Übergebt Bayern an Katharina Schulze!

von Roger Letsch | Ob wir am Sonntag erleben dürfen, wie das Bun­desland südlich des Weiß­wur­st­äquators nach jahr­zehn­te­langer Ein­par­tei­en­herr­schaft Anschluss an die Moderne findet? Wird Bayern endlich das kun­ter­bunte Berlin ein­holen können oder wei­terhin in feudal-rück­stän­digen Partei-Struk­turen mit Ewig­keits­an­spruch ver­harren wie… wie… Bremen, nur anders? In mir ringen der Realist und der Fatalist. Der Fatalist ist längst von der Klippe gesprungen und ruft: „Nun gebt der Katharina Schulze doch einfach das Land, umso schneller ist es vorbei!“, doch der Realist packt den Lebens­müden beherzt am Knöchel und stöhnt: „Aber es lief doch bisher so gut in Bavaria! Besser als sonst irgendwo!“
Doch solche Kämpfe toben ja ständig in mir. Auch bei der Ener­gie­wende sage ich mir oft, man möge doch bitte endlich einfach auf die Grünen hören und mit einem Countdown von ein paar Tagen alle Atom- und Koh­le­kraft­werke vom Netz nehmen – am besten jetzt am Wochenende, während die Bun­desliga spielt und die Stadien beleuchtet werden müssen, während die Sonne nicht scheint und der Wind nicht… Doch die Ver­nunft hält den Knöchel des Fata­lismus fest umklammert, den Laden mit der anderen Hand am Laufen und das Licht leuchtet weiter. Die einen glauben, es könne gar nicht ver­lö­schen, denn es brannte ja immer und die anderen, die das nicht glauben, lassen es zum Glück soweit erst gar nicht kommen. Egal, wie sehr sie dafür gescholten werden.
Demo­kratie in Bayern, sowas gab’s doch gemäß der aner­kannten Defi­nition im Grunde noch nie, oder? Regie­rungs­wechsel, eines der Merkmale der Demo­kratie, wie wir alle mal in der Schule gelernt haben und wie wir es aller Welt wärmstens emp­fehlen, gab es in Bayern bisher nicht. Immer die­selbe Partei am Drücker im Franz-Josef-Land. Wie schön und toll und modern und digital und grün würde es erst werden, wenn auch Bayern wirt­schaftlich auf­schließen könnte – Bayern könnte unter Grün endlich Motor der Moderne und wirt­schaft­liches Zug­pferd Deutsch­lands werden! Was meinen Sie? Das sind die Bayern jetzt schon? Wie kann das denn sein, so ganz ohne Demo­kratie im weiß-blauen Frei­staat und ohne die Grünen? Da gäbe es schon noch weitere Ursachen des Erfolgs, meinen Sie? Freiheit zum Bei­spiel? Die Regierung halte sich weit­gehend aus den Belangen der Bürger heraus, sei ver­lässlich und sorge für Pla­nungs­si­cherheit bei Inves­ti­tionen, meinen Sie? Auch gäbe es dort ein Schul­system, das auf Leistung und Wis­sens­ver­mittlung aus­gelegt ist und in dem die Kinder mehr lernen, als kli­ma­freund­liches Lüften und gen­der­sen­sible leichte Sprache… ja, auch das könnte Teil der Erklärung des bay­ri­schen Erfolges sein. Bayern pro­fi­tiert seit Jahren von einer großen Homo­ge­nität, in der die Regeln des Zusam­men­lebens, der Wirt­schaft und der Kultur eben nicht täglich neu aus­ge­handelt werden müssen, sondern feststehen.
Damit befindet sich die CSU im krassen Gegensatz zu den Grünen, die heute noch gar nicht wissen, was sie am nächsten Tag bekämpfen wollen, und über eine sehr viel größere ideo­lo­gische Fle­xi­bi­lität ver­fügen. Ein Baum ist für die Grünen im Jahr 2018 nicht mehr ein Baum! Denn der eine steht der Zukunft im Weg, wenn etwa ein Windrad gebaut werden muss, während der andere der holz­ge­wordene Protest ist, wenn es gilt, die Koh­le­för­derung zu ver­hindern. In NRW zum Bei­spiel beschlossen die Grünen mit der SPD gemeinsam den Abbau von Braun­kohle unter dem Ham­bacher Forst und heute beklat­schen sie Baum­häuser im „Hambi“. Wie’s halt passt, da kann sich schon mal was ändern, da muss man fle­xibel sein. So fle­xibel wie Kapital, das dort keine Wurzeln schlagen wird, wo der Geist wur­zel­loser poli­ti­scher Belie­bigkeit über jedem geschlos­senen Vertrag schwebt und ein heute gege­benes Wort morgen schon wertlos sein kann.

