Wirtschaft

Ein freier Markt für Geld und der Drang zur Fiat-Weltwährung

13. Februar 2019

In diesem Aufsatz werde ich (1) skizzieren, wie das Geld- und Banksystem in einem freien Markt (also in einer Welt ohne Staat) aussehen würde.

Ich werde zudem (2) erörtern, wie das staatliche Fiat-Geldsystem den Weg zu einem Fiat-Weltgeldmonopol ebnet.

Und werde ich (3) die Bedingungen der Möglichkeiten andenken, wie letztlich doch ein freier Markt für Geld den Sieg davontragen kann.

Geld ist ein Marktphänomen

Wenn Menschen mit einer Mindestintelligenz ausgestattet sind, erkennen sie rasch, dass Arbeitsteilung sinnvoll ist – weil Arbeitsteilung die Ergiebigkeit der Produktion erhöht.

Jeder produziert das, was er am relativ besten, also mit den geringsten Kosten, herstellen kann. Es kommt zur Spezialisierung in der Produktion.

Daraus erwächst die Notwendigkeit zu tauschen. Die primitive Form ist der Naturaltausch: Gut wird gegen Gut getauscht. Doch das ist beschwerlich.

Das Tauschen funktioniert viel besser, wenn ein indirektes Tauschmittel verwendet wird: Man tauscht sein Gut gegen das indirekte Tauschmittel, und das indirekte Tauschmittel wird nachfolgend hingegeben für das eigentlich gewünschte Gut.

Das indirekte Tauschmittel, das die weiteste Verbreitung findet, steigt zum Geld auf – zum allgemein akzeptierten Tauschmittel.

Diese Theorie der Geldentstehung stammt vom österreichischen Ökonom Carl Menger (1840–1921). Menger hat damit gezeigt, dass Geld spontan im freien Markt, ohne Dazutun des Staates, entsteht, und zwar aus einem Sachgut.[1]

Wie ein freier Markt für Geld funktioniert

Wie würde heutzutage ein freies Marktgeld in der Praxis funktionieren?

Nun, am Anfang steht die Geldwahl. Und was als Geld gewählt wird, das bestimmen die Geldnachfrager.

Wie das vonstattengeht, ist einfach nachzuvollziehen.

Frau Müller bietet zum Beispiel ihre Arbeitskraft gegen ein Gut an, von dem sie erwartet, dass sie es beim Bäcker problemlos gegen Brot eintauschen kann.

Der Bäcker wiederum wird sein Brot nur gegen ein Gut hergeben, das er bei seinem Schuster anbieten und dafür ein paar neue Schuhe erhalten kann.

Dasjenige Gut, das die größtmögliche Akzeptanz gewinnt, wird als Geld gewählt. Das Selbstinteresse der Geldnachfrager legt fest, was als Geld verwendet wird.

Als „natürliche“ Geldkandidaten empfehlen sich Edelmetalle, allen voran Gold und Silber, künftig vielleicht auch Krypto-Einheiten (Stichwort Bitcoin & Co).

Damit ein Gut als Geld verwendet werden kann, muss es bestimmte physische Eigenschaften aufweisen.

Es muss zum Beispiel knapp sein, teilbar, haltbar, transportabel, prägbar, und es muss – ganz wichtig – bereits einen relativ hohen Marktwert pro Gewichtseinheit aufweisen.

Nehmen wir einmal an, Gold wird als Geld gewählt.

Es bildet sich dann ein Recheneinheits-Standard in Form einer Gewichtseinheit heraus.

Das kann beispielsweise Goldgramm sein, die kleinste Einheit wäre 1/100 Goldgramm (Kürzel könnte „GG“ sein oder „AUG“).

Aktuell beträgt der Marktwert von 1 Goldgramm etwa 40 Euro; die kleinste Einheit, 1/100 Goldgramm, entspricht also 0,40 Euro.

Die Güterpreise würden entsprechend in Goldgramm ausgewiesen.

Bankfreiheit

Im täglichen Zahlungsverkehr werden nicht Goldmünzen Hand zu Hand gereicht, sondern moderne Zahlungstechnologien kommen zum Einsatz (Kreditkartenzahlungen, Zahlungen mit PayPal, Apple Pay etc.).

Die Goldbesitzer fragen dazu die Dienste von Intermediären nach.

Beispielsweise sucht der Goldbesitzer eine sichere Lagerstätte für sein Edelmetall, und er will auch bargeldlose Zahlungsdienste in Anspruch nehmen.

