By Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0, Link

Trump: He did it!

Die US-Wirt­schaft boomt unter Trump, das Land hat die Finanz­krise weit besser bewältigt als Europa. Auch die Börsen spielen mit. Doch wie lange noch?
Im November 2016, kurz vor den Prä­si­dent­schafts­wahlen in den USA, habe ich an dieser Stelle pro­gnos­ti­ziert, dass Donald Trump – sollte er ent­gegen all­ge­meiner Erwartung US-Prä­sident werden – alles dar­an­setzen würde, die US-Wirt­schaft massiv zu sti­mu­lieren. „Mit Trump kommt die Reflation“ war das Fazit dieser Überlegungen: 
„Ein Blick in die Geschichte – und zwar sowohl in die Zeit der großen Depression wie auch in die letzten Jahre des 19. Jahr­hun­derts – zeigt, dass es jenen Ländern wirt­schaftlich am besten erging, die am erfolg­reichsten eine Refla­tio­nierung erwirken – also einen deut­lichen Anstieg des Preis­ni­veaus, der dazu bei­trägt, die Schul­denlast real zu ent­werten. Je pro­tek­tio­nis­ti­scher ein Land war und je schneller es schaffte, die eigene Währung zu ent­werten, desto größer war der Erfolg. Ein Prä­sident Trump würde ver­mutlich genau diesen Weg beschreiten. 
Eine Begrenzung der Zuwan­derung dürfte zu stei­genden Löhnen führen, pro­tek­tio­nis­tische Ein­griffe – wie auch immer begründet – zur Ver­la­gerung von Pro­duktion in die USA und ten­den­ziell stei­genden Preisen. Heli­ko­pter­fi­nan­zierte Kon­junk­tur­pro­gramme zu höherem Wachstum und – ver­mutlich – zu einer deut­lichen Schwä­chung des US-Dollars, was wie­derum Exporte fördert und Importe beschränkt. Macht Trump seine Drohung wahr, von den Ver­bün­deten mehr mili­tä­rische Eigen­leistung zu fordern und die mili­tä­ri­schen Akti­vi­täten im Ausland zurück­zu­führen, so hat auch dies eine bele­bende Wirkung für die USA.
Damit wären die USA das Land, welches am aggres­sivsten diesen Kurs ver­folgt. Europa könnte darauf schon alleine auf­grund der Struktur des Euro­systems nicht oder nur sehr zeit­ver­zögert regieren. Der Euro würde deutlich auf­werten, die Inflation weiter sinken. Die Span­nungen in der Eurozone würden weiter zunehmen, und die hier mehrfach dis­ku­tierten Sze­narien für eine Auf­lösung des Euro an Aktua­lität gewinnen.“ 
Trump macht, was er gesagt hat
Rück­bli­ckend kann man nur fest­stellen, dass Donald Trump macht, was er ange­kündigt hat. Er hat die Steuern deutlich gesenkt, die Staats­ver­schuldung massiv nach oben getrieben und wird aller Wahr­schein­lichkeit nach auch die stei­genden Defizite wie ange­kündigt über die Noten­presse finan­zieren. Ohne Frage dürften die USA das Land sein, in dem die geld­po­li­ti­schen Heli­kopter als erstes starten, käme es zu einer erneuten Krise. 
Vorerst scheint das nicht nötig. Trump wirkt. Die Wachs­tums­raten der US-Wirt­schaft legen seit seiner Wahl kon­ti­nu­ierlich zu. Im letzten Quartal wuchs die Wirt­schaft mit real 4,1 Prozent. Hinzu kommt eine Infla­ti­onsrate von nahe drei Prozent, was zu einem Nomi­nal­wachstum von beein­dru­ckenden sieben Prozent führt. Dieses Wachstum macht es leichter, die immer noch hohe (und stei­gende) Ver­schuldung der US-Wirt­schaft zu stemmen. Die USA sind damit weit vor Europa, wenn es darum geht, die Folgen der Finanz­krise zu über­winden, was aller­dings nichts daran ändert, dass auch die USA noch weit unter dem Vor­kri­sen­trend liegen. 
