mathe­matik an der LMU, vormals eine eigene Fakultät, hat das Baye­rische Kultus-Minis­terium mit der Sta­tistik und der Infor­matik zusammen gelegt. Ver­waise Lehr­stühle wurden bei Eme­ri­tierung der Pro­fes­soren auf­gelöst. Spar­maß­nahmen statt mehr Inves­ti­tionen in For­schung und Lehre!
Zugleich for­derten die selben Kultur-Büro­kraten für Anwärter des Lehramts an Grund­schulen Kennt­nisse von Stoff für höhere Semester in der Mathe­matik ein, wie etwa Topo­logie und mathe­ma­tische Beweis­führung. Dabei kam die eigent­liche Unter­richtung von ABC-Schützen in den Grund­re­chen­arten wie Zusam­men­zählen, Abziehen, Mal­nehmen und Teilen ent­pre­chend zu kurz.
An der Freien Uni­ver­sität Berlin sahen sich die Lehramts-Anwärter ebenso über­stra­pa­ziert. „Ange­hende Grund­schul­lehrer fallen rei­hen­weise durch die Klausur“, meldete die Netz-Redaktion von Radio Bran­denburg-Berlin, rbb. Die Stu­denten sollten mathe­ma­tische Beweise führen, statt zu ver­mitteln, wie man das Ein­maleins erlernt.
Die geplagten FU-Stu­denten muckten auf. Sie rich­teten einen offenen Brief an die Dekane der Erzie­hungs-Wis­sen­schaft und der Mathe­matik. Darin bemän­gelten sie die über­zo­genen Ansprüche an ihr Studium. Das ist keine Trotz­re­aktion auf eine schlechte Note,“ erklärte ihre Spre­cherin Neele Rother, „aber wir fühlen ums nicht ernst genommen, weil wir seit Monaten darauf hin­weisen, daß die Anfor­de­rungen für Grund­schul-Päd­agogik zu hoch sind.“
Spre­cherin Rother fehlte zudem der Bezug zur Praxis. Schrift­liches Mul­ti­pli­zieren im Dezimal-System etwa werde nur kurz gestreift, obwohl dies einen wesent­lichen Teil des Mathe-Unter­richts an Grund­schulen ausmache.
„Das schreckt ab,“ befand Repor­terin Sarah Mühl­berger mit­fühlend, „dabei braucht Berlin viele neue Lehrer.“ Rund tausend offenen Stellen stünden gerade einmal zwei­hundert Refe­rendare gegenüber, die ihr Studium an Ber­liner Uni­ver­si­täten erfolg­reich abge­schlossen hätten.
Viel­leicht sollten Kultur-Poli­tiker mal einen Blick in ein Mathebuch werfen. Dann wüßten sie, daß Ergeb­nisse auf dem Schlüs­sel­gebiet der Wis­sen­schaft nicht so billig zu haben sind wie sie sich das offenbar vor­stellen. So schrieb Harro Heuser 1988 in der Ein­leitung zu seinem zwei­bän­digen „Lehrbuch der Anlysis“ erhellend:
„Das Studium der Mathe­matik stellt gerade an den Anfänger For­de­rungen, die kaum eine andere Wis­sen­schaft ihren Adepten zumutet, die aber so gebie­te­risch aus der Natur der Sache selbst ent­springen, daß sie nicht preis­ge­geben werden können, ohne die Mathe­matik als Wis­sen­schaft aufzugeben.“
Der Ver­fasser fuhr fort: “Um die geistige Dis­ziplin der Mathe­matik über­haupt erst akzep­tieren und dann prak­ti­zieren zu können und um sich in der dünnen Höhenluft der Abs­traktion wohl zu fühlen, bedarf es nichts Gerin­geres als eines Umbaus der geis­tigen Person. Ein solcher Umbau geht immer mit Erschüt­te­rungen und Schmerzen einher. Gerade weil sie unver­meidbar sind, habe ich mich doppelt bemüht sie zu mindern.“
Die zu erwar­tende Pla­ckerei dürfte maß­gebend für Frauen sein, die trotz viel­sei­tiger Ermun­terung sich meist lieber für einen Laber- und/oder Wohl­fühl­beruf zu ent­scheiden. So war zu lesen.
Wer indessen das Studium der Mathe­matik durch­ge­standen und erfolg­reich abge­schlossen hat, muß beim Ein­tritt ins Berufs­leben mit­unter erkennen, wie wenig sich die Mühe wirt­schaftlich lohnt. In den Stel­len­an­zeigen vieler For­schungs-Anstalten wird ihm der erste Dämpfer auf­ge­setzt. Dort heißt es oft: „Frauen und Behin­derte haben bei gleicher Qua­li­fi­kation Vorrang.“ Als gesunder Mann hat man in Deutschland schlechte Karten.