Depositenbanken bieten derartige Leistungen an. Der Goldbesitzer kann sein physisches Gold bei ihnen einlagern.

Im Gegenzug erhält er dafür einen Lagerhaltungsschein: ein Geldzertifikat (in Papier- oder digitaler Form), das den Besitzer berechtigt, sich das physisch eingelagerte Gold jederzeit zum Nennwert auszahlen zu lassen.

Das Geldzertifikat dient im täglichen Geldverkehr als Zahlungsmittel.

Depositenbanken operieren mit einer 100% Golddeckung. Das heißt, sie sind jederzeit in der Lage, den Auszahlungswünschen ihrer Kunden nachzukommen.

Eine 100 Prozent Deckung ergibt sich aus dem Rechtscharakter des Vertrages, den der Goldeigentümer mit der Bank schließt.

Bei jederzeit fälligen Sichtguthaben ist nämlich einen Verwahrvertrag (ein depositum irregulare) abzuschließen.

Nicht weniger wichtig: In einem freien Bankenmarkt ist es im ökonomischen Interesse der Depositenbank, keine Geldsubstitute zu emittieren.

Denn kommt der Schwindel heraus, drohen „Bank Run“ und Bankrott (und den Verantwortlichen Strafen).

Ist das Grundgeld durch Angebot und Nachfrage ausgewählt, findet ein Wettbewerb zwischen den Depositenbanken beziehungsweise deren Geldzertifikaten statt.

Diejenigen Depositenbanken setzen sich mit ihren Geldzertifikaten am Markt durch, die aus Sicht der Geldbesitzer die Lager-, Sicherungs- und Zahlungsdienste am vergleichsweise besten erfüllen.

Neben den Depositenbanken bilden sich auch Kreditbanken heraus. Sie geben Schuldpapiere aus, die von Geldbesitzern erworben werden, und sie verleihen das auf diese Weise erlangte Geld an Kreditnachfrager weiter.

Preisdeflation, nicht Preisinflation  

In einem freien Markt für Geld kommt die chronische Inflation, die heutzutage das Fiat-Geld verursacht, zu einem Ende.

Denn wenn die Geldnachfrager darüber befinden, was als Geld verwendet wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie ein Geld wählen, das sich nur wenig, vielleicht gar nicht, und schon gar nicht beliebig, vermehren lässt.

Man denke beispielsweise an Gold oder Bitcoin: beide sind mengenmäßig begrenzt.

Wenn aber die Geldmenge nicht fortlaufend vermehrbar ist, was passiert dann mit den Güterpreisen?

Nimmt das Güterangebot zu, werden bei gegebener Geldmenge die Güterpreise absinken.

Nicht mehr Inflation, sondern Deflation wäre die Folge.

Fallende Preise wären genau das, was man in einer freien Marktwirtschaft erwarten würde.

Die Kaufkraft des Geldes steigt im Zeitablauf an. Der Geldhalter hat damit quasi automatisch Teilhabe an der volkswirtschaftlichen Wohlstandsmehrung.

Was aber, so werden Sie sich fragen, bedeutet es für den Kreditmarkt, wenn die Kaufkraft des Geldes in Zeitablauf zunimmt?

Wer wird sich dann noch verschulden wollen in einem Geld, das mit der Zeit wertvoller wird? Und wer ist dann noch bereit, sein Geld zu verleihen?

Die Antwort lautet in aller Kürze: Es gibt auch bei konstanter Geldmenge und wachsender Volkswirtschaft einen Kreditmarkt.

Nur wäre er viel kleiner als im heutigen Fiat-Geldsystem: Die Fremdfinanzierung verteuert sich für den Kreditnehmer im Vergleich zur Kreditfinanzierung in einer Fiat-Geld-Welt.

Gleichzeitig gewinnt die externe Eigenfinanzierung von Unternehmen – also die Ausgabe neuer Aktien (bei Aktiengesellschaften), die Einlagenerhöhung (bei Personengesellschaften) oder die Gewinneinhaltung (bei beiden) – an Bedeutung.

Fortan wird für die Altersvorsorge nicht mehr vorwiegend in Schuldpapieren gespart, sondern entweder in Form der Geldhaltung (das Geld gewinnt ja im Zeitablauf an Kaufkraft) und/oder in Form von Unternehmensbeteiligungen.

Die Geldmenge muss nicht wachsen

Vielleicht treibt Sie an dieser Stelle die folgende Frage um: Wie kann eine Volkswirtschaft wachsen, wenn die Geldmenge nicht zunimmt?