Dabei scheint das Wachstum auf einem brei­teren Fun­dament zu stehen, als man gemeinhin annimmt. Außen­handel, Inves­ti­tionen und Staats­aus­gaben haben einen höheren Anteil, während der Anteil der Kon­sum­aus­gaben zurückgeht. Könnte es also sein, dass die USA mit mehr Inves­ti­tionen nicht nur die Wirt­schaft beleben, sondern auch die Grundlage für nach­haltig höheres Wachstum legen? 
Vorerst wirkt die Politik. Die Folgen der deutlich gestie­genen Ver­schuldung von Staat und Unter­nehmen, die schon länger als denk­barer Aus­löser der nächsten Krise gesehen wird, werden erst in der Zukunft spürbar werden. Zunächst gelingt jedoch die Reflation. 
Gewinne explo­dieren – Börse legt zu
Kein Wunder, dass es um die Ertragslage der Unter­nehmen gut bestellt ist. Gab die Bewertung an der US-Börse immer wieder Anlass zur Warnung, gerade auch bei „Stelter stra­te­gisch“, so führen die stei­genden Gewinne zu einer etwas güns­ti­geren Bewertung. Seit der Abstimmung über die große Steu­er­reform im US-Senat im letzten Dezember sind die Gewinn­erwar­tungen für das zweite Quartal deutlich gestiegen: von 35 US-Dollar Gewinn pro Aktie im S&P 500 auf fast 41 US-Dollar, ein Sprung um über 15 Prozent. 
Alle Branchen ver­zeichnen Gewinn­zu­wächse und die Anzahl der Unter­nehmen im S&P 500 Index, die ihre eigenen (opti­mis­ti­schen) Pro­gnosen schlagen, ist so hoch, wie seit der Finanz­krise nicht mehr. Mit dieser Ent­wicklung unter­scheiden sich die USA Donald Trumps deutlich vom Rest der Welt. Während über 80 Prozent der US-Unter­nehmen die Erwar­tungen schlagen, gelingt das in Europa nur der Hälfte. 
Dies erklärt auch, weshalb wie hier vor vier Wochen dis­ku­tiert die US-Börse mit Abstand den Rest der Welt geschlagen hat. Wo die Wirt­schaft wächst, die Gewinne steigen und die Politik alles dar­an­setzt, den Boom weiter zu befeuern, lohnt es sich, zu investieren. 
Gefähr­liche Marktenge
Doch so einfach ist es dann doch nicht. Mehrere Aspekte sollten zur Vor­sicht mahnen: 
  • Buy the rumor, sell the news: Da ist zunächst die bekannte Tat­sache, dass an der Börse Zukunft gehandelt wird und nicht die Gegenwart. Wich­tiger als die heu­tigen Gewinne sind die Ein­schät­zungen der Bör­sianer zu künf­tigen Gewinnen und Zinsen. Kommt es zu wei­teren Zins­er­hö­hungen in den USA, könnte es schneller als gedacht mit dem Dop­pelboom an Börse und in Wirt­schaft zu Ende sein. Schon in diesem Herbst dürfte es zum Schwur kommen.
  • Poli­tische Risiken erheblich: Nicht nur bleibt Donald Trump unbe­re­chenbar und der mit der EU aus­ge­han­delte Waf­fen­still­stand im Han­dels­krieg nur einen Tweet entfern vom nächsten Angriff. Nord­korea, Iran, unge­löste Euro­krise, chao­ti­scher Brexit, es gibt genug Stoff für ent­spre­chende Tur­bu­lenzen an den Märkten.