Die letzte Volks­partei verschwindet

Es ist nicht ganz klar, wie weit man den sagen­haften Umfra­ge­werten der Grünen in Bayern trauen darf. Die Zuwächse auf bald 20% kommen aus zu vielen Rich­tungen und sind ungewiss. Die Ent­täu­schung über die ohnehin schon schwache SPD und die schlin­gernde, durch­set­zungs­schwache CSU kann sich in einer Umfrage durchaus in der Ankün­digung aus­drücken, Grün zu wählen. Ob das am Ende aber dazu führt, dass der Gefragte sich auf­rafft und über­haupt zur Wahl geht, darf durchaus bezweifelt werden. Fällt die CSU am Ende tat­sächlich auf 35% oder weniger, wäre in Bayern das Ende der letzten Volks­partei in Deutschland in Sicht und der Umbau des letzten Bun­des­landes in ein ideo­lo­gi­sches Utopia nähme Fahrt auf. Wenn Schulze bedauert, in Bayern nicht genug Wind­räder auf­stellen zu können, weil Flä­chen­nut­zungs­pläne und Abstand­regeln zu streng seien (was die betrof­fenen Anwohner aber gar nicht finden), oder wenn sie einem Landwirt ins Gesicht sagt, ihn bei der Umkrem­pelung seines Hofes auf Bio­landbau unter­stützen zu wollen (obwohl dieser weder um die Umkrem­pelung noch ums Mit­nehmen gebeten hat), wenn Schulze sofort ins „Hey“ oder gleich ins „Du“ fällt, sobald sie ex cathedra spricht und eigentlich über­haupt nicht einen, sondern alle meint… all das zeigt, dass die Grünen das Bun­desland Bayern als Ganzes für einen recht groben Klotz Holz halten, an dem sie nur allzu gern her­um­hacken würden, um ihn hübsch rund zu machen. Wehe, wenn es wie eine Beute an sie fallen sollte.
Aus grüner Sicht nutzte die CSU ihre Gestal­tungs­macht, die ihr auf­grund einer abso­luten Mehrheit zufiel, nicht kon­se­quent genug, um Politik zu „machen“ und die Gesell­schaft „umzu­bauen”. Statt die Wirt­schaft einfach sich selbst zu über­lassen oder darauf zu ver­trauen, dass jeder Landwirt und auch jeder Bürger selbst am besten weiß, was gut für ihn ist, ent­stünde unter grüner Ägide ein bevor­mun­dender, ideo­lo­gi­sierter bay­ri­scher Staats­ap­parat, der zumindest beim Start noch über aus­rei­chend Mittel ver­fügen könnte, um allerlei öko­no­mische und gesell­schaft­liche Expe­ri­mente zu starten. Dass sich die Politik in Bayern auf Fest­bier­an­stich und Sonn­tags­reden beschränkt und sich ansonsten vor­wiegend mit sich selbst beschäftigt, wäre dann vorbei. Die Grünen wollen „gestalten“ und glauben fest daran den Auftrag zu haben, die Sonne jeden Tag gut von Ost nach West zu bringen. Die eigent­liche Frage aber, die man sich am Sonntag in Bayern stellen sollte, ist fol­gende: Läuft Bayern wirt­schaftlich so gut, obwohl die CSU in lan­des­fürst­licher Manier „mini­mal­in­vasiv“ regiert oder gerade deshalb?
Wenn am 14.10.2018 um 18 Uhr die Grünen nicht die absolute Mehrheit in Bayern in den Pro­gnosen haben, lag es jeden­falls nicht an unseren Medien, die sich nach Kräften bemühten, grüne Selbst­ver­liebtheit und Phra­sen­dre­scherei zur Auf­bruch­stimmung umzu­fiedeln. Vor­neweg der Spiegel, dem im Video­porträt von Katharina Schulze einfach nichts peinlich war. Sel­fie­stimmung liegt in der Luft, wenn Schulze dem poli­ti­schen Gegner vor­wirft, die Koh­le­ver­stromung für den „ganz heißen Scheiß“ zu halten. Das tun zwar nicht mal die Betreiber der Koh­le­kraft­werke, die höchstens von „leider not­wen­digem Scheiß“ reden würden, aber wer kann in dem Moment den Wort­schwall bremsen und fragen, ob all die Anwürfe und Ver­däch­ti­gungen wirklich stimmen oder nur der schwar­z/weiß-Phan­tasie von Frau Schulze ent­springen? Deren Welt teilt sich nämlich exakt in Kli­ma­retter und Kli­ma­l­eugner, Will­kom­mens­klat­scher und Hetz­jagd­ver­an­stalter, Euro­pa­gegner und Euro­pa­freunde. Die „Spaltung der Gesell­schaft“ wird von den Grünen gleich­zeitig her­bei­ge­führt, beklagt und wie von keiner anderen Partei genutzt. Die Medien, mehr­heitlich ohnehin auf grüner Linie, rollen dafür nur zu gern den jour­na­lis­ti­schen Klang­teppich aus.