Es ist vermutlich eines der hartnäckigsten Gerüchte in der Wirtschaftstheorie, dass eine Volkswirtschaft, um wachsen zu können, eine zunehmende Geldmenge braucht.

Dass das aber nicht richtig ist, lässt sich leicht einsehen.

Die einzige Funktion, die Geld ausübt, ist die Tauschmittelfunktion (alle anderen Geldfunktionen sind lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion).

Daraus folgt, dass ein Ausweiten der Geldmenge keinen volkswirtschaftlichen Nutzen bringt.

Das Verwenden von Geld ist zwar ohne Zweifel produktiv und nützlich für alle am Wirtschaftsleben Beteiligten.

Wenn aber die Geldmenge steigt, bringt das volkswirtschaftlich keinen Nutzen.

Das Resultat ist vielmehr ein Rückgang der Kaufkraft des Geldes, und dabei werden einige (die Erstempfänger des neuen Geldes) besser gestellt auf Kosten anderer (die Spätempfänger des neuen Geldes).

Der Vorbehalt, man könnte beispielsweise nicht mehr zurück zum Goldgeld, weil es nicht genügend Gold auf der Welt gäbe, ist ökonomisch gesehen also haltlos.

Jede gerade verfügbare Geldmenge ist so gut wie jede andere. Die Geldmenge muss nicht wachsen, damit die Volkswirtschaft wachsen kann.

Die Verheißung des Cyber-Geldes  

Es wurde bereits darauf hingewiesen: Wie Gold ist die vielbeachtete Cybereinheit Bitcoin auch mengenmäßig begrenzt: Maximal wird es 21 Millionen Stück geben (deren kleinste Einheit 1 Satoshi ist, wobei 1 Satoshi 100 millionstel Bitcoin entspricht).

Der Blockhain-basierte Bitcoin stellt eine Peer-to-Peer-Netzwerkstruktur dar, mit der eine anonyme Wertübertragung ohne zentrale Autorität möglich ist.

Um aber als Geld vollauf konkurrenzfähig zu werden, muss der Markt für Kryptowährungen wohl noch einige Herausforderungen meistern.

Beispielsweise wickelt das Bitcoin-Netzwerk in der Spitze weltweit rund 350.000 Transaktionen pro Tag ab und ist dann voll ausgelastet. Allein im deutschen Zahlungsverkehr sind im Durchschnitt arbeitstäglich mehr als 75 Millionen Transaktionen zu bewältigen.[2]

Zudem ist durchaus fraglich, ob ein Geldzahlungs- und Wertpapierabwicklungssystem tatsächlich ohne jede Intermediation auskommt, beziehungsweise ob die Kunden nicht doch auf die Dienste eines „Mittlers“ zurückgreifen möchten.

Wer hilft zum Beispiel den Fehler zu korrigieren, wenn man aus Versehen, durch einen Tippfehler, 100 statt 1 Bitcoin überwiesen hat?

Die Blockchain (als verteiltes Kontenbuch, englisch: Distributed Ledger) ist allerdings in jedem Falle von besonderer Attraktivität.

Mit ihr lassen sich nicht nur Cybereinheiten, sondern beispielsweise auch Ansprüche auf Gold und Silber übertragen: Edelmetallgeld lässt sich so digitalisieren.

Sollte das aus Kundensicht attraktiv sein, bedarf die Verfügbarmachung auf der Blockchain allerdings eines Bindegliedes zwischen realer und digitaler Welt, also eine vertrauenswürdige Instanz (Lagerstätte beziehungsweise Zentralverwahrstelle).

Selbst wenn eine Kryptoeinheit als Grundgeld gewählt würde, könnte sich ein Markt für Intermediationsdienste – etwa in Form von Depositen- und Kreditbanken – herausbilden.

Geld und Kredit ohne Staat

Mit einem frei gewählten Geld finden die Übelstände, die das heutige staatliche Fiat-Geldsystem verursacht, ihr Ende.

Es gibt keine monetär verursachten Boom-und-Bust-Zyklen mehr, keine chronische Schuldenwirtschaft, keine einsturzgefährdeten Kreditpyramiden, keine sozial-ungerechte Umverteilung von Einkommen und Vermögen.

Das reibungslose Funktionieren eines freien Marktgeldes, verbunden mit Bankfreiheit, bedarf keiner Zentralbank, keiner Finanzaufsicht, keiner irgendwie gearteten obrigkeitlichen Fürsorge.

Was allein erforderlich ist, ist ein funktionierendes Rechtsystem. Eines das sicherstellt, dass Verträge eingehalten beziehungsweise dass Vertragsverstöße wirksam sanktioniert werden.