Bekommt der Neu­linge dennoch eine Anstellung, bietet man ihm in der Regel kaum mehr als einen Zeit­vertrag über drei Jahre. Das erste Jahr vergeht mit Ein­ar­beitung. Im zweiten kann der Wis­sen­schaftler beginnen den Karren mit zu ziehen. Im dritten über­deckt seine Sorge, ob und wie es wei­ter­gehen wird, seine Leis­tungs­fä­higkeit erheblich. Er muß sich nach einer neuen Stelle umsehen, falls sein Vertrag nicht ver­längert wird. So werden zwei Drittel der Arbeits­kraft im sel­tener wer­dender Spe­zia­listen nutzlos vertan. Der­gleichen spricht sich herum und ent­mutig den Nach­wuchs diesen Beruf zu ergreifen.
Der fol­ge­richtige Nie­dergang der Infor­matik, einem der wich­tigsten Anwen­dungs­ge­biete der Mathe­matik, wird schlichtweg ver­drängt. Smart­phones, Note­books, Tablets und Laptops müssen sämtlich ein­ge­führt werden, meist aus Süd­ost­asien oder den USA. Dabei ist solches Gerät im beruf­lichen Alltag längst unent­behrlich. Unkundige Poli­tiker und Indus­trielle fabu­lieren dessen unge­achtet über weitere Digi­ta­li­sierung der Industrie, ohne zu wissen, wer das bewerk­stel­ligen soll. Dafür haben wir gar keine geeig­neten Leute mehr.
Zugleich beklagt man den Vor­sprung anderer Länder auf diesem Gebiet und stellt sich blind und taub für die selbst­ver­schuldete Fehl­ent­wicklung. Offenbar setzen die Ver­ant­wort­lichen auf eine fort­schrei­tende Glo­ba­li­sierung, die ihnen die Früchte fremder Arbeit unent­geltlich in den Schoß legen soll.
Der Mangel an Mathe­ma­tikern treibt noch aben­teu­er­li­chere Blüten. Seit einem halben Jahr­hundert geistern soge­nannte Kon­junktur-Zyklen durch die Volks­wirt­schafts­lehre. Danach schwankt der all­ge­meine Geschäftsgang eines Landes in einem wie­der­keh­renden Rhythmus von sieben Jahren. Pro­fessor Karl Schiller, einst Super­mi­nister für Wirt­schaft und Finanzen, richtete erstmals die Politik danach aus. Doch der mut­maß­liche, aber zäh­lebige Zyklus beruht auf einer Fehl­deutung von Rechenergebnissen.
Zum Auf­decken peri­odi­scher Vor­gänge dient ins­be­sondere ein mathe­ma­ti­sches Ver­fahren, das man Fourier-Tran­for­mation nennt. Dessen Hand­habung und Wir­kungs­weise ist für Nicht­ma­the­ma­tiker nicht ganz leicht zu durch­schauen. Dabei tritt nämlich unter anderem eine Erscheinung auf, die als Ali­asing bezeichnet wird. Gemeint sind Anzeichen für eine län­ger­fristige, scheinbare Regel­haf­tigkeit, die auf kurz­zei­tigen Ursachen beruht.
Da die Börsen am Wochenende geschlossen sind und auch ander­wärts meist nicht gear­beitet wird, gibt es einen ein­leuch­tenden Sieben-Tage-Rhytmus im Geschäftsgang. Wenn derart behaftete Daten über mehrere Jahre hin unter­sucht werden, tritt der Vorgang scheinbar als mehr­jährige Periode auf.
Das Wie und warum haben unter anderem die Mathe­ma­tiker Rainer Schlittgen und Bernd Streitberg in ihrem Buch „Zeit­rei­hen­analyse“ auf Seite 49 aus­ein­ander gelegt. Das Werk erschien 1991 im R. Olden­bourg Verlag München und Wien. Dennoch setzen sich Volks­wirt­schaftler bis heute über die Auf­de­ckung des Irrtums hinweg. Bernd Lucke etwa, Pro­fessor für VWL und Mit­be­gründer der Partei Alter­native für Deutschland wollte in der Rich­tig­stellung einen „Scherz“ der Ver­fasser erkennen.
Wir haben schon besser gelacht.
 
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