  • China vor der Rezession: Das Wirt­schafts­wachstum in China schwächt sich schon seit Län­gerem ab. Hin­ter­grund ist der Versuch der Führung, das Land etwas weniger von der Schul­den­droge abhängig zu machen. Deshalb trifft der Han­dels­krieg mit den USA das Land zu einem äußerst ungüns­tigen Zeit­punkt. Sollte sich daraus eine Abschwä­chung des Ren­mimbi ergeben, droht gar eine weitere Eska­lation im Handelsstreit.
  • Enger Markt: Zum Jah­res­anfang hatten wir die Dis­kussion über einen mög­lichen „Melt-up-Boom“ an den Börsen. These war, dass wir uns zwar in einer Blase befinden, diese aber noch nicht am Ende ist, bevor es zu einem letzten Boom an der Börse kommt. Nun hatten wir zwar nicht diesen Boom, aller­dings haben wir es mit einer Kon­zen­tration des Auf­schwungs auf immer weniger Werte zu tun. Die auch hier viel dis­ku­tierten FAANGs (Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google) haben zwar nur 13, 6 Prozent Anteil am S&P, stehen aber für die Hälfte des Zuwachses seit Jahresbeginn.
Facebook als Kanarienvogel?
Aller Skepsis zum Trotz haben es die FAANGs in diesem Jahr allen gezeigt. Trotz hoher Bewer­tungen ging es immer weiter auf­wärts. Bis vor zwei Wochen. Dann stürzte Facebook nach ent­täu­schenden Wachs­tums­zahlen beein­dru­ckende 20 Prozent ab. Ein Tages­verlust von 120 Mil­li­arden US-Dollar. Wenig später folgten Netflix (Minus 17 Prozent) und Twitter (Minus 20 Prozent an einem Tag). Selbst Bör­sen­liebling und berüch­tigter Short-Seller-Töter Tesla kam unter Druck. 
Natürlich spielen diese Ver­luste ange­sichts der enormen Kurs­ge­winne der letzten Monate keine Rolle. Wer vor einem Jahr inves­tiert hat – wo ich zuge­ge­be­ner­maßen schon skep­tisch war – sitzt auf schönen Gewinnen. Ande­rer­seits zeigen Geschwin­digkeit und Ausmaß der Kurs­kor­rektur, auf welch dünnem Eis wir tanzen. Keine Änderung der Geschäfts­aus­sichten von Unter­nehmen, die so intensiv von Ana­lysten beob­achtet werden wie diese Schwer­ge­wichte, sollte so über­ra­schend sein, dass sie der­artige Anpas­sungen der Bewertung in kurzer Zeit zur Folge hat. Wenig ver­wun­derlich, dass sich die Inves­toren auch bei den anderen Tech-Werten fragen, ob die Bewertung (noch/überhaupt) gerecht­fertigt ist. 
Schon seit ein paar Wochen zeichnet sich eine Umschichtung ab. Nachdem sichere Werte längere Zeit hin­ter­her­hinkten, stiegen die Aktien von lang­wei­ligen Unter­nehmen wie Ver­sorgern, Gesundheit und Telekom auch in den USA stärker als der Markt. Auch der Schweizer Markt, domi­niert von Schwer­ge­wichten wie Nestle, Roche und Novartis, erholte sich deutlich. 
Diese Umschichtung in ver­meintlich sichere Bereiche hält die Indizes hoch, selbst wenn die eins­tigen Zug­pferde schwä­cheln. Stellt sich die Frage: wie lange noch? Gerät die US-Börse mehr unter Druck, könnten wir rasch den Punkt erreichen, wo der dop­pelte Hebel von hoher Unter­neh­mens­ver­schuldung und Wert­pa­pier­käufen auf Kredit die Abwärts­be­wegung beschleunigt. Egal wie hoch die Gewinne der Ver­gan­genheit auch sein mögen.

Dr. Daniel Stelter — www.think-beyondtheobvious.com
→ wiwo.de: „Die USA boomen dank Trump – doch das böse Erwachen wird folgen“, 16. August 2018