Und auch das lässt sich zweifelslos ohne Dazutun eines Staates in einem privaten Markt für Recht und Rechtdurchsetzung organisieren.

Der Drang zum einheitlichen Weltgeld

Nun könnte man vielleicht denken, dass in einem freien Markt für Geld nicht nur ein Geld gewählt wird, sondern mehrere, vielleicht zwei, drei oder sogar vier Geldarten.

Ökonomisch gesehen wäre jedoch etwas anderes zu erwarten: Dass es nur auf ein Geld hinauslaufen wird. Auch dieses Ergebnis ist leicht einzusehen.

Eine zentrale Funktion des Geldes ist, dass man eine Wirtschaftsrechnung durchführen kann.

Auf diese Weise lässt sich ermitteln, welche Güter aus ökonomischen Gründen produziert werden sollen und welche nicht.

Die Wirtschaftsrechnung lässt sich natürlich bestmöglich durchführen, wenn alle das gleiche Geld verwenden.

Zudem gibt es einen logischen Grund, warum eine Volkswirtschaft nicht mehr als ein Geld verwenden wird.

Nehmen wir einmal an, es gibt Geld A und Geld B. Sind beide gleich gutes Geld aus Sicht der Geldnachfrager, ist eines von beiden verzichtbar.

Ist hingegen Geld A besser als Geld B, so wird Geld A verwendet, und Geld B wird nicht nachgefragt und aus dem Markt gedrängt.[3]

Ein Währungswettbewerb, wenn er sich frei entfalten kann, läuft daher auch auf einen Verdrängungswettbewerb hinaus, bei dem ein Geld übrigbleibt.

Auf dieser Welt findet man derzeit ein System miteinander konkurrierender staatlicher Fiat-Währungen vor.

Ist das ein Endstadium, eine Gleichgewichtssituation?

Nein, so beispielsweise der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen. Er argumentiert, dass künftig nur drei Währungen übrigbleiben: US-Dollar, chinesischer Renminbi und Euro.[4]

Doch beschreibt das die ganze Wahrheit? Nein, denn auch ein Nebeneinander von drei staatlichen Monopolwährungen ist kein stabiler Zustand.

Auch hier gibt es einen Verdrängungswettbewerb, der auf ein einheitliches Weltgeld hinarbeitet.

Diese Entwicklung hat eine natürliche Komponente: Ein freiwillig gewähltes Weltgeld ist aus Sicht der Geldverwender zweifelsohne besser als ein Nebeneinander vieler Währungen.

Gleichzeitig hat diese Entwicklung auch eine unnatürliche Komponente: und das ist das Bestreben, eine staatliche Fiat-Weltwährung zu schaffen.

Zum einheitlichen Weltgeld durch militärisch-aggressive Mittel

Ein Weg, auf dem das geschieht, zeigt Hans Hermann Hoppe auf in seinem Aufsatz Banking, Nation States, and International Politics: A Sociological Reconstruction of the Present Economic Order aus dem Jahr 1990.

Er argumentiert wie folgt: Solange es eine Vielzahl Staaten gibt, sind der Staatsmacht Grenzen gesetzt. Verhält sich ein Staat schlecht, können die, die ihm unterworfen sind, mit den Füßen abstimmen und abwandern. Das ist unvorteilhaft für den Staat, schließlich lebt er ja von den Steuern seiner Untergebenen.

Und solange es noch eine Vielzahl von staatlichen Fiat-Währungen gibt, haben die Geldnachfrager noch ein Mindestmaß an Wahlfreiheit. Jeder nationale Fiat-Geldproduzent ist folglich limitiert. Inflationiert er zu heftig, schwindet die Geldnachfrage nach seiner Währung.

Die Staaten könnten nun versuchen, die Grenze der Inflationierung durch ein Kartell aufzulösen. Doch ein Kartell ist bekanntlich nicht stabil.

Nach Hoppe gibt es nur eine stabile Lösung: Der Staat greift zu militärischen Mitteln, er führt Krieg, um sein Herrschaftsgebiet zu erweitern. Er strebt danach, seine Währung als Weltwährung, geführt von einer durch ihn kontrollierten Weltzentralbank, zu etablieren und die Weltregierung zu stellen.

Nun stellt sich die Frage: Welcher Staat wird dabei erfolgreich sein? Hoppes Antwort: Es wird der wirtschaftlich stärkste unter den Staaten sein.