Schulze beant­wortet Fragen mit Grundsätzen

Wie es jour­na­lis­tisch richtig geht, zeigte aus­ge­rechnet die BILD in einer Fra­ge­runde, die man mit der Spit­zen­grünen ver­an­staltete. Den Auf­tritt Schulzes kann man nur als im ent­lar­venden Sinne gelungen bezeichnen, weil sie auch auf wie­der­holtes Nach­fragen immer noch auf ihren Text­bau­steinen und Plat­ti­tüden beharrte. „Was ich sagen möchte ist das, was ich erwähnt hatte“ – na da schau her, schöner hätte auch die Kanz­lerin nichts sagen können! Trotzig bis patzig war Schulzes Vortrag, voller Klin­gel­worte und teils unver­schämter und unbe­legter Anschul­di­gungen. Der Vorwurf eines Zuschauers, der nach einer Stunde Dau­er­feuer sagte, „des wor wie früh’r in der Schul” und vom Niveau einer Schü­ler­spre­cherin* sprach, die „koa einzigs Mal jo oda nei sag’n kinna”, trifft es leider nur zu genau. Die Grünen und im beson­deren Maße deren Spit­zen­kan­di­datin treffen mit ihrer inter­na­tio­na­lis­ti­schen Agenda auf gewach­senes Lokal­ko­lorit, dessen Sprache sie nicht einmal ver­stehen. Sie reden von „Bayern als Teil Europas“, während die Franken noch nicht ent­schieden haben, ob sie über­haupt und end­gültig zu Bayern gehören wollen. Auf den im besten Baju­wa­risch vor­ge­tra­genen Vorwurf, wie eine Schü­ler­spre­cherin zu agieren, sagte Schulze wörtlich: „Ich habe klar for­mu­liert, wofür wir Grüne stehen. Der Unter­schied zu anderen Par­teien ist, dass wir eine klare Haltung haben“. Eine klare Haltung haben die Grünen in der Tat, aber eben nicht zu Bayern, sondern zu ihrer inter­na­tio­na­lis­ti­schen Erzie­hungs­agenda, in der es für bay­rische Son­derwege und lokale Ver­stie­gen­heiten einfach keinen Platz mehr gibt. „Ich habe klar for­mu­liert“ bedeutet „ich habe Recht!“, die „klare Haltung“ bedeutet „ich weiß alles besser“, und wenn sie abschließend lächelnd ausruft: „Wir Grüne gestalten mit den Men­schen zusammen die Zukunft“, weiß man von Hof bis Gar­misch und von Passau bis Neu-Ulm, was ansteht: die unfreund­liche Über­nahme durch eine Alien-Partei, die nur galak­tische Ziele kennt und in Bayern einen Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen „Grünen und Men­schen“ her­bei­führen möchte. Das in den nächsten vier Jahren mit anzu­sehen, könnte aller­dings auch dem Fata­listen in mir großen Spaß machen.
* Dieses Wort benutzt Katharina Schulze natürlich nie, denn das würde selbst ihr perfekt gegen­dertes Hoch­deutsch über­fordern. Denn korrekt müsste es natürlich Schü­le­rinnen-und-Schüler-Spre­che­rinnen-und-Sprecher heißen.


Quelle: unbesorgt.de