Der Koh­le­aus­stieg als Ein­stieg in den Dieselgenerator

von Roger Letsch
Ich bin kein Fan der Braun­kohle. Die Tagebaue mit ihrem Land­schafts­ver­brauch, den zurück­blei­benden Mond­land­schaften, der schmut­zigen Ver­brennung, dem geringen Wir­kungsgrad … es spricht nicht viel für diesen Ener­gie­träger, außer, dass er eben da und billig ist. Meistens jeden­falls. Es gab mal ernst­hafte Über­le­gungen, Leipzig zu ver­legen, weil die Stadt auf einem rie­sigen Flöz steht. Gut, dass die DDR das Geld nicht auf­bringen konnte und deren Ende auch das Ende solcher irr­sin­nigen Pläne war. Ich bin aller­dings Fan einer gesi­cherten Ener­gie­ver­sorgung, an die ich mich doch sehr gewöhnt habe, genau wie der Rest der Republik. Mit wenigen Aus­nahme wie Kran­ken­häusern, die allesamt Gene­ra­toren im Keller haben und der Bun­deswehr, die aus tak­ti­schen Gründen ähnlich tickt, sind fast alle darauf ange­wiesen, dass Netz-Strom kon­ti­nu­ierlich zur Ver­fügung steht. Doch gerade die Kon­ti­nuität wird immer mehr zum Problem, weil wir es uns leisten, gleich zwei Aus­stiegs-Sze­narien der Ener­gie­er­zeugung par­allel laufen zu lassen und es ver­säumen aus­zu­rechnen, ob das gut gehen kann – oder sogar absichtlich mit fal­schen Zahlen ope­riert wird.
Die ver­blie­benen sieben Kern­kraft­werke in Deutschland, die immer noch erheblich zu dem bei­tragen, was man „gesi­cherte Kraft­werks­leistung“ nennt, gehen uns in den nächsten vier Jahren ver­loren. Nämlich auf­grund der unfass­baren Tat­sache, dass ein Tsunami in Japan zwar nur ein AKW zer­störte, in Deutschland hin­gegen gleich alle platt gemacht hat. Ins­gesamt fallen damit 8,5 GW (2019: 1,4 GW, 2021: 4,2 GW, 2022: 2,9 GW) gesi­cherte instal­lierte Leistung weg. Par­allel dazu läuft der Aus­stieg aus der Kohle. Da in der recht umfang­reichen Koh­le­kom­mission, die diesen Aus­stieg wis­sen­schaftlich beklingelt, keine Ver­treter der Kraft­werks­be­treiber sitzen, steht die Art der Emp­feh­lungen fest, die sie gibt. Dabei reicht der ver­sam­melte Sach­ver­stand jedoch aus, um zu erkennen, dass die Grüne Annalena Baerbock mit ihrer Aussage „Das Netz ist der Speicher“ mei­lenweit neben der Wirk­lichkeit liegt. Speicher gibt es nicht, zumindest nicht im indus­tri­ellen Maßstab, nicht mit den heu­tigen Tech­no­logien, nicht in abseh­barer Zukunft. Für den Zeit­ho­rizont der Abschal­tungen der ver­blie­benen AKW und dem „Koh­le­aus­stieg“ gibt es rein gar nichts, was als Spei­cher­tech­no­logie taugt!
Worauf baut nun die „Koh­le­kom­mission“, wie will sie die abzu­schal­tenden Kraft­werke ersetzen? Man setzt dort nicht etwa auf grüne Träu­me­reien von Sonne und Wind, denn selbst dann, wenn wir die vor­han­denen Wind­kraft­an­lagen und die PV-Anlagen auf den Dächern bis 2020 ver­doppeln würden, läge die gesi­cherte Leistung aus diesen „Erneu­er­baren Energien“ immer noch exakt bei null Gigawatt – wohl kaum genug für einen gesi­cherten kon­ti­nu­ier­lichen Netz­be­trieb. Man setzt statt­dessen auf die Hilfe unserer Nachbarn in Europa.
Am 22.8.2018 konnte man in der Welt einen Blick auf die Pläne der Bun­des­re­gierung werfen, die auf dem „Grünbuch 2014“ basieren. Dort geht man davon aus, dass die Ener­gie­ver­sorgung Deutsch­lands von seinen Nach­bar­ländern sicher­ge­stellt werden kann. Von 60 GW Über­ka­pa­zität an sicherer Leistung bei unseren Nachbarn ging man in Gabriels Wirt­schafts­mi­nis­terium im Jahr 2014 aus. Leistung, die logi­scher­weise aus fos­siler oder Kern­energie gewonnen wird, sonst wäre sie ja nicht gesi­chert – aber eben nicht bei uns, sondern irgendwo anders. Das Sankt-Flo­rians-Prinzip lässt schön grüßen.
Eine Unter­su­chung des Bun­des­ver­bands der Elek­tri­zitäts- und Was­ser­wirt­schaft stellte jedoch fest, dass die Kapa­zitäts-Annahme von 60 GW um den Faktor 3 bis 4 zu hoch ange­setzt ist. Eigentlich auch logisch, denn wozu sollten unsere Nachbarn so gigan­tische Reserven betreiben, wenn sie nicht wie Deutschland mit so flat­terhaft an- und aus­fal­lendem Wind- und Son­nen­strom fertig werden müssen, oder im anderen Sze­nario, wenn die Nachbarn den­selben Fehler machen und auf „Erneu­erbare“ umsteigen, da sie in diesem Fall genau dann Strom­mangel haben, wenn auch in Deutschland der Wind nicht weht. Der Plan des Koh­le­aus­stiegs, der voll­mundig die pro­blemlose Abschaltung von 7 GW Koh­le­strom ver­kündete, ging aber von eben dieser her­bei­phan­ta­sierten Über­ka­pa­zität unserer Nachbarn aus. Das Wirt­schafts­mi­nis­terium distan­zierte sich inzwi­schen von den Annahmen aus 2014 und auch der wis­sen­schaft­liche Dienst der EU-Kom­mission geht davon aus, dass die Annahmen falsch waren.

Passt die Rea­lität nicht zur Ideo­logie – Pech für die Realität

Die Koh­le­aus­steiger in der Koh­le­kom­mission in Deutschland scheinen das aber noch nicht begriffen zu haben. Am 15. Sep­tember 2018 meldet der Spiegel aus gele­akten Insi­der­infor­ma­tionen immer noch: Geplant ist, in einem Sofort­pro­gramm Kraft­werke mit einer Leistung von ins­gesamt fünf bis sieben Gigawatt bis zum Jahr 2020 vom Netz zu nehmen und gege­be­nen­falls als Reserve zu behalten.“ Man hält also trotz der fal­schen Annahmen bezüglich der euro­päi­schen Über­ka­pa­zi­täten stur an den Abschalt­plänen fest, als wüsste man nichts von der tat­säch­lichen Situation bei unseren Nachbarn. Allein bis 2020, also in zwei Jahren, werden demnach durch Wegfall des AKW Philipsburg2 und einiger Koh­le­kraft­werke zwi­schen 6,5 und 8,5 GW sicherer Leistung ver­schwinden. Statt also im Ham­bacher Forst Tunnel zu graben, sollte man wohl besser ernsthaft über einen Die­sel­ge­ne­rator im eigenen Keller nachdenken.


Quelle: unbesorgt.de