Und das wird der Staat sein, der nach innen besonders liberal ist: Eine liberale Wirtschaftsverfassung befördert den materiellen Reichtum, auf den der Staat zurückgreifen kann, um eine aggressive-kriegerische Außenpolitik zu finanzieren.

Mit Hoppes Theorie lässt sich das monetäre Geschehen seit Ende des Zweiten Weltkrieges, in dem der US-Dollar zur Fiat-Weltleitwährung geworden ist, in der Tat sinnstiftend interpretieren.

Mit sozialdemokratischem Sozialismus zum einheitlichen Weltgeld  

Es gibt eine denkbare Alternative zur militärisch-gewaltsamen Errichtung einer Weltwährung. Sie besteht in der Verbreitung des (sozial-)demokratischen Sozialismus.[5]

Im demokratischen Sozialismus bleibt das Privateigentum zwar formal erhalten. Allerdings hat in ihm kein Privateigentümer fortan mehr das Recht auf 100 Prozent der Erträge, die er mit seinem Privateigentum erwirtschaftet.

Ein Teil der privaten Erträge geht dem Staat zu, der es für seine Zwecke verwendet – es für die Gehälter der Staatsrepräsentanten, für den Wählerstimmenkauf auszahlt.

Der demokratische Sozialismus begnügt sich nun aber nicht mit nationaler Geltung, er drängt auf internationale Ausdehnung.[6]

Demokratische Sozialisten streben nicht nur Gleichheit zwischen den Mitgliedern in einer Region an. Sie wollen dieses Ziel weltumspannend realisieren.

Und ist der demokratische Sozialismus erst einmal zur beherrschenden Ideologie in allen Staaten aufgestiegen, dann erwächst daraus natürlich auch das Bestreben, eine einheitliche Weltwährung – verbunden mit einer Weltregierung – zu etablieren.

Doch der Realisierung dieses Vorhabens steht vor allem eine Hürde entgegen: und das ist die Nationalitätenfrage, etwas was in der Vergangenheit sozialistische und marxistische Denker nicht gebührend gewürdigt haben.

Die Nationalitätenfrage

Doch diese Lücke haben die modernen Sozialisten mittlerweile geschlossen.

Sie haben erkannt, dass Nation und Nationalstaat ihren Bestrebungen von einheitlicher Weltwährung und Weltstaat im Wege stehen.

Nation und Nationalstaat werden daher von den Sozialisten bekämpft.

Die Nation wird als rückwärtsgewandt diskreditiert, als Quelle für Krieg verunglimpft. Doch das ist sachlich ungerechtfertigt.

Der Ursprung der Nation ist ein ökonomischer: Wenn Menschen beginnen, sich arbeitsteilig organisieren, wird die sprachliche Verständigung bedeutsam.

Menschen, die sich in enge ökonomische Arbeitsteilung begeben, nehmen die gleiche Sprache an, entwickeln ein gemeinsames Werte- und Verhaltenssystem.

Das Spezifische, das die Nation ausmacht, liegt in der gemeinsamen Sprache, wie beispielsweise Ludwig von Mises 1919 in seinem Buch Nation, Staat, Wirtschaft herausstellt.

Interessanterweise hat sich mit Blick auf die europäische Lage der französische Schriftsteller Michel Houellebecq jüngst ganz in diesem Sinne dieser Sichtweise geäußert. Er sagte:

„Es ist meine Überzeugung, dass wir in Europa weder eine gemeinsame Sprache noch gemeinsame Werte haben oder gemeinsame Interessen, dass, in einem Wort, Europa nicht existiert und dass es nie ein Volk bilden oder eine mögliche Demokratie unterstützen wird, einfach deshalb, weil es kein Volk bilden will. Europa ist nur eine dumme Idee, die sich in einen schlechten Traum verwandelt hat, aus dem wir vielleicht erwachen sollten.“[7]

Die Nationen haben sich im 19. Jahrhundert herausgebildet, im Bestreben der Menschen, die Fremdherrschaft (nach innen und außen) abzustreifen und Freiheit zu erlangen.

Das Nationalitätenprinzip markiert keine Feindschaft der einen Nation gegen die andere Nation.

Das Problem des Nationalismus kam erst, als die Idee des Staates (verstanden als territorialer Zwangsmonopolist mit Letztentscheidungsmacht über alle Konflikte in seinem Herrschaftsgebiet) sich der Idee der Nation bemächtigte.

Auf diese Problematik soll hier jedoch nicht eingegangen werden.

Nur so viel sei hier betont: Die Nation lässt sich als natürliches Gebilde einsehen, der Staat hingegen ist nur ein Kunstprodukt, wie der Austro-Marxist Otto Bauer (1881–1938) 1907 schreibt.[8]

Schon Johann Gottfried Herder (1744–1803) äußerte sich skeptisch zur Idee, mehrere Nationen unter eine Herrschaft stellen zu wollen:

„Ein Volk ist sowohl eine Pflanze der Natur als eine Familie; nur jenes mit mehreren Zweigen. Nichts scheint also dem Zweck der Regierungen so offenbar entgegen als die unnatürliche Vergrößerung der Staaten, die wilde Vermischung der Menschengattungen unter einem Szepter.“[9]

Der demokratische Sozialismus strebt jedoch genau das an. Er muss, will er erfolgreich sein, die Nationalitäten beziehungsweise den Nationalstaat überwinden. Warum?

Im demokratischen Sozialismus bestimmen bekanntlich die einen, was den anderen genommen wird, was verboten, was erlaubt ist.

Und je mächtiger der Staat im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben ist, desto drückender fallen auch die Nachteile aus für diejenigen, die einer Minderheit angehören.

Innerhalb einer Nation, in der die Menschen sprachlich, ethnisch und religiös mehr oder weniger homogen sind, mag das Spannungsverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit vielleicht noch handhabbar sein: Die Mehrheit wird die Interessen der Minderheit nicht ganz aus den Augen verlieren.

Anders stehen die Dinge in gemischtsprachlichen Gebieten, in denen die Demokratie als Mehrheitsregel gilt. Hier setzt das Nationalitätenprinzip der Anwendung und Ausbreitung des demokratischen Sozialismus mehr oder weniger enge Grenzen.

Wie lässt sich das Nationalitätenprinzip überwinden, wie lassen sich nationale Unterschiede, die einer Internationalisierung des sozialdemokratischen Sozialismus entgegenstehen, nivellieren?

Propaganda

Die demokratischen Sozialisten können auf Propaganda setzen.

Den Menschen wird erzählt, nationale Belange seien internationalen unterzuordnen – das sei nicht nur ehrbar und gut, sondern unvermeidlich, weil die drängenden Probleme der Zeit – Wirtschaftskrisen, Umweltschutz etc. – nicht mehr national, sondern nur noch international in den Griff zu bekommen seien.

Nationale Souveränität sei daher abzugeben an supra-nationale Institutionen, mit deren Hilfe dann die gewünschten Politikziele erreicht werden sollen.

Mit Propaganda kann man selbstverständlich auch versuchen, das Eintauschen der nationalen Währungen in eine internationale Währung zu rationalisieren.

Politisierte Wanderung

Ein anderer Weg, die Nation auszuschalten, wird von der Linken in der politisierten Wanderung erblickt, wie sie heute als „Politik der offenen Grenzen“ eingefordert und praktiziert wird.

Wanderung der Menschen auf dem Erdenball ist zunächst einmal etwas ganz „Natürliches“.

Die Produktionsbedingungen auf dem Planeten sind regional unterschiedlich. Menschen wandern zu den Orten, wo die Ergiebigkeit ihrer Arbeit am größten ist.

In einer Welt, in der es noch kein Eigentum an Land und Ressourcen gibt, ist die Wanderung konfliktfrei möglich.

Anders in einer Welt, in der Land und Ressourcen sich bereits in privaten Händen befinden.

Hier ist konfliktfreie Wanderung nur durch ausdrückliche Einladung der Eigentümer von Land möglich.

Ungeladene Einwanderung kommt einer Verletzung der Eigentumsrechte der Landbesitzer gleich, in deren Gebiet eingewandert wird.

In demokratisch verfassten Gemeinwesen, in der der Staat mächtig ist, stellt die Einwanderung in jedem Fall ein Problem dar, vor allem wenn es sich um sprach- und kulturfremde Wanderung handelt.

In gemischtsprachlichen Gebieten bringt nämlich die Demokratie – wenn sie nicht als Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, sondern als Herrschaft der Mehrheitsmeinung aufgefasst wird –, nicht etwa Selbstbestimmung und Autonomie für alle.

Sie führt vielmehr zur Unterdrückung der Minderheit durch die Mehrheit – die umso rücksichtsloser ausfallen wird, je stärker der Staat das Gesellschafts- und Wirtschaftsleben bestimmt.

Daher gibt es nur drei Konsequenzen für die Wanderer: (1) Entweder sie nehmen Sprache und Sitten des Einwanderungslandes an, assimilieren sich.

(2) Oder die Einwanderer ergeben sich in ihr Schicksal und begnügen sich mit einer Minderheitsposition, fügen sich in das Unterdrücktsein.

(3) Oder die Einwanderer setzen alles daran, um ihre sprachlichen-kulturellen Prägung im Einwanderungsland durchzusetzen.

In keinem dieser drei Fälle wird das Nationalitätsprinzip überwunden.

Im letzten Fall wäre sogar mit schweren Konflikten zu rechnen, wenn in einer Region die Vorherrschaft der einen Nation durch die der einwandernden Nation ersetzt wird.

Das Demokratieprinzip wird hier entweder abgeschafft und durch das Prinzip der gewaltsamen Unterdrückung der einen durch die anderen ersetzt – die in Gebieten mit inhomogener Bevölkerung besonders ungnädig abläuft.

Oder aber das gemischtsprachlich bevölkerte Gebiet spaltet sich wieder – vermutlich ebenfalls konfliktreich – in die zugrundeliegenden Nationen auf.

Scheitern von Währungsunionen

Es dürfte deutlich geworden sein: Unter demokratischen Bedingungen und einem mächtigen Staat lässt sich das Nationalitätsprinzip mittels Wanderung nicht aus der Welt schaffen.

Zudem liegt der Schluss nahe, dass das Nationalitätenprinzip unvereinbar ist mit einem dauerhaften Bestand eines politisierten Einheitsgeldes für eine Vielzahl von Nationen.

Solch ein Geld wird ein Fiat-Geld sein. Doch das Fiat-Geld verursacht bekanntlich Umverteilungswirkungen, die nicht nur zwischen den Menschen innerhalb einer Nation, sondern auch zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen ablaufen.

Man könnte versucht sein, das politisierte Einheitsgeld dem Zugriff nationaler Belange zu entziehen, in dem man es einer supranationalen Zentralbank anvertraut.

Doch auch das löst das Problem nicht: Eine international verteilungsneutrale Einheitsgeldpolitik ist nämlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Verteilungskonflikte zwischen den Menschen aus verschiedenen Teilnehmernationen befördern Zentrifugalkräfte, die den Zusammenhalt der Einheitsgeldunion unter Druck setzen, im Extremfall sprengen.

Dass eine Währungsunion, die sich aus eigenständigen Nationen zusammensetzt und in der das Geldwesen staatlichem Zugriff ausgesetzt ist, nicht dauerhaft funktioniert, zeigt auch die Erfahrung.

Man denke zum Beispiel an die Lateinische Münzunion, die 1856 zwischen Frankreich, Belgien, Italien und der Schweiz geschlossen wurde.

Obwohl auf Edelmetallgeld basierend, erlaubte ihre Konstruktion, dass sich einige Nationen auf Kosten anderer bereichern konnten – und das auch taten und damit letztlich den Zusammenbruch herbeiführten.

Oder man erinnere sich an das System von Bretton Woods (übrigens ein Pseudo-Goldstandard, ein Goldstandard, der gar keiner war). Es war darauf angelegt, dass sich die Vereinigten Staaten von Amerika das internationale Währungssystem auf Kosten der übrigen Teilnehmer dienstbar machen konnten – und man machte Gebrauch davon. Das System von Bretton Woods brach Anfang der 1970er-Jahre zusammen.

Oder man lenke den Blick auf den Euro. Er stellt ein Einheits-Fiat-Geld für 19 Nationen mit insgesamt etwa 337 Millionen Menschen dar.

Der Fiat-Euro sorgt für weitreichende Umverteilungswirkungen von Einkommen und Vermögen zwischen den Nationen (die sich zum Beispiel in den berühmt-berüchtigten „Target-2-Salden“ oder in einer Vergemeinschaftung der Bankeinlagensicherungssysteme zeigen), die zu Konflikten zwischen den Nationen führen müssen.

Chance für einen freien Markt für Geld

In einer Welt, in der es verschiedene Nationen gibt, in der Arbeitsteilung und Freihandel als friedenstiftend und wohlfahrtsmehrend anerkannt sind, ist ein entpolitisiertes Geld, also ein Geld, das die Menschen im freien Markt wählen können, das optimale, das beste Geld.

Dem Entstehen einer solchen „natürlichen Geldordnung“ steht – wie die voranstehenden Ausführungen verdeutlicht haben – der demokratische Sozialismus entgegen.

Er will die Selbstbestimmung der Nationen aufheben, große und mächtige Staaten und Staatengemeinschaften formen und ein staatliches Fiat-Weltmonopolgeld schaffen.

Doch das beschreibt nicht etwa Ziel und Ende der Geschichte.

Wir wissen, dass es keine gesellschaftliche Zwangsläufigkeit, keine gesetzesmäßige Gesellschaftsentwicklung gibt, wie sie Karl Marx und seinen Anhängern vorschwebt.

Es sind vielmehr die das menschliche Handeln bestimmenden Ideen (oder Theorien), die das Zusammenleben in der Gemeinschaft formen.

Genauso wie Ideen den demokratischen Sozialismus populär gemacht haben, sorgen nun Ideen dafür, dass seine weltumspannenden Ambitionen Gegenwind erfahren.

„Populist Nationalism“ heißt die Idee, die ihm in den Arm gefallen ist: Sie will die Nation, den Nationalstaat erhalten und erhebt sich gegen den globalen Geltungsanspruch des demokratischen Sozialismus.

Und auch die Idee, dass ein freier Markt für Geld zu besserem Geld führt, ist keinesfalls gänzlich verschüttet.

Das Aufkommen der Cyber-Einheiten, der Kryptowährungen, ist ein Indiz dafür, dass es eine Nachfrage nach besserem Geld gibt, und dass Anbieter das Potential sehen, diese Nachfrage auch wirtschaftlich zu bedienen.

Neue Technologien erweisen sich dabei als Katalysator. So hat bereits die Britische Münze, The Royal Mint, ein Blockchain-basiertes Angebot entwickelt, physisches Gold handelbar zu machen.

In die gleiche Richtung zielt das Angebot der Australischen Münze, The Perth Mint. Auch sie bietet Kunden eine digitalisierte Goldhaltung beziehungsweise digitalisierte Übertragungsmöglichkeit für Gold an.

Es gibt mittlerweile auch zahlreiche private Unternehmen, die an der Bereitstellung eines digitalisierten, edelmetallgedeckten Geldes arbeiten.

Vor allem aber haben einige US-Bundestaaten (wie zum Beispiel Arizona, Utah, Wyoming) in den letzten Jahren per Gesetz die Kapitalertrags- und Umsatzsteuer auf Gold und Silber abgeschafft, haben die Edelmetalle damit de facto dem US-Dollar steuerlich gleichgestellt.

Mittlerweile gibt es in Amerika sogar eine Gesetzesinitiative, die das Abschaffen der Besteuerung von Gold und Silber auch auf US-Bundesebene durchzusetzen versucht.

Die Bedingungen für das mögliche Entstehen eines freien Marktes für Geld sind nicht zuletzt auch deshalb gegeben, weil die Zentralbanken in vielen Ländern die Zinsen de facto auf die Nulllinie heruntergedrückt haben – und sie vermutlich kaum wieder erhöhen können.

Damit haben Gold und Silber, aber auch Kryptoeinheiten, keinen zinsbedingten Wettbewerbsnachteil mehr gegenüber Fiat-Geld, sind aus Sicht der Geldnachfrager allein dadurch schon attraktiver geworden.

Nicht zuletzt führt die Bewegung „Populist Nationalism“ dazu, dass die in den letzten Jahrzehnten immer enger gewordene Staatenkooperation aus dem Gleichschritt gerät.

Das schafft ein Gelegenheitsfenster. Vor allem kleinere, weniger aggressive Staaten könnten das Entstehen eines freien Marktes für Geld in ihren Grenzen zulassen.

Und vermutlich reicht schon bereits ein erfolgreiches Referenzprojekt aus, um Schule zu machen.

Haben die Menschen erst einmal die Vorteilhaftigkeit eines freien Marktes für Geld erkannt, ist der Geist aus der Flasche. Dann will bald jeder das bessere Geld haben.

Dass der Übergang von einem staatlichen Fiat-Geldsystem auf ein freies Marktgeld mit erheblichen Umstellungskosten verbunden ist, braucht an dieser Stelle nicht hervorgehoben zu werden.

Schließen möchte ich meine Ausführungen mit einem Zitat von Carl Menger, das auf ein eindrückliches, ermunterndes Plädoyer für einen freien Markt für Geld hinausläuft. Es lautet:

„Die Schwankungen im Weltpreise der Edelmetalle scheinen mir gegenwärtig immer noch geringere Gefahren in sich zu schließen als die Regelung des inneren Tauschwertes des Geldes durch Regierungen oder soziale und politische Parteien.”[10]

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 


Ludwig von Mises Institut


Ad
Ad
Ad

Jetzt eintragen und News kostenlos per E-Mail erhalten:

Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad